26.03.2012

„Es geht um Liebe und Tod“

Regisseur James Cameron über die Faszination der „Titanic“
SPIEGEL: Herr Cameron, gemeinsam mit Ihrer Crew sind Sie mehr als 30-mal mit U-Booten zur "Titanic" hinuntergetaucht. Warum?
Cameron: Wir haben unter anderem für den Dokumentarfilm "Die Geister der Titanic" gedreht, und wir wollten herausfinden, was da unten ist. Aber vor allem ist es faszinierend: wie eine Weltraum-Mission, und wir waren die Astronauten, Hightech um uns herum. Und dann taucht plötzlich die "Titanic" aus dem Dunkel auf wie aus einer Jenseits-Welt, man kann sie besuchen, aber man kann nicht bleiben. Sie sieht aus wie ein verwunschenes Schloss. Ich habe versucht, Emotionen auszuschalten. Aber es ist sehr emotional.
SPIEGEL: Emotionen? Während Sie eingezwängt in einem kleinen U-Boot hocken, 3800 Meter unter der Wasseroberfläche, und nicht wissen, ob Sie es wieder nach oben schaffen?
Cameron: Oh ja, an einem Tag hatten wir ein technisches Problem, und wir setzten auf dem Deck der "Titanic" auf. Auf einmal wurde mir klar, das war die Stelle, an der die Musiker der Bordkapelle spielten, als das Wasser sie holte. Und wo die Passagiere zu den Booten liefen. Als wir nachher wieder auf unserem Mutterschiff waren, setzte ich mich hin und weinte. Alles, was ich über die Dramen an Bord wusste, kam da hoch. All die Männer zum Beispiel, die sich opferten, die zurücktraten von den Rettungsbooten und wussten, dass sie ihre Frauen und Kinder nie wiedersehen würden.
SPIEGEL: Und was bedeutet das heute noch für Sie, für uns?
Cameron: Der Untergang hat den Menschen damals gezeigt, wer sie sind: Wuchsen sie in der Tragödie, oder rannten sie schreiend davon? Oder zogen sie sich Frauenkleider an, um sich zu retten? Wir haben es leichter, wir haben 100 Jahre Abstand. Aber jeder kann sich fragen: Wie und wer bin ich eigentlich? So etwas macht die Geschichte der "Titanic" groß.
SPIEGEL: Es hat weitaus schlimmere Katastrophen gegeben, mit viel mehr Opfern.
Cameron: Es geht nicht um Zahlen. Es geht um die Hybris der Besitzer des Schiffes, es geht auch um die Zeit damals, eine sehr optimistische Zeit: Flugzeuge wurden gebaut, die Menschen hatten elektrisches Licht, vieles sah nach einer großartigen Zukunft aus, dafür stand die "Titanic". Und dann plötzlich passiert das Unvorstellbare, das alles geht quasi unter. Auch heute gibt es Undenkbares. Einen Atomkrieg zum Beispiel. Die "Titanic" zeigt: Unvorstellbares passiert doch.
SPIEGEL: Das belegen andere Unglücke auch. Warum fasziniert ausgerechnet dieses Schiff die Menschen nach einem Jahrhundert immer noch?
Cameron: Weil die "Titanic" immer eine Metapher sein wird. Da war die erste Klasse, die zweite, die dritte und dann die Crew. Wir hatten also Oberschicht, Mittelstand, Unterschicht und die Regierung. Die Regierung wird von den Mächtigen beeinflusst - hier war das Bruce Ismay, der Reeder der "Titanic". Dann fahren diese Leute viel zu schnell und zocken ganz lässig mit dem Leben der Menschen. Und als sie den Eisberg vor Augen haben, ist es zu spät. So ist das jetzt mit dem Klimawandel. Ich bin gerade auf Guam, ich tauche da zur tiefsten Stelle der Erde hinunter, im Marianengraben. Vor zwei Tagen hat mir der Präsident von Mikronesien erzählt, wie sein Land schrumpft, das sind ja nur ganz flache Atolle hier.
SPIEGEL: Sollten Sie nicht lieber darüber Filme drehen?
Cameron: Als die Terroristen des 11. September an die 3000 Menschen umbrachten, tauchte ich gerade zur "Titanic". Ich kam erst zwölf Stunden danach zum Mutterschiff zurück und war wohl der letzte Mensch der westlichen Hemisphäre, der davon erfuhr. Ich dachte mir, wieso tauchen wir in die Vergangenheit, wenn gerade wieder Geschichte gemacht wird? Tage später erkannte ich, dass die "Titanic" uns eine Art Vergrößerungsglas gab, um auch dieses neue Desaster zu interpretieren, die Gefühle von Verlust und Wut. Filme geben uns die Gelegenheit, Gefühle auszuloten. Warum schauen sich Leute die "Titanic" an? Auch damit sie weinen können. Verlust ist ein Teil des Lebens, es geht um Liebe und Tod und darum, dass Liebe durch den Tod erst definiert wird. Um all das Wichtige, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.
SPIEGEL: Hat die "Titanic" noch Geheimnisse?
Cameron: Überall sind diese kleinen Geheimnisse: Ich konnte zum Beispiel meinen Roboter in den Funkraum hineinmanövrieren, wir sahen die Stellung der Schalter, wir sahen, dass die Funker Jack Phillips und Harold Bride versucht haben, ihre Anlage zu justieren, als alles zusammenbrach. Bride überlebte ja, Phillips Leiche wurde nie gefunden. Bride sagte, Phillips habe noch gefunkt, als er ihn das letzte Mal sah. Und der Roboter zeigte uns, dass Phillips das Gerät ausgeschaltet hat. Offenbar hat er versucht rauszukommen, aber wahrscheinlich war es zu spät. Die "Titanic" gibt ihre Geheimnisse nur sehr langsam preis.
(*) Mit dem Schauspieler Bill Paxton im U-Boot auf dem Weg zur "Titanic" 2003.

DER SPIEGEL 13/2012
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