13.02.2012

GESUNDHEITKartell der Hehler

Haben Unternehmen der Apothekerverbände jahrelang illegal mit Rezeptinformationen gehandelt? Datenschützer sind einem Skandal auf der Spur.
Zwei- bis dreimal pro Woche bekommt der durchschnittliche Arzt in Deutschland Besuch von einem Pharmavertreter. Und oftmals wundert er sich dann: Woher nur weiß der nette Herr mit dem Aktenköfferchen so genau, welche Art von Patienten ich habe?
Informationen, so viel ist gewiss, sind für die Pillenindustrie bares Geld wert. Denn wer will, dass ein Mediziner künftig mehr Blutdrucksenker verschreibt, muss zunächst wissen, was der seinen Patienten bisher gibt. Und wer beurteilen will, ob ein Pharmavertreter gute Arbeit macht, der muss wissen, ob ein Arzt nach dessen Besuch mehr Pillen verordnet.
Doch wie gelangt die Industrie an solches Wissen? Bisher rätselten die Ärzte. Nun aber könnte erstmals ein Kartell der Datenhehler auffliegen.
Der Hintergrund für den Skandal erscheint harmlos. Wenn eine Apotheke vom Patienten ein Rezept bekommt, rechnet sie dies meist nicht direkt mit der jeweiligen Krankenkasse ab, sondern beauftragt eines von zwei großen Zentren: das Norddeutsche Apotheken-Rechenzentrum (Narz) in Bremen oder die Verrechnungsstelle der Süddeutschen Apotheken (VSA) in München. Dort werden die Rezepte sortiert, gescannt und abgerechnet. Die Versicherer überweisen dann den fälligen Betrag an die Apotheken.
Insgesamt laufen bei Narz und VSA die Rezepte von 10 500 Apotheken zusammen - ein sensibler Datenschatz, der bei Pharmafirmen Begehrlichkeiten weckt. Deshalb gilt strenger Schutz vor Datenklau und -hehlerei, festgelegt im Sozialgesetzbuch. Auf Verstöße stehen bis zu zwei Jahre Freiheitsstrafe.
Ein Verdacht fällt nun jedoch auf eine kleine Firma namens pharmafakt/Gesellschaft für Datenverarbeitung (GFD) mit Sitz in Karlsfeld bei Dachau nördlich von München. Mitgesellschafter sind diverse Apothekerverbände. Seit 1998 wertet die GFD Rezeptdaten der Rechenzentren aus und verkauft das Ergebnis an die Pharmaindustrie. Das ist nicht verwerflich - solange ausschließlich verschlüsselte Daten verwendet werden.
Nun aber packt ein Insider aus, der über zehn Jahre lang bei der GFD als IT-Manager angestellt war. In einer eidesstattlichen Erklärung, die dem SPIEGEL vorliegt, beschreibt er die angeblichen Methoden der GFD: Millionenfach habe er Rezeptdaten in unverschlüsselter Form gesammelt und gespeichert, auf ausdrückliche Weisung der Geschäftsführung und "in Abstimmung" mit der VSA. Auch vom norddeutschen Narz habe er bis 2007 unverschlüsselte Rezeptdaten bekommen, vermittelt über dessen Marktforschungs-Tochterfirma GFI.
2007 kamen datenschutzrechtliche Bedenken auf, berichtete der Insider. Die VSA habe deshalb eine Art potemkinschen Datenschutz aufgebaut: Die Rezeptdaten der VSA wurden fortan in zwei Versionen geliefert. Die eine, verschlüsselt, war für die Datenschützer bestimmt. "Lieferung 2 bestand aus dem identischen Datenbestand, jedoch unverschlüsselt."
Um die ab 2007 verschlüsselt gelieferten Daten des norddeutschen Narz ebenfalls zu deanonymisieren, soll die GFD weitere Daten hinzugekauft haben, indem sie einen sogenannten VPN-Tunnel direkt zur Gesellschaft für Statistik im Gesundheitswesen (GFS) in Dresden einrichtete. Das Brisante: Die GFS ist ein Dienstleister, der unter anderem die Rezepte sämtlicher gut acht Millionen Mitglieder der Krankenkasse Barmer GEK prüft.
Welche Daten durch das dubiose Netz der Apothekerverbände schwappten und in welcher Form und zu welchem Preis sie weiterverkauft wurden, ist bislang unklar. Die Kundenliste der GFD jedenfalls liest sich wie ein Who's who der Pharmabranche: Bayer, GlaxoSmithKline, Merck, Novartis, Ratiopharm, Roche, Sanofi-Aventis.
Haben Unternehmen der Apothekerverbände illegal sensible Daten gesammelt, um sie an Pharmakonzerne zu verhökern? Schon im vorigen Oktober schlugen besorgte Mitarbeiter der Barmer GEK Alarm und wollten die Staatsanwaltschaft einschalten. Die Leitung der Krankenkasse jedoch lehnte ab.
Das Narz dagegen zog, nachdem die Vorwürfe bekannt wurden, die Reißleine, stellte die Zusammenarbeit mit der GFD ein und alarmierte die Bremer Datenschutzbeauftragte Imke Sommer.
Die Dresdner GFS beteuert, es seien lediglich Adressdaten von Ärzten übertragen worden. Auch der Geschäftsführer der VSA weist die Vorwürfe zurück. Und die GFD vermutet dahinter die Verschwörung eines Konkurrenten, "um Kunden abspenstig zu machen".
Seine Kritiker versucht das Unternehmen unterdessen mundtot zu machen. In einem Prozess gegen den Informanten wegen angeblichen Bruchs der Verschwiegenheitspflicht unterlag die GFD am vorigen Dienstag in München. Einem zweiten Kritiker ließ sie per einstweiliger Verfügung untersagen, seinen Vorwurf der Datenhehlerei zu verbreiten.
Das Bundesversicherungsamt in Bonn ist seit Anfang Dezember informiert, ebenso die Datenschutzbehörden in Bremen, Bayern und Sachsen.
Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Datenschutzzentrums Schleswig-Holstein, ist alarmiert: "Die Unterlagen, die uns in Auszügen zugespielt wurden, scheinen valide zu sein. Sie könnten einen der größten Datenskandale der Bundesrepublik im Medizinbereich aufdecken."
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 7/2012
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