27.02.2012

RUSSLANDVorwärts in die Vergangenheit

Präsidentschaftskandidat Wladimir Putin hat aus der Protestbewegung nichts gelernt, er lebt in einer anderen Welt, ohne eine Vision für sein Land. Die Wahl am kommenden Sonntag mag der Premier gewinnen - aber er wird ein Staatschef auf Zeit.
Der Mann, der Wladimir Putin in Rente schicken möchte, hat einen Heidenspaß am Rollentausch. Mal ist er Boris Akunin, der meistgelesene russische Krimi-Autor. Mal nennt er sich Anna Borissowa, dann schreibt er aus der Sicht einer Frau. Oder er versteckt sich hinter dem Nationalisten Anatolij Brusnikin.
Seit einigen Wochen ist Akunin Anführer der russischen Opposition. Aber das hat nichts mehr mit Fiktion zu tun, das ist jetzt bitterer Ernst, ja, große Politik - Politik, die Russland verändern könnte. Auf den Moskauer Demonstrationen gegen die Fälschungen bei der Duma-Wahl gehört Boris Akunin zu den Hauptrednern; unter den Hunderttausenden, die seit Wochen den Rücktritt von Wladimir Putin fordern, ist keiner beliebter als er.
Am kommenden Sonntag werden Akunin und seine Landsleute wieder an die Wahlurnen gerufen, diesmal geht es um das viel wichtigere Präsidentenamt. Putin hat die Weichen für eine Rückkehr in den Kreml gestellt, er will zum dritten Mal Staatsoberhaupt werden.
Aber nun ist das Unerhörte passiert: Ein Teil des Volkes spielt nicht mehr mit, auch Akunin nicht - er ist jetzt der Bürger Grigorij Tschchartischwili. So lautet sein wirklicher Name, jener, der im Pass eingetragen ist. Aber alle nennen ihn weiter nur Akunin.
"Putin hat sein Land verloren", sagt Akunin. "Ich wünsche ihm nicht das Schicksal Muammar al-Gaddafis, aber er sollte die Zügel einem Nachfolger übergeben. Als Historiker weiß ich, dass autoritäre Systeme scheitern, wenn die Kluft zwischen Herrschenden und Beherrschten zu groß wird."
Im Regal von Akunins Arbeitszimmer stehen die Klassiker der Weltliteratur, die großen Fenster seines Landhauses geben den Blick auf die verschneiten Tannen im Garten frei. Stille ringsherum. Eine unwirkliche Stille, wenn man weiß, was sich nur 30 Kilometer weiter östlich in Moskau und im Lande abspielt.
Dort steht die Welt jetzt auf dem Kopf, Zehntausende begehren gegen Wladimir Putin, Kosename Wowa, auf. "Wowa, du bist entlassen", rufen die Kreml-Gegner, und: "Russland - das sind wir!", Debatten über einen Machtwechsel toben im Internet. Auch der Kreml mobilisierte vergangene Woche noch einmal 130 000 Anhänger, er will dem Premier am Sonntag den Sieg sichern, gleich im ersten Durchgang.
Hat der Atem der arabischen Rebellion Russland erreicht? Noch vor drei Monaten schien ausgemacht, dass Putin, 59 Jahre alt und seit zwölf Jahren Präsident oder Premier, für weitere zwölf Jahre in den Kreml einzieht. Doch nun ist plötzlich das Ende einer Ära in Sicht.
Es scheint, als sei das riesige Land aus seiner Starre erwacht, als bröckele die Mauer rund um das Regime, als brächen die Tabus der Putin-Zeit. Liberale, Nationalisten und Kommunisten sind vereint in ihrem Hass auf den ewigen Kreml-Chef. Von Neuwahlen ist die Rede, von einer Koalitionsregierung und von der Freilassung der politischen Gefangenen.
"Wenn Putin sich nicht überwindet und die Dinge verändert, wird alles auf den Plätzen der Städte enden", warnt Ex-Präsident Michail Gorbatschow. Und Michail Prochorow, der Milliardär, der selbst zur Präsidentenwahl antritt, sagt: "Was in Russland passiert, ist eine Katastrophe."
Im Herbst, als Putin seine Rückkehr in den Kreml ankündigte, dachten Akunin und seine Frau an Auswanderung: "Wir hatten die Hoffnung verloren, dass die Menschen aus ihrer Apathie erwachen. Keiner rechnete mit diesem Aufruhr."
Nun aber wird sichtbar, dass ein Riss durch die Gesellschaft geht. Das Land ist geteilt: zwischen denen, die an Putin festhalten wollen, weil sie eine neue Zeit der Wirren befürchten - wie in den neunziger Jahren nach dem Rücktritt Gorbatschows oder 1917 nach dem Abgang von Nikolai II. Und jenen, die jetzt auf Moskaus Straßen rufen: "Wir sind nicht die Opposition, wir sind eure Arbeitgeber. Putin hau ab!" Keines der Lager schont das andere.
Moskau sei das "letzte Bollwerk gegen ein neues Weltimperium des Bösen", bläuen Kreml-nahe Redner dem Publikum ein: Nach Afghanistan, Irak und Libyen wollten die Amerikaner sich jetzt auch Russland unterwerfen, die Demonstranten seien die Handlager Washingtons.
Der angesehene Kinoregisseur Stanislaw Goworuchin, Putins Wahlkampfleiter, greift sogar in die Zarenzeit zurück, um die Dramatik dieser Tage zu beschreiben: "Sie haben 1911 bereits Reformpremier Stolypin gemeuchelt - als Russland kurz vor dem Durchbruch zu einer industriellen Führungsmacht stand." Dieses Szenario wiederhole sich jetzt, behauptet er.
Da ist sie wieder, die Angst vor Revolution und Bürgerkrieg, absichtsvoll wird sie vom Kreml geschürt. Die Farbe der Orange Revolution, die vor sieben Jahren in der Ukraine nach einer gefälschten Wahl das autoritäre Regime hinweggefegt hatte, sei "die Farbe von Hundepisse im Schnee", ereiferte sich der Chefredakteur der nationalistischen Zeitung "Sawtra" auf einer Kundgebung. Stürze Putin und zögen die Protestler in den Kreml ein, drohe ein Kampf aller gegen alle. Dann werde aus Orange das "Rot von Blut".
"Putin ist schlimmer als Hitler", halten Liberale dagegen. Alexej Nawalny, Anti-Korruptionskämpfer und Nationalist, kündigt an, er werde den Kreml-Leuten "die Kehle durchbeißen".
Warum gleitet Putin, dem politischen Tausendsassa, das Land plötzlich aus der Hand, welche Fehler hat er gemacht? Sind die Versprechungen, die er nun täglich offeriert, ehrlich gemeint, kommt er nach der Wahl als Reformer zurück? Oder stimmt, was Akunin sagt: dass Putin "noch immer nicht versteht, was vor sich geht"?
Angenommen, er schafft am 4. März die Wiederwahl - wie legitim ist diese Wahl, und welches Schicksal wartet dann auf Russland: Revolution oder Restauration? Und welchen Rückhalt besitzt Putin noch in der Provinz? Auch in Jekaterinburg und Jaroslawl, in Orenburg und Wolgograd haben die Wähler dem Kreml im Dezember eine Abfuhr erteilt.
SPIEGEL-Redakteure waren im russischen Riesenreich unterwegs, um herauszufinden, warum die Welt des Wladimir Wladimirowitsch Putin aus den Fugen gerät: in der Pazifikstadt Wladiwostok und der Schwarzmeerregion von Krasnodar, in Nowosibirsk, der Hauptstadt Sibiriens und in der mordwinischen Provinz.
ATJASCHEWO, INSEL DER SELIGEN
Hinter den verschneiten Feldern des 6000-Seelen-Dorfes Atjaschewo verschwindet die Sonne am Horizont. Für Anna Baburowa, 48, geht die Frühschicht zu Ende. Es lief gut in der Fleischfabrik Atjaschewski, an die 70 Tonnen Wurst dürften sie heute produziert haben.
Anna Baburowa steht am Cutter. Die Messer zerhacken und vermischen Schweine- und Rindfleisch mit Rückenspeck, bevor die Masse in Wurstdärme kommt und zur "Jewropeiskaja" wird oder zur geräucherten "Braunschweigskaja".
"Früher haben wir die Wurst aus Moskau geholt, jetzt bringen wir sie dorthin", sagt Anna Baburowa. Hinter diesem Satz steckt das Geheimnis von Atjaschewo.
Die Siedlung Atjaschewo liegt in der Republik Mordwinien, die nicht viel größer als Mecklenburg-Vorpommern ist, man kann sie von Moskau aus nach einer Nachtfahrt mit dem Zug Richtung Wolga erreichen. Gut 800 000 Menschen leben hier, jeder Dritte gehört zum Volk der Mordwinen, das Ersjanisch und Mokschanisch spricht. Die Republik war früher nur jenen ein Begriff, die in den zahllosen Straflagern inmitten der dichten mordwinischen Wälder saßen.
In den letzten Jahren hat sie von sich Reden gemacht: Mordwinien ist die einzige Republik außerhalb des Kaukasus, in denen der Kreml bei Wahlen mit über 90 Prozent Jastimmen rechnen kann.
91,62 Prozent hat die Putin-Partei Einiges Russland im Dezember hier erreicht. Der Bezirk Atjaschewo, 80 Kilometer von der Republikhauptstadt Saransk entfernt, hat diese Zahl noch übertroffen. 16 998 Stimmen fuhr Einiges Russland im Rayon ein, 99,83 Prozent. Nur für die Kommunisten fielen 25 Stimmen ab; für die restlichen fünf Parteien warf niemand einen Zettel in die Urne.
Es war ein - nach europäischen Maßstäben - gespenstisches Ergebnis. Wird in Mordwinien noch besser gefälscht als anderswo im weiten Russland? Oder sind die Zahlen real? Kann das sein in einer Republik, in der der monatliche Durchschnittslohn trotz der Nähe zu Moskau bei umgerechnet gerade mal 300 Euro liegt?
"Wir sind sehr praktische Leute hier", sagt Raissa Kusnezowa. Sie ist eine schwarzhaarige Dame, 55 Jahre alt und leitet die Dorf- und Rayonzeitung von Atjaschewo - "Wperjod" heißt das Blatt, Vorwärts. Man könne das Phänomen historisch erklären, sagt Frau Kusnezowa.
Noch in den achtziger Jahren habe es rund um Atjaschewo nicht einmal Asphaltstraßen gegeben. Die 30 Kilometer von ihrem Heimatdorf in die Siedlung sei sie nur zu Fuß gelangt, es sei denn, ein Traktor habe sie mitgenommen.
Nach dem Ende der Sowjetunion brach in Mordwinien das Chaos aus. Bis auf die Glühbirnenfabrik von Saransk kollabierte die gesamte Industrie, Strom gab es in den Dörfern nur stundenweise. Die örtlichen Demokraten der Jelzin-Partei waren ins Geschäftemachen und in Verteilungskämpfe verstrickt, eine Mordserie hielt die Gegend in Atem. "Auch die Kommunisten haben uns keinen Weg aus der Scheiße gewiesen", sagt Kusnezowa. Sie ist eine Frau mit klarer Sprache.
Aber dann sei Nikolai Merkuschkin gekommen. Merkuschkin ist Republikchef, die vierte Amtsperiode bereits, er ist der Putin Mordwiniens. Ein Macher.
Er hat die Industrie wieder angekurbelt, Gas in die Dörfer gebracht und die Landwirtschaft wiederbelebt. Es gibt günstige Kredite für Privatbauern, der Präsident hat Geld aus Moskau in die Republik geholt. Fünfmal schon war Putin zu Besuch, früher kam nie ein Regierungschef vorbei.
Die erforderte Gegenleistung scheint auf den ersten Blick nur symbolisch zu sein. An den zehn neuen Eissporthallen, die in der Republik errichtet wurden, prangt das Logo von Einiges Russland. Als hätten die Staatspartei oder Putin persönlich sie finanziert. Auch in Atjaschewo wurde pünktlich zur Wahl im Dezember ein "Eispalast" hingestellt, 178 Millionen Rubel hat er gekostet, Präsident Merkuschkin kam persönlich zur Einweihung.
"Nicht wahr", hat er den Dörflern von Atjaschewo zugerufen, "das haben Sie vor zehn Jahren nicht zu träumen gewagt?" Wer für seine Kinder und Enkel weiterhin ein stabiles Leben wolle, wer wolle, dass Wohnungen, Straßen und Krankenhäuser gebaut werden - der müsse sich entscheiden, für wen er bei Wahlen stimme. Der könne nicht an einem Erfolg der Opposition interessiert sein, jener Leute, die jetzt in Moskau demonstrierten. Oder der Kommunisten, dieser Partei, in der nur "ehemalige Kriminelle" säßen …
Raissa Kusnezowa hat die Worte des Präsidenten nachgedruckt. "Die in Moskau haben ein Rad ab", sagt sie. Ja, die Art der Machtübergabe von Medwedew an Putin sei "eigenartig" gewesen, "aber was brächte uns ein anderer Kandidat? Wir stimmen nicht blind ab", sagt sie, "aber wir wissen, auf wen der Fortschritt zurückzuführen ist. Wir glauben Putin".
Dankbarkeit führt den Wählern von Atjaschewo die Hand. Wenn der Gasanschluss im Haus oder das Stadion, das zur Fußball-WM 2018 in Saransk entsteht, angeblich das Verdienst der Staatspartei sind, weiß jeder, wo das Kreuz zu setzen ist.
Auch Anna Baburowa ist voller Dankbarkeit. Die Fleischfabrik von Atjaschewo war 1998 fast bankrott, heute stehen in ihr aus Deutschland importierte Maschinen. Und jeder der 870 Mitarbeiter trägt am Monatsende um die 20 000 Rubel nach Hause, etwa 500 Euro. "Ohne Putin hätte ich diese Arbeit nicht", sagt Baburowa. "Politik hat mich nie interessiert. Ich habe ein Haus, 1500 Quadratmeter Land und hatte immer nur ein Ziel: meine beiden Töchter großzukriegen."
Mordwinien sei der vom roten Reich verbliebene Rest, eine Sowjetunion en miniature, sagen die Moskauer. In Wirklichkeit ist es eine Provinz, in der das System Putin in Reinkultur zu besichtigen ist: Der Staat garantiert die Grundversorgung, solange sich das Volk nicht in die Politik einmischt. Das funktioniert dort, wo die weniger Begüterten zu Hause sind.
Putin hatte mit diesem Rezept Erfolg. Er sorgte nach den Wirren der Perestroika und der Jelzin-Zeit für Aufschwung, er hat die Tschetschenen bezwungen, den bankrotten Staat entschuldet und die Einkommen gesteigert. Der Erfolg, den er feiern konnte, besaß nur einen Makel: Er trug den Keim des erneuten Niedergangs in sich. Die zweite Amtszeit Putins als Präsident, die 2004 begann, und die Jahre danach bezeichnet der Politologe Nikolai Slobin heute als "verlorene Jahre".
Formal existieren die demokratischen Institutionen noch, die Jelzin gründete. Aber sie gleichen einem leeren Gehäuse. Zensur, Taschenparlament, willfährige Justiz, strikte Zentralisierung der Macht und eine übertriebene Rolle für Geheimdienste und Bürokratie - das ist das Putin-System. Nicht der Bürger, der Staat blieb das Maß aller Dinge.
Wie der funktioniert, erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Denn die Wirtschaftsbilanz klingt auch heute nicht schlecht: 4,3 Prozent Wachstum erzielte Russland voriges Jahr. Aber diese Zahl täuscht: Die Deindustrialisierung des Landes setzt sich fort. Die vom Staat gelenkten Unternehmen, an denen Politiker kräftig mitverdienen, ersticken Unternehmergeist und Wettbewerb. Seit Jahrzehnten hat Russland kein neues Auto und kein modernes Flugzeug mehr zur Serienreife gebracht. Das Land lebt vom Öl- und Gasverkauf, beklagt der im Herbst entlassene Finanzminister Alexej Kudrin. Bräche der Ölpreis ein, stünde Russland vor dem Offenbarungseid.
Zum Befund gehört, dass voriges Jahr 84 Milliarden Dollar ins Ausland abgeflossen sind, die große Mehrheit der Bevölkerung auch unter Putin arm geblieben ist und die neue urbane Mittelschicht keine Möglichkeit zur Mitbestimmung sieht und deswegen aufbegehrt - jeder zweite Vertreter dieser Schicht schaffe inzwischen sein Vermögen aus Russland heraus, stellte das Lewada-Meinungsforschungsinstitut fest.
Putin hat keine Vision, um das zu ändern, Politik ist unter ihm zur Attrappe verkommen. "Das Russland, das in seinem Kopf existiert, hat mit dem realen Land nichts mehr zu tun", sagt Slobin.
DAS DÖRFCHEN SENNOI, BÜHNE VON FÜRST PUTJOMKIN
Wie Putin sich am liebsten präsentiert, können die Einwohner von Sennoi erzählen. Sennoi liegt an der Tamansker Bucht, an deren Ufer Anatolij Dominski steht. Vor ihm liegt das Schwarze Meer, hinter ihm die Blechhütte eines Fischereibetriebes. "Da drüben am Strand hat er seine Show abgezogen", sagt er.
Mit der Show, von der Dominski spricht, hat der Abstieg Wladimir Putins begonnen, am 10. August 2011.
Dominski war Seemann. Heute betreibt der 60-Jährige in dem Ferienort 300 Kilometer nordwestlich der Olympiastadt Sotschi eine Pension. Auch Archäologen wohnen bei ihm, die hier nach einer antiken griechischen Siedlung graben.
Am anderen Ufer ist die ukrainische Halbinsel Krim zu sehen. Vor 225 Jahren war Katharina die Große dort unterwegs, um mit Prachtkutsche und großem Gefolge den neueroberten Landstrich zu inspizieren. Der Legende nach ließ ihr Heerführer am Wegesrand Fassaden blühender Dörfer errichten. Er wollte die Deutsche auf dem Zarenthron beeindrucken. Sein Name: Fürst Potjomkin.
Putin hat es im vergangenen August nicht viel anders gemacht, als er die Schwarzmeerküste für eine Selbstinszenierung nutzte. Schon ehe er eintraf, herrschte in Sennoi Ausnahmezustand: Soldaten durchkämmten Höfe mit Metalldetektoren und mähten das meterhohe Schilf, erinnert sich Dominski. Der Bürgermeister ließ Farbe verteilen, damit die Einwohner ihre Zäune frisch strichen, die Archäologen wurden in Urlaub geschickt.
Am Strand standen plötzlich Biotoiletten und Duschen. Dann kam Putin, stieg mit Taucherausrüstung in die Fluten hinab und hatte - als er wieder hochkam - zwei Amphoren in der Hand, angeblich 6. Jahrhundert nach Christus. Die Regierungszeitung "Rossiiskaja gaseta" bejubelte den "Fund historischen Ausmaßes".
Historisch war das Ereignis in der Tat, allerdings in einem anderen Sinne als von Putins PR-Beratern gedacht. Über Nacht war das Internet voll mit hämischen Kommentaren: Die Russen machten sich lustig über die allzu plumpe Show. Von Ikea-Vasen schrieben sie, weil die angeblich fast 1500 Jahre alten Amphoren blitzeblank in der Sonne glänzten, patinafrei und ohne Muschelbesatz hatte sie Putin aus dem Meer gezogen. Hunderte Archäologen, die seit 1936 das Gebiet durchforsten, mussten die in nur zwei Meter Tiefe liegenden Schätze übersehen haben. Selbst Putins Pressesprecher gestand später kleinlaut, die Amphoren hätten mit der Antike nichts zu tun: Es war eine der üblichen Aktionen von Fürst Putjomkin.
Jahrelang hatte Putins Trick medialer Selbstdarstellung funktioniert, jahrelang hatte er mit Bildern wie diesen die Mehrheit der Russen in Bann geschlagen: Eishockey spielend, am Klavier sitzend oder in Fernost einen Tiger jagend. Kreml-Propagandisten behaupteten, Putin sei "von Gott gesandt" (der frühere Chefideologe Wladislaw Surkow), ja die "Nummer eins auf der Erde, die Grundfeste bei der Lösung aller Probleme auf unserem Planeten" (Schauspieler-Legende Michail Bojarski).
Der Tauchgang am Strand von Sennoi aber war des Guten zu viel, die öffentliche Stimmung kippte. Für den Kreml hätte das ein Zeichen sein müssen, dass die alten Rezepte nicht mehr funktionieren. Ein autoritärer Führer, der lächerlich wird, verliert nicht nur seine Anziehungskraft, sondern auch seinen Schrecken - das Volk fing an, sich über Putin lustig zu machen.
Sennoi war nur der Anfang. Der Stimmungsumschwung verstärkte sich, als Putin im September zugab, er habe sich "schon vor langem" mit Medwedew über seine Rückkehr in den Kreml geeinigt - denn da wurde sichtbar, wie dieser Mann denkt und dass er gar nicht merkt, wie er sich vom Volk entfernt.
Die gefälschte Duma-Abstimmung machte das Maß endgültig voll.
Die Unruhen, die im Dezember begannen, überraschten in ihrer Wucht ganz Russland, das Regime ebenso wie die Opposition. Im Kreml gab es anfangs keine Sprachregelung. Es sei der "bessere Teil der Gesellschaft", der da auf die Straße gehe, erklärte Kreml-Ideologe Surkow. Das seien nur "Banderlogi", hielt Premier Putin dagegen - gesetzlose Affen. Den Begriff hatte er dem Dschungelbuch des britischen Autors Rudyard Kipling entnommen. Die Äußerung war zynisch und politisch dumm, sie goss Öl ins Feuer. Surkow wurde aus dem Kreml entfernt, der grobe Keil wieder hervorgeholt.
Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika behauptete, das Geld für die Demonstrationen stamme "aus Quellen, die sich außerhalb der Grenzen Russlands" befänden und beklagte, das Internet verbreite "extremistische Stimmungen". Dann begann die Säuberung der Staatspartei.
Die Gouverneure von Wologda, Archangelsk und Wolgograd traten zurück, auch die Bürgermeister der Großstädte Krasnojarsk, Uljanowsk und Pskow. Ihre Amtskollegen in Orjol, Brjansk und im sibirischen Omsk wurden aus der Partei ausgeschlossen, in weiteren sieben Provinzen stehen Entlassungen bevor.
Damit wurden die Statthalter jener Gebiete zu Sündenböcken gestempelt, in denen das Wahlergebnis für die Putin-Partei bis zu 20 Prozent unter dem ohnehin schlechten Landesdurchschnitt lag. Das Debakel war dem Kreml also nicht Anlass, das Gespräch mit dem enttäuschten Wähler zu suchen, sondern jene zu bestrafen, die versäumt hatten, für das richtige Ergebnis zu sorgen.
Hätte er ernsthaft analysiert, wie die desaströsen Zahlen zustandekamen, hätten ganz andere Staatsfunktionäre entlassen werden müssen. Etwa der Gouverneur von Wladiwostok.
WLADIWOSTOK, BASTION DER SCHATTENWIRTSCHAFT
Die Hafenstadt am Pazifik, Moskaus fernöstlicher Vorposten, 9289 Eisenbahnkilometer entfernt, hat schöne Buchten und kurze Wege zu bieten - nach Tokio, Peking oder Pjöngjang. Dem russischen Riesenreich hingegen kehrt sie den Rücken. Wie ein Echo aus weiter Ferne klingt in Wladiwostok, was im Westen des Landes für Aufruhr sorgt.
Schmährufe gegen Putin, Proteste wegen Wahlbetrugs? In Moskau seien während der Demonstrationen "viele Pelzmäntel zu sehen" gewesen, das immerhin habe sich bis nach Wladiwostok herumgesprochen, spottet Larissa Belobrowa, 46: "Sollen diese Leute doch mal aus Moskau rausfahren und dort Straßen kehren oder den Babuschkas helfen - anstatt Winterurlaub zu machen in Courchevel." Die Gouverneursgattin und gelernte Schau-spielerin Belobrowa trägt keinen Pelz. Nur ein mit Diamanten bestückter Ring verrät, dass sie leidlich durch die Ära Putin gekommen ist. Ihr Jahreseinkommen lag 2010 bei 27 Millionen Euro - beim Doppelten dessen, so rechnet es die Boulevardpresse vor, was die Hollywood-Diva Angelina Jolie verdiente.
Sie schere sich wenig um den "Mist", der über sie verbreitet werde, sagt die Primadonna des Gorki-Theaters von Wladiwostok. Sie habe Besseres zu tun. Sie dirigiert, auf dem Papier zumindest, nebenher ein Firmenimperium samt Fischfangflotte. Und unterstützt so ihren laut Steuererklärung vergleichsweise mittellosen Gatten Sergej Darkin, den Gouverneur und mächtigsten Mann der Region.
Darkin ist seit 2001 Provinzfürst von Putins Gnaden. Elf Jahre später wäre er, glaubt man Volkes Stimme, der Erste, der abgewählt würde, sollte die Direktwahl der Gouverneure wieder eingeführt werden. Bis auf weiteres bleibt Darkin, allen Korruptionsvorwürfen zum Trotz, auf Posten in Wladiwostok.
Russlandweites Renommée als Bastion der Schattenwirtschaft hat sich die Hafenstadt zu Wendezeiten erworben. Darkin selbst legte den Grundstock zu seinem Aufstieg mit einer Firma, die im Moskauer Innenministerium als "Wespennest der Organisierten Kriminalität" galt. Seine heutige Gattin war da noch mit der stadtbekannten Unterweltgröße Igor "Karpfen" Karpow vermählt. Nachdem der "Karpfen" von Scharfschützen auf offener Straße erschossen wurde, gab Belobrowa dem Gouverneur das Jawort.
"Was bei uns im Fernen Osten passiert, ist auf groteske Weise bezeichnend für ganz Russland", sagt der Rechtsprofessor Witalij Nomokonow von der Universität Wladiwostok, Autor eines Standardwerks über "Organisierte Kriminalität im Fernen Osten": "Kriminell ist bei uns vor allem das große Business, der Bereich, der am saubersten sein müsste wegen seiner Nähe zur Politik." Unstrittig, so Nomokonow, sei daher, dass die Verantwortlichen in Moskau wissen, was hier vor sich geht, und trotzdem an Darkin festhalten - weil er durch seine Vergangenheit erpressbar und leicht zu manipulieren ist; er garantiert den ,otkat', die Provision für hohe Beamte.
Von 33 Milliarden auf inzwischen 400 Milliarden Dollar ist die Summe der in Russland aufgewendeten Bestechungsgelder während der Ära Putin gestiegen. "Selbst Präsident Medwedew hat eingeräumt, dass es keine Fortschritte gibt", sagt Professor Nomokonow: "Warum ist das so? Weil es den Machthabern am politischen Willen fehlt."
Auch wenn bisweilen ein Vize-gouverneur oder ein Zollchef unter Korruptionsverdacht verhaftet werden: In Wladiwostok ist für Goldgräber noch reichlich zu holen. Im September 2012 beginnt auf der vorgelagerten Insel Russki der Apec-Gipfel der Pazifik-Anrainerstaaten. Bis dahin sollen allein aus diesem Grund 15 Milliarden Euro in Brücken, Neubauten und Infrastruktur geflossen sein.
Wenn Gouverneur Darkin aus seinem Büro im "Weißen Haus" zu Wladiwostok nach unten blickt, sieht er nicht nur eine Stadt, die sich gerade in bester potjomkinscher Tradition mit einigen ausgebesserten Straßen entlang der Protokollstrecke zum Flughafen und mit frischgestrichenen Vorderfronten angrenzender Häuser fürs große Ereignis putzt.
Er sieht auch, wie nahe der halbfertigen Brücke übers Goldene Horn schwerbeladene Fähren durchs Eis brechen. Drüben, auf einer Insel, auf der es bis vor kurzem nicht mal genügend Trinkwasser gab, wird mit Hilfe von 15 000 Bauarbeitern aus aller Welt unter Hochdruck daran gearbeitet, dass rechtzeitig jene Gipfel-Kulisse entsteht, die Barack Obama, Hu Jintao und anderen Staatenlenkern drei Tage lang Respekt abnötigen soll.
Ein in seiner Mischung aus Tatkraft und Großspurigkeit zutiefst russisches Projekt ist da im Entstehen: Während die Champagnergläser für die Obamas bereits auf dem Esstisch der Präsidenten-Suite stehen, hadert ein paar Kilometer entfernt der pensionierte Armee-Offizier Gennadij Paskotin mit dem, was ihm als "Townhouse" verkauft wurde. Seine frühere Wohnung musste er wegen der Baumaßnahmen räumen. Nun prüft er mit einem Winkel die neue 57-Quadratmeter-Behausung samt ihrer Innenwände aus Gipskarton auf schiefe Fluchten. 150 000 Euro hat die Baufirma dem Staat für dieses windige Ausweichquartier in Rechnung gestellt - "ein Witz", wie Paskotin findet, der mit schmaler Offizierspension über die Runde kommen muss.
"Unser ganzes System ist so unfassbar korrumpiert", sagt ein Funktionär der Putin-Partei in Wladiwostok, "dass es nur zu retten wäre, wenn wie in China Beamte erschossen werden dürften."
Es könnte den Anschein haben, als seien Putin Missstände wie die in Wladiwostok endlich ins Bewusstsein gedrungen. Denn in seinen Wahlmanifesten finden sich überraschende Sätze. "Wir werden die Rechenschaftspflicht der Staatsmacht gegenüber der Gesellschaft gewährleisten, für die sie arbeitet", ist da zu lesen.
Seit Januar lässt der Premier jede Woche richtungweisende Aufsätze veröffentlichen. Von "Überbleibseln des sowjetischen Rechtssystems" spricht er plötzlich oder davon, dass nur "politische Konkurrenz" die Demokratie voranbringe. Er will sogar die Wahlgesetze liberalisieren.
Gleb Pawlowski, 60, ein Mann mit rundem Gesicht und Bürstenhaar, ist der Mann, der Putins erfolgreiche Wahlkämpfe 2000 und 2004 konzipierte. Zu Sowjetzeiten war er Dissident, später half er Boris Jelzin, sich gegen die Kommunisten durchzusetzen. Pawlowski überwarf sich mit Putin, nachdem er öffentlich für eine zweite Amtszeit Medwedews eingetreten war.
Er hat nach Durchsicht der putinschen Artikel eine wichtige Frage gestellt: "Warum sollte sich dieselbe Mannschaft jetzt mit der Säuberung dessen befassen, was sie selbst eingeführt hat?" Jeder müsse den Eindruck haben, Putin habe die letzten Jahre in einem anderen Land gelebt.
Wer Putins Papiere genauer liest und Schizophrenie als Krankheitsbild beim Premier ausschließen will, merkt: Dieser Kandidat täuscht und betrügt. Denn in einem anderen Artikel fordert Putin, "die Autorität und Kraft des Staates wiederherzustellen" - das Wort Staat kommt 14-mal, das Wort Volk an zwei Stellen vor.
Davon, dass sich der Bürger künftig an Politik beteiligen dürfe, ist keine Rede. Aber ganze Absätze lang barmt Putin, wie "destruktive Kräfte" mit gewaltsamen Methoden ihre Art Demokratie nach Russland "zu exportieren versuchen" und so die Stabilität des Landes bedrohten. Und dass "das Streben eines Teils der Elite nach revolutionären Veränderungen" gefährlich sei, ja, das Volk sich nicht von "wohlklingenden Losungen einer Minderheit" ablenken lassen dürfe.
"Das ist die Position eines Bewahrers", sagt Pawlowski, nicht die eines Mannes, der wirklich etwas verändern möchte.
Putins Wahlkampfstab haben die Falken übernommen. Seit Surkow gehen musste, setzen sie hier auf jene Wählerschicht, die leichter zu beeinflussen ist als die Protestbewegung in Moskau. Täglich lassen sie ihren Chef ein Feuerwerk von Versprechen abbrennen.
Der kündigte die Verdopplung der Gehälter für Lehrer und Wissenschaftler an. Kindergeld und Stipendien sollen erhöht, die Maifeiertage verlängert, die von Präsident Medwedew eingeführte Null-Promille-Grenze rückgängig gemacht werden, Frauen dürfen weiterhin mit 55 und Männer mit 60 Jahren aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Zehn Millionen neue High-tech-Arbeitsplätze soll es geben.
Das ist - angesichts niedriger Produktivität und gravierenden Arbeitskräftemangels - ebenfalls Täuschung. Selbst die KPdSU hätte, als sie dem Volk den Kommunismus versprach, über Wege zu diesem hehren Ziel gesprochen, amüsierte sich die Zeitung "Moskowski komsomolez". Igor Nikolajew von der Unternehmensberatung FBK rechnete aus, dass die Wirtschaft jährlich 20 Prozent zulegen müsste, um die Wahlversprechen in die Tat umzusetzen.
Vor allem aber diffamiert Putins Wahlstab die Opposition. Deren Führer werden zwar zum Präsidenten eingeladen, Blogger Nawalny aber, für junge Russen die populärste Figur des Widerstands, wird in einer Fotomontage in schöner Eintracht mit dem nach London geflüchteten jüdischen Oligarchen Boris Beresowski gezeigt. Die Opposition wird von Finsterlingen gesteuert, so die Botschaft.
Wie Putin die öffentliche Meinung manipuliert, das wollen sich viele nicht mehr bieten lassen, auch in Sibirien nicht.
NOWOSIBIRSK, DIE MEDIEN UND DIE ÖFFENTLICHKEIT
Es ist Freitag, 9.35 Uhr. Im Studio der Fernseh- und Radiogesellschaft Nowosibirsk verliest der Sprecher die Meldungen des Tages: Die Armee hat am Stadtrand alte Munition entschärft, im Gebiet finden Gefechtsübungen statt, und in Nowosibirsk werden alle Kulturobjekte neu registriert. Es folgt ein Filmchen über den Bau der zweiten Müllverarbeitungsanlage.
Neunmal pro Tag öffnet sich für den TV-Sender ein Fenster im ersten staatlichen Fernsehkanal, neunmal gibt es Regionalnachrichten für die anderthalb Millionen Einwohner von Nowosibirsk. Von der bevorstehenden Wahl ist an diesem Freitag keine Rede.
Der Sender in der Rimski-Korsakow-Straße gehört zum Staatsfernsehen, in dessen Namen Chefreporter Andrej Kondraschow erklärt hat: "Wenn in Moskau 100 000 demonstrieren, dann ist das nicht einmal ein Prozent der Stadtbevölkerung. Es ist nicht unsere Aufgabe, uns an einer Revolution gegen die demokratisch gewählte Regierung zu beteiligen."
Kondraschow darf so reden, er hat in den letzten Wochen gespürt, dass es eine Wende in der Medienpolitik nicht geben wird, nicht unter Putin.
Beim Kreml-kritischen Sender Echo Moswky mussten Chefredakteur und Stellvertreter den vom Gazprom-Konzern kontrollierten Aufsichtsrat verlassen, gegen den privaten Fernsehsender Doschd leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein - er übertrug die Anti-Putin-Proteste live. Auch die oppositionelle "Nowaja gaseta" steht unter Druck.
In Nowosibirsk muss die Staatsmacht vorsichtiger agieren, es ist eine Stadt mit liberalem Geist. Sibiriens Metropole, am mächtigen Ob gelegen, der an ihr vorbei in den Arktischen Ozean fließt, besitzt Dutzende Hochschulen, 150 000 junge Leute studieren an ihnen, nach Moskau und St. Petersburg ist Nowosibirsk die Stadt mit der intensivsten Nutzung des Internets. Kein Wunder, dass hier nur 27 Prozent für die Putin-Partei stimmten.
Das Fernsehen von Nowosibirsk hat ebenfalls lange versucht, diese Stimmung zu ignorieren. Jede Pro-Putin-Aktion wird vom Staatssender gezeigt. Als jedoch 3000 Rentner das Rathaus besetzten, um eine Senkung der Fahrpreise in Bussen, Straßenbahnen und Metro zu verlangen, war ihm das keine Sekunde wert.
"Wir können nicht über jede kleine Demo berichten", rechtfertigt sich Direktorin Swetlana Woitowitsch, 51. Aber die kleine schwarzhaarige Frau, die sagt, sie sei im Nachbargebiet Kemerowo drei Jahre lang wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht als Redakteurin eingestellt worden, weiß sehr wohl, dass sich "die Atmosphäre geändert" hat.
Sie erzählt, wie Nowosibirsker Beamte versuchen, per Anruf in der Hauptstadt Druck auf sie auszuüben, damit ihr Sender noch staatstragender berichte. "Ich hoffe, sie verstehen irgendwann in Moskau, was jetzt an Neuem passiert." Das ist viel an Bekenntnis von jemandem, der beim Staatsfernsehen arbeitet.
Dass die Putin-Medien Leute wie ihn schneiden, überrascht Geschichtsstudent Stanislaw Sacharkin nicht. Er organisiert im Internet den Widerstand. Nach der gefälschten Duma-Wahl haben er und seine Kommilitonen Protestketten an der Metrostation Oktjabrskaja gebildet; am 14. Januar, bei minus 27 Grad, startete er eine "ironische Performance": Er kniete mit Freunden vor Putins örtlichem Parteibüro nieder und trug Lobeshymnen auf die "allmächtige und geliebte" Staatspartei vor. Allein diese Aktion brachte ihm sechs Stunden im Gericht und eine Strafe von 1000 Rubel ein.
Sacharkin, 22, schreibt gerade seine Diplomarbeit über die Breschnew-Zeit, "Die moralische Orientierung sowjetischer Stadtbewohner in der Epoche der Stagnation" lautet das Thema. Er hat es selbst gewählt, um sich mit Putins These auseinanderzusetzen, die sechziger und siebziger Jahre in der Sowjetunion seien eine tolle Zeit gewesen. Sacharkin hat Bücher und Filme jener Jahre analysiert, viele Zeitzeugen befragt und sagt: "Diese These stimmt einfach nicht. Der Kollektivismus war oft vorgetäuscht, die Russen haben schon damals individuelle Freiheiten gesucht, so wie ihr im Westen."
Es gibt andere Orte, an denen sich eine Art Gegenöffentlichkeit bildet, wo sich die Leute holen, was ihnen die Staatsmedien vorenthalten. Das Theater "Rote Fackel" etwa, das eines der angesehensten in Russland ist.
Auf dessen Bühne hat an den Abenden nach der Duma-Wahl das Schulstudio des Moskauer Künstlertheaters gastiert, mit dem Stück "Otmoroski", Die Erfrorenen. In ihm geht es um die Generation der in den neunziger Jahren Aufgewachsenen, die auf der Suche nach Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit sind und dabei mit der Staatsmacht zusammenstoßen. Der Saal explodierte vor Beifall, das Schlusslied sangen die Nowosibirsker stehend mit.
Wladimir Lemeschonok, 55, Starschauspieler an der Roten Fackel, mag mehr die hintergründigen Rollen. So eine, wie er sie in der "Geschichte der Stadt Glupow" von Michail Saltykow-Schtschedrin spielt. "Glupow" lässt sich etwa mit "Stadt der Doofen" übersetzen. Es ist das Porträt eines Gemeinwesens, in dem im 18. Jahrhundert die Macht unablässig von einem unfähigen Bürgermeister auf den anderen übergeht - "eine boshafte Satire aufs alte und aufs neue Russland", sagt Lemeschonok. "Es ist aber auch ein Experiment, denn drei Stunden lang wird kaum ein Wort gesagt. Aber jeder versteht: Es geht um das Verhältnis der Russen zur Macht."
Wie der Kreml sein Volk behandele, das sei nur noch "beleidigend", sagt Lemeschonok. "Die Macht hat Putin verändert. Ich bin als Schauspieler gewöhnt, mich in andere hineinzuversetzen - bei Putin kann ich das nicht mehr."
Die "Geschichte der Stadt Glupow" steht in der Roten Fackel das nächste Mal am Freitag auf dem Programm, zwei Tage vor der Präsidentenwahl.
Wie fähig zur Wandlung ist einer, der seit zwölf Jahren unangefochten ein Riesenreich wie Russland regiert? Und der nun feststellen muss, dass selbst enge Vertraute den Glauben an ihn verlieren? Putin kam 1999 an die Macht, als sein eigenes Verständnis von Politik mit den Bedürfnissen Russlands zusammenfiel. Als er sagte, man müsse die Tschetschenen "auf dem Klo kaltmachen", war dies die Meinung der meisten Russen. Auch die Verhaftung des Oligarchen Michail Chodorkowski billigten sie, sie erschien ihnen wie ein Ausgleich für die Ungerechtigkeiten der postsowjetischen Privatisierungszeit. Aber die Wähler von 2012 sind nicht mehr die von 1999.
Der Moskauer Nikolai Slobin, 53, ist ein Historiker und Publizist, der seit 1993 in Washington und Harvard lehrt, Putin aber regelmäßig in Moskau trifft. Er zeichnet ein ernüchterndes Psychogramm des russischen Premiers. Putin sei, so Slobin, von sich selbst überzeugt und davon, dass er stets recht habe - er sei kein reflektierter Mensch. Er habe das Gefühl, dass er das von ihm geschaffene System total kontrolliere und das System ohne ihn nicht überlebensfähig sei. Die Meinung von Volk oder Elite interessiere ihn nicht.
Aus seinen jüngsten Begegnungen mit Putin nahm Slobin die Erkenntnis mit, dass Russlands starker Mann seine Orientierung verloren habe. Er sei einer, der wie ein Sprinter in einen Langstreckenlauf gehe, sagt der Politologe: "Er läuft 100 Meter, noch einmal 100, dann sieht er sich um, um herauszufinden, wohin er weiterlaufen soll. Er mag ein Ziel haben, aber er weiß nicht, wie er dorthin gelangen soll." Im Übrigen sei Putin, so Slobin "ein sehr einsamer Mensch".
Jurij Ryschow, einst Jelzins Botschafter in Frankreich, drückt seinen Befund drastischer aus: Diesen "Mann voller Komplexe", der überzeugt ist von "der absoluten Freiheit all seiner Handlungen gegenüber dem Volk", als Nachfolger zu installieren - das sei Jelzins größter Fehler gewesen. Mehr noch: "ein Verbrechen".
Dass Putin kein Reformer, sondern ein Bewahrer ist, meinen viele, die ihn näher kennen. Er sei überzeugt, dass Russlands "Stabilität allein an ihm hängt", sagt der deutsche Historiker Alexander Rahr, aber es fehle ihm "eine globale Idee".
Der mit Putin befreundete Ex-Finanzminister Kudrin war seit Beginn der Demonstrationen dreimal beim Premier. Auch er sagt, dass Putin die neue Realität erst "begreifen" müsse - seinen, Kudrins, Vorschlag, in anderthalb Jahren die gefälschte Parlamentswahl zu wiederholen, habe der Premier rundweg abgelehnt.
Was also kommt auf Russland zu?
Die Opposition wird ihre Protestmärsche gleich am 5. März fortsetzen. Gehen dann mehr Menschen auf die Straße als zuvor, stellt sich die Frage nach der Legitimität der Wahl. Werden es weniger sein, darf Putin sich als Sieger fühlen.
Es wird ein Pyrrhussieg sein.
Sicher, in den Reihen der Opposition gibt es bislang niemanden, der an Putins Stelle treten könnte. Es gibt nicht einmal klare Vorstellungen, was nach einem Rücktritt des Präsidenten geschehen solle.
Auch wird Putin die Macht nicht freiwillig abgeben, das war nie die Art russischer Zaren, es ist bislang nur einmal passiert - 1991, im Falle Gorbatschows. Aber Gorbatschow war ein Sonderfall, er klammerte sich nicht an die Macht, er hatte sich auch nicht bereichert. Hinter Putin jedoch steht ein mit Vertrauten durchsetzter Mafiastaat, der viel zu verlieren hat.
Trotzdem wird Russland nach dem 4. März ein anderes Land sein.
Der frühere Vizepremier Alfred Koch, der in Putins Auftrag einst die Übernahme des unabhängigen Fernsehsenders NTW durch den Gazprom-Konzern organisierte, hat ein Szenario entworfen, wie die kommenden Monate verlaufen könnten.
Putin stehe vor unpopulären Reformen, sagt er. Sein Vertrauenskredit in der Bevölkerung aber sei dahin, die Umfragewerte würden weiter in den Keller stürzen. Der pragmatische Teil seiner Anhänger, Justiz und Presse zuallererst, werde Kontakt zur Opposition suchen.
Ende nächsten Jahres, glaubt Koch, gebe für den Ruf Putins niemand eine Kopeke mehr, alle Gebrechen Russlands würden dann ihm angelastet, niemand käme seinen Anordnungen mehr nach.
Ob Putin, wie Koch meint, schon 2013 am Ende ist, darüber darf man streiten. Gefährlich ist, dass er seinen Niedergang offenbar durch eine schärfere Konfrontation mit dem Westen aufhalten will.
Aber irgendwann könnte es so kommen wie am 31. Dezember 1999: Ein schwer angeschlagener Boris Jelzin verzichtete damals, kaum freiwillig, auf sein Amt. Und gab es vor den Augen der überraschten Russen an einen Nobody weiter: an Wladimir Putin.
Es wird Nacht über der Datscha von Boris Akunin. Der Schriftsteller macht sich auf den Weg zurück nach Moskau. Nur noch wenige Tage bleiben bis zur Wahl. "Es klingt vielleicht paradox", sagt er, "aber ich würde es vorziehen, wenn das Putin-Regime nicht ganz so schnell kollabiert", Russlands Zivilgesellschaft sei noch nicht so weit. "Aber der Anfang vom Ende Putins hat begonnen. Niemand kann sagen, wann und wie seine Herrschaft endet. Ob in zwei Monaten oder fünf Jahren. Ob friedlich oder blutig."
Von Walter Mayr und Christian neef Matthias Schepp

DER SPIEGEL 9/2012
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