07.12.1998

ATOMKRAFTEnde eines Feldzugs

Verursacht das Kernkraftwerk Krümmel Leukämien? Die angeblichen Beweise einer Bremer Physikerin stürzten zum drittenmal in sich zusammen.
Das "persönliche Geholze", das Wilfried Voigt, der bündnisgrüne Staatssekretär im Kieler Energieministerium, gern vermeiden wollte, war längst in vollem Gange.
Gerald Kirchner, Leiter der Landesmeßstelle für Radioaktivität an der Universität Bremen, schimpfte über den "absoluten Schnellschuß", mit dem seine Auftraggeberin Inge Schmitz-Feuerhake allen Atomkraftgegnern einen Bärendienst erwiesen habe.
Vor laufenden Kameras keifte die Professorin zurück. Den eher blaß dreinschauenden Kollegen beschimpfte sie im NDR als üblen Macho und Besserwisser und riet dem Physiker ("eigentlich mein Untergebener"), sich "sehr, sehr warm anzuziehen". Provoziert hatte Schmitz-Feuerhake, 63, den Aufruhr um sie herum ganz allein und durchaus mit Bedacht.
Nicht zum erstenmal hatte die streitbare Physikerin das Atomkraftwerk Krümmel als einzig möglichen Auslöser der mittlerweile 21 Leukämiefälle in der Elbmarsch dingfest gemacht - und dies anschließend nicht belegen können.
Zwölf Staubproben hatte Schmitz-Feuerhake im Auftrag der örtlichen Bürgerinitiative auf Dachböden in der Umgebung des Meilers zusammengekehrt. In sieben von ihnen stieß sie auf Spuren des Plutoniumfolgeprodukts Americium 241. "Die Messungen", verkündete die kompromißlose Atomkraftgegnerin daraufhin entschieden, "ergaben eine eindeutige Kontamination der Samtgemeinde Elbmarsch mit Reaktorplutonium."
Nie war die Halbwertszeit einer ihrer Thesen kürzer als dieses Mal. Kaum war die schmale, sechsseitige Untersuchung auf dem Markt, argumentierten offizielle Strahlenschützer das Papier in Grund und Boden.
Niemand bestritt die Americium-Kontamination. Doch die, erklärten die Fachleute unisono, ließen sich eindeutig auf die oberirdischen Kernwaffenversuche zurückführen, mit denen die Atommächte bis Anfang der sechziger Jahre den gesamten Globus verstrahlt haben.
Was Schmitz-Feuerhake verschwieg: In ungezählten Untersuchungen haben Wissenschaftler vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in Neuherberg bei München bis zur Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel seit den achtziger Jahren Americium aus dem Waffen-Fallout im Boden und sogar in menschlichen Organen nachgewiesen, auch dort, wo weit und breit keine Atomanlage betrieben wurde.
Für Kirchner "ist völlig eindeutig", daß die Kontamination "nicht aus Krümmel kommen kann". Nicht nur das nachgewiesene Americium, auch der in den Proben gemessene Cocktail unterschiedlicher Plutoniumisotope deute "wie ein Fingerabdruck" auf den Waffen-Fallout.
Die gemessenen Konzentrationen der heiklen Strahlenstoffe reichen ohnehin nicht annähernd, die Leukämie-Häufung südöstlich von Hamburg zu erklären. Selbst wer ein Kilo des Staubs verspeise, so hat das Kieler Energieministerium ausrechnen lassen, bleibt unterhalb der geltenden Grenzwerte.
Physikerin Schmitz-Feuerhake ficht das nicht an. Die Dosis reiche aus. Ihr schlichtes Argument: "Sonst wäre die Leukämie ja nicht da."
Neu ist der Wirbel um die Bremer Professorin nicht. Schon 1992 setzte die Kieler Landesregierung eine "Leukämie-Kommission" ein. Kernkraftbefürworter und -gegner, darunter Schmitz-Feuerhake, waren mit dabei. Für sie stand dabei von Anfang an fest, was sie eigentlich erst herausfinden sollte: Für die Krankheitsfälle in der Marsch sei "keine andere Ursache denkbar als ionisierende Strahlung".
Öffentliche Resonanz war der Physikerin bei dieser Überzeugung stets gewiß. Schon 1991 hatte sie ihre These erstmals bewiesen. Sie hatte die Chromosomen von Geschwistern der erkrankten Kinder aus der Elbmarsch untersucht. Dabei war ihr eine abnorme Häufung von Schäden aufgefallen, wie sie typisch für ionisierende Strahlen sind.
Eine systematische Untersuchung endete schließlich als Flop. In den Blutproben von Kindern aus dem als Vergleichsgebiet ausgewählten Landkreis Plön fanden sich sogar mehr geschädigte Erbgutträger als bei den leukämiebedrohten Altersgenossen aus der Elbmarsch.
Wie es der Zufall will, platzte in der vorvergangenen Woche ziemlich leise ein weiterer Luftballon, den die Professorin vor sechs Jahren unter Getöse hatte steigen lassen.
Damals entdeckte Schmitz-Feuerhake eine Anreicherung der radioaktiven Elemente Tritium (Überschwerer Wasserstoff) und Kohlenstoff-14 in den Jahresringen von Eichen und Fichten aus der Umgebung des Krümmel-Meilers. Aufwendige Kontrolluntersuchungen ergaben nun, daß sich die Belastungen nicht wesentlich von denen in vergleichbaren Bäumen aus dem Raum Celle unterschieden. Dort strahlt weit und breit kein Atommeiler.
Trotzdem landete Schmitz-Feuerhake mit ihrem neuen Coup zunächst den gewohnten Erfolg: Bundesumweltminister Jürgen Trittin versprach umgehend eine gründliche Prüfung der Vorwürfe. Das Kieler Energieministerium beschäftigt sechs verschiedene Gutachter, um den Behauptungen, die man im Hause insgeheim schon für widerlegt hält, im einzelnen nachzugehen.
Nicht nur Laborleiter Kirchner, der seinen öffentlichen Einspruch nachträglich als "reine Notwehr" bezeichnet - er habe schließlich nicht selber in den "Strudel wissenschaftlicher Unseriosität" geraten wollen -, setzt sich öffentlich ab. Am Dienstag vergangener Woche wertete die Universität Bremen, unter deren Namen Schmitz-Feuerhake ihr Werk veröffentlicht hatte, die Untersuchung als "wissenschaftlich nicht nachvollziehbar".
Das atomkritische Öko-Institut in Darmstadt schloß sich an. Es wird einsam um die Physikerin, die sich gern als "auslaufendes Modell" aus der Abteilung "kritische Wissenschaft" bemitleidet. Nur die Anti-Atomkriegs-Ärzte blieben unbeirrt auf Linie und nannten die umstrittene Plutonium-Studie "hoch plausibel". Und natürlich die Bürgerinitiative gegen Leukämie in der Elbmarsch, die die Untersuchung in Auftrag gegeben hatte.
Der Kieler Staatssekretär Wilfried Voigt schlingert seit zwei Wochen zwischen den erklärten Stillegungsbekundungen seiner Partei und der Einsicht hin und her, daß die Bremer Untersuchung dazu nicht taugt. Die Ergebnisse seien "nicht haltbar", müßten jedoch noch abschließend wissenschaftlich bewertet werden, bevor das derzeit zu Revisionszwecken stillgelegte Atomkraftwerk wieder hochgefahren werden kann. Ob das, wie die Hamburgischen Electricitätswerke (HEW) verlangen, noch in diesem Jahr sein wird, scheint zweifelhaft.
Verzweifelt versucht Voigt dem Eindruck entgegenzuwirken, mit dem falschen Alarm aus Bremen sei automatisch Krümmel als Leukämie-Auslöser aus dem Spiel.
Tatsächlich haben auch die Gegner der Strahlen-These bis heute keine plausible Erklärung für die ungewöhnliche Häufung der Blutkrebserkrankungen in der Elbmarsch.
Als der grüne Staatssekretär die Kontrahenten letzten Mittwoch zum Showdown ins Kieler Energieministerium bat, ließ sich Schmitz-Feuerhake kurzfristig entschuldigen. Begründung: keine.
GERD ROSENKRANZ
Von Gerd Rosenkranz

DER SPIEGEL 50/1998
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