28.12.1998

AFFÄRENAlles verjubelt

Für die Witwe eines verstorbenen Kollegen sammelten die Fußballprofis von Bayer Uerdingen 26 200 Mark - doch das Geld landete an den Biertischen von Mallorca.
Es ist eine runde Summe, die im Frühjahr 1993 auf dem Girokonto 60496916 bei der Sparkasse Krefeld, Filiale Uerdingen, eintrifft: 100 000 Mark, überwiesen vom Gerling-Konzern. Zur Auszahlung kommt eine Pflichtversicherung, die fällig wird, wenn einen Fußballprofi der Tod ereilt.
Empfänger ist die Rumänin Adriana Klein, Witwe von Michael Klein, ehemals Angestellter des Bundesligaclubs Bayer Uerdingen. Am 2. Februar war der Mittelfeldspieler gerade damit beschäftigt, beim Training die Muskeln zu entspannen, als er unvermittelt in Atemnot geriet. Weil er merkwürdige Geräusche von sich gab und die Augen verdrehte, riefen die Mitspieler den Notarzt. Eineinhalb Stunden später war Michael Klein tot, sein Herz- und Kreislaufsystem hatte versagt.
Kleins Tochter Dominique ist damals gerade 18 Monate alt. Den Uerdinger Profis geht der Tod des Kollegen so ans Gemüt, daß sie sich zu einer guten Tat entschließen. Sie sammeln Geld für die Hinterbliebenen, die Kollekte ergibt 26 200 Mark. Als der Trainer Friedhelm Funkel davon erfährt, sagt er, dies sei "ein Zeichen tiefer Freundschaft und Verbundenheit mit einem toten Kameraden". Auch die Vereinsleitung ist gerührt, sie will die Spende auf 50 000 Mark aufrunden - "Leute, das ist eine gute Sache."
In einem Briefumschlag trägt Mannschaftskapitän Heiko Peschke den Obolus in bar zu Edgar Geenen, der dem Verein als Geschäftsführer dient. Und Geenen ist ein vorsichtiger Mann; der Sicherheit wegen ("Man kann so was ja nicht im Hosenboden spazierenführen") überläßt er das Geld Dirk Leyendecker, dem Buchhalter des Vereins. Leyendecker verstaut das Guthaben in einer Stahlkassette und verschließt sie in einem Tresor im Untergeschoß.
Doch dann bleibt es im Club merkwürdig still. Fast zwei Jahre lang ruht das Geld in der Düsternis des Kellertresors. Und den Empfänger, die Witwe Klein, erreicht die Barschaft nie.
Bei der Hilfsaktion in Uerdingen handelt es sich um einen der bizarrsten Fälle, den die Fußball-Bundesliga in ihrer bewegten Geschichte erlebt hat. Wenn es schon nicht den Tatbestand des Spendenbetrugs erfüllt, dann ist es in jedem Fall ein formidabler Nachweis für das Gestümper, mit dem auch heute noch hinter den schnieken Fassaden mancher Profiunternehmen zu Werke gegangen wird.
Adriana Klein wird wohl in alle Ewigkeit auf das Geld, das für sie gesammelt wurde, verzichten müssen. Auf verschlungenen Wegen nämlich ist die Sammlung vom Kellertresor in Uerdingen an diverse Kneipentische am Mittelmeer gewandert - auf den Kopp gehauen von den Uerdinger Fußballprofis während einer gemeinsamen Vergnügungsfahrt im Sommer 1995.
Eine zentrale Rolle kommt bei diesem Vorgang dem damaligen Vereinsgeschäftsführer Geenen zu. Der Mann bewies verblüffende Mängel in seinem Handwerk. "Mehrfach fehlgeschlagen", sagt Geenen mit einer gewissen Resignation in der Kehle, seien seine Versuche, das gesammelte Geld an die Witwe zu bringen.
Welche Hürden dabei unüberwindbar waren, bleibt auch Jahre später rätselhaft. Denn das Konto, auf das dem Fußballprofi einst sein Monatsgehalt überwiesen wurde, existiert bis heute, und ihre Wohnung in Krefeld - nur 500 Meter vom Stadion entfernt - hat Adriana Klein erst drei Jahre nach dem Ableben ihres Mannes aufgegeben. Zwar hat Manager Geenen, der heute beim Bundesligaclub 1860 München im Brot steht, vom Prinzip her recht, wenn er behauptet, "im nachhinein" sei der Mensch "immer schlauer"; merkwürdig allerdings bleibt, daß Frau Klein für ihn "wie vom Erdboden verschwunden" gewesen sein soll.
Nicht, daß Geenen grundsätzlich langsam im Kopf wäre. Bernd Dreher, damals Torhüter in Uerdingen, erinnert sich an dessen überdurchschnittliches Fahndungsgeschick: "Wenn ich dem heute sage: Paß auf, ich kenne da einen Afrikaner, der hat eine sensationelle linke Klebe, ich weiß aber nicht, wo der wohnt - dann hat er den morgen gefunden."
Bloß die Geschichte mit Frau Klein klebt ihm unlöslich an den Fingern. Über zwei Jahre plagt er sich damit, dann wird der Vorgang behandelt, wie man das eher von deutschen Fundbüros her kennt. Geenen schickt Buchhalter Leyendecker abermals ins Kellergeschoß, läßt die Stahlkassette herbeischaffen und gibt das Geld dem Überbringer zurück.
Heiko Peschke erinnert sich, daß er in dem Augenblick, als er das Geld bekam, gehörig stutzte. Es handele sich hierbei nämlich, so habe ihm Manager Geenen seinerzeit offenbart, um die großzügige Gabe eines anonymen Anhängers, der aus lauter Verzückung darüber, daß dieser fortdauernd schwachbrüstige Fußballclub nicht abgestiegen sei, ordentlich was für die Mannschaftskasse habe springen lassen. Geenen hat das anders im Gedächtnis: Er bestreitet die verschleiernde Version.
Wahr ist in jedem Fall, daß Kapitän Peschke dem damaligen Kassenwart der Mannschaft 26 200 Mark in bar in die Hand legt und darauf hinweist, daß der Betrag von einem unbekannten Spender eingezahlt wurde. Den Kollegen ist Wurst, woher die ganze Kohle kommt, sie haben schließlich die passende Verwendung dafür: Nach Saisonschluß ist eine Vergnügungsfahrt geplant, nach Cala Ratjada auf Mallorca.
Auch in diesem Zusammenhang stimmen die Erinnerungen des Managers Geenen und der anderen Beteiligten nicht überein. Geenen meint, die Reise sei in Wirklichkeit ein Trainingslager gewesen und vom Verein finanziert worden - von den Teilnehmern sei allenfalls "die eine oder andere Lokalrunde bezahlt worden".
Einige Spieler, die dabei waren, wollen wissen, daß der Club die Version mit dem Trainingslager nur für die Öffentlichkeit verbreitet hat - in Wahrheit sei die komplette Tour aus der Mannschaftskasse bestritten worden. "Wir haben alles verjubelt", sagt einer - angeblich ohne zu ahnen, daß es die Mildtat für eine darbende Witwe war.
Verdrießlich ist in jedem Fall, daß das schöne Geld überwiegend von solchen Menschen verlebt wurde, die von dem Drama der Familie Klein allenfalls aus der Zeitung Kenntnis haben dürften: Von den rund 20 Spielern, die damals für den guten Zweck einzahlten, saßen gerade noch 8 an den Biertischen von Cala Ratjada.
Weil Frau Klein bis heute kaum ein Wort Deutsch spricht, hat sie den Frankfurter Rechtsanwalt Horst Kletke gebeten, Licht in die Angelegenheit zu bringen. Der wandte sich erst an den Chefjustitiar des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), Goetz Eilers - nichts passierte; schließlich an den DFB-Kontrollausschuß, der sich "nach § 51 der Satzung des DFB" nicht zuständig fühlt: "Für den von Ihnen vorgetragenen Sachverhalt ist unter keinem rechtlichen Gesichtspunkt eine Zuständigkeit des Kontrollausschusses gegeben."
Adriana Klein ist heute 38 Jahre alt. Sie wohnt in Darmstadt und bezieht eine Witwen- und Waisenrente in Höhe von 1300 Mark. MATTHIAS GEYER
Von Matthias Geyer

DER SPIEGEL 53/1998
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