16.01.2012

VERSÖHNUNGZwischen den Grenzen

Einst schwor der Schauspieler Armin Mueller-Stahl, er werde niemals in seine Heimatstadt Tilsit zurückkehren, die heute zu Russland gehört. Nun tat er es doch - um eine Brücke von West nach Ost zu bauen.
Es wird im Mittelalter nicht viel anders gewesen sein, wenn man des Abends noch an einem Stadttor Einlass begehrte. Ein brummiger Kerl, in diesem Fall steckt er in der Uniform eines russischen Grenzoffiziers, wirft einen letzten prüfenden Blick in den Pass, greift sich ein großes Schlüsselbund, schlurft von der Brücke, die von Litauen her über die Memel führt, hinunter zu einem eisernen Gittertor, steckt den Schlüssel ins Schloss - und stößt die beiden Flügel auf.
Plötzlich steht der Ankömmling mitten auf dem hässlichsten Platz Russlands, der einst der schönste Platz im ostpreußischen Tilsit war.
Genau an dieser Stelle erhob sich die prächtige Deutschordenskirche, deren Turmspitze auf acht Kugeln ruhte - so schön, dass Napoleon sie mit nach Paris nehmen wollte. Gleich dahinter, in der Deutschen Straße, die heute Gagarin-Straße heißt, hat Zar Alexander gewohnt, als er 1807 zum Friedensschluss mit dem Franzosen nach Tilsit reiste. Das Häuschen, in dem Preußens Königin Luise nächtigte, gibt es nicht mehr.
Kein Stein ist auf dem anderen geblieben am Fletcherplatz von Tilsit, auf dem jetzt die Grenzstation steht, die die russische Exklave Kaliningrad von Litauen trennt. Graue, unverputzte Sowjetbauten fassen ihn ein, auf den Balkons hängen an Wäscheleinen Fische zum Trocknen, und unten auf dem Platz drängeln sich Lastwagen, die in die andere Richtung über die Memel wollen, nach Litauen.
Es ist ein Experiment, das Armin Mueller-Stahl in diesem Moment beginnt, eines, von dem er nicht weiß, was es ihm bringen wird. "Ich will nicht nach Tilsit, wo ich geboren wurde", hat er 1997 in seinem Buch "Unterwegs nach Hause" geschrieben. "Ich will auch nicht wissen, wie die Häuser, die Straßen, die Städte geschrumpft sind, will nicht sehen, wie fremde Menschen die mir bekannten Häuser, die mir bekannten Türen öffnen."
Nun ist er doch gekommen, 81 Jahre nachdem er in Tilsit geboren wurde und 73 Jahre nachdem er Tilsit verlassen hat. Jene Stadt, die die Russen seit ihrer Eroberung Sowjetsk nennen und die ihn jetzt zum Ehrenbürger ernannte. Wochenlang hat ihn der Bürgermeister gesucht, um ihm die Nachricht mitzuteilen, er will dem berühmten deutschen Schauspieler, Musiker, Maler und Schriftsteller, der nun die meiste Zeit im kalifornischen Pacific Palisades lebt, persönlich die Ehrenmedaille von Sowjetsk überreichen.
Mueller-Stahl hat den dunkelblauen Mantel aus dem Film "Eastern Promises" an, den ihm der kanadische Regisseur David Cronenberg 2007 nach den Dreharbeiten überließ, ausgerechnet den. Er hat in dem Streifen den russischen Mafiaboss Semjon gespielt, eine ziemlich unheimliche Figur, und den Genie Award dafür bekommen, den kanadischen Oscar. "Der Mantel ist Zufall", sagt Mueller-Stahl, "er ist aus Kaschmir und schön warm." Es stürmt und schneit an diesem Tag.
Warum er doch nach Tilsit gereist ist? "Ich bin all die Jahre durchs Leben gehetzt", sagt er, "immer nach West, immer nach West: Tilsit, Prenzlau, Berlin, Hamburg, Los Angeles - Ostpreußen, die DDR, Westdeutschland, die USA … Da hat der Westen eigentlich sein Ende. Solange man immer nur nach West will, ist die Welt nicht in Ordnung. Erst wenn auch entgegengesetzt aufgebrochen wird, Richtung Moskau, wird die Welt in Ordnung gekommen sein."
Mueller-Stahl sagt gern solche Sätze, er ist um Harmonie bemüht. Künstler müssen Brücken bauen, wird er am nächsten Vormittag Bürgermeister Nikolai Woischtschew erklären, Brücken über jene Gräben, die die Politik aufgerissen hat.
Wie schwierig das hier wird, hat er an diesem Nachmittag gemerkt.
Er ist von Kiel mit der Fähre bis nach Klaipeda gefahren, dem früheren Memel, das einst die nördlichste Stadt Deutschlands war - 1898 kam Vater Alfred hier zur Welt. Von ihm, dem begnadeten Komödianten, der später als Bankangestellter nach Tilsit ging, habe er die Schauspielerei geerbt, sagt Mueller-Stahl.
Die Weiterfahrt war ein Graus: Schneegestöber, Glatteis und kein einziger Wegweiser zur russischen Exklave Kaliningrad. Mueller-Stahl begriff nach dem vierten Halt an einer Tankstelle: Die Litauer haben absichtlich keine Wegweiser aufgestellt. Sie haben die frühere Besatzungsmacht Russland aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Erst zwei Kilometer vor dem Ufer der Memel gab es ein Schild: 118 Kilometer nach Kaliningrad. Von Tilsit alias Sowjetsk keine Rede, obwohl dessen Lichter schon übers Wasser leuchteten.
Wie sollen in solch einer Gegend Brücken gebaut werden? Die knapp eine Million Russen, die in der nördlichen Hälfte der ehemaligen deutschen Provinz Ostpreußen leben, haben nach dem Untergang der Sowjetunion von einem "Hongkong an der Ostsee" geträumt. Aber das Gebiet ist eine ungastliche Insel inmitten Europas geblieben, und seine Bewohner werden vom Kreml noch immer als Geiseln in politischen Bataillen mit dem Westen benutzt.
Vielleicht eignet sich einer wie Mueller-Stahl an diesem tristen Ort tatsächlich als Vermittler, mehr als jeder Diplomat? Seine Großeltern, Baltendeutsche, haben bis 1918 in St. Petersburg gelebt. Nach der Revolution flüchteten sie mit Tochter Editha, seiner Mutter, nach Tilsit, wo der Großvater als Pfarrer predigte, in der Neuen und der Deutschordenskirche.
"Der ganze Kladderadatsch von Familie" habe sich wie ein Bandwurm um die Ostsee gelegt, sagt Mueller-Stahl: Eine Tante hatte ins Mertensdorfer Rittergut des Freiherrn von der Goltz eingeheiratet, nur hundert Kilometer von Tilsit entfernt, als Kind verbrachte er dort seine Ferien. Ein Großonkel war Professor in Königsberg, der Großvater, verheiratet mit der Livländerin Toni von Haken, zum Schluss Pastor im masurischen Jucha.
Auch Enkel Armin hatte viel mit Russen zu tun. Er hat einen Dokumentarfilm über Schostakowitsch gedreht, über die, wie er sagt, "wohl tragischste Figur aller sowjetischen Komponisten". Er liebt Dostojewski und hat unzählige Male den Andrej Bolkonski in "Krieg und Frieden" gespielt. Und er hätte fast eine Russin geheiratet: die Schauspielerin Natalja Fatejewa, die heute 77, aber immer noch eine von den Russen gefeierte Schönheit ist.
"Die sowjetischen Behörden haben unsere Hochzeit verhindert", sagt Mueller-Stahl, und die Stimme klingt wehmütig dabei, obwohl Gattin Gabriele neben ihm steht. Aber das alles ist ja lange her, das war vor gut 50 Jahren, als er zu den Moskauer Filmfestivals fuhr und nachts mit Jean Marais, Yves Montand und Gérard Philipe im Aragwi saß, dem legendären Restaurant an der Gorki-Straße.
In Tilsit wird sich zeigen, ob er mit den Russen noch zurechtkommen kann.
Sinaida Rutman hat auf den Gast aus Deutschland gewartet, sie besitzt eine Einladung zur Festveranstaltung im Saal der Kindermusikschule, wo Mueller-Stahl die Ehrenbürgerwürde überreicht werden soll. Die Schule liegt an der früheren Hohen Straße, dem Einkaufsboulevard von Tilsit, durch die sogar eine Straßenbahn fuhr. Straße des Sieges heißt sie jetzt.
Die kleine 80-jährige Dame ist die Witwe von Isaak Rutman, dem ersten Ehrenbürger von Sowjetsk. Beide wurden in den fünfziger Jahren hierher abkommandiert, die von den Deutschen geleerte Stadt musste mit neuen Bewohnern aufgefüllt werden. Rutman war Berufsschullehrer, in einer Bibliothek im litauischen Vilnius stieß er irgendwann auf ein Buch über Tilsit. "Wir kannten die Vorgeschichte von Sowjetsk nicht", sagt seine Witwe.
Für Isaak Rutman wurde deren Erforschung nun Passion, aber es war nicht zeitgemäß, über die deutsche Vergangenheit der Stadt wurde nie gesprochen. Erst 1993 gelang es ihm, sein Buch "Von Sowjetsk nach Tilsit" zu drucken, es wurde eine kleine Sensation.
In der Stadt erzählt man sich, dass Sinaida Rutman die Obsession ihres Gatten nicht guthieß, denn der galt bei den Behörden wegen seiner Nachforschungen als Dissident. Sie aber arbeitete noch als Lehrerin, es war nicht karrierefördernd.
"Unser ganzes Leben hatten wir Angst, dass irgendetwas an dieser Grenze hier passiert", sagt Frau Rutmann. Stets habe es geheißen, irgendwann kämen die Deutschen zurück, man müsse wachsam bleiben.
Aus ebendiesem Grund hatten die Kommunisten im Stadtrat gegen die Verleihung der Ehrenbürgerschaft an Mueller-Stahl gestimmt. Erst nach mehrfach schiefgelaufener Abstimmung holte der Bürgermeister die Roten mit ins Boot.
Sinaida Rutman will trotzdem zu der Festveranstaltung gehen, sie sei es ihrem Mann schuldig, sagt sie.
Mueller-Stahls erste Erkenntnis in Sowjetsk: Das Russland des Wladimir Putin ist ein widersprüchliches, ein rätselhaftes Land. Das beginnt schon mit dem Hotel Rossija, wo man ihn einquartiert hat, es ist das beste Haus am Platz, gleich hinter dem Lenin-Denkmal.
Der örtliche Oligarch, ein Mann litauischer Abstammung, der es betreibt und Sowjetsk natürlich auch im Gebietsparlament vertritt, hat im Erdgeschoss ein Restaurant im Stil der Sowjetzeit eingerichtet. Ein überlebensgroßes Porträt des sklerotischen KP-Führers Breschnew empfängt den Gast, auf ihm sind in Reih und Glied ein paar hundert rote Plastikschippchen angepinnt, als Symbol fürs misslungene kommunistische Aufbauwerk. Von der Bar her dröhnt amerikanische Musik. "Das KGB schläft nicht" heißen die Schnitzel, die auf der Speisekarte stehen, es gibt Rindfleischscheiben "Maos Vermächtnisse" und eine Schweinsroulade "Schlag die Faschisten".
Mueller-Stahl, ein Mann mit Geschmack, der seit 60 Jahren leidenschaftlich malt und dessen Bilder inzwischen hoch gehandelt werden, ist etwas verstört. Auch am nächsten Morgen, als er sich an die Stätten seiner Kindheit fahren lässt: Der Park "Jakobsruhe", den er damals mit seinem ersten Fahrrad durchmaß, ist ungepflegt, sein Geburtshaus in der früheren Lindenstraße ziemlich marode.
Der Neuen Kirche, in der sein Großvater predigte, haben sie den Turm abgesägt, die Fenster zugemauert und aus dem Gotteshaus eine Fabrik gemacht. Auch die Königin-Luise-Brücke, auf der er als Vierjähriger von der Polizei aufgelesen wurde, als er - warum auch immer - nach Litauen türmen wollte, hat ihren Reiz verloren. Die schöne Deutschordenskirche davor hatte übrigens wie viele alte deutsche Bauten den Beschuss Tilsits überlebt. Aber dann brauchte man 1965 für den sowjetischen Kriegsfilm "Der Vater des Soldaten" eine brennende deutsche Kirche - und schon war das Kleinod dahin.
Die Zeitungen werden später schreiben, Mueller-Stahl habe tief bewegt vor seinem Geburtshaus gestanden und Tränen in den Augen gehabt. In Wirklichkeit fremdelt er. Hinauf in die alte Wohnung im dritten Stock will er nicht, er hat jedes Detail noch im Kopf, aber dort oben würden ja unbekannte Menschen aufmachen. Das Bild von damals soll bleiben.
Ob die Stadt schöner geworden sei, fragen ihn die Russen. Mueller-Stahl, der Brückenbauer, windet sich, sucht nach Worten, dann sagt er: Es fehle offenbar das Geld, "um ihr wieder den alten Glanz zu verleihen".
In der Meerwischer Schule, in die er einst ging und die sich heute Schule Nr. 4 nennt, hängt ein Plakat mit den beschwörenden Worten "Wir sind ein Teil Russlands". Aber dann gerät er in eine 5. Klasse, sie hat Geschichtsunterricht, und plötzlich stimmt Mueller-Stahl leise, als suche er die Wörter, das russische Volkslied "Wo pole berjosa stojala" an: Auf dem Feld stand eine Birke. Er hat es von der Mutter gelernt, die fließend Russisch sprach und dadurch 1945 im russisch besetzten Prenzlau die große Familie durchbrachte; Vater Alfred war in den letzten Kriegstagen ums Leben gekommen.
Zur Festveranstaltung hat das offizielle Sowjetsk alles aufgeboten, was aus diesem Anlass denkbar ist: den besten Akkordeonspieler der Stadt und die beste Pianistin, das Ensemble "Tilsit" singt "Ännchen von Tharau", das Fernsehen ist da, und es gibt jede Menge Reden.
Der Orts-Oligarch überbringt die Glückwünsche des Kaliningrader Gouverneurs, die Museumsdirektorin erzählt, wie sie auf den Namen Mueller-Stahl stieß und dass die Stadt sich glücklich schätzen dürfe, weil ein Hollywood-Star aus ihr hervorgegangen sei. Der deutsche Generalkonsul lobt, dass Sowjetsk endlich Vergangenheit und Zukunft verbin-
den wolle, und der Bürgermeister überreicht die Ehrenmedaille.
Dann steht Mueller-Stahl vorn, schlank und preußisch gerade, er hat als Geschenk seine "Urfaust"-Lithografien mitgebracht. Er ist so, wie man ihn aus seinen Filmen kennt: freundlich ja, aber sehr kontrolliert; der Gaukler, der in ihm steckt, ist nicht zu spüren. Mueller-Stahl ist einer, der sich schwer öffnet. Er spricht wieder vom Brückenschlagen und vom Sich-gegenseitig-verstehen-Wollen und erzählt, wie er 1946 im Berliner Titania-Palast Menuhin die Chaconne von Bach spielen hörte. Wie Menuhin das Spiel plötzlich unterbrach, einen Zettel aus der Tasche holte und den Brief einer Jüdin vorlas, die den Deutschen die Hand zur Versöhnung anbot. "Danach hatte die Musik eine andere Bedeutung, es gab plötzlich eine Brücke des Verstehens", sagt Mueller-Stahl.
Oder wie er mit Morgan Freeman "The Power of One" gedreht und der ihn mit Nelson Mandela zusammengebracht habe. Wie sie sich ein-, zwei-, dreimal auf demselben Empfang getroffen hätten und Mandela beim dritten Mal Mueller-Stahl ganz spontan in die Arme nahm. "So sollte es eigentlich zwischen den Menschen sein", sagt Mueller-Stahl. "Aber das geht nur sehr selten."
Vor ihm im Saal sitzen, neben vielen anderen Gästen, sechs russische Ehrenbürger von Sowjetsk - und Sinaida Rutman, die Witwe des siebten. Ein Chefarzt, ein Fußballtrainer, ein Kriegsveteran, ein Historiker, eine Abgeordnete und zwei Lehrerinnen. Ihren ernsten Gesichtern ist wenig abzulesen, Frau Rutman verzieht keine Miene, Mueller-Stahl ist irritiert.
Natürlich ist die Übersetzung ins Russische eine Katastrophe, die Dolmetscherin kennt weder Menuhin noch die Chaconne von Bach. Und natürlich wussten sie in Sowjetsk bislang nicht allzu viel von Mueller-Stahl. Einige kennen ihn aus der britisch-russischen Co-Produktion "Leningrad", in der er den Generalfeldmarschall Wilhelm Ritter von Leeb spielt, der 1941 den Blockadering schließt. Einige haben die "Buddenbrooks" gesehen, den wunderbaren Film "Shine", der ihm die Oscar-Nominierung einbrachte, oder den Thriller "Illuminati" von 2009, in dem er neben Tom Hanks in roter Soutane einen cleveren Kirchenmann gibt.
Aber stört die sieben da vorn im Publikum auch der Glanz des nicht ganz uneitlen Weltbürgers? Macht er sie kleiner, erdrückt er die Honoratioren von Sowjetsk, die dieses fast versunkene Städtchen nie verlassen haben? Oder empfinden sie den Deutschen, dessen Landsleute sie in schweren Kämpfen von hier vertrieben haben, als Eindringling in ihre kleine Welt? Denken sie über ihr eigenes Leben nach?
Ein paar Schritte über den Platz, im Hotel Rossija ist die Festtafel gedeckt. Sie sieht aus, wie sie in Russland meistens aussieht, der lange Tisch biegt sich unter den Speisen. Die Gespräche drehen sich zunächst um die deutsche Visa-Politik: "Ihr lasst uns nicht nach Westen, ihr wollt uns doch gar nicht haben", sagt jemand: "So viel zum Thema Brückenbauen." Aber vielleicht ist es der Wodka, der die Zungen löst, denn plötzlich steht der älteste Ehrenbürger von Sowjetsk auf, er kommt aus Sibirien und ist schon 92, er sagt so etwas wie "junger Spund" zum 81-jährigen Mueller-Stahl, küsst ihn und nimmt ihn in die Runde der Ehrenbürger auf.
Dann erhebt sich der nächste und gesteht, dass selbst Jahrzehnte nach dem Krieg niemand von ihnen daran geglaubt habe, dass Sowjetsk bei Russland bleiben werde: "Deswegen haben wir hier alles Deutsche zerstört, alles, was kein Dach mehr hatte. Als sich 1988 Vertreter jener Städte trafen, die ihren alten Namen wiederhaben wollten, das war schon unter Gorbatschow, da wurde auch für Sowjetsk die Rückbenennung beschlossen", erzählt er. "Als ich den Beschluss hier im Stadtrat verkündete, hielten sie mich für verrückt." Und dann dreht er sich zum Bürgermeister um und sagt: "Diese Stadt hier war früher offenbar sehr schön. Jeder gebürtige Tilsiter sagt, so kann man sie nicht wieder aufbauen. Sie, Bürgermeister, müssen das aber schaffen."
Mueller-Stahl war sich bis zu diesem Moment ziemlich sicher, dass es mit dem Brückenschlagen schwieriger ist als gedacht und dass er wohl nicht wieder nach Sowjetsk kommen werde. Aber jetzt fängt er doch noch einmal an zu reden. Er erinnert an den deutschen Altkanzler Helmut Schmidt: Der sei nun 93, da blieben ihm, wenn er dem Beispiel folge, noch gute zehn Jahre. Zehnmal könne er also noch zurückkehren. Den ganzen Tag über hatte er auf Fragen, ob er denn wiederkomme, ausweichend geantwortet.
Da klopft plötzlich die 80-jährige Sinaida Rutman an ihr Glas. Sie schiebt den Stuhl zurück, erhebt sich und hat mit einem Mal ein Lächeln in ihrem bis dahin unbeweglichen Gesicht. Und sie sagt zum Bürgermeister und zu all den übrigen Gästen: "Ich möchte auf jeden Fall noch so lange leben, bis diese Stadt wieder Tilsit heißt." Und setzt sich wieder.
Da schweigen alle. Und staunen.
(*) Mit Preußens Königin Luise am 6. Juli 1807; Gemälde von Nicolas Gosse.
Von Christian Neef

DER SPIEGEL 3/2012
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