14.12.1998

FILM„Wir greifen Disney an“

Der Hollywood-Produzent Jeffrey Katzenberg über den neuen Zeichentrick-Boom, seine Pläne mit Dreamworks und die Zusammenarbeit mit Steven Spielberg
SPIEGEL: Mr. Katzenberg, die Weihnachtszeit ist traditionell Disney-Zeit. Das US- Studio hat früher im Dezember mit Filmen wie "König der Löwen" Kasse gemacht. In diesem Jahr halten Sie mit dem Film "Der Prinz von Ägypten" dagegen. Wollen Sie Disney das Weihnachtsfest verderben?
Katzenberg: Unser Film hat nichts mit Disney zu tun. Wenn wir beide zur gleichen Zeit einen James-Bond-Film herausbringen würden, dann hätten wir vielleicht ein Problem. Aber so?
SPIEGEL: Disney und Ihr Studio Dreamworks produzieren beide Zeichentrickfilme - eine klare Konkurrenz.
Katzenberg: Zeichentrick ist kein Genre, sondern eine Technik. Zugegeben: Die meisten Leute denken dabei zuerst an Kinder und Märchen. Aber nur, weil Disney jahrelang diese Nische besetzt hat. Die haben doch immer nur sich selbst kopiert.
SPIEGEL: Sie haben früher selbst lange bei Disney gearbeitet und Hits wie "Aladdin" verantwortet. 1994 mußten Sie als Studiochef gehen, doch von Mickymaus scheinen Sie nicht loszukommen.
Katzenberg: Disney hatte 70 Jahre lang ein Monopol. Nun werden sie erstmals wirklich angegriffen - von Dreamworks. Wir entdecken die Möglichkeiten des Zeichentrickfilms neu, und zwar ohne Kindermärchen und Merchandising-Produkte.
SPIEGEL: Wollen Sie in Wahrheit nicht Ihrem alten Arbeitgeber beweisen, daß Sie doch der kreativere Kopf und bessere Manager sind? Den Film "Antz", ein Zeichentrick-Opus über Insekten, haben Sie im Herbst in einer Geheimaktion lange vor dem ursprünglich geplanten Start herausgebracht. Denn nur wenige Wochen später lief Disneys Insektenfilm "A Bug's Life" in den Kinos an.
Katzenberg: Wettbewerb bringt immer das Beste oder das Schlechteste aus den Menschen heraus. Bei mir ist es hoffentlich das Beste. "Antz" ist bereits jetzt der erfolgreichste Zeichentrickfilm, der nicht von Disney kommt. Ein echter Hit, der fast 200 Millionen Dollar eingespielt hat.
SPIEGEL: Das klingt, als wollten Sie Dreamworks zum Disney des 21. Jahrhunderts machen.
Katzenberg: Anders als Disney werden wir nie eine magische Formel haben, nach der alle Filme gestrickt sind. Unseren "Prinz von Ägypten" beispielsweise könnte Disney nie machen. Er ist viel zu subtil. Bei Disney muß immer alles schwarz oder weiß sein. Und ein Schuft muß einen dunklen Schnurrbart haben, damit man ihn gleich als solchen erkennt.
SPIEGEL: "Der Prinz von Ägypten" ist ein Monumental-Epos über die biblische Geschichte von Moses und den Auszug aus Ägypten. Warum wollen Sie ausgerechnet mit einem solchen Zeichentrickfilm für Erwachsene den Durchbruch schaffen?
Katzenberg: Das ist ein Stoff, den jeder mit sieben in der Schule lernt ...
SPIEGEL: ... aber auch eine der ältesten und bekanntesten Geschichten der Welt ...
Katzenberg: ... und eine der besten. Mein Partner Steven Spielberg hat mich zuerst auf die unglaubliche Story von Moses aufmerksam gemacht. Moses ist ein Durchschnittsmensch, der zum Helden aufsteigt. Im Film liebt er seinen Stiefbruder Ramses, auch als sie zu Feinden werden. Da steckt sehr viel Gefühl drin. Ich habe mir neulich eine Voraufführung in der letzten Reihe im Kino angesehen. Beim Herausgehen hat mich ein junges Mädchen gefragt, ob ich etwas mit dem Film zu tun hätte. Ich dachte, sie sei sauer, aber sie hat gesagt: "Das Rote Meer kommt echt geil." "Es gibt Hoffnung", habe ich mir gedacht.
SPIEGEL: Der Film glorifiziert Moses als Führer des hebräischen Volkes. Wollen Sie Ihre Religiosität unter Beweis stellen?
Katzenberg: Nein. Ich bin kein Theologe, Politiker oder Erzieher. Ich habe nicht mal einen College-Abschluß. Der Film spielt vor gut 3000 Jahren. Da gab es keine Araber, keine Juden, keine Palästinenser. Wir erzählen nur wahrheitsgetreu und genau eine uralte Geschichte nach. Leider hat der konservative Fernsehprediger Jerry Falwell den Film gelobt. Jetzt denken viele, uns sei es darum gegangen, etwas politisch Korrektes zu machen. Aber das ist falsch.
SPIEGEL: Die Produktion des Films hat über 70 Millionen Dollar verschlungen. Werden Sie das Geld jemals wieder einspielen?
Katzenberg: Dafür gibt es keine Garantie. Ich bin sehr stolz auf den Film, er ist gelungen. Normalerweise wird es dann auch ein kommerzieller Erfolg. Vor zehn Jahren haben wir bei Disney mit "Roger Rabbit" auch einen ungewöhnlichen Film herausgebracht - und wir waren genauso nervös wie jetzt.
SPIEGEL: Verständlich - das bei Zeichentrickfilmen übliche Merchandising-Geschäft, also die Zusammenarbeit mit Schnellimbißketten oder Spielzeugherstellern, dürfte diesmal ausfallen.
Katzenberg: Merchandising klappt nur bei Kindercartoons, und das ist nicht unsere Liga. Kleine Mosespuppen machen keinen Sinn. Wir vermarkten dafür den Soundtrack auf vier CDs.
SPIEGEL: Mehrere amerikanische Filmriesen haben in den letzten Jahren große Einheiten für Zeichentrickfilme aufgebaut, Rupert Murdochs Fox-Studio etwa für "Anastasia". Ist der Markt für diese vielen Aktivitäten groß genug?
Katzenberg: Nicht, wenn alle nur Disney nachmachen. Aber wir hoffen, daß wir mit dem "Prinz von Ägypten" in einen neuen Bereich vorstoßen.
SPIEGEL: Und wenn es ein Flop wird?
Katzenberg: Dann müßten wir sicherlich unseren Kurs ändern. Aber keine Angst, davon geht unser Unternehmen nicht unter. Wir hatten bei Dreamworks ein extrem gutes Jahr. In Hollywood reicht ein großer Erfolg für das ganze Jahr, wir aber hatten gleich drei: "Der Soldat James Ryan", "Deep Impact" und "Antz".
SPIEGEL: Die hatten Sie auch bitter nötig. Vier Jahre lang wartete die Branche vergeblich auf einen Erfolg Ihres Studios, das Sie 1994 mit dem Regisseur Steven Spielberg und dem Musikproduzenten David Geffen mit viel Brimborium gegründet haben. Immerhin sind Sie angetreten, um Hollywood richtig aufzumischen.
Katzenberg: Wir hatten uns wirklich viel vorgenommen. Die Leute haben Dreamworks genau beobachtet, und das hat unsere Arbeit nicht leichter gemacht. Außerdem haben wir jahrelang kämpfen müssen, um jetzt schließlich vor vier Wochen ein Grundstück zu bekommen, auf dem wir unser Studio bauen können. Ich dachte ursprünglich, das könne man in sechs Wochen erledigen. Aber all die Querelen und Enttäuschungen haben uns nicht davon abgehalten, Kinofilme zu machen.
SPIEGEL: Haben Sie nicht einfach etwas zu kräftig auf die Pauke gehauen?
Katzenberg: Ein Studio neu zu entwickeln ist so, als würde man einen Wolkenkratzer bauen. Erst muß das Fundament gelegt werden, und das ist eine verdammt harte Arbeit, die wenig mit Glamour zu tun hat.
SPIEGEL: Haben Sie denn wenigstens Ihren Anspruch einlösen können, mit einem unkomplizierten Arbeitsstil und einer bürokratiearmen Firmenkultur neue Maßstäbe in Hollywood zu setzen?
Katzenberg: Unsere Kultur ist zweifellos persönlicher und intimer als bei den anderen. Wir sind eben kleiner. Wir machen zwar Kinofilme, TV-Produktionen und Musik-CDs, konzentrieren uns aber dabei auf wenige Themen. Jeder der Filme, die wir bisher veröffentlicht haben, ist profitabel - ein Verdienst von Spielberg, der keine Massenware produzieren will, sondern nur außergewöhnliche Werke.
SPIEGEL: War es dann nicht falsch, Spielberg zu erlauben, auch Filme außerhalb von Dreamworks zu drehen?
Katzenberg: Spielberg ist ein Künstler, ein Geschichtenerzähler, vielleicht der größte unserer Zeit. Er muß die Gewißheit haben, überall eine Idee verwirklichen zu können. Die Vereinbarung hat uns nicht geschadet. In den letzten vier Jahren hat Spielberg gerade mal einen Film außerhalb von Dreamworks produziert.
SPIEGEL: Spielberg und Geffen sind Milliardäre, die die hohen Startkosten eines Studios leicht finanzieren können. Sie aber mußten Hypotheken auf Ihre Immobilien aufnehmen - ist das Geschäft eine Nummer zu groß für Sie?
Katzenberg: Im Leben ist eben alles relativ.
SPIEGEL: Kann Ihr Studio angesichts steigender Produktionskosten und einer Fusionswut im Entertainment-Geschäft auf Dauer überhaupt unabhängig bleiben?
Katzenberg: Warum nicht? Finanziell gibt es keinen Grund, mit anderen zusammenzugehen. Allenfalls aus strategischen Gründen. Aber daran denken wir zur Zeit nicht. Ich habe lange genug bei einer Firma gearbeitet, in der es hieß: "Bigger is better."
SPIEGEL: Aber für den Film "Der Soldat James Ryan" sind Sie eine Liaison mit dem Medienriesen Viacom eingegangen.
Katzenberg: Die hatten das Drehbuch, wir den Filmemacher. Solche Partnerschaften bei Projekten wird es immer geben.
SPIEGEL: Bekommen Sie viele Übernahmeangebote? An der Wall Street gehen Gerüchte um, Universal, das Studio des Seagram-Konzerns, wolle Sie schlucken.
Katzenberg: Das möchte ich nicht kommentieren. Da wird viel geschwätzt.
SPIEGEL: Können Sie sich vorstellen, mit Dreamworks an die Börse zu gehen?
Katzenberg: Nein. Wenn man an der Börse ist, muß man sich an den Vierteljahresergebnissen ausrichten. Wir aber wollen nicht den kurzfristigen Profit, wir wollen Vermögen aufbauen. Ich weiß, wie es ist, an der Börse zu sein. Mir persönlich gefällt unsere jetzige Strategie besser.
SPIEGEL: Wie sehen Sie eigentlich Ihre eigene Rolle im Entertainment-Geschäft? Hat Ihr Leben noch etwas mit dem Bild eines Hollywood-Moguls zu tun, der große Limousinen fährt, weiße Paläste bewohnt und viele schöne Frauen liebt?
Katzenberg: Das ist ein toller Mythos, mehr aber auch nicht. Ich bin seit 25 Jahren glücklich verheiratet und habe zwei große Kinder. (Lacht.) Ich weiß nicht, wovon Sie reden.
SPIEGEL: Ihr langjähriger Mentor, Disney-Chef Michael Eisner, hat Sie in seiner Autobiographie als brutal und aggressiv beschrieben. Beleidigt Sie das?
Katzenberg: Ich habe das Buch nicht gelesen, und ich werde es auch nicht lesen. Oder glauben Sie nicht, daß es mich wütend machen würde?
SPIEGEL: Vermutlich schon, aber wäre das so schlimm? Ihr Freund und Geschäftspartner Geffen hat behauptet, in Hollywood habe jeder mit jedem Krach, und anschließend spielten doch alle wieder Tennis miteinander.
Katzenberg: Ich habe mit Mr. Eisner noch nie Tennis gespielt. Noch nie.
INTERVIEW: KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN,
HANS-JÜRGEN JAKOBS
Von Konstantin von Hammerstein und Hans-Jürgen Jakobs

DER SPIEGEL 51/1998
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