23.01.2012

SHOWGESCHÄFTDer Traumfabrikant

Das Musical-Genre hat alle Krisen überlebt. Gewinner der Branche ist der Multimillionär Joop van den Ende, der nach Hits wie „König der Löwen“ und „Tarzan“ nun den nächsten Coup vorbereitet.
Als Sylvester Stallone an einem Plakat vorbeikommt, auf dem er als Rocky seine Rechte in die Höhe reißt, bleibt er für einen Augenblick stehen und reckt ebenfalls die Siegerfaust: Das Original kopiert sich selbst.
Stallone spielt den Boxer nicht, er ist Rocky. Seit 1976 in sechs Filmen. Und wenn es bald erstmals einen anderen Darsteller geben wird, soll das mit seinem Segen geschehen. Den erteilte er jüngst öffentlich, bei einer Pressekonferenz der Musical-Produktionsfirma Stage Entertainment in Hamburg. Es war, als würde "Jesus Christ Superstar" vom Messias persönlich beworben.
Im November dann soll im Operettenhaus auf der Reeperbahn, wo derzeit die Nonnen von "Sister Act" frohlocken, das Musical "Rocky" welturaufgeführt werden, die Geschichte vom Gossenjungen, der sich nach oben boxt. Ein Singspiel mit fliegenden Fäusten. Und ein wenig Liebe.
Stallone ist Co-Produzent wie auch Wladimir und Vitali Klitschko. Der Altstar reicht den ukrainischen Schwergewichtshünen gerade bis zu den Schultern. In "Rocky" habe immer ein Musical gesteckt, sagt Stallone, 65. Und Hamburg sei eine gute "Rocky"-Stadt, sie erinnere ihn an Philadelphia. Seine Stimme kriecht aus schauerlichen Tiefen empor. In New York habe er einen ersten musikalischen Durchlauf miterlebt: "Ich habe geweint." Mehr Pathos geht nicht.
Doch weniger dürfte es gar nicht sein. Würde "Rocky" floppen, wären elf Millionen Euro Produktionskosten verpufft, was selbst Stage Entertainment schmerzen würde, den Champion der Branche, der jährlich weit mehr als die Hälfte vom Umsatz des deutschen Musicalgeschäfts erwirtschaftet.
Die pompösen Spektakel stehen heute im Wettbewerb mit Popkonzerten, deren Bühnenbauten bisweilen die Dimensionen kleiner Freizeitparks erreichen. Sie konkurrieren aber auch mit Komikern, die neuerdings Stadien mit Zehntausenden Fans füllen. Gemeinsam wiederum kämpfen die Live-Unterhalter gegen alles an, was sich bequem vom Sofa aus nutzen lässt, DVDs und Festplattenrekorder, Spielekonsolen oder Facebook.
Dabei lag die hiesige Musical-Branche Ende der neunziger Jahre bereits am Boden. Der britische Komponist Andrew Lloyd Webber, der mit "Cats" und "Phantom der Oper" das Genre in Deutschland kultiviert hatte und es jahrelang fast im Alleingang am Laufen hielt, war mit seinen Zauberkräften am Ende. Und die Banken drehten der vormals marktbeherrschenden Produktionsfirma Stella, die unter hohen Kosten ächzte, den Geldhahn zu. Erst "König der Löwen" von Stage Entertainment brachte von 2001 an die Wende.
Die Umarmung der Massen ist ein mühsames Unterfangen, weshalb Stage Entertainment neue Stoffe gern an Kinohits anlehnt oder dafür das Œuvre eines Künstlers oder einer Band plündert, so geschehen mit dem Lebenswerk von Abba ("Mamma Mia!"), Udo Jürgens ("Ich war noch niemals in New York") oder Udo Lindenberg ("Hinterm Horizont"). Das klingt nach Nummer sicher.
Bloß: Das Publikum bleibt unberechenbar. Warum wollte in Frankreich kaum jemand das Armendrama "Les Misérables" sehen, obwohl es dort ja spielt - während Spanien danach giert? Was entflammte das Publikum in Japan so für die Musicals über Mozart und Kaiserin Elisabeth von Österreich? Und wieso stehen Japaner auf Udo Jürgens? Bei Stage hat man darauf auch keine Antwort.
Wenn es gut läuft, ist ein Stück so langlebig wie "König der Löwen", das allein in Hamburg bis heute mehr als acht Millionen Besucher angezogen hat. Läuft es nicht, ist eine Show schnell wieder weg.
Die Karl-May-Verulke "Der Schuh des Manitu", die fast 12 Millionen Menschen ins Kino gelockt hatte, kam im Berliner Theater des Westens auf eine klägliche halbe Million Besucher und wurde nach anderthalb Jahren abgesetzt. Berlin gilt als schwieriger Markt, Hunderte Veranstaltungen wetteifern allabendlich um Zuschauer, Tickets kosten deshalb weniger als etwa in Hamburg.
Das Trauma der Stage Entertainment jedoch heißt "Titanic". In allen Kinos der Welt ein Knaller, soff die Bühnenfassung in Hamburg bereits nach zehn Monaten ab. Der damalige Stage-Chef versuchte die Pleite damit zu begründen, dass man in der maritimen Stadt offenbar keine sinkenden Schiffe sehen wolle, erst recht nicht in wirtschaftlich schlechten Zeiten.
"Diese Show war einfach nicht gut, das war der wahre Grund", widerspricht heute der Niederländer Joop van den Ende, der Gründer von Stage Entertainment. ",Titanic' war mein größter Misserfolg."
Offiziell sitzt er nur noch dem Aufsichtsrat vor, nach einem Herzinfarkt vor fünf Jahren bestellte er einen Geschäftsführer, der ihm alles vom Leib hält, was mit Banken oder Marketing zu tun hat. Doch bis heute leitet van den Ende seine Traumfabrik von Amsterdam aus quasi als Alleinherrscher.
Joop van den Ende misst 1,90 Meter und bewegt sich behutsam. Sein Englisch ist holländisch vernuschelt. Im Februar wird er siebzig. Er hat Bühnenbau gelernt und in einer Amateurtruppe Theater gespielt. Als junger Mann stand er für einen Gelegenheitsjob eine Woche lang als Batman verkleidet in Filialen der größten niederländischen Supermarktkette und sicherte sich danach die Rechte für ein "Batman"-Theaterstück. Später produzierte er die Fernsehshows von Rudi Carrell.
Vor allem war van den Ende das "Ende" von "Endemol", der niederländischen TV-Produktionsfirma, die er 1993 gemeinsam mit seinem Landsmann John de Mol gegründet hatte und im Jahr 2000 wieder verkaufte. De Mol macht immer noch Fernsehen, die von ihm entwickelte Castingshow "The Voice of Germany" treibt ProSieben und Sat.1 derzeit in ungewohnte Quotenhöhen.
Endemol brachte in den neunziger Jahren "Traumhochzeit" ins deutsche Fernsehen, moderiert von de Mols Schwester Linda, und verantwortet bis heute "Wer wird Millionär?" sowie den Container-Knast "Big Brother". Van den Ende erhielt für seine gut 25 Prozent der Firma umgerechnet rund eine Milliarde Euro.
Zuvor hatte er die Sparte für Live-Unterhaltung aus dem Konzern herausgekauft, sie wurde der Grundstock für Stage. Noch im Jahr 2000 stieg van den Ende ins deutsche Musical-Geschäft ein, als Wettbewerber der Produktionsfirma Stella, die 1986 mit "Cats" den hiesigen Musical-Boom begründet hatte und gerade im Niedergang war.
Heute macht Stage Entertainment, das weltweit 28 Theater bespielt, in Deutschland gut 50 Prozent seines Umsatzes von zuletzt 600 Millionen Euro. Die Hälfte der Besucher kommt in Gruppen, mit dem Kegelclub oder mit Veranstaltern wie TUI, dessen Städtereisenkatalog zu einem guten Teil aus Musical-Trips besteht. Abendunterhaltung mit Doppelzimmer und Frühstück. Dazu vielleicht eine Hafenrundfahrt.
Hamburg ist nach New York und London der drittgrößte Musical-Standort der Welt geworden. Laut einer Umfrage ist der Hafen nur der zweithäufigste Grund für einen Trip an die Elbe. Wichtiger sind die Musicals.
Stage betreibt hier drei große Theater, ein weiteres soll 2014 eröffnet werden. Darin könnte ein Beatles-Stück gespielt werden, raunt ein Mitarbeiter. Oder "Pretty Woman". Vielleicht auch "Spider-Man", das nach erheblichen technischen Pannen seit vorigem Jahr am Broadway läuft. Andere wissen zu erzählen, Stage habe gerade zwei Komponisten damit beauftragt, den Fantasy-Klassiker "Die unendliche Geschichte" zu vertonen.
Wenn van den Ende nach Hamburg kommt, ist das wie Großvater zu Besuch bei seinen Liebsten. Er ist für alle "der Joop". Stage ist eine Duz-Firma, eine niederländische Gepflogenheit.
"Der Joop" hält dann gern eine Rede. Meist sagt er, dass man eine Familie sei, "we are one". Bei seinem jüngsten Besuch brachten ihm die Schüler, die auf der von ihm mitfinanzierten Joop van den Ende Academy Singen und Tanzen lernen, zum Dinner ein Ständchen. "Eye of the Tiger", die Hymne aus "Rocky III". Seine Frau soll vor Rührung eine Träne verdrückt haben.
Seit Oktober sitzt Janine van den Ende, 55, im Aufsichtsrat von Stage. Wenn sie mit ihrem Mann reist, dekoriert sie gern seine Theater um. Auf die Foyers aller Häuser, die er von Moskau bis New York betreibt, hat sie Exponate der gemeinsamen Sammlung verteilt, die um die tausend Stücke moderner Kunst umfasst. Von Zeit zu Zeit wird gewechselt.
Doch Großvater kann auch anstrengend sein. Und fordernd.
Manchmal schaut Joop van den Ende sich Proben neuer Stücke an, danach müssen Bühnenbilder umlackiert werden oder Kostüme neu geschneidert. Bisweilen straft er mit Liebesentzug. Oder gleich mit Rausschmiss. Kurz vor der Premiere des Udo-Jürgens-Musicals tauschte er den Regisseur aus, über den Kopf des damaligen Deutschland-Chefs hinweg, der danach auch schnell verschwand.
Im Interview sagt der fliegende Holländer flauschige Sätze: "Geld ist nicht wichtig. Es geht nur darum, sich Träume zu ermöglichen." Oder: "Im Träumen bin ich besser als im Geschäftemachen." Die Branche jedoch kennt den Träumer als harten Hund.
Als der einstige Marktführer Stella 2002 bereits zum zweiten Mal pleitegegangen war, kaufte er Teile der Firma auf. Deren vormaliger Mehrheitseigner Peter Schwenkow beklagte damals einen "systematischen Feldzug" gegen sich: Van den Ende habe ein Dutzend Mitarbeiter abgeworben, Unsummen für Lizenzen bezahlt und so die Preise hochgetrieben. "Das war kein normaler Wettbewerb, das war Krieg."
Weil das Musical-Geschäft auch ohne Gegner ein täglicher Kampf ist, muss bei Stage immer alles mindestens bombastisch sein, von den Gefühlen bis zur Technik. Fackelte am Ende des Melodrams "Rebecca" in der Wiener Aufführung nur der Handlauf des Geländers einer großen Wendeltreppe vor sich hin, stand bei der Premiere in Stuttgart jüngst schon die gesamte Treppe in Flammen.
Das teuerste Musical, die Stage Entertainment in Deutschland zur Aufführung brachte, ist "Tarzan" mit der Musik von Phil Collins, das seit gut drei Jahren in Hamburg läuft. Bis zur Premiere waren bereits 18 Millionen Euro ausgegeben, pro Woche kommt eine weitere halbe Million hinzu. Die Stromkosten für die 160 Scheinwerfer sind enorm, ebenso die Ansprüche an die Sicherheit. Die computergesteuerten Bungee-Seile, an denen Tarzan, Jane und die Affenbande durch den Saal fliegen, werden alle sechs Monate für ein paar hunderttausend Euro ausgewechselt.
In einem Musical von Stage mitzuspielen heißt: achtmal pro Woche lieben, sterben, trauern und immer so tun, als wäre es das erste und einzige Mal. Am Wochenende gibt es täglich zwei Vorstellungen, der Montag ist frei. Berühmt werden kann man nicht, die Namen der Akteure stehen nicht einmal auf den Plakaten. Unersetzlich soll sich hier keiner fühlen.
Alle Rollen sind mehrfach besetzt, jeden Abend müssen mindestens zwei Tarzane oder Löwenkönige verfügbar sein. Es kam schon vor, dass die Drittbesetzung aus dem Urlaub auf den Balearen eingeflogen wurde. Darsteller des Udo-Jürgens-Musicals in Hamburg oder Stuttgart sprangen bei der Schwesterproduktion in Wien ein - und umgekehrt.
Während Stage Entertainment bei eigenen Produktionen alles selbst konfektioniert und manisch kontrolliert, mischt sich bei eingekauften Stoffen der jeweilige Lizenzgeber selbst in Winzigkeiten ein. Es soll dann alles so sein wie in der Ur-version am Broadway oder im Londoner Westend. Bis zur Betonung der Sätze oder der Frage, an welcher Stelle des Liebeslieds der Held auf die Knie zu fallen hat. Es ist die Show gewordene Globalisierung.
Beim "König der Löwen" zum Beispiel legte der Lizenzgeber Disney fest, dass fast alle Rollen mit farbigen Darstellern besetzt werden. Für die Hexenshow "Wicked" galt die Auflage, dass Kleider mit echten Swarovski-Steinchen geschmückt sein mussten. Am Ende kosteten allein die Kostüme 2,9 Millionen Euro.
Künftig will Stage mehr eigene Stücke entwickeln. Da lassen sich dann auch mal regionale Späßchen einstreuen, wie sie vor allem das ältere Publikum goutiert.
Dass die gestrenge Leiterin eines Altenheims im Udo-Jürgens-Musical in Stuttgart "Frau Sargnägele" heißt statt, wie in der Hamburger Fassung, "Frau Dünnbügel", ist im Südwesten ein verlässlicher Lacher. Wenn Frau Sargnägele dann noch anfängt zu schwäbeln, kennen die Zuschauer kein Halten mehr. Mitunter sind selbst bei einem Millionenprojekt die besten Effekte äußerst preisgünstig.
Seit voriger Woche singen nun Hunderte potentielle Rockys bei Stage Entertainment in Hamburg vor. Erste Plakate hängen in der Stadt, im Radio laufen Spots. Wenn das Musical ein Erfolg wird, soll es als Nächstes den Broadway und anschließend womöglich die Welt erobern.
Dann wäre wieder Sylvester Stallone gefragt, um vielleicht in Moskau oder Paris mit Pathos zu verkünden, wie sehr die jeweilige Stadt ihn an Philadelphia erinnere. Auch seine Vorgeschichte müsste er eventuell neu definieren. In Hamburg jedenfalls begründete er seine Zuneigung mit äußerster Professionalität: Er müsse, mutmaßte er, in seinem früheren Leben ein Deutscher gewesen sein.
Von Alexander Kühn

DER SPIEGEL 4/2012
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