07.12.1998

SCHULDENSchafskopf vor der Tür

Die Zahlungsmoral ist gesunken. Viele Firmen scheuen auch vor rabiaten Methoden nicht zurück, um an ihr Geld zu kommen - bis hin zur Nötigung.
Schuldner, die BMW fahren und 20 Tausendmarkscheine in der Tasche haben, sind für Uwe Schmidt vom Berliner Landeskriminalamt keine Seltenheit: "Dabei dürften die gerade mal einen Schwarzweißfernseher und einen Volksempfänger zu Hause haben."
Vor Gericht läßt sich ein Anspruch gegen säumige Zahler zwar meistens einfach durchsetzen. Die Probleme, das weiß auch der Kriminaldirektor, liegen aber in der Vollstreckung. Da sei es kein Wunder, so Schmidt, daß "manche Gläubiger zu Verzweiflungstaten neigen".
Tatsächlich versuchen viele Firmen, ihre Außenstände mit ungewöhnlichen Mitteln einzutreiben. Wer gar nicht mehr weiter- weiß, wendet sich an Helfer, die ihre Arbeitsweise aus dem Handbuch der Mafiosi gelernt haben.
"Setzt Ihr Schuldner sich zur Wehr - Wir sind die Feuerwehr!" heißt es etwas unbeholfen in Kleinanzeigen. Oder auch, ebenso tüchtig gereimt, wenn auch deutlicher: "Rufen Sie uns an - dann ist der Schuldner dran!"
Angebote wie diese sind derzeit besonders häufig zu finden. "Zum Jahresende wollen Gläubiger und Inkassofirmen immer noch mal ordentlich Geld eintreiben", sagt Schuldnerberater Christian Maltry vom Landratsamt Main-Spessart.
In diesem Winter jedoch werden die Geldeintreiber noch brutaler. Am 1. Januar tritt die neue Insolvenzordnung in Kraft, die künftig den Konkurs von Einzelpersonen ermöglicht. Private Schuldner können dann nach sieben Jahren von ihren Schulden befreit werden.
Viele Gläubiger machen deshalb jetzt massiven Druck - aus Furcht, ihre Forderungen könnten bald nichts mehr wert sein. Mehr als 500 Inkassounternehmen fordern für sie offene Rechnungen ein oder erwerben die Forderungen, um dann im eigenen Namen zu kassieren. Mahnbriefe, Pfändungen und Haftbefehle gehören da zum täglichen Geschäft.
Über Mangel an Aufträgen müssen die Geldeintreiber-Betriebe nicht klagen. Mehr und mehr Deutsche landen in der Schuldenfalle (siehe Grafik), und parallel dazu ist auch die Zahlungsmoral dramatisch gesunken.
Werbeslogans wie "russisches Inkasso" oder "osteuropäischer Außendienst" zeigen, wie sich das Klima ändert.
Was Schuldner erwartet, wenn sie die Rückzahlung nicht in den Griff bekommen, deutet das in Polen und Deutschland tätige Inkassounternehmen European Service Center ESC ("Import-Export, Baustoffe, Vermittlungen") schon in der Werbung an. "Wie lange sollen sich Ihre Schuldner eigentlich noch in Sicherheit wiegen?" fragt ESC seine potentiellen Auftraggeber. "Wann wollen Sie dem Triumph des Schuldners endlich ein Ende machen?"
Die "Eintreibung" der Schulden verspricht ESC durch einen Dreistufenplan. Zuerst werde schriftlich gemahnt. Dann folge bei einem Vor-Ort-Termin eine Klarstellung durch die Eintreibungsabteilung "E". Schließlich komme es zur Observierung und zu "außendienstlichen Ermittlungen" der Detektei-Abteilung "D". Das alles, so die Eigenwerbung, könne "für den Schuldner ,unangenehme Folgen' haben".
In der Tat: Eine Schuldnerin wurde bei Hausbesuchen der ESC "augenscheinlich zu Einschüchterungszwecken", so die Staatsanwaltschaft in Bielefeld, mit einem Blitzlicht geblendet. In fünf weiteren Fällen wurde Gewaltanwendung befürchtet, darunter bei einer Fleischerei mit Schulden von 52 000 Mark und einer Privatperson mit 476 000 Mark Miesen. Die Staatsanwaltschaft hat deshalb bereits Anklage wegen versuchter Erpressung erhoben.
Auch die Sevastopol Inkasso GmbH beschäftigt derzeit die Polizei. Der ukrainische Name dient vor allem der Abschreckung - Betreiber des Unternehmens mit Geschäftsadressen in Frankfurt am Main und Berlin sind Deutsche, gegen die ermittelt wird. Rund tausend Briefe hat Sevastopol verschickt. Bei zahlungsunwilligen Schuldnern würde sie auf die Methoden ihrer Außenstelle in St. Petersburg zurückgreifen, drohte die Firma - so die Erkenntnisse der Ermittler.
Etliche Schuldner, die zuvor Schreiben der Sevastopol GmbH erhalten hatten, fanden Schleifen von Friedhofskränzen an ihrer Tür; anderen wurden angeblich gehäutete Schafsköpfe vor die Wohnung gelegt.
Bei der Durchsuchung von Büros und Wohnungen der Sevastopol-Mitarbeiter stießen Polizisten vor kurzem auf zahlreiche Dokumente. Mögliche Zeugen sind aber, aus Angst vor Gewalt, fast nie zu belastenden Aussagen bereit. So will auch die Staatsanwaltschaft in Halle ein Verfahren gegen ein polnisches Inkassounternehmen demnächst einstellen. "Körperverletzungen, Vergewaltigungen und angesägte Bremsleitungen" seien nicht vorgesehen, hatten die Eintreiber den potentiellen Kunden in Sachsen geschrieben, allenfalls "rein zufällig".
Die Eigner der Firma, die laut Ermittlern auf der Karibik-Insel Antigua angesiedelt ist, müssen belastende Aussagen ihrer Klientel kaum befürchten. "Wir rechnen mit erheblichen Dunkelziffern", sagt Oberstaatsanwalt Gerhard Hasse. "Das ist etwas, worüber man nicht spricht", bestätigt auch Antje Schüler von der Industrie- und Handelskammer in Halle.
Daß Staatsanwälte und Polizei meist im dunkeln tappen, weiß auch der Hamburger Kiez-Kenner Thomas Born. "Karate-Thommy" hat von St. Pauli aus selbst lange Zeit Inkasso betrieben. "Ich sorgte für den dramaturgisch richtigen Auftritt", sagt Born über seine Arbeit als Chef einer Eintreiber-Truppe. Sein Rezept: "Je weniger du drohst, desto ernster nimmt man dich."
Born, der längst aus der Szene ausgestiegen ist und seine Erfahrungen nun als Schauspieler nutzt ("Der König von St. Pauli"), hat auch ganz andere Methoden beobachtet. Allein in Hamburg gibt es nach seiner Aussage drei bis vier mächtige Gruppen, die bundesweit Brutal-Inkasso betreiben. Deren Prinzip ist fast immer dasselbe: Wer sich als Gläubiger an eine der Gruppen wendet, muß eine Forderung über mindestens 100 000 Mark schriftlich nachweisen und eine Anzahlung von zehn Prozent leisten. Die Schuldner müssen überdies Geld haben. "Wenn einer nur Sozialhilfe bekommt, fangen die gar nicht erst an", sagt Born. "Es reicht aber, wenn er eine reiche Freundin hat."
Von der effektiv beim Schuldner eingetriebenen Summe erhalten Gläubiger und Eintreiber jeweils die Hälfte. "St.-Pauli-Gruppen sind die ultimative Lösung, wenn alle Rechtsmittel versagt haben", sagt Born.
Karate-Thommy will auch wissen, daß manche Gruppen sich keineswegs auf einen starken Auftritt beschränken. Von Molotow-Cocktails über einen demolierten Porsche des Schuldners bis hin zur Ermordung von Familienangehörigen sei alles möglich: "Für Gewalttaten werden Leute direkt aus der Türkei oder Albanien eingeflogen", sagt Born, und die seien noch am selben Tag wieder verschwunden.
"Viele Schuldner haben den kindlichen Glauben, die Polizei könne ihnen helfen", sagt der Mann vom Kiez: "Aber den verlieren sie schnell." Rätsel über das Vorgehen gewalttätiger Geldeintreiber gibt zum Beispiel der Fall des Anlageberaters Lutz Winkler auf, der seit vergangenem Jahr im Rollstuhl sitzt. Der Düsseldorfer soll 500 meist prominente Anleger mit 30-Prozent-Renditen geködert und um 100 Millionen Mark gebracht haben. Viele seiner Opfer waren über den Münchner Promi-Koch Alfons Schuhbeck zu ihm gekommen.
Winkler wurden 1997 beide Kniescheiben durchschossen, seine Frau erlitt einen Streifschuß. Ermittler folgern aus mehreren Hinweisen, daß die Schießerei von Eintreibern veranstaltet sein könnte. "Ein Unfall beim Waffenreinigen", erklärte Winkler dagegen der Polizei.
Das volle St.-Pauli-Programm dürfte säumige Verbraucher, die einem Versandhaus ein paar hundert Mark schulden, kaum treffen. Aber auch bei kleinen Schuldnern wird oft an den Grenzen der Legalität gearbeitet.
So werden in 80 Prozent aller Inkasso-Fälle unzulässig hohe Gebühren erhoben, schätzt die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Bei Hausbesuchen versuchen auch Außendienstler großer Inkassounternehmen, Kleinstbeträge und minimale Ratenzahlungen zu vereinbaren, mit denen höchstens die Gebühren, aber kaum die Zinsen gedeckt werden.
Im Fall von Frau K. aus Pforzheim hat sich die ursprüngliche Forderung des Quelle-Versands über 1344,97 Mark bei 18 Prozent Zinsen und hohen Rechtskosten im Laufe der Jahre auf 6922,26 Mark summiert - mehr als das Fünffache. Ein Inkassobüro aus Essen ließ sich von ihr im vergangenen Januar schriftlich eine monatliche Ratenzahlung von 100 Mark zusagen, die vom Lohn einbehalten werden soll. Die Beschäftigungsgesellschaft, in der K. arbeitet, zahlt ihr wenig mehr als den Sozialhilfesatz aus.
"Das ist illegal", sagt Claudia Kurzbuch von der Bundesarbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung. Unterhalb der Pfändungsgrenze dürfen keine Raten eingeholt werden; die Sozialhilfe darf nicht belangt werden. Viele Schuldner zahlen mehr, als sie müssen.
Oft reicht schon ein dreister Mahnbrief. Nachdem "unsere humanen Versuche, den Betrag einzutreiben, ... leider erfolglos" geblieben seien, droht zum Beispiel die niedersächsische Rubin Vertriebs GmbH einem Schuldner, der Warenlieferungen nicht bezahlt habe: "Auch wir können anders!!"
"Derzeit 143 Mitarbeiter" habe sie im Außendienst, schreibt das Vertriebsunternehmen weiter, und erklärt: Zunächst wolle sie die Nachbarn nach seinen persönlichen und wirtschaftlichen Verhältnissen ausfragen: "Wir verbringen Sie den Tag? Erhalten Sie Sozialhilfe? Wer sind Ihre Freunde? Wo leben Ihre Kinder?"
Auch Ordnungsamt und die nächste Polizeidienststelle würden konsultiert, verspricht die Firma. "Wenn wir diese Angaben alle haben", so der Absender ("Nicht mehr mit freundlichen Grüßen"), "füllen wir beiliegend den Haftbefehl aus."
Die Schulden betrugen im geschilderten Fall 200,88 Mark.
[Grafiktext]
Kredite an Privatpersonen in Milliarden Mark
[GrafiktextEnde]
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Kredite an Privatpersonen in Milliarden Mark
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DER SPIEGEL 50/1998
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