16.01.2012

AUSSTELLUNGENGegen ein Drecksleben

In Frankfurt am Main dokumentiert eine Schau die Kraft von Demonstrationen: Manche Künstler, wie der Ägypter Aalam Wassef, riskieren sogar ihr Leben.
Aalam Wassef verabredet sich am liebsten dort, wo er die meiste Zeit verbringt, da, wo er die Welt verändert. Im Netz. Wassef, 41, lebt in Kairo, er ist Künstler, aber er ist auch ein Aktivist, und er nutzt die Möglichkeiten des Internets. Wenn er einen seiner Filmclips auf YouTube stellt, klicken ihn schnell 140 000, 150 000 Leute an. Wassef fordert in solchen Videos eine zweite, tiefergreifende Revolution in Ägypten. Er nennt sogar ein Datum, den 25. Januar, den ersten Jahrestag des Aufstands. Er lebt gefährlich.
Eine direkte Verbindung zu Wassef über Skype funktioniert nur teilweise, der Ton ist da, man hört die melodische Stimme dieses Revolutionärs, man hört auch Autohupen und das Knattern von Mopeds. Aber das Bild fehlt. Das sei typisch, sagt der Künstler.
Er hat sich im Internet über Husni Mubarak lustig gemacht, jahrelang. Schließlich hat er sogar dazu aufgerufen, auf die
Straße zu gehen, es klang locker, wie eine Verabredung, aber es hätte ihn sein Leben kosten können. Erst nach dem Sturz des ägyptischen Präsidenten im Februar 2011 offenbarte er sich. Sein Pseudonym im Netz lautete Ahmad Sherif, und von dem gab es natürlich keine Bilder. Seit einem Jahr ist er auch im Internet wieder er selbst, Aalam Wassef. "Ich will mich nicht mehr verstecken", sagt er.
Jetzt nimmt er an einer Ausstellung im Frankfurter Kunstverein teil, die den Titel "Demonstrationen" trägt. Eine ihrer Thesen: Die Menschheit erlebt gerade ein neues, globales '68. Nichts wird sein wie bisher, denn dafür geschieht zu viel, und das an zu vielen Orten: in Spanien, Griechenland, London, New York, Russland, und dann sind da noch die Umbrüche in der arabischen Welt, ein Frühling, der Tausende Menschen das Leben kostete.
An der Konzeption der Ausstellung ist ein Forschungsverbund der Universität Frankfurt beteiligt, ein sogenannter Exzellenzcluster. Wissenschaftler untersuchen das Entstehen neuer Wertesysteme, neuer Gesellschaftsordnungen. Peter Siller ist der Manager dieses Clusters, er war früher im Auswärtigen Amt tätig. Ihm ist bewusst, dass die weltweiten Proteste nur schwer miteinander zu vergleichen sind. Und doch, so sagt er, scheine es durchaus eine Verbindung zu geben, als sei ein Funke übergesprungen, von Land zu Land.
In der Schau selbst wird Neues mit Historischem verbunden. Ihre Kuratoren stellen Druckgrafiken aus, die die Barrikadenkämpfe von 1848 dokumentieren, und ebenso die Fotos eines Künstlers von den Protesten gegen die G-8-Gipfel der vergangenen Jahre.
Der türkische Maler Nazim Ünal Yilmaz, 30, wiederum lässt seine neuen Gemälde wie Historienbilder aussehen. Sie sind groß und malerisch, sie beziehen sich etwa auf die Entstehung der türkischen Republik. Junge Menschen demonstrieren da mit wehenden Fahnen, und sie bekräftigen so ihre nationalistische Gesinnung. Denn nicht immer ist die Menge auf der Straße eine Opposition, manchmal dient sie nur der Verstärkung und Dekoration einer Propaganda.
Eine Ausstellung im üblichen Sinn ist die Frankfurter Schau nicht. Es wird, weil auch Demonstrationen immer Inszenierungen sind, regelrechte Aufführungen geben, innerhalb und außerhalb des Kunstvereins. Nicht bei allen steht bereits fest, wie sie aussehen werden.
Das Hamburger Schwabinggrad Ballett zum Beispiel will unberechenbar bleiben, seine Mitglieder sind Musiker, Künstler, Journalisten. Sie kostümieren sich, sie singen, sie fallen auf. Man könnte das als Performances bezeichnen. Sie selbst sprechen von Agitprop, "in Gedenken an die aktionistischen zwanziger Jahre". Vor ein paar Jahren traten sie beim G-8-Gipfel in Heiligendamm als verlumpte Schlachtenkapelle auf. Die Polizei, so sagen ihre Mitstreiter, wisse nicht, wie sie mit einer solchen Truppe umgehen solle, deshalb passierten sie oft ungehindert Sicherheitszonen.
Jetzt wollen zehn Schwabinggrad-Leute nach Griechenland fahren, dort die aktuelle Situation erkunden und im März eine Aktion vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt veranstalten.
Bisher wissen sie dazu nur: Sie werden auf der Seite der griechischen Bevölkerung stehen. Heute, so sagen sie, gehe es nicht mehr um links oder rechts. Das bürgerliche Lager demonstriere längst mit, es wolle etwa das Hamburger Gängeviertel retten oder den neuen Stuttgarter Hauptbahnhof verhindern.
Manchmal werden aus Demonstrationen Revolutionen. Andernorts sind sie reine Routine, sie begleiten Tarifverhandlungen, sie geraten, etwa in der Nacht zum 1. Mai in Berlin, auf vorhersehbare Weise außer Kontrolle, und die dazugehörige Randale wirkt einfallslos. Manche Proteste verändern Gesellschaften nicht, sie gehören zu ihren mehr oder weniger langweiligen Ritualen.
Das Thema der Ausstellung ist zeitlos und doch so aktuell wie nie. Menschen gehen auf die Straße, weil sie aufbegehren, sie suchen die Öffentlichkeit, sie kämpfen einen Kampf, und ihr Körper ist dabei ihre wichtigste Waffe. Ohne diese körperliche Anwesenheit geht es nicht, auch nicht in der Ära des körperlosen Internets. Ohne das Internet aber geht es auch nicht.
In Russland steckte die Künstlergruppe Woina in der Silvesternacht einen Polizeitransporter an. Das wäre wohl nie herausgekommen, wenn nicht Woina selbst dafür gesorgt hätte. Die Leute stellten ein Video auf YouTube. Und als in Teheran 2009 die junge Studentin Neda Agha-Soltan bei einer Protestkundgebung erschossen wurde, filmte ein Mitdemonstrant ihr Sterben mit der Kamera seines Mobiltelefons, sein Film verbreitete sich im Netz.
Das Internet ist der virtuelle Tahrir-Platz, vielleicht ist er auch nicht mehr bloß virtuell, sondern die Erweiterung der Realität. Was die Sache nur riskanter macht. In Ägypten holten Polizisten 2010 einen Blogger-Aktivisten aus einem Internetcafé und prügelten ihn zu Tode.
Wassef, der ägyptische Künstler, ist einer der Pioniere des Web-Protests. 2007 hat er bei Google Anzeigenplätze erworben. An jedem Donnerstag erschien damals, sobald jemand Begriffe wie Mubarak, Ägypten oder Nilkreuzfahrt in die Suchmaschine eingab, im Anzeigenfeld rechts auf der Seite eine Botschaft an den Präsidenten. Wassef hatte - als Blogger Ahmad Sherif - Vorschläge seiner Landsleute erbeten. Eine der weitervermittelten Botschaften lautete: "Du hast unser Leben, unsere Zukunft verschwendet. Wegen dir geht es mit Ägypten bergab."
Der Künstler, der lange in Paris gelebt hat, aber 2007 nach Kairo zurückkehrte, weihte nicht einmal engste Freunde ein.
Wassef ist in erster Linie Künstler, so sagt er es selbst. Das Wort Aktivist schätze er nicht einmal besonders. Seine Internetaktionen, die Videobeiträge im Netz: Er verstehe sie stets auch als seine künstlerischen Werke.
Seine Online-Filme - von denen einige auch in Frankfurt zu sehen sein werden - sind kurzweilig, prägnant, pointiert. Man sieht eine Hand, die etwas zeichnet, oder es sind kleine filmische Collagen und auf eine spezielle Art auch Dokumentationen, etwa von dem stillen Mut, der in den Gesichtern der Demonstranten in Kairo zu erkennen ist.
In einem seiner jüngsten Beiträge ist der ehemalige Stellvertreter Mubaraks in einer Fernsehansprache zu sehen, er verkündet den Rücktritt des Machthabers. Seine Stimme bleibt bis zum Ende zu hören, doch die Bilder verändern sich. Sie werden ersetzt durch aktuellere Aufnahmen, durch Szenen der Gewalt, Filmschnipsel, die offenbaren, wie grausam es noch immer in Ägypten zugeht: Bilder von Leichen, die über die Straßen gezogen werden, von blutigen Körpern.
Natürlich verlässt Wassef gelegentlich die Welt des Netzes, er trifft sich mit Mitstreitern, er geht auf den Tahrir-Platz. Er hat viel Schreckliches gesehen in den vergangenen zwölf Monaten. "Aber ich will in diesem Land bleiben."
Demonstrationen - auch das zeigt die Frankfurter Ausstellung - sind aber stets Experimente. Und die können scheitern. Deshalb kämpft Wassef weiter.
Er sagt, nach wie vor würden Landsleute gekidnappt, sie gingen spazieren, und auf einmal seien sie weg.
(*) Links: Foto von Massimo Vitali, 2000; rechts: Film von Sandra Schäfer, 2004.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 3/2012
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