13.02.2012

KOMMENTARDer Rabattkönig

Von Dirk Kurbjuweit
Christian Wulff hat sich von reichen Freunden zu luxuriösen Urlauben einladen lassen. Christian Wulff flog in einer höheren Klasse als gebucht, ohne dafür zu bezahlen. Christian Wulff ließ sich sein Haus über einen verbilligten Kredit finanzieren. Christian Wulff fuhr ein Auto, für das er einen Rabatt bekommen hat.
Na und? Sind das nicht Kleinigkeiten diesseits der Skandalschwelle, lässliche Sünden? Schon hört man, dass die Presse die Nerven mancher Bürger strapaziere mit ihren ewigen Enthüllungen im Mikrobereich. Manche glauben inzwischen, nicht Wulffs Gebaren sei der Skandal, sondern der Jagdeifer der Presse.
Aber das ist nicht wahr. Der Skandal liegt in der Masse der Kleinigkeiten. Aus all den Enthüllungen puzzelt sich ein Bild zusammen, das Bild eines Charakters, der um drei Begriffe kreist: Vergünstigung, Aufwertung und Selbsterniedrigung. Diese Begriffe stehen im Widerspruch zu dem, was von einem Politiker in einer Demokratie erwartet wird. Sie stehen besonders im Widerspruch zu dem, was von einem Bundespräsidenten erwartet wird.
Vergünstigung: Wulff trachtet nach Rabatten. Er möchte ein teures Leben billig bekommen. Er will nicht die Preise zahlen, die ein normaler Bürger für ein Leben wie seines zahlen müsste, für Haus, Auto und Urlaub. Für den Rabatt - im Falle eines Geschenks liegt der Rabatt bei 100 Prozent - nutzt Wulff seine Ämter. Sie geben ihm das Privileg, sich von reichen Freunden oder Firmen begünstigen zu lassen. Denn die versprechen sich etwas davon.
Bislang konnte niemand nachweisen, dass der Bundespräsident korrupt ist. Aber wer so viel Wert darauf legt, Vergünstigungen zu bekommen wie Wulff, kann dem Verdacht nicht entgehen, verführbar zu sein und sich mit Gegenleistungen seine Privilegien zu verdienen. Diesem Verdacht hätte er seine Ämter nicht aussetzen dürfen.
Es ist zudem unwürdig, wenn der Bundespräsident der Rabattkönig des Landes ist. Die Jagd nach dem kleinen Preis kommt aus einem kleinen Gemüt, es sei denn, sie geschieht aus der finanziellen Beengung heraus. Und in der Demokratie sollen nicht Privilegierte Ämter ausüben, sondern Repräsentanten des Volkes.
Aufwertung: Wenn Pubertierende vom großen Leben träumen, dann träumen sie vom Film. Der Glamour gilt vielen als die große Belohnung. Auch Christian Wulff mag diese Art von Glamour, auch er möchte sich durch das Filmmilieu aufwerten.
Wulff machte Urlaub in der Villa Carsten Maschmeyers, der mit dem Filmstar Veronica Ferres liiert ist. Wulff ließ sich von der Firma Zentis zum Filmball nach München einladen. Er ließ sich vom Filmproduzenten David Groenewold auf Partys mit lauter Schauspielern einladen. Zudem zahlte Groenewold mit seiner Kreditkarte für Wulff und dessen Frau einen Hotelaufenthalt auf Sylt.
Jenseits der Frage nach den Rabatten wäre es schön, könnte wenigstens ein Politiker seine Ämter als so bedeutend und erhebend empfinden, dass er nicht nach weiteren Aufwertungen jiepert. Die Demokratie hat Wulffs kindische Sehnsucht nach dem Filmglamour nicht verdient.
Selbsterniedrigung: Wer als wohlhabender Mann nach Rabatten lechzt, erniedrigt sich. Wer es als Spitzenpolitiker nötig hat, sich durch Filmglamour aufzuwerten, erniedrigt sich. Wer als Bundespräsident die Mobilbox des Chefredakteurs von "Bild" anfaucht, erniedrigt sich. Wer sich so verteidigt wie zuletzt Christian Wulff, erniedrigt sich in krasser Weise.
Groenewold habe die Hotelrechnung 2007 zwar mit seiner Kreditkarte beglichen, sei aber umgehend von Wulff in bar ausgezahlt worden, hat Wulffs Anwalt behauptet. Da stand also der Ministerpräsident von Niedersachsen und zählte einem 14 Jahre jüngeren Mann ein Bündel Geldscheine in die Hand. Wenn das nicht gelogen ist, wünschte man sich beinahe, es wäre gelogen, weil es so unwürdig ist. Und wenn es gelogen ist, dann hat sich Wulff womöglich als korrupt gezeigt, weil jener Groenewold eine Bürgschaft des Landes Niedersachsen bekommen hat. Das sind die Alternativen, die Wulff zu bieten hat.
Das sind nicht die Alternativen für ein Staatsoberhaupt. Ein Politiker erniedrigt mit seinem Verhalten nicht nur sich, sondern auch sein Amt. Und deshalb wird aus diesen vielen Kleinigkeiten ein großer Fall. Christian Wulff hat nicht den Charakter, um das höchste Amt im Staat bekleiden zu können. Er zieht es hinab auf ein Niveau, das nicht zu ertragen ist. Er sollte endlich gehen.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 7/2012
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