18.02.2012

IMAMEDie Scharfmacher

Junge Prediger fordern die etablierten Moscheegemeinden heraus. Sie sind radikal, sprechen Deutsch und treffen den Ton der muslimischen Jugend.
Keines seiner Worte fällt willkürlich. Er hat die Show schon oft aufgeführt. Scheich Abdul Adhim weiß, welche Suren des Korans seine Zuhörer packen, welche Themen sie erwarten. "Der Satan lockt mit Geld und Drogen", ruft er den Gläubigen in der Berliner Al-Nur-Moschee zu. "Nur der Glaube an Allah bietet Schutz." Die Gemeindemitglieder nicken. Sie sagen: "Niemand predigt so schön wie Abdul Adhim."
Der 34-jährige Berliner ist der Star einer Szene junger, radikaler Prediger, die unter deutschen Muslimen an Bedeutung gewinnt. Sie treten in Moscheen und Stadthallen auf, sie leben in Frankfurt, Bonn oder Mönchengladbach, und ihre stärkste Plattform ist das Internet. Ihre Videobotschaften haben sie populär gemacht, ihren Aufstieg zu mächtigen Protagonisten der Gemeinschaft beschleunigt. Zu den Live-Kundgebungen Abdul Adhims oder des 33 Jahre alten Pierre Vogel, der aus Frechen bei Köln stammt, pilgern regelmäßig Hunderte Anhänger.
Die Unterstützer dieser jungen Prediger sagen, diese erreichten Jugendliche, die andernfalls an die Straße verloren wären. Kritiker sehen in Männern wie Abdul Adhim und Vogel Feinde der Demokratie. Denn Jugend-Imame wie Abdul Adhim predigen einen streng konservativen Islam. Viele zählen zur Gruppe der Salafisten. Diese fundamentalistische Strömung orientiert sich am Leben des Propheten Mohammed, sie lehnt Neuerungen ab, missbilligt den Umgang mit Ungläubigen und hält Gott für den einzigen rechtmäßigen Gesetzgeber.
Der politische Salafismus ist die am schnellsten wachsende radikal-islamische Bewegung in Deutschland, er zieht vor allem die zweite und dritte Generation von Einwanderern an. Der Bundesverfassungsschutz geht von 3000 bis 5000 Anhängern in Deutschland aus. Der Berliner Verfassungsschutz warnte, dass deren Ideologie nahezu deckungsgleich sei mit der des Terrornetzwerks al-Qaida. Die Debatte um den richtigen Umgang mit den islamistischen Scharfmachern ist neu entbrannt, nachdem vor wenigen Tagen der Frankfurter Flughafen-Attentäter Arid U. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wurde. Er soll dem Salafismus nahegestanden haben.
Das Publikum der salafistischen Prediger bestehe überwiegend aus "jungen Männern, zumeist labilen Personen aus brüchigen Familien, die auffallend oft straffällig geworden sind", sagt Mathilde Koller, die Leiterin des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes. "Für Jugendliche, die Orientierung suchen, kann der Kontakt zu solchen Imamen der erste Schritt zum Abgleiten in islamistische Gewalt sein", mahnt der Osnabrücker Religionswissenschaftler Rauf Ceylan. Und Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) berichtet, dass sich von fast allen gewaltbereiten Dschihadisten, die in Deutschland auffällig geworden seien, Querverbindungen zu salafistischen Predigern ziehen ließen.
Wie den Salafisten zu begegnen ist, wissen indes weder die kommunalen Behörden noch die Länder, noch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU). Ihre Strategie lautete bisher: genau beobachten, warnen, im Notfall verbieten. Aber eine seriöse Auseinandersetzung mit den Motiven junger Muslime, die zu den Vorträgen Abdul Adhims oder Pierre Vogels strömen, ist das nicht.
Scheich Abdul Adhim bestreitet jede Verbindung zu militanten Islamisten. Der Berliner Verfassungsschutz beschreibt ihn als eine der Leitfiguren der salafistischen Szene in Deutschland - aber auch als jemanden, der seine Ziele mit Worten zu erreichen versuche, nicht mit Gewalt. Die Imame in den traditionellen Moscheegemeinden, meist Zugereiste jenseits der fünfzig, verstünden nichts vom Leben junger Muslime in Deutschland, kritisiert Abdul Adhim. Sie predigten ausschließlich auf Türkisch oder Arabisch und vernachlässigten die Jugend.
Abdul Adhim ist in Marokko geboren. Mit 19 Jahren kam er nach Deutschland, um in Berlin Elektrotechnik zu studieren. Seine Eltern arbeiten auf einem Rummelplatz in Rabat. Der ältere Bruder führte ihn zum Glauben. Sein Geld verdient Abdul Adhim zwar als Ingenieur, seine Lebensaufgabe aber, sagt er, sei es, den Islam zu verbreiten. Er ist mit einer deutschen Konvertitin verheiratet und hat vier Kinder. Jeden Sonntag erklärt Abdul Adhim Jugendlichen in der Al-Nur-Moschee den Koran auf Deutsch.
Die Moscheegemeinden leiden unter ähnlichen Problemen wie katholische und evangelische Kirchen: Ihnen kommen Mitglieder abhanden, sie gelten als überholt und lebensfremd. Die jungen charismatischen Scharfmacher dagegen wissen, wie sie Jugendliche erreichen. Sie beraten bei Beziehungs- und Drogenproblemen und geben Auskunft über die Vereinbarkeit von Energy-Drinks mit den Speiseregeln des Islam. Sie geben Antworten auf Fragen, mit denen junge Muslime bisher allein blieben.
Der Erfolg von Männern wie Abdul Adhim oder Pierre Vogel verrät viel über die zweite und dritte Einwanderergeneration, aber auch über die Versäumnisse deutscher Integrationspolitik. Nicht dem Staat gelingt es, jungen Muslimen eine Perspektive zu geben - sondern fundamentalistischen Predigern.
Im vergangenen Juli sprach Vogel vor einer überwiegend jugendlichen Menge in Dietzenbach bei Frankfurt. Der Rheinländer stellte sich auf die Ladefläche eines weißen Mietlastwagens und schwärmte vom Paradies. Willige Jungfrauen warteten dort auf den gläubigen Muslim, rief er. "Da kriegst du mehr davon, als du dir vorstellen kannst." Es war Vogels vorerst letzter Auftritt in Deutschland; er hält sich derzeit im arabischen Raum auf, zum Koranstudium. Mit seinen Fans kommuniziert er nun via YouTube.
Wer Pierre Vogel zuhört, wer seine auf Video aufgenommenen Monologe ansieht, könnte glauben, die Welt bestehe aus zwei Dimensionen. Gläubig oder nicht gläubig, gut oder böse, Himmel oder Hölle.
Das Hauptproblem am Westen, sagt er in rheinischem Tonfall, sei die Idee, jeder müsse sich selbst verwirklichen und für sich selbst glücklich werden. Er verabscheut den Individualismus, diese "westliche Ideologie, die dir sagt, ich habe niemandem zu gehorchen". Gott wisse am besten, was gut sei für den Einzelnen, deshalb müsse man seinen Regeln folgen. "Und selbst wenn Allah dir vorschreiben würde, dass du dich dein ganzes Leben lang mit einem Bein an die Wand stellen musst, dann hast du das zu tun, weil Allah dein Gott ist."
Vogels Welt ist übersichtlich, seine Antworten sind simpel. Die Anhänger finden das vermutlich sehr praktisch.
So begeistern sich junge Muslime zunehmend für einen streng orthodoxen Islam, der keinen Kompromiss kennt. Viele Einwanderer der zweiten und dritten Generation sind frommer als ihre Eltern oder Großeltern, die als Gastarbeiter nach Deutschland kamen. 2009 bezeichneten sich bei einer Umfrage des Essener Zentrums für Türkeistudien 75 Prozent der türkischstämmigen Muslime zwischen 18 und 29 Jahren als "eher" oder "sehr religiös"; neun Jahre zuvor waren es lediglich 64 Prozent.
Der französische Politologe Olivier Roy sagt, Migranten der ersten Generation seien im Libanon, in Ägypten oder der Türkei als Muslime geboren worden, sie gehörten ohne eigenes Zutun zur Gemeinschaft der Gläubigen. Die Söhne und Töchter hingegen wüchsen in einer nicht-islamischen Umgebung auf. Ihre Zugehörigkeit zum Islam fordere Bestätigung.
So wie sich Punks in den Siebzigern durch ihre Musik und ihr Auftreten von der Gesellschaft abkoppelten, grenzen sich auch manche jungen Muslime durch eine eigene, besonders radikale Religiosität von ihren Eltern ab, deren Lebensstil sie belächeln. Der Erfolg salafistischer Jugendprediger ist auch Ausdruck eines Generationenkonflikts.
Pierre Vogel war Profiboxer, bevor er zum Islam konvertierte. Er war deutscher Juniorenmeister im Halbschwergewicht, was ihm auf der Straße die Glaubwürdigkeit verleiht, die ein 60-jähriger Imam aus Neu-Ulm nie erreichen wird. "Ich kenne das alles: Spielhallen, Discos, Frauen", sagt Vogel. "Wenn ich sage, dass es besser ist, keusch und verheiratet zu leben, hat das Überzeugungskraft."
Es gibt etliche Muslime, die den Konvertiten für zu eitel halten, die es anmaßend finden, wenn Vogel in einem VW-Geländewagen mit dem Kennzeichen HAM-ZA 911 zu Kundgebungen fährt. Vogel nennt sich selbst Abu Hamza. Hamza war ein Krieger zur Zeit des Propheten Mohammed. 911 steht auch für Nine-Eleven, den Tag der Terroranschläge in den USA.
Seine Anhänger stimmen Vogel darin zu, dass es cool ist, fromm zu sein. Auf Vorträgen reichen sie ihm Fragezettel, die Vogel in seinem Monolog behandelt. Ist Gelatine verboten? Muss ein Muslim den Westen verabscheuen? Wenn es keine Fragen mehr gibt, denkt sich Vogel neue aus und stellt eine Kamera auf. Sind Steinigungen zeitgemäß? Existieren Außerirdische? Vogel sagt, Außerirdische könnten schon deshalb nicht existieren, weil sie vom Propheten, der alles vorhergesagt habe, nicht erwähnt worden seien.
Die jungen Prediger sind Diener Allahs und Selbstdarsteller gleichermaßen, doch kein Zweiter nutzt die Medien so geschickt wie Vogel. Wer bei YouTube nach seinem Namen sucht, kommt auf 50 000 Treffer. Einige der ins Netz gestellten Videos sind verwackelt, manche wurden mit einer Handy-Kamera aufgenommen, was ihnen Authentizität verleiht. Es gibt ein Video, in dem er, während er am Steuer eines Wagens über die Autobahn rast, den Rapper Bushido auffordert, sein Leben mit Geld und Frauen hinter sich zu lassen und zum Islam zurückzukehren: "Bruder, du bist auf dem falschen Weg."
Die Redakteure von Talkshows laden ihn ein, wenn wieder ein jüngerer Bartträger gebraucht wird, der eine greise Expertenrunde mit Pointen und Provokationen aufzumischen vermag. Vogel saß bei Kerner, Maischberger und Plasberg. Er ist der Bad Guy der deutschen Islam-Debatte. Er spielt die Rolle gern, auch weil es außer ihm wenige Islamisten in Deutschland gibt, die rhetorisch begabt sind und ins Fernsehen wollen.
Vogel und die anderen jungen Prediger vertreten einen selbstbewussten Islam. Salafisten vermittelten ihren Anhängern Identität und sozialen Zusammenhalt, bilanzierte eine Studie der niederländischen Regierung 2008. Sie griffen das weitverbreitete Gefühl auf, dass Muslime ungerecht behandelt würden, und kanalisierten es.
Vogel spricht von einem "Holocaust gegen die Muslime", Abdul Adhim warnt schon mal vor einer jüdisch-amerikanischen Weltverschwörung, wie ein Redemitschnitt belegt, der dem Berliner Landeskriminalamt vorliegt. Den Westen bezichtigte der Imam der Lüge, der Heuchelei, des Hasses gegenüber Muslimen. Er warf Kanzlerin Angela Merkel vor, den Krieg in Gaza mitzufinanzieren, und rief alle Muslime in Palästina zum Dschihad gegen die Juden in Israel auf. Die Kämpfer der Hamas seien, so Abdul Adhim, keine Terroristen. "Sie sind die Besten unter dieser Nation! Sie sind an der Front dieser Nation."
Die Staatsanwaltschaft Berlin eröffnete ein Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen des Verdachts der Volksverhetzung, stellte es bald darauf aber wieder ein. Der Islamwissenschaftler, der eine Rede im Auftrag des Landeskriminalamts analysierte, kam zu dem Ergebnis, dass Abdul Adhim zwar emotionalisiere, jedoch kein typischer "Hetzprediger" sei. Er attestierte dem jungen Imam "große geistige Beweglichkeit".
In seinen Reden verurteilt Abdul Adhim Terror und Gewalt. Doch die Berliner Al-Nur-Moschee, in der er regelmäßig auftritt, gilt den Sicherheitsbehörden als Sammelpunkt militanter Islamisten. Sie erhielt in der Vergangenheit Gelder einer saudi-arabischen Stiftung, die verdächtigt wurde, den Terrorismus zu finanzieren.
Auch Vogel behauptet, Jugendliche zum Gewaltverzicht zu bekehren. Einige Radikale sehen in ihm aber ein Vorbild. Der 21-jährige Dachdeckersohn Arid U., der im März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten erschoss und zwei weitere verletzte, gab bei Facebook unter "Interessen" an: "Pierre Vogel".
Auch Robert B. aus Solingen, der Mitte Juli 2011 zusammen mit einem Freund mit Bombenbauplänen und Anleitungen für den Dschihad auf einer Fähre nach England einreiste und dort verhaftet wurde, war ein Anhänger Vogels. Im Sommer hatte er eine seiner Kundgebungen in Hamburg besucht.
Für einige junge Muslime sind Prediger wie Vogel offenkundig die Einstiegsdroge in eine islamistisch angehauchte Ideologie, die Gewalt als legitimes Mittel anerkennt, nicht nur in Kriegsgebieten.
Ist das zu verhindern? Kann der Staat mehr unternehmen, als nur pauschal vor radikalen Salafisten zu warnen, wie es Innenminister Friedrich tut?
In Berlin geht man seit kurzem einen eigenen Weg: Bei Integrationsprojekten arbeitet die Politik mit den charismatischen Predigern zusammen. So sprach Abdul Adhim bei der Aktionswoche "Hand in Hand gegen Gewalt" der Berliner Moscheen, Schirmherr war der Innensenator. Abdul Adhim ist erkennbar stolz darauf, dass er von Staats wegen gebraucht wird.
Und dann sagt er einen Satz, der alles irritierend offen lässt: "Der Kampf um die Köpfe der Muslime hat gerade erst begonnen."
Von Matthias Bartsch, Maximilian Popp und Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 8/2012
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