13.02.2012

ESSAYHab isch gesehen mein Kumpel

Wie die Migration die deutsche Sprache verändert hat Von Uwe Hinrichs
Menschen, die ihre Heimat verlassen, sei es aus Not oder aus Neigung, bringen außer ihren Hoffnungen auch ihre Sprache mit. Zu allen Zeiten und überall haben Einwanderer die Sprache ihres jeweiligen Gastlandes verändert. Überall war und ist dies ein kreativer, fruchtbarer Prozess. Die Zonen, in denen solche Kontakte vielfältigen Sprachwandel ausgelöst haben, sind vor allem Afrika, der indische Subkontinent oder die karibische Welt.
Auch in Europa sind viele Sprachen und Sprachzonen erst durch lang andauernde Kontakte von Menschen und Kulturen das geworden, was sie heute sind. Das Englische mit seiner einfachen Grammatik ist das Produkt einer Symbiose mit der Sprache der normannischen Eroberer im Mittelalter; auf dem Balkan haben das Bulgarische, Rumänische und Albanische ihre Strukturen in jahrhundertelangen Kontakten einander weitgehend angeglichen; ja sogar das hochentwickelte Lateinische hat seine komplizierte Grammatik radikal vereinfacht, als daraus schließlich Französisch, Italienisch und Spanisch wurden.
Und das Deutsche? Der deutsche Sprachraum ist seit je und von allen Seiten von fremden Sprachen und Kulturen umgeben. Trotzdem haben die Deutschen in der Nachkriegszeit und zur Zeit des Wirtschaftswunders vor allem die weiche Variante des Sprachenkontakts kennengelernt - nämlich gesteuert, kulturell abgefedert und ohne wirkliche soziale Konsequenzen: Man las englische Autoren, lernte in der Schule Französisch und Latein, reiste in den Ferien nach Ibiza und begegnete später allenfalls ein paar Gastarbeitern, die meistens nur gebrochen Deutsch sprachen.
Seit den siebziger Jahren jedoch erleben die Deutschen zum ersten Mal, wie es ist, wenn das Leben im eigenen Land wirklich tiefgreifend von fremden Menschen, Kulturen und Sprachen mitgeprägt und der Alltag auf eine unübersehbare Weise vielsprachig wird. Vermutlich erahnen die meisten Deutschen auf der Straße, in der U-Bahn oder im Restaurant nicht einmal andeutungsweise, welche Sprache sie da gerade hören: Ob Türkisch oder Albanisch, Kurdisch oder Arabisch - das kann das ungeübte Ohr kaum entscheiden.
Aber wie hat der alltägliche Kontakt mit dem Türkischen, Arabischen, Serbischen, Bosnischen, Russischen, Kurdischen, Italienischen oder Englischen das Deutsche verändert? In großen Städten wie Berlin gibt es nicht Dutzende von Nationalitäten, sondern Menschen aus fast 200 Staaten und sicher genauso viele Sprachen und Dialekte. Diese Tatsache soll nichts relativieren, sondern nur darauf verweisen, dass Vielsprachigkeit bereits als solche sprachverändernd wirkt, ganz unabhängig davon, welche Sprachen und Sprachtypen gesprochen werden. Zweitens: Es verändert sich vor allem das gesprochene Deutsch, also die Umgangssprache, weil die alltägliche Mehrsprachigkeit fast ausschließlich mündlich auftritt. Das offiziöse Schriftdeutsch ist träge und spiegelt von den neuesten Veränderungsprozessen nur wenig wider (allenfalls in spontanen Fehlern), und so vergrößert sich die Distanz zwischen geschriebenem und gesprochenem Deutsch rapide. Und drittens: Der ständige Kontakt mit neuen, exotischen Fremdsprachen ist letztlich nur ein Motor des Sprachwandels, wenn auch ein mächtiger. Es gibt noch andere Faktoren, die wir aber hier nur benennen können: den Einfluss des Englischen und die Globalisierung; das Schnelligkeitsgebot im TV- und Radio-Entertainment; neue Kommunikationsarten wie Twitter und Facebook; schließlich die überall anwachsende Mehrsprachigkeit unter dem Dach der EU und ihrer Sprachenpolitik.
Dies alles muss man vorab bedenken, wenn man der zentralen Frage näher kommen will. Wie also haben die jüngsten Sprachkontakte das Deutsche verändert?
Zunächst ist der Sprachwandel eine natürliche Sache, und es gibt keine Sprache, die sich nicht veränderte. Hier steht auch das Deutsche in einer langen Tradition, die jeder Germanistikstudent durchdeklinieren muss: Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch et cetera. Der Punkt ist aber, dass das Deutsche seit einigen Jahrzehnten einen rasant beschleunigten Sprachwandel durchläuft, weil es unter dem Einfluss vieler anderer gesprochener Sprachen steht. Die Veränderungen sind kontaktinduziert und gehen deshalb um ein Vielfaches schneller vor sich, als es ohne Fremdspracheneinfluss der Fall wäre.
Das Erste, was eine Sprache verliert, ist das, was sie für einfache Kommunikationszwecke mit fremden Sprechern am allerwenigsten benötigt: Das sind die Fälle, die Endungen und die Regeln ihrer Verknüpfung. Was man nicht braucht, das schleift sich schnell ab. Seit Bastian Sicks Bestsellern weiß man, dass der Genitiv bereits einen aussichtslosen Kampf kämpft ("das Haus von meinem Vater"). Aber auch Dativ und Akkusativ müssen Bastionen räumen. Konstruktionen wie "mit diesen Problem", "aus den Lager heraus"; "wer soll den neuen Kabinett angehören"; "wir haben hier ein Rest"; "ich mach dir kein Vorwurf" und so weiter kann man nicht nur überall hören - es wird zum Teil, auch in Examensarbeiten, schon so geschrieben, weil junge Leute oft gar nicht mehr wissen, wie es einmal korrekt lautete: "mit diesem Problem"; "aus dem Lager"; "wer soll dem neuen Kabinett angehören" und so weiter. Eine typisch neudeutsche Wortfolge wie "von meinen Gegner" kann nun als Singular oder als Plural aufgefasst werden, und erst der Kontext bringt Klarheit, was nun genau gemeint ist: Die Sprache wird vage und situationsabhängig. Oft hört man auch schon "starker" statt "stärker", "Beschlusse" statt "Beschlüsse", "der empfehlt" statt "er empfiehlt" - vereinzelte sprachliche Wurmlöcher, die für die kommenden Jahrzehnte weitere morphologische Vereinfachungen ankündigen.
Das mehrsprachige Milieu kann auf korrekte Deklination und genaue Endungen durchaus verzichten, weil diese Art Grammatik nur Kodierungsenergie frisst, die woanders viel dringender gebraucht wird, beispielsweise um Defizite im Wortschatz auszugleichen. Außerdem liefert die Situation meist genug Anhaltspunkte für das, was jeweils gemeint ist. Hinter dem, was Puristen als Verfall, ja Verlotterung anprangern, steckt nur die Strategie, die Sprachstrukturen zu vereinfachen, um das Kommunizieren mit Nichtmuttersprachlern zu erleichtern. Deshalb baut das Deutsche zurzeit viel Grammatik ab; und viele Schulkategorien wie Konjunktiv, Plusquamperfekt oder vollendetes Futur werden in naher Zukunft wahrscheinlich kaum noch gebraucht. Wir befinden uns momentan in einer Phase, in der "falsches" und "richtiges" Deutsch in Konkurrenz liegen und beide Varianten oft direkt nebeneinander geäußert werden - ohne dass die Sprecher sich dessen bewusst wären. Dies ist ein deutliches Zeichen für beschleunigten Sprachwandel.
Eine zweite Quelle für Sprachveränderungen liegt in den Herkunftssprachen der Migranten. Einwanderer greifen auch auf Sprachstrukturen zurück, die sie aus ihrer Muttersprache mitbringen. Diese werden ins Deutsche kopiert und im zweisprachigen Milieu gefestigt. Im großstädtischen Kiezdeutsch, das die Potsdamer Linguistin Heike Wiese erforscht, gibt es etwa eine Vielzahl von Satzmustern, die aus dem Arabischen oder Türkischen stammen, etwa die Wortfolge ("Hab isch gesehen mein Kumpel gestern!") oder das Fehlen der Präposition ("Ich geh Schule"). Auch in der Alltags-Umgangssprache kündigen sich bereits deutlich Tendenzen an, die von vielen Migrantensprachen gestützt werden: eine neue Steigerung mit "mehr" ("mehr geeignet", "mehr zuständig") oder der Zusammenfall von Ort und Richtung ("die Politiker fuhren letzte Woche auf einem Finanzgipfel") sind Beispiele für neue Strukturen, die ihre Vorbilder in vielen Migrantensprachen haben. Auch die zahlreichen neudeutschen Ausdrücke mit "machen" wie "einen Film machen", "ein Tor machen", "einen Kompromiss machen" haben direkte Parallelen im Türkischen.
In der heißen Phase des kontaktinduzierten Wandels der Sprachstrukturen kommt es nun dazu, dass die "Fehler" der Migranten allmählich von den deutschen Muttersprachlern nachgeahmt werden ("foreigner talk") und es irgendwann nicht mehr auszumachen ist, wer nun gerade richtig- oder falschliegt; die Grenzen verschwimmen: Sprachkontakt führt immer zu Sprachvermischung und zu neuen Sprachstrukturen. Gleichzeitig lässt die Bereitschaft der Muttersprachler, die Fehler auch als Fehler wahrzunehmen und spontan zu korrigieren, mit der Zeit nach und verschwindet irgendwann ganz. Auf lange Sicht führt dieser Prozess zu einer neuen, stabileren Situation: Das gesprochene Deutsch wird dann geprägt von neuen Sprachstrukturen, die sich durch Sprachkontakt herausgebildet haben. Die Grammatik ist reduziert, der innere Zusammenhalt der Satzteile gelockert, viele Regeln sind vereinfacht oder lösen sich ganz auf, die Sprache wird einfacher (und wird hier vom Englischen unterstützt). Wenn man es aus dem Blickwinkel der Sprachtypologie sieht, reiht sich das Deutsche passgenau in eine Tendenz ein, an der fast alle Sprachen Europas teilnehmen: Schon seit langer Zeit gibt es eine historische Drift in Richtung auf kasuslose und grammatikarme Sprachstrukturen, die die Linguisten "analytisch" nennen und die das Englische und Französische schon lange erreicht haben. Diese Drift untersucht die gerade erst entstandene neue Disziplin der Eurolinguistik, die auch herausgefunden hat, dass sich das Deutsche momentan in einer ganz und gar signifikanten, ja historisch einmaligen Entwicklungsphase befindet.
Wie spannend könnte es sein, diese Phase des Umbaus im Detail zu erforschen und zu dokumentieren! Bereits heute kann man feststellen, dass sich die Sprache gut ausgebildeter, voll integrierter Migranten, etwa von Kulturschaffenden, Rechtsanwälten oder Politikern, ganz selbstverständlich einer wie runderneuerten deutschen Sprache bedient, die auch ab und an einen türkischen oder russischen Akzentfunken aufblitzen lassen kann. Die Wissenschaften halten sich mit der Erforschung dieser Prozesse jedoch noch weitgehend zurück. Mit wenigen Ausnahmen: Die "Migrationslinguistik" am Mannheimer Institut für Deutsche Sprache untersucht das Deutsch von jungen Türken und Russen. Die Zurückhaltung der Linguistik ist die Folge einer verfehlten Migrationspolitik, schon seit den sechziger Jahren. Denn die Geisteswissenschaften arbeiten immer in einem Klima des öffentlichen Bewusstseins, das von der Politik erzeugt und von den Medien gesteuert wird: Trotz einer langen Integrationsgeschichte haben es die wechselnden Regierungen versäumt, eine Zukunftsvision der Gesellschaft zu entwerfen, die die Deutschen und die Migranten umfasst.
Wahrscheinlich fürchten besonders die Linguisten, dass sie, wenn sie den Einfluss der Migrantensprachen auf das Deutsche analysieren, schnell in eine Diskriminierungsfalle geraten könnten. Dies ist schade, denn gerade die Erforschung von Sprachkontakten böte die Gelegenheit, Deutsche und Migranten in Projekten zusammenzubringen und die Vision einer offenen Gesellschaft mit Leben zu füllen.
Hinrichs, 62, lehrt Südosteuropa-Linguistik am Institut für Slavistik der Universität Leipzig und veröffentlichte zuletzt "Handbuch der Eurolinguistik".
Von Uwe Hinrichs

DER SPIEGEL 7/2012
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