27.02.2012

KARRIERENDer Zaunkönig

Wolfgang Kubicki ist der Freak der FDP. Von Kiel aus frönt der Landesfraktionschef seiner Lust am Tabubruch. Dabei hat er auch Furcht vor den Abgründen der Politik.
Immer diese schlechten Nachrichten aus Berlin. Wolfgang Kubicki guckt auf sein Handy und schüttelt den Kopf. "Mann, Mann, Mann", sagt er. "Wieder nur drei Prozent für die FDP im Deutschlandtrend. Was soll ich denn da machen? Zaubern kann ich auch nicht. Ich kann ja nicht überall sein!" Es ist der Donnerstag vor zwei Wochen, der Nachmittag vor dem Rücktritt von Bundespräsident Christian Wulff. Kubicki lässt sich durch Schleswig-Holstein fahren, er muss jetzt hier sein, im Land ist Wahlkampf. Er rutscht unruhig auf dem Beifahrersitz herum. Eine gute Schlagzeile muss her, irgendwas mit Wucht.
Plötzlich reicht seine Sprecherin ihr Smartphone nach vorn. Kubicki liest. Die Staatsanwaltschaft will die Aufhebung von Wulffs Immunität beantragen. "Und tschüs", sagt Kubicki. Ihm kommt eine Idee. Am folgenden Tag um 11.05 Uhr tritt Wulff zurück. Um 11.11 Uhr spricht sich Kubicki öffentlich für Joachim Gauck aus, als Erster in der FDP. Gute Schlagzeile. Als die FDP-Führung zwei Tage später in den Gesprächen mit der Union überraschend auf Gauck umschwenkt, wirkt es, als sei sie einfach Kubicki gefolgt.
Kubicki hat den Präsidenten gemacht, so sieht er es zumindest. Wer ihn dieser Tage anruft oder trifft, begegnet einem Mann, der vor Bedeutung strotzt. "Na, bist du stolz auf mich?", fragt er Weggefährten am Telefon. Der Springteufel aus Schleswig-Holstein hat mal wieder das ganz große Rad gedreht.
In der FDP ist Kubicki, 59, so wichtig wie nie. Am 6. Mai wird in Schleswig-Holstein gewählt. Fliegt die FDP aus dem Landtag, ist das wohl das Ende von Parteichef Philipp Rösler. Kommt die FDP über fünf Prozent, wird sich Kubicki als Röslers Retter feiern.
Kubicki ist FDP-Fraktionschef im Kieler Landtag, aber seine Bedeutung in der Partei bemisst sich nicht an solchen Ämtern. Sie bemisst sich an seinen Tabubrüchen. Kubicki ist berüchtigt dafür, immer als Erster vor die Mikrofone zu spurten und ohne Absprachen loszuholzen. In Interviews sagt er, die FDP habe als Marke "verschissen", und vergleicht den Zustand seiner Partei mit dem der späten DDR. Er prahlt mit seinem Wohlstand und flirtet für sein Leben gern. Kein Freidemokrat wirkt in seiner Eitelkeit, seiner Ausfälligkeit und seiner Unberechenbarkeit krasser als Kubicki. Er ist der Freak der FDP.
Dennoch spielt Kubicki eine wichtige politische Rolle. Die deutsche Politik schleift Extreme normalerweise glatt oder grenzt sie aus, belohnt wird der Konsens, das wohltemperierte Mittelmaß. Kubicki hat sich diesem Schema immer widersetzt. Für die Politik macht ihn das interessant und gefährlich zugleich.
Es ist Abend geworden in Schleswig-Holstein, Kubickis Limousine rollt nach Strande, ein Nobelvorort von Kiel. Dort lebt er mit seiner dritten Ehefrau. Als ihr Grundstück in Sicht kommt, wird Kubicki zappelig. "Sehen Sie, da wohne ich!", ruft er. "Unverbauter Ostseeblick." Er lässt vor der weißen Klinkervilla anhalten, eilt die Stufen zur Eingangstür hinauf und bittet herein. Eigentlich soll das Haus für die Presse tabu sein, Kubickis Sprecherin guckt verzweifelt. Drinnen zeigt er stolz einen großen Wohnraum mit hellem Teppich. Vor dem Panoramafenster liegt die Terrasse, dahinter senkt sich ein weitläufiger Garten hin zur Ostsee. "Und unten drin", sagt Kubicki, "haben wir 'ne Sauna und ein Schwimmbad."
So unverblümt wie Kubicki versucht kaum ein Politiker, mit seinem Wohlstand zu beeindrucken. Luxus und Reichtum sind in der Politik verpönt, man darf zumindest nicht damit angeben. Kubicki ist das egal. Er lässt sich auf seinem Motorboot filmen und erzählt offenherzig, dass seine Villa 1,2 Millionen Euro wert sei. Minister in der schleswig-holsteinischen Landesregierung wollte er auch deshalb nicht werden, weil er dann nicht mehr als Anwalt für Wirtschaftsgrößen hätte arbeiten können. Seine Diäten als Fraktionschef entsprechen in Kubickis Welt der Kategorie "Portokasse". Sie liegen bei monatlich 12 000 Euro.
Jemand wie Kubicki braucht die Politik nicht zum Lebensunterhalt. Er klammert sich nicht an Funktionen und schielt nicht nach Versorgungspauschalen. In gewisser Weise ist Kubicki damit der Anti-Wulff. Wo Wulff die Politik nutzte, um dem Luxus näherzukommen, nutzt Kubicki seinen Wohlstand, um sich das Vergnügen Politik zu leisten. Er braucht sie vor allem zu einem Zweck: als Bühne für seinen Geltungsdrang.
Ein Mittagessen im Kieler Yachtclub, durch die Fensterfront knallt die Sonne, Kubicki setzt sich mitten rein: "Ich bin ja Scheinwerferlicht gewöhnt." Es geht jetzt um Frauen, noch so ein Tabu, das für Kubicki keines ist. "Frauen haben in meinem Leben immer eine zentrale Rolle gespielt", sagt er. Auf seine Mutter folgten die Ehefrauen eins bis drei. Keinen einzigen Tag seines Lebens, sagt Kubicki, habe er ohne Frau verbracht.
Kubickis Normalzustand ist der Flirtmodus. Gern erzählt er die Geschichte, wie er einmal seine Parteikollegin Silvana Koch-Mehrin "angebaggert" habe, bis plötzlich ihr Mann auftauchte. Wenn vor ihm im Kieler Plenum eine hübsche Abgeordnete spricht, tritt Kubicki schon mal ans Mikrofon und sagt, er würde gern mit ihr Kaffee trinken. Wohnte er allein in der Hauptstadt, sagt Kubicki, würde er "vielleicht zum Hurenbock werden".
Die Versuchung, auch durch Frauen, ist Teil des Politikerlebens, aber die meisten Politiker verschleiern diesen Umstand. Die Verführbarkeit wird ausgeblendet, weil das System die Verführten bestraft. Über Verfehlungen schweigt man, das ist die Regel. Kubicki ignoriert sie. Seine ständigen Tabubrüche machen ihn als Politiker für die Medien interessant, aber sie machen ihn auch unberechenbar und damit verhasst, vor allem bei seinen Parteikollegen.
"Sieht ja aus wie von Edeka", sagt Kubicki und fletscht die Zähne. Er steht mit einer Gruppe Journalisten im Berliner Thomas-Dehler-Haus vor einem neuen Plakat der FDP. Es zeigt eine junge Marktfrau vor einem Obststand, das Motiv soll die Wachstumskampagne von Parteichef Rösler untermalen. Später, bei der Pressekonferenz, steht Kubicki neben dem FDP-Chef auf der Bühne und tritt noch mal nach. "Das Plakat sieht ja mehr aus wie Werbung für Obst aus deutschen Landen", sagt er. Für den Wahlkampf in Schleswig-Holstein habe er andere Ideen. "Ich hab schon zu Rösler gesagt: Wir machen eine Fotomontage. Ihr Körper, mein Kopf."
So illoyal wie Kubicki benimmt sich in der FDP kein Zweiter. In der Welt der Politik ist die öffentlich demonstrierte Loyalität zum Vorsitzenden ein hohes Gut. Wer brav der Führung folgt, wird mit einem Posten belohnt. Querulanten lassen sich so mitunter einhegen, der hessische FDP-Chef Jörg-Uwe Hahn ist dafür ein Beispiel. Jahrelang keilte Hahn gemeinsam mit Kubicki öffentlich gegen
die FDP-Führung. Aber Hahn wollte immer nur einen Platz im Präsidium erpressen. Seit er den Posten hat, gibt er sich loyal und stumm.
Bei Kubicki greift dieser Mechanismus nicht. Viele in seiner Partei verachten ihn deshalb, für sie ist er bloß "der Irre aus Kiel". Die frühere Bundestagsfraktionschefin Birgit Homburger, eine Feindin Kubickis, kommentierte seine ständigen Ausfälle besonders genervt. Es sei ja sehr einfach, nur am Spielfeldrand zu stehen und zu meckern, sagte Homburger dann. Kubicki solle mal selbst Verantwortung im Bund tragen, statt immer bloß den Schnabel aufzureißen. Kubicki sitzt abseits in Kiel wie ein Zaunkönig, ein kleiner Vogel, der sehr laut trillern kann.
Tatsächlich drängt sich die Frage auf, warum Kubicki, der immer alles besser weiß und keine Bühne scheut, nie selbst ein wichtiges Amt im Bund übernommen hat. Zweimal zog er als Abgeordneter in den Bundestag ein, zuletzt vor zehn Jahren, aber es hielt ihn dort nie lange. Im Herbst 2002 überschrieb eine Kieler Lokalzeitung ein Kubicki-Interview mit dem Zitat: "Ich will nach Hause."
Ein Teil der Antwort liegt dort, in Strande. Wie an vielen Abenden sitzt Kubicki im Restaurant des Strandhotels, das er "mein zweites Wohnzimmer" nennt. Gedämpfte Beleuchtung, im Kamin flackert ein Feuer. "Für mich ist das eine Art Schutzraum hier", sagt er. "Ich lebe seit 20 Jahren in Strande. Hier kenne ich fast jeden. Wenn ich in Berlin wohnen müsste, würde ich mich in kürzester Zeit komplett entwurzelt fühlen."
Kubicki kennt seine Grenzen, spätestens seit dem 5. Juni 2003, dem Todestag von Jürgen W. Möllemann. An diesem Morgen klingelt Kubickis Handy. "Hallo Waczlaw", sagt Möllemann, so nennt er seinen Freund Kubicki, wenn er gut drauf ist. Seit Monaten ist Möllemann in eine Affäre verstrickt, es geht unter anderem um die Finanzierung eines antisemitischen Flyers. Nun zieht sich die Schlinge zu. Vor seinem Haus hätten sich Journalisten versammelt, sagt Möllemann. Was das zu bedeuten habe? "Du bekommst Besuch von der Staatsmacht", vermutet Kubicki.
In seiner Erinnerung wirkt der Freund am Telefon total gefasst. Kurz nach dem Gespräch fährt Möllemann zum Flugplatz Marl-Loemühle, er will Fallschirm springen. Kubicki ist an diesem Tag zu Besuch in Berlin. Am Nachmittag erreicht ihn im Abgeordnetenhaus die Nachricht, dass Möllemann in den Tod gestürzt sei. Kubicki trifft die Meldung wie ein Faustschlag. Er ist völlig benommen. Auf dem Weg zum Reichstag, den er eigentlich gut kennt, verläuft er sich.
"Möllemann und ich mochten uns, weil wir teilweise gleich getickt haben", sagt Kubicki am Abend im Strandhotel. Ihre engere Bekanntschaft begann 1996. Auf dem Landesparteitag in Hagen beharkten sich die beiden, Möllemann frotzelte: "Sie Sausack." "Wenn Sie mich schon Sausack nennen", sagte Kubicki, "dann können wir auch du sagen."
In den folgenden Jahren warfen Möllemann und Kubicki sich öffentlich die Bälle zu, zwei eitle Alphatiere, deren Spiel funktionierte, weil sie nie direkte Konkurrenten wurden. Ihr Bindeglied hieß Größenwahn. Das "Projekt 18", mit dem sie bei der Bundestagswahl 2002 18 Prozent für die FDP holen wollten, erdachten sie zu zweit im Suff am Abend der NRW-Wahl im Jahr 2000, erzählt Kubicki.
"Möllemann und ich mussten uns dauernd beweisen", sagt Kubicki. Er selbst ja sowieso, weil er immer der Kleinste gewesen sei. "Aber Möllemanns Politikverständnis war etwas anders gelagert als meins." Möllemanns Eitelkeit zielte stärker auf hohe Ämter ab. Er wollte unbedingt Bundesminister sein. Er wollte ganz nach oben in der Politik.
Als Kubicki nach Möllemanns Tod dessen Unterlagen durchsah, habe er begriffen, dass sein Freund Multimillionär hätte werden können, wenn er mehr Energie in seine Geschäfte gesteckt hätte. Aber das habe Möllemann nicht interessiert, sagt Kubicki. Seine Droge hieß Politik. In Kubickis Erzählung klingt es, als habe Möllemann genau das zugrunde gerichtet.
Kubicki ist klug genug zu wissen, dass auch in ihm dieser Wahnsinn schlummert. Ihn könnte seine Sucht nach Aufmerksamkeit ebenfalls zerstören. So ist es auch Angst, die Kubicki an die Provinz kettet. Die kleine Kieler Welt ist sein Segen, weil sie ihn schützt, aber auch sein Fluch, weil sie so begrenzt ist. Ertragen kann Kubicki das nur, wenn irgendetwas über diese Enge hinausweist.
Ein grauer Wintertag in Owschlag, Schleswig-Holstein. Kubicki muss als Spitzenkandidat im Landtagswahlkampf Firmen besuchen. Zwei Termine hat er schon hinter sich, es waren weder Kameras dabei noch Mikrofone, nur fünf Leute von der örtlichen FDP. Auf der Autofahrt stiert Kubicki mürrisch hinaus in den Regen.
Seine Limousine hält auf dem Hof von Stahlbau Schäfer. Keiner wartet. Kubicki steigt aus und rückt seinen Maßanzug zurecht, auf seinen Lederschuhen perlen Regentropfen ab. "Ich lauf jetzt hier aber nicht durch den Matsch!", sagt er. Aus der Eingangstür tritt Frau Schäfer, sie kommt Kubicki entgegen. "Ich hab Sie gestern im Fernsehen gesehen!", ruft sie. "Sie sind da so schön stramm durchs Bild gelaufen!" Etwas in Kubicki zuckt. "Ach ja?", sagt er, seine Mundwinkel heben sich. Er wurde gesehen. Im Fernsehen. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag sieht Kubicki so aus, als ob er sich freut.
(*) Mit Möllemann-Ehefrau Carola bei einer Wahlparty in Düsseldorf am 14. Mai 2000.
Von Merlind Theile

DER SPIEGEL 9/2012
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