06.02.2012

KARRIEREN1,333 Prozent Schuld

Dem Rücktritt hat er sich verweigert, nun jagen ihn möglicherweise die Einwohner davon. Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland muss sich jetzt der Verantwortung für 21 Tote stellen. Er versteht nicht, warum. Von Matthias Geyer
Adolf Sauerland läuft über nassen, weichen Schnee, er zieht einen Werkzeugkoffer hinter sich her, den er vor kurzem im Baumarkt gekauft hat, aus Aluminium und auf Rollen, er schließt die Haustür auf, hält seinen Kopf in den Flur und sagt: "Oh, et müffelt."
Wahrscheinlich die Wasserrohre. Er ist seit einiger Zeit nicht mehr hier gewesen. "Gehn Se schon mal rein", sagt Sauerland, "ich spül eben die Bäder durch." Er läuft mit kleinen, schnellen Schritten die Stufen nach oben, man hört jetzt nur noch das Rauschen von Wasserhähnen.
Das Haus hat er vor vielen Jahren zusammen mit seinem Vater gebaut, an einem Hang im Rothaargebirge, 160 Kilometer weit weg von Duisburg, seiner Stadt. An den Wänden hängt ein Kruzifix, eine Tafel mit der Aufschrift "Unser tägliches Brot gib uns heute", außerdem hängen da ein paar Löffel aus Zinn und ein Rentierfell, das er mal in Norwegen gekauft hat. Manchmal verbringt Sauerland hier das Wochenende. Als im Sommer vor zwei Jahren bei der Love Parade in Duisburg 21 Menschen starben und die Stadt ihren Oberbürgermeister suchte, war das Haus sein Versteck.
"So, jetz müsstet gehn", Sauerland ist zurück im Erdgeschoss, er zieht seinen Werkzeugkoffer in die Küche, dreht die Heizungsventile auf, füllt Kaffeepulver in einen Filter und packt dann eine große Tüte mit Nussecken aus, die er eben im Ort gekauft hat.
Adolf Sauerland spricht eigentlich nicht mehr mit Journalisten, seit das damals passiert ist. Nun hat er sich einen ganzen Tag Zeit genommen, um darüber zu reden, wie er die Dinge sieht. Es soll ein Gespräch werden über Schuld und Verantwortung und über die Frage, wann ein Politiker gehen sollte. Sauerland, ein kleiner, schwerer Mann mit rundem Bauch, rundem Kopf und sauber ausrasiertem Kinnbart, hat einen Parteifreund von der CDU mitgenommen zu dem Gespräch. Er heißt Peter Ibe, und es bleibt unklar, was seine Aufgabe ist. Ibe, ein großgewachsener Bauunternehmer mit behaglichem Stimmklang, setzt sich an den Kopf des Küchentischs, als wäre er ein Schiedsrichter.
Ibe zieht sein iPhone aus der Tasche und sieht nach, was es draußen in der Welt an neuen Nachrichten gibt. Der Empfang im Haus ist schlecht, es dauert lange, bis sich eine Internetseite auf Ibes Telefon geöffnet hat. Irgendjemand hat wieder eine kleine, klebrige Geschichte aus dem Leben von Christian Wulff herausgefunden, wird gemeldet. Jeden Tag schnurrt die Würde des Bundespräsidenten weiter zusammen. "Der arme Kerl", sagt Ibe.
Sauerland kniet auf dem Küchenboden über seinem Werkzeugkoffer, der so groß ist, dass man ein ganzes Haus damit zusammenbauen könnte. Er sucht aber nur einen kleinen Schraubenzieher. Er möchte ein Radio unter einem Oberschrank befestigen. Er blickt hoch, lächelt ein bisschen und sagt: "Ich sag dazu nix, nee, dazu sag ich gar nix mehr."
Als die Katastrophe in Duisburg passiert war und das ganze Land darauf wartete, dass der Oberbürgermeister die Verantwortung übernehmen, dass er Worte finden und zurücktreten würde, war Christian Wulff noch das gute Gewissen der Politik. Und irgendwann sagte Wulff: "Unabhängig von konkreter persönlicher Schuld gibt es auch eine politische Verantwortung. Das alles wird der Oberbürgermeister genau abwägen müssen."
Sauerland war der Vater dieser Stadt, aber er war einfach weg. Er war mit seiner Familie in dieses Ferienhaus hier geflüchtet, wo es wenig Verbindung nach draußen gibt.
Er hat Schrauben mitgebracht, Spezialschrauben, "Achtziger M4", die kriegt man nicht überall, sagt er. Er lässt sie aus dem Innern des Oberschranks in vorgebohrte Löcher fallen, von außen hält er das Radio fest. Die Schrauben müssen jetzt nur noch in die Gewinde des Radios greifen. Sauerland atmet schwer, dann kracht das Radio auf die Arbeitsplatte.
"Leckomio", sagt er. Er steckt seinen Kopf in den Oberschrank, der Bauch liegt schwer auf der Arbeitsplatte.
Seit der Love Parade hat er 20 Kilogramm zugenommen, das sind zwei Konfektionsgrößen zusätzlich. Der Blutdruck stieg, die Füße wurden dick. Es lag alles daran, dass er nicht mehr diszipliniert essen konnte. Es war eine schwere Zeit, es gab Morddrohungen und hässliche Berichte in den Zeitungen, sogar über sein Privatleben. So gesehen sind sich Adolf Sauerland und Christian Wulff wieder sehr nah in diesen Tagen.
Sauerland zieht den Kopf aus dem Oberschrank, das Radio hängt jetzt an vier Schrauben. Es ist noch nicht richtig fest, aber man kann es erst mal so lassen. Sauerland gießt Kaffee in die Tassen und setzt sich an den Tisch.
Adolf Sauerland hat ein Jahr gebraucht, um sich bei den Angehörigen der Opfer zu entschuldigen. Er hat gesagt, er habe nie etwas persönlich unterschrieben und deshalb auch nichts falsch gemacht. Er kann nicht erkennen, dass er die Verantwortung hätte. Er ist noch immer Oberbürgermeister, trotz allem. Er hat einfach weitergemacht.
Eine Initiative wütender Bürger hat 80 000 Stimmen gesammelt von Duisburgern, die ihn weghaben wollen, so wie ein arabisches Volk seinen Diktator weghaben will. Aber Adolf Sauerland ging nicht. Nächsten Sonntag ist jetzt ein offizieller Wahltag in Duisburg, zum ersten Mal in der Geschichte Nordrhein-Westfalens kann eine Stadt ihren Oberbürgermeister aus dem Amt befördern. Wenn 92 000 Bürger gegen ihn stimmen, muss er gehen.
Adolf Sauerland beißt in eine Nussecke. "Die sind gut, ne?"
80 000 Unterschriften. Beeindruckt Sie das?
"Diese Stadt hat 485 000 Bürger."
Es beeindruckt Sie also nicht?
"Es ist mehr als unangenehm. Gestern war ich sogar Gegenstand einer Frage bei dieser Rateshow. Wie heißt die gleich?"
"'Wer wird Millionär?'", sagt Ibe.
Die Frage war: Wogegen haben die Bürger Duisburgs 80 000 Stimmen gesammelt? Wattenmeer, Sächsische Schweiz, Sauerland oder Schwarzwald? Es ging um 1000 Euro. Sauerland war eine Ramschfrage.
"Glauben Sie mir, das ist nicht einfach."
Verstehen Sie, dass man in Ihnen alle Klischees wiederfinden kann, die es von Politikern gibt?
"Nein. Was denn?"
Machtversessenheit.
"Nein, nein."
Auf SPIEGEL ONLINE hat er neulich eine interessante Nachricht gelesen. Es ging um die Wahl in Russland. Es hieß, dass Putin in einer Moskauer Nervenheilanstalt 93 Prozent der Stimmen geholt habe. Moskau und Duisburg, das ist im Prinzip dasselbe. In Duisburg, so jedenfalls hat Sauerland das gehört, sind die Leute von der Initiative mit ihren Listen in die Altersheime gegangen. Und haben Unterschriften von Menschen gesammelt, die gar nicht mehr schreiben können.
"Könnt ich prüfen lassen. Mach ich aber nicht", sagt Sauerland.
Sein BlackBerry klingelt, eins von zwei Telefonen, die er manchmal vor sich herträgt wie Reichsäpfel. Der Chef einer städtischen Gesellschaft ist dran. Am Ende des Gesprächs sagt Sauerland: "Ja, is gut, ich ruf dann da mal an. Tschüs."
Es ging offenbar darum, dass diese Gesellschaft mehr Geld braucht und dass der Oberbürgermeister behilflich sein soll.
"Hätt se mal besser nich angenommen, Adolf", sagt Ibe.
"Wieso?", fragt Sauerland.
Er ist ja sehr gern Oberbürgermeister. Er freut sich doch, wenn er gebraucht wird. Wenn ihm die eigenen Wähler keinen Tomatenketchup ins Gesicht spritzen, wie das schon passiert ist. Wenn bei Personalversammlungen niemand aufsteht und sagt: "Ich schäme mich, es ist unerträglich", wie das jetzt eine Angestellte der Stadt tat. Die Gelegenheiten, bei denen er störungsfrei Oberbürgermeister sein kann, werden weniger. Schön ist es deshalb immer, wenn es Termine mit Kindern gibt.
Vor kurzem war das Kinderprinzenpaar der neuen Karnevalssession im Duisburger Rathaus, es trug rote Jacken und weiße Schals und hörte einfach zu, was Adolf Sauerland im Karneval schon so alles erlebt hat. Es hörte Geschichten vom Fuzzi und vom Zwacki, Prinzen aus früheren Jahren, er kannte sie alle.
Am Ende bekam er einen Orden geschenkt. "Oh, schön", sagte Sauerland, er schob die randlose Brille auf die Stirn und sah den Orden lange an. Für einen Moment wurde es ganz still, und man bekam eine Ahnung davon, welche Magie Orden für Adolf Sauerland haben müssen.
Er steckte den Orden in seine Jackentasche und lief hinunter ins Erdgeschoss. Im Treppenhaus stand eine große Fotowand mit einer Luftaufnahme von Duisburg. In der Mitte waren viele gelbe Flächen markiert. Sauerland blieb davor stehen, seine Hand wedelte über die gelben Flächen, er sagte: "Dat hier, dat is alles Foster."
Foster, Lord Norman Foster. Foster, der die Reichstagskuppel in Berlin plant und den Swiss-Re-Tower in London und den Flughafen in Peking, aber eben auch die Innenstadt von Duisburg. Und er, Sauerland, hat Foster geholt.
Kann man auf der Luftaufnahme eigentlich auch das Gelände der Love Parade sehen?
Sauerland wackelte mit dem Kopf, nein, sagte er, "dat is da unten", er bückte sich tief, als würde er etwas auf dem Boden suchen, "dat is da nich mehr drauf".
Es ist jetzt richtig warm geworden in der Küche, am Fenster treibt Schneeregen vorbei, Sauerland schüttet einen Rest Kaffee in die Tasse. "Ich mach noch mal frischen", sagt er.
Haben Sie sich eigentlich etwas vorzuwerfen?
Er putzt mit dem Spüllappen die Warmhalteplatte sauber und setzt die Kanne darauf, "so", der Kaffee dauert jetzt einen Moment.
"Wissen Sie, im Nachgang hab ich immer überlegt: Hätte ich mich persönlich noch mehr damit beschäftigen sollen? Aber wir hatten ja Experten. Ich hab mir berichten lassen, was kann man noch mehr machen? Ich wüsste nicht, was. Wir haben alles getan, dass es zu dieser Katastrophe nicht kommen kann."
Aber es ist dazu gekommen.
Sauerland ritzt jetzt mit dem Fingernagel das Veranstaltungsgelände auf die Tischdecke. Die Zugangsstraßen, die Rampe, den alten Güterbahnhof. Überall gab es Tore, und die Tore konnte man auf- und zumachen. Vorn an den Straßen gab es Tore, sogenannte Vereinzelungsanlagen, die geschlossen werden sollten, wenn der Andrang zu groß werden würde.
Er betrachtet die Linien auf der Tischdecke. Es sieht so aus, als liege das perfekte Veranstaltungsgelände vor ihm. Als könnte man darauf sofort wieder eine Love Parade veranstalten, wenn man wollte. Auf der Tischdecke hat alles funktioniert.
"Das, was passiert ist, hätte nach den Sicherheitsszenarien nie passieren dürfen. Warum das passiert ist, weiß ich nich. Sag ich auch nix zu. Die Zuständigkeit der Stadt endete vor den Vereinzelungsanlagen. Und danach war das die Zuständigkeit anderer. So ist die Erklärung."
Die Stadt, heißt das, hat keinen Fehler gemacht. Er, der Oberbürgermeister, hat damit auch keinen Fehler gemacht. Er hat keine Schuld. Und damit hat er auch keine Verantwortung, juristisch gesehen.
"Dat klären jetz die Gerichte", sagt Sauerland.
Muss man als Oberbürgermeister von einem Gericht schuldig gesprochen werden, um verantwortlich zu sein?
"Wenn Sie sagen: Der Oberbürgermeister einer Stadt ist politisch verantwortlich, wenn in seiner Stadt irgendetwas passiert, mit dem er kausal erst mal nicht direkt unter Umständen zu tun hat, ja, dann sollten Se den Job einfach einstellen."
Warum?
"Weil ihn dann keiner mehr machen kann. Und will. Und wird. Wann ist ein Oberbürgermeister verantwortlich für das, was in seiner Stadt passiert? Nehmen wir mal an, in Duisburg passiert ein schlimmer Unfall, Verkehrsunfall, Fußgängerunfall. Trägt der OB dann die politische Verantwortung?"
Nein.
"In Duisburg gibt es einen Unfall bei einer Kirmes. Trägt der Oberbürgermeister die politische Verantwortung?"
Nein.
"Weil das eine private Sache ist. Die Love Parade auch."
Die Love Parade war eine Massenveranstaltung, die Sie in Ihrer Stadt haben wollten.
"Das ist keine städtische Veranstaltung, sondern eine Veranstaltung von einem privaten Veranstalter. Auf einem Privatgelände. Bei dem der Oberbürgermeister die Verantwortung für eine Genehmigung trägt. So. Dat is alles. Genauso, wie er die Verantwortung trägt für die Genehmigung einer Straßenführung, wie er die Verantwortung trägt für Kreuzungssituationen. Kann überall wat passieren."
Was haben Sie mit der Tatsache zu tun, dass es in Duisburg 21 Tote gab?
"Ungefähr so viel wie jedes der anderen 74 Ratsmitglieder auch. Und diejenigen, die jetzt rumrennen und sagen, der muss weg, die sind danach alle abgetaucht. Für die gab es nur einen Idioten, der dat wollte, und dat war der Oberbürgermeister."
Wollte der das nicht?
"Der wollte das auch. Aber mit einem Stimmenanteil von einem Fünfundsiebzigstel. Und deshalb hab ich gesagt: Die moralische Verantwortung, dat gewollt zu haben, die übernehme ich, und dat is verdammt scheiße, mit der zu leben. Aber die 74 anderen bitte auch."
Sie sind der Chef dieser 74.
"Wissen Se, ich bin der Vater von vier Kindern. Aber nicht der Chef der 74. In keinster Weise."
Was sind Sie denn sonst als Oberbürgermeister?
"Ich bin der Vorsitzende des Rates. Und der Chef der Verwaltung. Aber nicht der Chef des Rates."
Von der Arbeitsplatte her gurgelt die Kaffeemaschine, Adolf Sauerland hat die Jacke ausgezogen, seine Arme stecken in einem weißen Oberhemd mit einem zu großen Kragen, sie liegen jetzt ruhig vor seinem Bauch. Sauerland sitzt auf seinem Stuhl wie ein Findling. Man kann ihn schwer bewegen.
Wieder klingelt ein BlackBerry, diesmal das andere, das private. In der Leitung ist jemand, der Peter heißt, es geht um neue Winterreifen für den Mini, ein Cabrio, das Sauerland letzten Sommer angeschafft hat. "Der soll die Dinger bringen", sagt Sauerland.
Peter ist Angestellter in einem Reisebüro, das Sauerland mit seiner Frau aufgebaut hat. Angefangen haben sie mit einem Schreibwarenladen, und dann wurden sie immer größer. Inzwischen kümmert sich nur noch Sauerlands Frau ums Geschäft, er selbst ist ja auch immer größer geworden, als Politiker.
Er ist im Stadtteil Walsum auf die Welt gekommen, im Norden von Duisburg. Seit der Krieg vorbei ist, gab es hier praktisch nur die SPD. Sauerlands Vater war im Bergbau, aber nie bei den Sozialdemokraten, er leitete Kirchenchöre und spielte die Orgel, auch in evangelischen Kirchen, obwohl er Katholik war. Adolf Sauerland ist viele Jahre lang Messdiener gewesen, das Katholische ist ihm nach wie vor wichtig. Er ging in die CDU, nachdem Franz Josef Strauß 1980 die Bundestagswahl verloren hatte. Als Sauerland Oberbürgermeister wurde, war das wahrscheinlich wie eine Revanche für damals.
"In der Nacht, als Adolf gewonnen hatte, da haben bei uns erwachsene Männer geweint", sagt Peter Ibe, er guckt über den Küchentisch wie ein Groupie. "Weißt du noch, Adolf?"
Vergessen wird ja gern, hinter dem ganzen Ärger um die Love Parade, was Adolf Sauerland in all den sieben Jahren, in denen er Oberbürgermeister ist, geschaffen hat. Vor ein paar Wochen ließ er sich von seinem Chauffeur, Herrn Weiß, von Duisburg nach Walsum fahren, zu einem gemütlichen Abendessen, und unterwegs zeigte er seine Stadt oder besser das, was er aus dieser Stadt gemacht hat. Man konnte ihn sich dabei auch am Mikrofon vorstellen bei einer Stadtrundfahrt mit dem Bus.
Es ging dann weiter Richtung Walsum, und Herr Weiß fuhr durch das Duisburger Hafengelände auf Straßen, die es eigentlich gar nicht gibt, so sagte es Sauerland jedenfalls.
"Woher kennt Herr Weiß die Wege? Na? Wer ist Chef der Hafengesellschaft?", fragte Sauerland. Er saß auf dem Beifahrersitz wie ein kleiner Hafenkönig. Wahrscheinlich ist es kein schöner Gedanke für einen Hafenkönig, irgendwann wieder Fernreisen oder Büromaterial verkaufen zu müssen.
In Walsum kam erst mal links das Krankenhaus, in dem er geboren wurde, "und gleich kommt links die Feuerwache". Herr Weiß fuhr an der Feuerwache vorbei, hinter den Garagentoren standen drei Feuerwehrwagen. "Einen von denen hab ich neulich getauft. Der heißt jetzt Adi."
Adi. Sauerland ist 1955 geboren. Wie kommt er eigentlich an den Namen Adolf?
"Mein Vater hieß so. Mein Großvater hieß so. Das war eine Tradition. Aber die habe ich beendet. Von meinen Kindern heißt keins Adolf."
Das Auto parkte schließlich vor einem Fischrestaurant, das eigentlich immer ausgebucht ist. Der Oberbürgermeister Sauerland hatte vor einer Stunde anrufen lassen, und schon war ein großer Tisch frei. Zwei Angestellte führten ihn an seinen Tisch wie eine Garde. Er musste gar nichts bestellen, es kam alles von selber, erst der Restaurantchef und dann das Essen. Erdnüsse, kleine frittierte Sprotten, Muscheln, Schnecken, Catfish gebraten, Catfish gedünstet, Bratkartoffeln, dazu König Pilsener und klarer Schnaps mit einem Würfelzucker im Glas. Nach jedem Gericht kam die Bedienung und fragte: "Ist auch alles recht, Herr Sauerland?" Wenn etwas auf den Tisch gestellt wurde, aß Sauerland es auch auf.
Es passt einiges in ihn rein. Er kann viel vertragen.
Vielleicht sind das Momente, die einen Politiker am Leben halten, um den es einsam geworden ist. Vielleicht muss man sich Christian Wulff, wenn er im Schloss Bellevue Briefe von Bürgern öffnet, die ihm Mut machen, so vorstellen wie Adolf Sauerland im Fischrestaurant. Es gibt immer auch einen anderen Blick auf die Wirklichkeit.
Wulff ist nach der Love Parade mal in Duisburg gewesen. Er war da schon Bundespräsident, und es war noch alles gut. Er kam als Besucher zu einem Konzert, Fritz Pleitgen und Hannelore Kraft waren auch gekommen, und auf einem Foto klaffte eine große Lücke zwischen dem Bundespräsidenten und dem Oberbürgermeister. Das Foto sah aus wie eine Karikatur vom Guten und vom Schlechten. In den Zeitungen stand, Wulff habe mit Sauerland nichts zu tun haben wollen.
Aber das war nicht so, sagt Sauerland. Die Wahrheit war, dass es regnete und dass Pleitgen plötzlich einen Schritt nach links gemacht habe, um unter den Regenschirm des Bundespräsidenten zu kommen. So sei die Lücke entstanden. Unter anderem deshalb hat Adolf Sauerland neulich auch von "Scheiß-Journalismus" gesprochen.
Jetzt kommen sie wieder alle an und wollen mit ihm sprechen, wegen des Abwahlverfahrens. Aber das macht er natürlich nicht. Die wollen ja sowieso nur wissen, warum er nicht zurücktritt. "Ich hab doch keine Lust, morgens schon in die Zeitung zu kotzen, oder?" Er nimmt sich noch eine Nussecke vom Teller.
"Denk dran, Adolf, da läuft ein Tonband", sagt Peter Ibe.
Haben Sie eigentlich mal ernsthaft darüber nachgedacht zurückzutreten?
"Also, jeder Vergleich, den ich jetzt wählen würde, wär hinkend. Deshalb will ich das nicht vergleichen, ja? Aber vielleicht nur mal so ein Gedankengang: Als der Radkranz vom ICE abgesprungen ist und Menschen ums Leben gekommen sind, ist da jemand hingegangen und hat gesagt: Der Bundesverkehrsminister muss zurücktreten? Oder die Bundeskanzlerin? Der Bundesverkehrsminister war Herr der Bahn. Und der Bundesverkehrsminister ist so was wie ein Dezernent bei mir. Also, die politische Verantwortung, die es da geben möchte, liegt dann bei denjenigen Institutionen, die über dem Bundesverkehrsminister stehen. Dat ist de Bundeskanzlerin. Eindeutig."
Auf dem Esstisch liegt ein Text, den der frühere Bundespräsident Roman Herzog einmal in der "Welt" veröffentlicht hat. Es geht darin um die Frage, wann ein Politiker die Verantwortung übernehmen muss. Der Text ist von 2001, und Sauerland ist froh, dass er ihn noch gefunden hat. Er zieht ihn heran wie ein entlastendes Indiz.
Herzog schreibt darin, einfach gesagt, dass ein Politiker nicht zurücktreten sollte wegen etwas, das er nicht selbst verschuldet hat. Das macht Sauerland gute Laune.
Herzog schreibt aber auch: "Wer nicht untragbar geworden ist, sollte auch nicht zum Rücktritt aufgefordert werden, und nur wer untragbar ist, sollte gehen müssen."
Adolf Sauerland kam nicht zum Gedenkgottesdienst für die Toten seiner Stadt, weil die Angehörigen ihn nicht dabeihaben wollten. Er war nicht bei der Eröffnung des Mahnmals, weil die Bürger ihren Oberbürgermeister da nicht sehen wollten. Er darf nicht mal die Weihnachtskarten an die Eltern der Toten unterschreiben.
Sind Sie nicht schon deshalb untragbar geworden?
"Dat is ne schwierige Situation, ja. Und dat tut auch weh. Dat is nich so ganz einfach."
Er spricht jetzt ganz leise, seine Stimme bricht ihm weg. Für einen Moment sieht es so aus, als gäbe es noch ein Opfer mehr in Duisburg. Peter Ibe sitzt still auf seinem Platz und bewegt sich nicht.
Es ist so gut für Adolf Sauerland, dass es Leute gibt wie Peter Ibe. Leute von der CDU, die es auch mal andersherum sehen. Kurz vor Weihnachten waren sie alle zusammengekommen, es war der erste Parteitag seit der Love Parade. Sie trafen sich in einer Mehrzweckhalle, die Sauerland einige Jahre zuvor vor dem Abriss gerettet hatte. Die meisten waren schon ältere Männer, einige von ihnen lassen sich ab und an zusammen mit dem Oberbürgermeister Akupunkturnadeln in die Ohren stecken, um Gewicht zu verlieren. Draußen im Foyer gab es Currywurst, Buletten und Bier, Sauerland saß drinnen auf einem Podest und lutschte Hustelinchen-Bonbons, weil er eine schwere Erkältung hatte.
Der Parteivorsitzende sprach von einer "Hexenjagd, beispiellos und unterirdisch", und sagte: "Adolf, meinen ganz großen Respekt. Ich weiß gar nicht, wie du das ausgehalten hast."
Sauerland blinzelte in die Halle und hielt mit letzter Kraft eine Rede. Er sprach von Foster und der schönen Innenstadt, dem schönen Weihnachtsmarkt und dem schönen Parkhaus, von den Weihnachtstagen, die schlimm seien für ihn, weil man immer an die Opferfamilien denken müsse. Er sagte, dass Duisburg nicht in die Hände der Sozialdemokraten zurückfallen dürfe und dass er keine Angst habe vor dem 12. Februar, vor dem Tag, an dem er abgewählt werden soll. Er wirkte eigentlich ganz zuversichtlich. Kaum jemand in der Stadt glaubt ja, dass an einem einzigen Sonntag 92 000 Stimmen zusammenkommen werden, weil die Leute wahrscheinlich wie immer zu faul sind, wählen zu gehen. Wahrscheinlich wird er noch sehr lange Oberbürgermeister bleiben.
Adolf Sauerland guckt auf die Uhr, es ist spät geworden, und er hat jetzt Hunger auf etwas Herzhaftes.
Ist das alles nicht auch eine Frage der Ehre?
"Mmh. Eine Frage der Ehre heißt auch, dass man seine Leute nicht im Regen stehen lässt."
Verstehen Sie, dass es die Sehnsucht gibt nach einem, der dafür geradesteht?
"Es gibt ja einen, der dafür geradesteht."
Wer denn?
"Der, der die Verantwortung dafür zu tragen hat. Den wird's geben, wenn das Gericht es sagt. Und der isset dann."
Und so lange trägt niemand die Verantwortung dafür, dass 21 Menschen tot sind.
"Ja, so isset. Dat stimmt."
Sauerland erhebt sich, er packt die restlichen Nussecken in eine Frischhaltetüte und fegt mit der Hand die Krümel vom Tisch. Er geht an den Oberschrank, steckt seinen Kopf hinein und dreht die vier Schrauben fest. Er stellt sich vor das Radio und bückt sich noch einmal, dann sagt er: "Eins, zwei, fertich. Alles schön fest und gerade."
Er zieht seinen Werkzeugkoffer in den Flur, bleibt stehen, er atmet tief ein und läuft noch mal eben in den Keller, die Bäder unten durchspülen. Als er wieder oben ist, sagt er: "So, jetzt müffelt nix mehr." Es ist jetzt eigentlich alles in Ordnung. ◆
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 6/2012
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