13.02.2012

GRIECHENLANDDer Winzer, der Müll und die Stadt

Ein Politiker der besonderen Art: In Thessaloniki räumt ein Bürgermeister das korrupte Erbe seiner Vorgänger beiseite. Ausländische Kreditgeber überhäufen ihn mit Lob.
An einem Donnerstag im Januar sitzt der Bürgermeister von Thessaloniki in einem riesigen Büro in Berlin-Tempelhof und bringt die Sache auf den Punkt. "Ihre Stadt ist sauber, unsere ist dreckig", sagt Giannis Boutaris. Er spricht mit tiefer, rauer Stimme: "Bei Ihnen funktioniert, was bei uns nicht funktioniert." Nach Berlin ist er gekommen, um zu lernen, wie dieser beklagenswerte Zustand zu ändern sein könnte - und zwar möglichst schnell.
Boutaris, 69, ist ein schmaler, sehniger Mann mit goldener Nickelbrille, goldenem Ohrstecker und grauem Igelhaar. Mit seiner Delegation ist er zu Gast in der Zentrale der Berliner Stadtreinigung. Über ihm hängt ein Beamer. Gerade hat Boutaris in einer Powerpoint-Präsentation erfahren, wie die Berliner die "Verwertung biogener Abfälle zur Nutzung organischer Restmassen im Siedlungsabfall" handhaben. Er weiß jetzt, dass in der deutschen Hauptstadt jährlich 1,3 Millionen Tonnen Müll anfallen und dass vor allem die 200 000 Hunde ein Problem sind, wenn es darum geht, die Straßen sauber zu halten.
In Thessaloniki sind die Hunde das geringste Problem. Dort funktioniert die gesamte Abfallentsorgung nicht. Boutaris hebt die Hände: "Wir brauchen Ihre Hilfe."
Das Ansinnen, das der Bürgermeister der zweitgrößten griechischen Stadt vorträgt, ist eine kleine Sensation. Es vergeht kein Tag, an dem nicht in irgendeiner griechischen Zeitung die angeblichen Parallelen zur deutschen Besatzungszeit erörtert werden, und hier fragt ein Politiker Deutsche, wie er seine Stadt in Ordnung bringen könne.
Zu sagen, es stehe miserabel um die Beziehungen zwischen Griechen und Deutschen, wäre ein Euphemismus. Angela Merkel wird in Griechenland noch mehr gehasst als die eigenen Politiker, die sich zu Hause nicht mehr auf die Straße trauen. Merkels Spardiktat, glauben die Griechen, mache ihnen das Leben zunehmend unmöglich.
Giannis Boutaris ist der außergewöhnlichste Politiker Griechenlands. Dabei besteht er darauf, eigentlich keiner zu sein. Er sei das Gegenteil von einem Politiker, ein Geschäftsmann, der sich um eine neue Aufgabe kümmere: um die Stadt, die er seit ziemlich genau einem Jahr regiert.
Es kommt eher selten vor, dass die internationalen Beobachter, die heute für EU, IWF und Europäische Zentralbank in Athen arbeiten, über einen einheimischen Politiker etwas Freundliches sagen. Und es kommt so gut wie nie vor, dass sie vom Reformwillen eines Griechen schwärmen. Bei Boutaris tun sie es. Thessaloniki sei seit dessen Amtsübernahme eine "Insel der Hoffnung", ein "Modell für ganz Griechenland", heißt es in den Berichten an die Zentralen. Ein Mitarbeiter der EU-Kommission in Athen sagt: "Boutaris ist die Ausnahme, ein Leuchtturm. Alle anderen können sich was abgucken bei ihm."
Dabei ist der Vielgelobte von Haus aus eigentlich Winzer. Sein Xinomavro, sein Syrah, sein Merlot haben bei internationalen Wettbewerben Goldmedaillen gewonnen. Das Weingut hat er an seine drei Kinder übergeben, als er vor ein paar Jahren beschloss, sich hauptberuflich um seine Stadt zu kümmern.
Vor sieben Jahren gründete er die "Initiative für Thessaloniki", eine Art Bürgerverein. Er begann durch die Stadt zu radeln, für mehr öffentliche Verkehrsmittel und für einen pfleglicheren Umgang mit öffentlichen Plätzen zu werben. Seit Januar 2011 ist er Bürgermeister. Er ist nach wie vor parteilos, die sozialistische Pasok hat ihn bei der Wahl unterstützt.
"Es hat eine Weile gedauert, aber jetzt weiß ich, wie das Ganze hier funktioniert", sagt Boutaris und verzieht die Furchen in seinem Gesicht. Er steht vor einer Pinnwand in seinem Büro im Rathaus, einem Betonklotz, wie ihn deutsche Nachkriegsarchitekten nicht trostloser hätten entwerfen können. Es ist ein Mittag im Februar, aus der Stereoanlage krächzt Janis Joplin, an der Pinnwand hinter ihm hängt ein weißes Blatt Papier. "We're going to believe in honest things again", wir werden wieder an ehrliche Dinge glauben, steht darauf.
"Das ist das Gute an der Krise", sagt Boutaris: Die Griechen seien gezwungen umzudenken. Die leeren Versprechen der Politiker, ihre Verantwortungslosigkeit hätten nun ein Ende. "Es ist ja kein Geld mehr da, um die Wähler zu kaufen", sagt Boutaris. Also muss er etwas unternehmen.
Gleich nach seinem Amtsantritt ist Boutaris nach Istanbul gereist und hat bei den verfeindeten Nachbarn für einen Besuch in "unserer alten Stadt" geworben; Thessaloniki gehörte bis vor hundert Jahren noch zum Osmanischen Reich. Seither fliegt Turkish Airlines die Route Istanbul-Thessaloniki wieder direkt, die Zahl der türkischen Touristen hat sich im vergangenen Jahr verdoppelt. Der Tourismus ist wichtig für die Stadt, in der die Arbeitslosigkeit bei 25 Prozent liegt.
Doch seine größten Erfolge kann er bei der Sanierung seiner Kommunalverwaltung vorweisen. Boutaris macht von sich aus, was vom übrigen Griechenland seit zwei Jahren mit jedem neuen Kreditvertrag gefordert wird und was mittlerweile mit internationaler Hilfe durchgesetzt werden soll - er versucht, seine Stadt funktionstüchtiger zu machen.
In seiner ersten Woche als Bürgermeister heuerte er einen Wirtschaftsprüfer an. Ein Novum, nicht nur für Thessaloniki. "Wir wissen jetzt genau, wie arm wir sind", sagt Boutaris. Es gibt einen Haushaltsplan und eine Buchführung, alle Ausgaben werden überwacht. Das ist nicht selbstverständlich in Griechenland.
Neben dem Rathaus, im Café des byzantinischen Museums, sitzt Spiros Pengas, 43, der Vizebürgermeister. "Wäre die Krise nicht gewesen, wir hätten es nicht geschafft", sagt er: "Die Stadt war verrottet."
Thessaloniki galt immer als Hochburg der Konservativen, der Nationalisten. In der Region, die als "Tor zum Balkan" galt und in der viele Völkerschaften keinesfalls spannungsfrei zusammenlebten, wurde die Hellenisierung besonders heftig vorangetrieben. 24 Jahre lang herrschte die konservative Nea Dimokratia im Rathaus; sie hielt die Stadt mit ihrer Klientel besetzt.
Während des Wahlkampfs verwehrte der Erzbischof dem Kandidaten Boutaris, bei einer Messe das Kreuz zu küssen und belegte ihn mit einer Art Bannfluch: "Solange ich im Amt bin, wirst du das Rathaus nicht von innen sehen." Die Szene wurde von einem Fernsehteam aufgezeichnet, selbst konservative Bürger waren empört über die Anmaßung des Geistlichen. "Die Leute wollten die Veränderung, sie haben gemerkt, das geht so nicht weiter", sagt Pengas. Unter Boutaris' Vorgänger waren plötzlich 51,4 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt verschwunden. Einfach so. Niemand wusste, wohin. Gegen einen ehemaligen Präfekten wird inzwischen ermittelt.
Auch Spiros Pengas, der in München Politikwissenschaften studierte, wollte nie Politiker werden. "Der Unterschied zwischen deutscher Theorie und griechischer Praxis war mir zu groß", sagt er. Boutaris hat ihn umgestimmt und für die Politik gewonnen. In seinem Team arbeiten viele wie Pengas; sie sind jung, die meisten gerade halb so alt wie Boutaris, und sie kommen nicht aus der Politik. Einer war Analyst bei der Bank von Griechenland, ein anderer arbeitete bei einer Unternehmensberatung.
Boutaris ist ein Gegenmodell zu allem Bisherigen. Das mag auch daran liegen, dass er nicht verheimlicht, dass sein Leben nicht immer gradlinig verlief. Boutaris ist bekennender Alkoholiker, zehn Jahre lang war er schwerer Trinker. Jedes Jahr feiert er nicht nur seinen Geburtstag, sondern auch den Tag, an dem er aufgehört hat zu trinken. Seit 21 Jahren ist er schon trocken. Er war auch mal geschieden, sieben Jahre lang. Dann hat er wieder geheiratet - seine Ex-Frau. Für das orthodoxe Griechenland ist so viel nicht kaschierte Lebenserfahrung ungewöhnlich. Als seine Frau 2007 starb, hat er sich ein Einhorn auf den Unterarm tätowieren lassen, zur Erinnerung an ihr "fabelhaftes Wesen". Als er die Trauer nicht länger ertragen konnte, ließ er sich eine Echse auf den Handrücken stechen. Ein Tier, dessen Häutungen ihn daran erinnern sollen, dass es in der Natur des Lebens liegt, sich zu wandeln.
Vielleicht ist es dieser ständige Blick auf den Gecko, der ihn Dinge anpacken lässt, die andere längst als hoffnungslos aufgegeben haben.
So hat Boutaris einen Personalmanager eingestellt, der die Beamten und ihre Arbeit bewertet. Das Prinzip leistungsorientierter Arbeit im Öffentlichen Dienst versuchen französische Verwaltungsexperten im Auftrag der EU-Task-Force für ganz Griechenland durchzusetzen. Sie kommen nicht recht voran, die Widerstände sind groß.
In Thessaloniki kümmert sich Vassilis Kappas, 42, um die Reformen in der Stadtverwaltung. Er sagt: "Wir haben fast 5000 Angestellte hier, uns reichen auch 3000." Viele hätten nie gelernt zu arbeiten. Früher reichte es, den richtigen Kandidaten zu wählen, um auf Lebenszeit verbeamtet zu werden. Der Klientelismus hat das Gemeinwesen zermürbt. Kappas hat einen Plan erarbeitet, in dem die Zahl der Direktorate im Rathaus von 32 auf 20 verringert wird. Der Stadtrat wird bald darüber abstimmen.
"Es gab verrückte Sachen hier", sagt Kappas, zum Beispiel ein System fiktiver Überstunden. Die meisten Angestellten hatten Hunderte Überstunden angehäuft, ohne je anzugeben, für was genau sie wann so viel mehr gearbeitet hatten. Jetzt ist die Zahl der Überstunden samt ihrer Bezahlung gedeckelt. Der Erfolg lässt sich belegen: 2011 sanken die Ausgaben der Stadt um 30 Prozent. Das Haushaltsdefizit, das sonst jedes Jahr um mehr als das Doppelte wuchs, schrumpfte zum ersten Mal, um 7,5 Prozent.
Wegen seiner Deutschlandreise ist der Bürgermeister im Stadtrat von seinen Gegnern angegriffen worden; die Zeitung "Kathimerini" hat an seinem Verstand gezweifelt, ausgerechnet die Deutschen um Rat zu bitten.
Doch Boutaris will weiter andere Länder fragen, wie sie dort ihren Müll entsorgen oder ihre Häfen verwalten. Ein zusammengebrochenes System könne niemand mehr reparieren oder verbessern. "Es muss weg, und da muss etwas Neues hin", sagt Boutaris. Er zieht an seiner filterlosen Zigarette, seine Stimmlage gleicht der von Janis Joplin. Jeder Einzelne müsse das kapieren - seine Bürger ebenso wie alle Griechen.
Von Julia Amalia Heyer

DER SPIEGEL 7/2012
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