18.02.2012

Für Pippis Ehre

GLOBAL VILLAGE: Wie Astrid Lindgrens Erben Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpfs guten Namen verteidigen
Und so eine soll die direkte Nachkommin von Pippi Langstrumpf sein? Lisbeth Salander ist überhaupt nicht lustig. Die schmächtige junge Frau mit Ringen in der Nase, riesigen Tattoos und pechschwarzer Punkfrisur tut sich schwer mit Menschen und beschäftigt sich meistens mit ihrem Computer.
Gegen ihre Widersacher wehrt sich Salander mit rücksichtsloser Gewalt: Sie kippt ihnen Säure ins Gesicht oder tackert, wenn es sein muss, deren Füße auf dem Boden fest. Die Kultfigur aus der Romantrilogie "Millennium" des schwedischen Autors Stieg Larsson ist verhaltensauffällig und sozial isoliert, sie lebt in ihrer eigenen Welt, in der es gar nicht komisch zugeht.
Und doch ist sie eine legitime Erbin der frechen Chaotin mit den fuchsroten Zöpfen und den Sommersprossen, die mit Phantasie und Respektlosigkeit zur Heldin von Millionen Kindern wurde. Stieg Larsson wollte es so, und Pippis Nachlassverwalter finden das gut.
Kurz vor seinem Herztod 2004 beschrieb Stieg Larsson seine Hauptfigur als "erwachsene Fassung von Pippi Langstrumpf". Für Lisbeths Haustür ersann er demonstrativ das Namensschild "V. Kulla", frei nach Pippis Villa Kunterbunt, die im schwedischen Original "Villa Villekulla" heißt.
Ist es erlaubt, die eine aufmüpfige Göre für die andere zu vereinnahmen? Diese Frage entscheiden Pippis Erben beinahe jeden Tag. In einem weltweiten Kampf stemmen sie sich gegen den Missbrauch von Pippi und ihren geistigen Geschwistern wie Karlsson vom Dach durch Fälscher und Nachahmer.
Lisbeth Salander darf sich auf Pippi berufen. "Stieg fühlte sich von Astrid Lindgren angespornt und motiviert, sie hat ihn geschätzt", sagt Nils Nyman, 47, ein Enkel der 2002 verstorbenen Autorin. Larssons Anspielungen seien "eine kleine Verneigung vor der Ikone", bestätigt auch Nymans wachsamer Anwalt Ralph Oliver Graef, ein Deutscher.
Nyman sitzt in einem schlichten Büro mit Ikea-Möbeln im Stockholmer Stadtteil Lidingö, einen Steinwurf von der Ostsee entfernt. Der jungenhafte Mann ist Chef von acht Mitarbeitern der Firma Saltkråkan, die sich im Auftrag der Lindgren-Erben um das literarische Vermächtnis der Autorin kümmert.
"Wir sind nicht so professionell wie andere", sagt Nyman; er meint Unterhaltungskonzerne wie Disney oder Time Warner. Zwei bis drei Millionen Euro jährlich nehmen Pippis Erben ein, zu 60 Prozent mit den gedruckten Werken, den Rest vor allem mit CDs und Filmen.
Die Erben sehen es gar nicht gern, wenn irgendwo jemand mit Pippis gutem Namen Geld scheffeln will. Wenn holländische Kinderstühle den Namen "Villa Kunterbunt" tragen oder eine italienische Ausziehpuppe "Pippi Calzelunghe" heißt, werden Nymans Leute aktiv. Dann gibt es Post vom Anwalt, erst eine Abmahnung und Unterlassungserklärung, dann die Rechnung. Denn die eigenwillige Autorin war an ihren Romanhelden Pippi, Karlsson, Kalle Blomquist oder Ronja Räubertochter interessiert, nicht aber an deren Vermarktung.
"Wir wollen das Andenken an Astrid bewahren, aber nicht um jeden Preis", sagt Nyman. "Wir wissen, was sie stören würde, wenn sie noch am Leben wäre." Billige dänische Kinderkleidung etwa, die sich mit Pippis Konterfei besser verkauft, oder ein kroatisches Brausegetränk mit Pippis Namen.
"Alle träumen davon, einmal Pippi zu sein", sagt Nils Nyman, der seinen Kindern, sechs und zehn Jahre alt, die Abenteuergeschichten ihrer Urgroßmutter selbst vorliest. Deshalb ist der Reiz groß, mit ihr - "widdewidde wie sie uns gefällt" - Kasse zu machen.
Für 99,6 Prozent der Deutschen ist nach einer Umfrage Lindgrens Romanfigur die bekannteste unter den Kinderhelden. Asterix und Obelix, die unbesiegbaren Gallier, liegen mit 87,2 Prozent auf Platz zwei, gefolgt vom Zauberer Harry Potter (84,6).
Im Karneval zählt das Pippi-Langstrumpf-Kostüm zu den beliebtesten. 25 Millionen Handzettel druckte zum Beispiel ein deutscher Discounter, um Pippis Kleider und die berühmten Strümpfe an das Kind zu bringen - mit Erfolg: 23 000-mal wurden die in einer Woche verkauft. Nur: Ein Okay der Nachlassverwalter dafür gab es nicht. Pippi war für ihre Erfinderin immer "ein Buch, und das sollte es bleiben", so ihre Tochter Karin.
Von Hamburg aus geht Anwalt Graef weltweit gegen Produktpiraten vor, zurzeit sogar in Südkorea, Japan oder den USA. Hinweise bekommt er von Agenten und Verlagen - Pippi Langstrumpf ist in 64 Sprachen übersetzt. Und Graef hat, im Namen von Pippis Ehre, noch kein Verfahren verloren.
Die Rechtslage ist nämlich sehr eindeutig im Fall von Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf. Sie ist "sowohl nach ihrem äußeren Erscheinungsbild" als auch nach den ihr zugeschriebenen Eigenschaften "im besten Sinne merkwürdig", urteilte zum Beispiel das Landgericht Köln. Und "eine einmalige Figur", ergänzten die Kollegen in der nächsten Instanz. Dabei soll es nach dem Willen der Erben und der Richter auch bleiben.
Von Manfred Ertel

DER SPIEGEL 8/2012
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