26.03.2012

GESUNDHEIT„Kopieren Sie die Datei“

Interne Unterlagen des Schweizer Konzerns Novartis zeigen, wie sich Pharma-Vertreter offenbar Zugang zu Ärzte-Computern verschaffen. Datenschützer und Standesvertreter sind alarmiert.
Manche Dinge sind so intim, dass Patienten darüber nur mit dem Arzt ihres Vertrauens sprechen möchten: Magenschmerzen, Depressionen, Aids. Wer krank ist, will die Details seines Gebrechens gutbehütet in der Praxis wissen, damit sie nicht dorthin gelangen, wo sie nichts zu suchen haben, etwa beim Arbeitgeber. Mediziner unterliegen deshalb einer ärztlichen Schweigepflicht. Halten sie sich nicht daran, machen sie sich strafbar.
Entsprechend rät die Bundesärztekammer ihren Mitgliedern in einem Info-Blatt, ihre Computerbildschirme so aufzustellen, "dass sie nur vom Arzt und dem Praxispersonal eingesehen werden können". Unbefugte sollten zudem "sowohl im Empfangsbereich als auch in Behandlungsräumen" keinen "Zugriff in die Patientenakten erhalten".
Die Rechtslage ist soweit klar - die Realität allerdings sieht häufig anders aus. Darauf lassen interne Dokumente aus der Deutschland-Zentrale des schweizerischen Pharma-Konzerns Novartis schließen. Sie beschreiben, mit welcher Strategie sich Pharma-Vertreter offenbar einen direkten Zugang zu den Computern niedergelassener Ärzte verschaffen. Damit werden nach Auffassung von Datenschützern die Persönlichkeitsrechte der Patienten verletzt und die Ärzte dazu angestiftet, ihre Schweigepflicht zu brechen und sich somit strafbar zu machen.
Die Unterlagen gewähren einen tiefen Einblick in eine Branche, in der es vorrangig darum geht, hohe Gewinne zu machen, in der Ärzte und Industrie fragwürdige Allianzen bilden - und in der vor allem einer das Nachsehen hat: der Kranke.
Patientendaten sind für die Arzneimittelindustrie begehrte Ware. Nur wer weiß, welche Ärzte beispielsweise Patienten mit Neurodermitis behandeln, hat eine Chance, Medikamente gegen Hautausschlag loszuwerden - und die Mediziner dazu zu animieren, mehr Produkte zu verordnen. Ein Unternehmen, das seinen Vertrieb verbessern möchte, braucht also möglichst genaue Informationen über das Verschreibungsverhalten der Ärzte.
Um an dieses Wissen zu gelangen, werden Pharma-Unternehmen immer kreativer. Sie finanzieren Studien oder geben Analysen in Auftrag, die das Verordnungsverhalten der Ärzte aufschlüsseln. (SPIEGEL 7/2012). Nun zeigen die Novartis-Dokumente, dass es noch eine weitere Masche gibt, um Nähe zu Ärzten herzustellen: Die Vertreter dienen den Ärzten Unternehmensberater an.
Entsprechend harmlos klingt das Angebot, mit dem die Außendienstmitarbeiter des Schweizer Pharma-Konzerns ihre deutschen Kunden ködern. Das Unternehmen vermittelt dem Arzt den Kontakt zu einem externen "Sachverständigen für ärztliche Abrechnung", an den der Mediziner seine Patientendaten schicken kann.
Dieser wertet die Daten gegen ein Honorar von 119 Euro aus und liefert dem Arzt Tipps, wie er beispielsweise sogenannte Regresse vermeiden kann. Das sind Strafzahlungen, die immer dann fällig werden, wenn er im Vergleich zu seinen Kollegen unverhältnismäßig viele Medikamente verschreibt. Zudem bekommt der Arzt eine Anleitung, wie er seine Abrechnungen optimieren kann, um mehr Geld aus seiner Praxis herauszuholen. Damit spricht Novartis vor allem zwei Typen Ärzte an: die Ängstlichen und die Geldgierigen.
Freundlicherweise hilft der Pharma-Referent dem Doktor auch noch dabei, die Patientendaten vom Computer auf einen USB-Stick zu ziehen. So heißt es in einer internen Anleitung für den Novartis-Mitarbeiter: "Erläutern Sie das Projekt dem Arzt, und übergeben Sie ihm den USB-Stick mit der Bitte, ihn am Server einzustecken." Danach solle man "gemeinsam mit dem Arzt am Server Platz" nehmen. "Ihnen werden nun alle verfügbaren con-Dateien angezeigt."
In diesem elektronischen Format speichern die Ärzte die Informationen, die eigentlich nur an die zuständige Kassenärztliche Vereinigung gelangen sollen, damit diese die Honorare berechnen können. Die Dateien enthalten in der Regel Patientennamen, Wohnorte, Geburtsdaten und Diagnosen. Alles Daten, die für Pharma-Unternehmen bares Geld wert wären, aber laut Gesetz nur an offizielle Stellen weitergegeben werden dürfen, um die Daten der Patienten zu schützen.
Novartis legt großen Wert darauf, nicht in Verdacht zu geraten, widerrechtlich an solche Daten zu gelangen. Man habe "hohe ethische Standards, die selbstverständlich auch die gesetzlichen Regelungen zum Datenschutz beinhalten", teilt der Konzern mit. "Das Unternehmen hat alle Mitarbeiter auf deren Einhaltung verpflichtet und führt regelmäßig dazu Schulungen durch."
Was die Beschäftigten jedoch auch lernen, steht in der Anleitung des Abrechnungsoptimierers an den Pharma-Referenten: "Kopieren Sie diese Datei in den entsprechenden Ordner auf dem USB-Stick." "Per Post" solle der Arzt den Stick schließlich nach Halle an den Sachverständigen schicken.
"Ein solcher Vorgang ist eine strafbare Verletzung ärztlicher Schweigepflicht", meint Thilo Weichert, Datenschutzbeauftrager in Schleswig-Holstein. Sollte ein Arzt tatsächlich zulassen, dass ein Pharma-Vertreter Patientendaten vom Computer kopiert, wäre dies "absolut unverantwortlich". Das sieht auch Dieter Kreye, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Vereinigung in Mecklenburg-Vorpommern, so: "Jeder Arzt, der so etwas macht, ist ein Arzt zu viel", sagt er.
Wie viele Mediziner ihre Datensätze in den vergangenen zwei Jahren mit Hilfe von Novartis an den Abrechnungshelfer in Halle herausgerückt haben, ist nicht bekannt. Auch Kreye weiß nicht, welche seiner Mediziner den Deal eingegangen sind.
Eine Kontrolle darüber, was der Praxisberater mit den Daten macht, gibt es nicht. Die "erforderlichen Maßnahmen zum Datenschutz werden stets eingehalten", sagt der Abrechnungsexperte. "Patientenbezogene Auswertungen werden hier nicht erstellt, und Daten werden auch nicht an Dritte weitergegeben."
"Wer soll denn gewährleisten, dass die Informationen nicht weiter in Umlauf geraten?", fragt Datenschützer Weichert. Belegbar ist eines: Der Novartis-Konzern vermittelt dem selbsternannten Abrechnungsoptimierer nicht nur Kunden, sondern führt ihn auch auf seiner Honorarliste. Immer wieder taucht sein Name als Referent auf Novartis-Kongressen auf. Außerdem ist in der Marketing-Planung 2010 des Konzerns für die neuen Bundesländer unter der Rubrik "Benötigter Support" der entsprechende Honorarposten eigens aufgeführt.
Die Vergütungen bekomme der Mann aus Halle, so das Unternehmen, weil er "Schulungsunterlagen entwickelt und Seminare durchführt".
Das Modell ist verführerisch, denn auf den ersten Blick gewinnen alle Beteiligten. Der Abrechnungsberater bezieht nicht nur Honorare von den Ärzten, sondern auch von Novartis. Die Pharma-Referenten treten als Freund und Helfer des Arztes auf und schaffen so eine Vertrauensbasis. Und der Mediziner selbst ist ebenfalls zufrieden, weil er mehr Gewinn aus seiner Praxis herausholen kann. Der Berater berechnet ihm sogar für jede Diagnose die "Effizienz der Leistung" in Euro und Sekunden.
Verlierer dabei ist nur der Patient. Denn er hat keine Ahnung davon, dass Dritte Zugang zu seinen Daten haben oder dass er im Behandlungszimmer vor einem Arzt sitzt, der die Sekunden zählt. Und ihm womöglich auch noch ein Medikament verschreibt, das ihm ein umtriebiger Pharma-Referent aufgeschwatzt hat - unabhängig davon, welche Therapie objektiv die beste wäre.
"Das ist ein perverser Ansatz", sagt Leonhard Hansen, praktischer Arzt aus Alsdorf bei Aachen und ehemaliger Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein. Schon das Wort Abrechnungsoptimierung hält er für problematisch. "Wer zu mir kommt, wird behandelt. Und das rechne ich ab", sagt er. "Was es da zu optimieren gibt, leuchtet mir nicht ein."
Mit den Daten, die ein Konzern den Ärzten entlockt, gewinnt er nicht nur zusätzliche Informationen über die Verordnungspraxis der Mediziner. Er kann auch seine Pharma-Referenten gezielter einsetzen. Schätzungen zufolge besuchen jedes Jahr 15 000 Außendienstmitarbeiter der Arzneimittelindustrie mit ihren Bauchläden voller Medikamente rund 20 Millionen Mal deutsche Praxen und Krankenhäuser.
Während Unternehmen wie Ratiopharm vor einigen Jahren noch versuchten, die Ärzte mehr oder weniger offen zu bestechen, gibt es heute subtilere Methoden der Beeinflussung.
Auch das belegen interne Novartis-Dokumente. So gaukelt der Konzern den Ärzten offenbar vor, sie würden auch dann zu Novartis-Veranstaltungen in luxuriösen Hotels und schönen Weltgegenden eingeladen, wenn sie die Alternativarzneien anderer Hersteller verordnen. Vieles spricht jedoch dafür, dass auf dem Verteiler nur diejenigen stehen, die viel Geld mit Novartis-Produkten umsetzen.
So bekamen etwa die Teilnehmer eines Fachforums über den Blutdrucksenker Exforge, zu dem das Unternehmen 2010 nach Paris einlud, einen Vertrag vorgelegt, der jeden Anschein von Korruption vermeiden sollte, auch wenn Novartis die Kosten "in Höhe von maximal 1500 Euro" für den Arzt übernahm. Explizit stand in dem Vertrag, die Mediziner würden "unabhängig von jeglichen Umsatzgeschäften" zur Reise eingeladen. Aus einer E-Mail des Konzerns an den Außendienst geht jedoch hervor, dass dies anschei-nend nicht die ganze Wahrheit war. Unter der Überschrift "Welche Ärzte sollen Sie auswählen?" stand als Antwort aufgeführt: "Exforge-Verordner mit großem Potential."
Novartis rechtfertigt dies damit, dass die Fortbildungsveranstaltungen auf hohem "medizinisch-wissenschaftlichem Niveau" stattfänden. Daher lege das Unternehmen "stets Wert auf Teilnehmer mit großem fachlichem Potential".
Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 13/2012
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