16.01.2012

Pfützen aus Blut

FILMKRITIK: In der Dokumentation „A Man Within“ wird noch einmal der legendäre William S. Burroughs gefeiert.
Es muss irgendwann in den achtziger Jahren gewesen sein. James Grauerholz hatte seinen Freund William S. Burroughs aus seinem "Bunker" in Manhattan ins gesunde Lawrence in Kansas verfrachtet, um ihm die Junkies und die Stricher vom Leibe zu schaffen, um diesem inzwischen alt gewordenen Herrn das Leben zu retten, um ihm vielleicht so etwas wie einen Lebensabend zu verschaffen.
Burroughs' Freunde haben dort später für ihn ein großes Festival ausgerichtet, eine zweiwöchige Party der Gegenkultur. Allen Ginsberg rief noch einmal sein "Howl", Timothy Leary pries LSD, Marianne Faithfull sang, Keith Haring sprayte seine Strichmännchen, Yello Biafra von der Punkband Dead Kennedys verlas ein Pamphlet gegen den Kontrollwahn der Regierung. Eine generationenübergreifende Kommune versammelte sich, voller Respekt und Zärtlichkeit für diesen Rätselmann, und später kifften alle und ballerten in die Prärie.
Ich unterhielt mich damals lange mit Burroughs. Als er irgendwann kurz in die Küche ging, um seine Katzen zu versorgen, schaute ich mir seine Schreibmaschine an. Ein Blatt war eingespannt. Darauf die Zeile: "Überwältigende Langeweile und Niedergeschlagenheit. Um fünf Uhr ein Drink in einem Zimmer mit Holzwänden." Alles in Großbuchstaben geschrieben. Und alle hatten, wegen eines Farbbandfehlers, rote Füße, als stünden sie in Pfützen aus Blut.
Burroughs starb 1997 im Alter von 83 Jahren. Er ist auch heute noch ein Monument der Literatur, und es wird immer größer, je länger sein Tod zurückliegt. Ein Hohepriester der Subversion, die wuchert in den Gegenwelten des Pop, der Trivialmythologie, um plötzlich mit einer neuen Kampfgeste radikal in die Gegenwart zu springen.
Occupy mit seinen Guy-Fawkes-Masken ist so etwas, gleichzeitig romantisch und verloren, eine Durchkreuzung des Geschäftsbetriebs, mehr Kunst als Politik, aber wichtig, weil wir ohne Utopie nicht leben können.
Allerdings ist Gesellschaftskritik heute Konsens. Eben 99 Prozent. Vom hipstermäßigen Klugscheißer bis zur trillerpfeifenden Hausfrau sind sich alle einig: So geht es nicht weiter.
Da ist es erfrischend, knapp 90 Minuten mit Burroughs zu verbringen. "A Man Within" heißt ein Dokumentarfilm des amerikanischen Regisseurs Yony Leyser, 26, der aus einer Zeit berichtet, als es tatsächlich noch Spießer gab, Gesellschaftskritik gefährlich war und die Subkultur Witz, schwarzen Humor und entschlossenen Wahn besaß.
Ein umwerfender Film. Mit sensationellen Hobbyaufnahmen (Mexiko 1951, London 1966, New York 1974), mit Trickfilmpassagen, Zeugenbefragungen (Patti Smith, John Waters, Gus Van Sant), mit experimentellen Schnipseln, tatsächlich Cut-up.
Was trieb den Mann mit dem Buster-Keaton-Gesicht durch die Korridore seines Lebens, was in die Literatur? Der Spross einer Unternehmerfamilie war schwul und verbarg es zunächst, er hasste Harvard und studierte dort trotzdem, er erdachte in seinen Romanen neben anderem Science-Fiction-Zeug auch den Computer, die digitale Welt, also uns, mit dem ganzen Bestiarium.
Er war drogensüchtig, ein Überlebender. Da er beim Militär nicht reüssieren konnte, zog er in einen anderen Krieg, der lebenslang geführt werden muss, wenn man süchtig ist. Zunächst in die New Yorker Subkultur, dann nach Texas, um Marihuana anzupflanzen, dann nach Mexiko, wo er seine zweite Frau aus Versehen auf einer Party in einem Wilhelm-Tell-Spiel erschoss.
Unter den ekstatischen Beatniks mit ihren Hymnen ans Leben wirkte er wie eine düstere Fehlbesetzung, stets im Anzug, häufig mit Stetson, die Dealer in Tanger nannten ihn den "Duke".
Ein Pessimist. Da ist diese wunderbare Sequenz, wo er sich mit seinem Freund Ginsberg über die Liebe unterhält.
Ginsberg: "Willst du geliebt werden?"
Burroughs schweigt. Dann: "Ich glaube nicht." Wieder Schweigen. "Vielleicht von meinen Katzen."
Er schreibe nur die Filme ab, die in seinem Kopf spielten, sagte er. Er zeigte Welten, die er selbst erst erforschte. "Naked Lunch" wurde verboten wegen seiner "Obszönität". Das Gerichtsurteil sprach von einem "widerlichen Gifthauch" und "literarischem Abschaum".
Doch es war eines der folgenreichsten Werke des Jahrhunderts, dieser wüste Höllentrip seines Helden William Lee zeigt Gewalt-phantasien wie ein Bild von Hieronymus Bosch. Die Kompositionsweise des Cut-up, der Textcollage, hatte er sich aus der bildenden Kunst besorgt.
Was ihn antrieb? Der nackte Horror. Er war der Colonel Kurtz der Gegenkultur, und sein Vietnam war der Schuss auf seine Frau. William S. Burroughs schrieb, um sich die Alpträume vom Leibe zu halten. Jene Alpträume, die dieser tragische Tag bei ihm auslöste, und erst recht die noch viel größeren Alpträume einer ausweglosen Gegenwart.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 3/2012
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