30.01.2012

Aufmarsch der Kondompolizei

GLOBAL VILLAGE: In Los Angeles sorgt ein neues Gesetz für Empörung bei den Porno-Produzenten, die um die Attraktivität ihrer Filme fürchten.
Steven Hirsch, etwa 50, genau will er sich da nicht festlegen, hat große Sorgen. Dieses verdammte Internet, das einst "der Freund unserer Industrie war", hat sich darangemacht, die Porno-Kapitale der Welt zu zerstören, diese so unpassend nach der unbefleckten Jungfrau Maria benannte Stadt Unserer Lieben Frau von den Engeln - Los Angeles.
Hemmungslos verletzen die Betreiber einschlägiger Internetseiten Urheberrechtsregeln, stehlen die scharfen Stellen aus seinen teuren Porno-Filmen und stellen sie kostenlos ins Netz. Wenn Tausende Mädchen dort ihre Professionalität umsonst zeigen, wie kann Mr. Hirsch dann noch erfolgreich in neue Stars investieren?
Kein Wunder, dass der DVD-Verkauf jedes Jahr stärker einbricht. Wenn zusätzlich noch die Kunden wegbleiben, weil sie weniger Geld für ihre Unterhaltung ausgeben, dann ziehe sich über Kaliforniens Porno-Industrie ein "perfekter Sturm" zusammen, dann werde die Herausforderung, "mit Pornos Geld zu machen", immer größer.
Und jetzt drohe womöglich sogar das Aus. Aufgestachelt von Gesundheitsaposteln und den üblichen Verbreitern einer Seuche namens politische Korrektheit - so jedenfalls sehen das die Porno-Macher -, hat die Stadt Los Angeles beschlossen, ihnen nur noch dann eine Drehgenehmigung zu erteilen, wenn sie garantieren, dass bei den Filmarbeiten Kondome benutzt werden. Vorige Woche hat Bürgermeister Antonio Villaraigosa das Gesetz unterzeichnet und damit in die Wirksamkeit entlassen. Steven Hirsch kann nur den Kopf schütteln.
Der Mann ist nicht irgendwer. Das Wirtschaftsblatt "Forbes" hat ihn einmal den "Porno-König" von Amerika genannt. Er ist Gründer und Chef der Vivid Entertainment, einer der größten Porno-Produktionsfirmen des Landes. Das Unternehmen beziffert die Umsätze aus seinen jährlich 60 Filmen und dem Verkauf von entsprechendem Spielzeug auf über 100 Millionen Dollar.
Der Chef ist ein echter Film-Freak, was daran zu erkennen ist, dass er a) als Erster einen Hardcore-Porno-Film auf einer Blue Ray vertrieben hat, den Klassiker "Debbie does Dallas" nämlich, und dass er b) der schönen russischen Spionin Anna Chapman die Hauptrolle in einer Produktion anbot, woraus leider nichts geworden ist.
Nun muss er womöglich samt seiner "Vivid Girls", deren Reize riesige Plakate an Sunset Drive und Hollywood Boulevard zieren, seine Wirkungsstätte für immer verlassen.
Denn die 200 Kleinstudios, die sich im San Fernando Valley im Nordwesten von Los Angeles niedergelassen haben, erwarten nun die Kondompatrouillen der Behörden. Jährlich werden hier geschätzt 10 000 Filme produziert, die rund um die Welt Abnehmer finden - nicht zuletzt in aufstrebenden Ländern wie China, dem größten Porno-Konsumenten überhaupt.
Rund 6000 Menschen leben im "Valley" von den Streifen, Star-Performer wie die Vivid Girls sogar als Festangestellte mit Krankenversicherung. Und obwohl der tatsächliche Industrieumsatz vermutlich deutlich unterhalb jener acht Milliarden Dollar liegt, die die Macher selbst angeben, ist das anrüchige Gewerbe eine Profitmaschine, auf die auch Los Angeles nicht einfach verzichten kann.
Und die Gummis stören schon sehr. Porno-Konsumenten, vor allem aus Übersee, hätten klar zu erkennen gegeben, dass sie keine Filme sehen wollen, in denen die Protagonisten Überzieher tragen, sagt etwa Mark Kernes vom einschlägigen Branchenblatt "Adult Video News". Das lenke nur ab und ruiniere die Phantasie.
Auch die Darsteller rebellieren gegen die neue Vorschrift. Eine einschlägige Produzentin, die auf den geschlechtsverschleiernden Künstlernamen Tristan Taormino hört, eine Nichte des Schriftstellers Thomas Pynchon ist und sich als feministische Pornografin versteht, hat viel Verständnis für den Widerstand gegen das neue Gesetz.
"Einige Kollegen haben über zwei Stunden am Tag Geschlechtsverkehr, vielleicht 20 Tage im Monat." Mit Kondom würde solche Schwerstarbeit noch länger dauern und wäre noch umständlicher. Mrs. Taormino schlägt stattdessen vor, dass sich die Akteure alle 15 statt wie bisher alle 30 Tage auf Geschlechtskrankheiten untersuchen lassen.
Steven Hirsch jedenfalls will die neuen Auflagen nicht länger hinnehmen. "Wenn die Kondompolizei jeden Augenblick aufmarschieren" könne, dann sei er "jedenfalls weg". Es sei doch klar, dass er und seine Kollegen "aufhören würden, in der Stadt Los Angeles zu drehen".
Vielleicht aber ist alles doch nicht ganz so schlimm, wie es im Augenblick aussieht. Hirsch erklärt, er sei gespannt darauf, wie "die Behörden das neue Gesetz praktisch umsetzen und die Überprüfungen finanzieren wollen".
Die Antwort, aller Aufgeregtheit zum Trotz, scheint jetzt schon klar, und Mr. Hirsch könnte sich eigentlich beruhigen. Die Stadt Los Angeles ist hoffnungslos überschuldet, ihre Polizeistreitmacht ist die kleinste im Vergleich zu anderen US-Metropolen, und Kondomkontrollen am Set stehen einstweilen nicht ganz oben auf ihrer Prioritätenliste.
Von Hans Hoyng

DER SPIEGEL 5/2012
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