18.02.2012

TV-SHOWSDie letzte Reserve

Das Moderatoren-Duo Joko und Klaas war für „Wetten, dass #8230?“ im Gespräch. Doch den Fernsehmachern waren die zwei zu anarchisch - zu Unrecht.
Mit jungen, frechen Fernsehtalenten ist es so eine Sache. Sie können ein paar Jahre lang den Zielgruppenclown der unter 30-Jährigen spielen, aber irgendwann ermüdet das ewige Frechsein. Und das Jungsein erledigt sich sowieso. Klaas Heufer-Umlauf ist 28 Jahre alt, sein Kompagnon Joachim "Joko" Winterscheidt 33 - und damit fast genauso alt wie Oliver Pocher, dessen Fernsehkarriere schon etliche Umdrehungen weiter ist, der den Sprung nach ganz oben aber auch nicht geschafft hat. Obwohl er ja sehr lange als der nächste Harald Schmidt oder der nächste Stefan Raab galt.
Als Pochers Stern sank, stieg der von Joko und Klaas bereits auf, und mit einem Mal waren sie die letzte Talentreserve des deutschen Fernsehens. Seit klar ist, dass Markus Lanz "Wetten, dass …?" moderieren soll, sind sie es wieder.
Dabei fehlten zwischenzeitlich nur wenige Millimeter, und das ZDF hätte sich zu einer ebenso riskanten wie vermutlich großartigen Lösung durchgerungen. Aber dann reichte im Sender irgendwer eine Statistik herum, um wie viele Millionen die Zuschauerzahlen bei so einem Kreativ-Schock vermutlich einbrechen würden, und das war es dann.
Eigentlich wäre Jokos und Klaas' Late-Night-Show "neoParadise", die vor ein paar zehntausend Zuschauern läuft, die Erwähnung nicht wert, wenn sie nicht einer der raren Orte im deutschen Fernsehen wäre, an denen wirklich mal etwas ausprobiert wird. Viel kreativer Blödsinn, wie "Russisch Omelette", ein Spiel, bei dem man sich Eier vor den Kopf schlagen muss - und eines von sechsen ist roh.
Die Idee ihrer Shows: Joko und Klaas machen sich nicht ständig über irgendwelche arglosen Mitmenschen lustig. Sie machen sich dafür gegenseitig fertig. Was eine durchaus moderne Fassung des Rudi-Carrell-Dogmas ist, dass am Ende einer Unterhaltungssendung der Showmaster am besten eine Torte ins Gesicht bekommt.
Bei Joko und Klass bleibt es nicht bei Gebäck. Einmal ließ sich Joko von einem Eishockeyspieler mit 30 Meter Anlauf umrennen und landete im Krankenhaus. "Bis einer heult", heißt die Rubrik dazu. "Würde ich heute auch nicht mehr machen", sagt Winterscheidt und signalisiert einen erfolgreich absolvierten Reifungsprozess.
Dieses manchmal leicht irre, aber nie öde Fernsehen brachte dem Duo nicht nur eine Nominierung für den Deutschen Fernsehpreis, sondern beschert ihm auch schon mal einen Gast wie Herbert Grönemeyer, der eigentlich zu groß ist für die kleine Show.
Seit ein paar Jahren steigen die beiden deshalb in der Hierarchie der deutschen Fernsehunterhaltung Stufe um Stufe nach oben: Beim Musiksender MTV fingen sie an, dann kam die Late Night Show "neoParadise" auf dem Spartenkanal ZDFneo, und zwischendurch moderieren sie immer wieder Abendshows auf ProSieben. "17 Meter" heißen die, oder "Die Rechnung geht auf uns". Jedes Mal ist es der Versuch, etwas Anarchie in die Primetime zu bringen.
Doch so unkontrollierbar und anarchisch, wie Joko und Klaas in ihrer Show wirken, sind die zwei nicht. Sie sitzen beim Gespräch eingemummelt da, der eine im Winterpulli, der andere mit Schal, und sagen die ganze Zeit lauter vernünftige Dinge. "Provokation braucht Hintersinn", meint etwa Heufer-Umlauf. Und Winterscheidt nickt ernst.
Auch Joko und Klaas sind mittlerweile Fernsehprofis. Ihre Anarchie ist auch nur Arbeit (die man ihnen allerdings in der Sendung dankenswerterweise nicht ansieht). Ihre Woche ist durchgetaktet, und darin hat auch das Erfinden von Blödsinn einen festen Termin. "Man kann auch um Punkt 17 Uhr kreativ sein, wenn das verlangt wird", sagt Heufer-Umlauf. Ohne Ironie.
Unter Jugendlichen sind die beiden hauptsächlich wegen ihrer spätpubertären Aktionen echte Stars. Die Werbeagentur Jung von Matt erkannte früh, dass sich mit dem Image von Joko und Klaas prima eine angestaubte Marke verjüngen ließe, und engagierte die beiden für eine Werbekampagne für das Girokonto der Sparkassen. Die Werbefilmchen wurden im Internet millionenfach abgerufen.
"Um mal was klarzustellen in Bezug auf ,Wetten, dass ...?'", sagt Winterscheidt, "uns hat das ZDF nie gefragt." Deshalb hätten sie auch nie über ein Konzept nachdenken müssen. Angerufen, sagt Heufer-Umlauf, habe nach den vielen Zeitungsmeldungen bloß sein Vater, der sich für das Fernsehschaffen seines Filius sonst "null interessiert", und gefragt, ob da was dran sei.
Und dann sagt Winterscheidt einen Satz, der jedem ZDF-Mann endgültig die Angst davor nehmen müsste, dass die zwei irgendwie unberechenbar seien: "Für uns ist der langfristige Erfolg wichtig, im Moment sind wir sehr zufrieden mit dem, was wir gerade machen."
Könnte aber sein, dass die zwei schon sehr bald wieder im Gespräch sind. Wenn Thomas Gottschalks neue ARD-Vorabendshow erfolglos bleibt und wieder Nachfolger für ihn gesucht werden.
Von Markus Brauck

DER SPIEGEL 8/2012
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