21.12.1998

Tanzender Tropen-Feminismus

Emanzipation ohne Krampf: Brasilianerinnen werben mit Hüftschwung für ihre Rechte
Denise tanzt. Sie verschränkt die Arme vor der Brust, "halt den Tscha", legt die Hand auf die Scham, "binde den Tscha", und schiebt dann ihr kleines Becken vor und zurück, während sie begeistert den Refrain singt: "Tscha Tscha Tscha Tscha".
Die Brasilianerin Denise ist drei Jahre alt und weiß nicht, was Beischlaf ist, aber sie übt schon die Bewegungen. "Dança do tchã" ist ein Tanz, den vom Kleinkind bis zum Greis, von der Zugehfrau bis zum Präsidenten alle Brasilianer tanzen - und das nicht nur im Karneval.
Vielleicht sind sie hier deswegen so anders. Die Gesichter der Frauen sind nicht ebenmäßiger als anderswo, ihre Körper nicht weniger eigenwillig geformt. Und doch: was für ein Unterschied. Brasilianerinnen strahlen. Dabei wiegen sie bei jedem Schritt stolz Po und Busen: "Seht nur, wie aufregend ich bin!" Und auch die Männer sind anders: Ihre Blicke und Gesten geben jeder Frau, egal wie alt und schön, das Gefühl, auch eine solche zu sein - und schon deswegen begehrenswert.
Das tropisch-katholische Brasilien ist das Gegenstück zu den verklemmten USA. Vokabeln wie "desejo" (Begierde), "tesão" (Geilheit) oder "transar" (vögeln) sind hier nicht verpönt, sie sind Teil der Alltagssprache und der "MPB" - Música Popular Brasileira -, des brasilianischen Pops. Die MPB-Antwort auf Feminismus: "Ich will kein Chauvi sein, will mein Mädchen allein ausgehen lassen", sang dort schon in den Achtzigern die Band Ultraje a rigor, und den Refrain grölten alle mit: "Aber ich verzehre mich vor Eifersucht."
Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist in der brasilianischen Verfassung festgeschrieben. Aber ihre Umsetzung in die Wirklichkeit ist nicht wie etwa bei den Deutschen in Geschlechterhaß umgeschlagen. Emanzipierte Frauen sagen jetzt laut, was konservative eher heimlich leben: daß sie Sex genauso zum Leben brauchen wie die Luft zum Atmen. "Wir wollen nicht nur Geld", singt Popstar Marisa Monte, "wir wollen Liebe machen."
In dem Bekenntnis zur Sinnlichkeit hallt ein Kindheitsecho nach. "Wie bist du schön!" rufen die Erwachsenen des größten Katholiken-Staates, wenn sie ein kleines Mädchen oder einen Jungen sehen. Sie sagen nicht: "Zappel nicht so" oder "wasch dir die Hände". Wenn die kleine Denise rhythmisch mit dem Po wackelt, klatschen Tanten, Onkel und Eltern - oder tanzen mit.
Die Debatte der US-Amerikanerinnen über sexuelle Belästigung verfolgen deren brasilianische Schwestern mit Erstaunen. Nicht, daß erzwungener Sex nur ein Kavaliersdelikt wäre: 255 "delegacias femininas", "weibliche Polizeireviere", wurden extra eingerichtet, um den zahlreichen Opfern beizustehen. Noch immer zählen zu den heimlichen Pflichten vieler der 17 Millionen Hausmädchen des südamerikanischen Landes auch ziemlich unheimliche körperliche Dienste am Hausherren.
Doch die Idee, gleich die gesamte Erotik zwischen fremdem Mann und fremder Frau zu verteufeln, ist Brasilianern gleich welchen Geschlechts so fremd wie ein "cafezinho" ohne Zucker. Zwischen den Wasserfällen von Iguaçu und dem Amazonas ist jede Begegnung zwischen Mann und Frau sexualisiert, jeder Blick voll Spannung - im Büro, auf der Straße, am Strand. Schon beim Kauf eines Bustickets knistert es: wenn die Augen des Verkäufers nicht aufhören wollen, den Körper der Kundin zu preisen, während er ihren Wunsch entgegennimmt.
Selma, 30jährige Studentin, empfindet das nicht als belästigend. "Brasilianer lieben Frauen, sie beten uns an", sagt sie. So erklärt sie, warum das Verhältnis zwischen Mann und Frau so anders ist als in Berlin, wo Selma lebt. Sie hält sich für eine moderne Frau; das "Mulata-Image" der Brasilianerinnen nervt sie. "Aber ich werde niemals ein Mannweib wie die deutschen Feministinnen", sagt Selma.
Da ist Selma nicht die einzige. Selbst die Alice Schwarzer der Tropen, die Politikerin Marta Suplicy, kleidet sich wie die selige Prinzessin Diana und setzt auch deren uralte Tricks ein: Mit Honigblick und Tränen kämpft die 53jährige Blondine für das Recht auf Abtreibung oder für homosexuelle Ehen. Moderne Ideale, unmoderne Bekenntnisse: "Angesichts der Schönheit meines Sohnes stockt mir der Atem", sagt Suplicy. So unverkrampft darf wohl nur in den Tropen eine Radikal-Feministin ihren Ödipus ausleben.
Noch Fragen? "O amor natural", ein Dokumentarfilm der Niederländerin Heddy Honigmann, inszeniert die verwirrende brasilianische Geschlechterrealität vollends als Wunder. Da lesen Greise in Rio ohne jede Scham vor der Kamera erotische Gedichte vor. Die Verse von Carlos Drummond de Andrade nennen die Dinge beim Namen: "Wenn die Gedichte nicht Lyrik wären, wären sie pornographisch", sagt eine alte Regisseurin. "Aber Pornographie plus Kunst ist Erotik."
Typisch auch diese Filmszene: "Klitoris", liest eine ehemalige Samba-Tänzerin vor und stockt. "Was ist das?" Ihr Partner zuckt mit den Schultern. "Kitzler", hilft die Interviewerin. "Aha", macht die alte Frau und gluckst: "Da hat sich der Schlingel also einen Kosenamen für den Freudenknopf ausgedacht!"

DER SPIEGEL 52/1998
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