26.03.2012

KRIEGSBERICHTERSTATTUNGFreunde der Verschwörung

Vereint im Reflex: Die Brutalität des syrischen Regimes sei eine „gigantische Desinformationskampagne“, behaupten Linke, Islamphobiker, Anti-Amerikaner und nun auch Jürgen Todenhöfer. Die Realität sieht anders aus.
Der Mythos, schrieb einst der französische Essayist Roland Barthes, sei über die Wirklichkeit erhaben. Ja, er immunisiere sich fortwährend gegen Einwände aus der Realität. Der Mythos von der Verschwörung funktioniert wunderbar nach diesen Regeln.
Es hat noch nie einen Aufstand gegeben, dessen Verlauf und dessen Opfer so detailliert filmisch belegt worden sind wie die Rebellion in Syrien. Jeden Tag werden von syrischen Chronisten Dutzende, manchmal Hunderte kurze Videos von Demonstrationen, Beerdigungen, Panzerbeschuss, von Verwundeten und Kämpfen ins Netz gestellt.
Ausschnitte einer Realität, die, anders als vor einem Jahr in Libyen, für ausländische Journalisten nur unter Lebensgefahr zugänglich ist? Nein, sagt Jürgen Todenhöfer. Der Bestsellerautor, der CDU-Bundestagsabgeordneter und Verlagsmanager war, der den Kampf irakischer Dschihadisten gegen die USA und libyscher Aufständischer gegen Gaddafi verteidigte, hat in der "tageszeitung" von einer "gigantischen Desinformationskampagne" geschrieben, die wir zu Syrien erleben. Ein Plot "westlicher Kriegs- und Chaosstrategen", die auf Präsident Baschar al-Assad einschlagen, aber den verbündeten Iran meinen, "und sonst gar nichts". Er sei immerhin in Syrien gewesen, anders als die "Ferndiagnostiker und Sesselfurzer".
Die Belege zur YouTube-Verschwörung: ein am 17. Mai 2011 im ZDF gelaufenes Folter-Video, das dem Reporter aus Syrien zugespielt worden sei - und in Wirklichkeit Schergen im Irak zeigt. Sowie ein Video, das von der Nachrichtenagentur Reuters verbreitet wurde und aus dem Libanon stammt.
Vielleicht gibt es auch noch mehr gefälschte Videos als die zwei - unter den ungefähr 40 000, die auf YouTube stehen. Doch als Belege für die "gigantische Desinformationskampagne" tauchen stets die beiden auf.
Er habe feststellen müssen, so Todenhöfer, dass "über die Hälfte der Medienberichte, die ich überprüfte, falsch waren". So sei ein Bus mit Alawiten von Aufständischen Anfang November bei Homs überfallen, die Passagiere seien hingerichtet worden - aber in einem TV-Sender sei der Vorfall als Tat des Regimes dargestellt worden. Was im Fernsehen zu sehen war und auch noch heute zu sehen ist, sind Sequenzen eines Berichts aus dem syrischen Staatsfernsehen, allerdings auf Arabisch: über einen Angriff der "bewaffneten Banden", die einen Bus überfallen und neun Passagiere erschossen hätten.
So weit, so schlecht. Nur erwähnt Todenhöfer nicht, dass am Tag danach ein Bus voller Sunniten in derselben Gegend das gleiche Schicksal seitens der Truppen des Regimes erlitt. Dass er fünf aus Homs an einem anderen Tag gemeldete Todesopfer dort in keinem staatlichen Krankenhaus fand, hat wiederum einen furchtbar simplen Grund: Niemand dort bringt Verletzte des Aufstands in eines der offiziellen Krankenhäuser. Verwundungen, die auch nur den Verdacht auf Teilnahme an Demonstrationen schüren, führen zu Folter oder Verschwinden. Einem vierjährigen Mädchen, dem im Dezember 50 Meter vor der Unterkunft von SPIEGEL-Reportern in Homs ein Scharfschütze mehrere Rippen zerschmetterte, konnte erst nach Stunden von zwei Ärzten unter Lebensgefahr für wenige Minuten zum Röntgen gebracht werden. Ein Krebskranker aus der Stadt schilderte, wie er vor jeder Untersuchung am ganzen Körper nach Schussverletzungen abgesucht wird.
Nur einmal angenommen, es gäbe all die Täuschungsmanöver, die meisten Toten seien Opfer der Aufständischen und die Rebellion längst eine Kommandoaktion islamistischer Terroristen: Warum erzählen die Flüchtlinge, die sich mittlerweile zu Zehntausenden in die Türkei, den Libanon, nach Jordanien gerettet haben, nichts davon? Was man in den Zeltlagern hört, sind Variationen der gleichen Geschichte: geflohen zu sein, weil die Regierungstruppen zur kollektiven Bestrafung Dörfer, Landstriche, Städte verheeren.
Kronzeuge Todenhöfers für die These, dass es die "bewaffneten Rebellen" seien,
die "mehr Zivilisten töteten als die Sicherheitskräfte", ist ein freundlicher Arzt, der als Vorsitzender der "gemäßigten Oppositionspartei SSNP" auftritt. Jener "Syrischen Sozialen Nationalistischen Partei", deren Gründer 1932 von einem Großsyrien nach faschistischem Vorbild träumte und als Parteiwappen Hakenkreuz und Windrädchen kombinierte - was bis heute so geblieben ist. Man kann diese Partei als vieles bezeichnen, aber "gemäßigt" ist sie nie gewesen.
In den achtziger Jahren kämpfte die SSNP als verlängerter Arm des syrischen Regimes im libanesischen Bürgerkrieg, schickte mehr Selbstmordattentäter auf den Weg als die legendäre Hisbollah und wurde selbst von Libyens Gaddafi mit Waffen und Geld ausgerüstet. Im Sommer vergangenen Jahres prügelten ihre Schlägertrupps wiederholt auf die Demonstranten vor der syrischen Botschaft in Beiruts Innenstadt ein, bis Damaskus seine Vertretung verlegen ließ. Ihr Kampfruf: "Mit Blut und Seele opfern wir uns für dich, o Baschar!"
Als "Oppositionspartei" wird sie nun vom Pressestab Assads gern ausländi-
schen Besuchern empfohlen, weil sie die einzige war, die überhaupt noch geduldet wurde. Es blieb ja gewissermaßen in der Familie: Ein Verwandter von Hafis al-Assads Ehefrau war Mitglied.
Auch ein angeblich erfundenes Verbot von iPhones, von Todenhöfer als weiterer Beleg der "massakrierten Wahrheit" angeführt, hat es tatsächlich gegeben - aber es wurde nach wenigen Tagen wieder aufgehoben.
Doch im Grunde geht es um etwas anderes als Details.
Jürgen Todenhöfer ist nicht der Einzige mit seiner These vom Komplott gegen Syrien. Was sich hierzulande beobachten lässt, ist ein einigender Reflex quer durch politische Lager, die sonst wenig gemein haben: Kommunisten bis hinein in die Bundestagsfraktion der Linken, Islamwarner, die hinter jedem Bärtigen al-Qaida wittern, und Verschwörungsfreunde, die nur kapitalistische Kabalen verstehen, wenn sie Washington hören. Sie alle folgen in seltener Eintracht der Propaganda aus Damaskus von der ausländischen Verschwörung. Assads Regierung solle "weggeräumt" werden, weil sie wahlweise al-Qaida oder den Interessen des Westens im Weg stehe.
Auch das dankbare Leserecho, das vielfach aufscheint, folgt demselben Reflex: Als könne doch gar nicht stimmen, was die Uno, Amnesty International, die Regierungen der USA, in Europa bis hin zu Saudi-Arabien behaupten, was CNN, BBC, al-Dschasira und sonstige "Konzernmedien" wie der SPIEGEL berichten. Eben, weil es alle sagen. Dass die verschiedenen Versionen der Verschwörung einander widersprechen, stört ihre Apologeten nicht. Ebenso wenig wie die Folterer in Syriens Gefängnissen, die manche ihrer Opfer so lange malträtieren, bis sie endlich zugeben, Agenten der saudisch-israelischen Universalverschwörung zu sein.
Dabei hat der Krieg in Syrien ein Stadium erreicht, in dem das Morden des Regimes zu Racheakten auch auf der anderen Seite geführt hat, vereinzelt und vor allem in Idlib und Homs.
Anfangs war es eine Erfindung des Regimes, dass "bewaffnete Gruppen" gegen die Regierung kämpften. Aber es hat funktioniert, die Lüge nachträglich in Wirklichkeit zu verwandeln. Man muss nur beharrlich genug Menschen umbringen, bis die andere Seite irgendwann zurückschießt.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat vor Tagen einen offenen Brief an die Führer der Opposition zu Misshandlungen und Morden an gefangenen Regime-Milizionären und Geheimdienstlern veröffentlicht. Die wichtigsten Belege dafür waren neben Zeugenaussagen: Videofilme auf YouTube. Eingestellt von den Rebellen. ◆
(*) Nahe der Stadt Homs im Dezember 2011.

DER SPIEGEL 13/2012
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