02.04.2012

SPIEGEL-GESPRÄCH„Jetzt kommt das Endspiel“

Der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit, 66, über seine Bilanz der 68er Bewegung, die Vor- und Nachteile von Viagra und freier Liebe und über die letzte große Herausforderung der einstigen Revolutionäre: das Altern in Würde
SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, im vergangenen Jahr wurde bei Ihnen Krebs diagnostiziert. Was war Ihre erste Reaktion?
Cohn-Bendit: Ich saß mit meiner Frau im Auto, wir wollten nach Südfrankreich, als mein Internist mich anrief. Er sprach von einem Krebsknoten in der Schilddrüse und einer notwendigen Operation. Zum Glück war meine Frau am Steuer.
SPIEGEL: Dachten Sie: Jetzt ist der Spaß vorbei?
Cohn-Bendit: Mein erster Gedanke war: So, jetzt ist es wohl so weit. Jetzt kommt die Phase X, das Endspiel. Wie immer das genau aussieht, wie lange es dauern mag. Erst nach einer Weile wurde ich realistischer. Wenn man denn unbedingt Krebs bekommen muss, ist ein Knoten in der Schilddrüse wie ein Sechser im Lotto - man hat sehr gute Chancen. Trotzdem war es ein Einschnitt.
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt, Sie hätten sich Ihr ganzes Leben lang gefühlt wie Obelix, der in den Zaubertrank gefallen ist. In welchem Alter mussten Sie erkennen, dass selbst der Revolutionär Cohn-Bendit verwundbar ist?
Cohn-Bendit: Das ist so ein schleichendes Gefühl, das sich einnistet, und irgendwann ist es evident. Dieses Gefühl, Kraft zu haben, diese Jugendlichkeit, die war für mich, für meine Generation lange selbstverständlich. Und dann muss man zusehen, wie man mit dem Alter einfach auch körperlich abbaut. Das Entscheidende aber ist wohl der Verlust der Spontaneität. Wobei das nicht nur schlecht ist - aus der Spontaneität heraus habe ich jede Menge Fehler gemacht. Ich spüre heute so etwas wie die Besonnenheit des Alters, oder die Trägheit des Alters, wenn Sie es negativ wollen.
SPIEGEL: Fällt es den 68ern, die wie keine andere Generation ihr Jungsein betonte, besonders schwer zu altern?
Cohn-Bendit: Mag sein. Ich helfe mir da mit einem Scherz. Wenn ich 68 werde, in zwei Jahren, will ich ein riesiges Fest geben. Endlich 68er - und stolz darauf! Um das Ganze einmal umzudrehen.
SPIEGEL: Wenn der Körper schwächer wird, schlägt das auf das Selbstbewusstsein?
Cohn-Bendit: Es fällt schwerer, sich in Dinge hineinziehen zu lassen. Ein Beispiel: In Frankreich gibt es Präsidentschaftswahlen. Viele hätten es gerne gesehen, wenn ich dort als grüner Spitzenkandidat angetreten wäre. Aber dagegen habe ich mich gewehrt. Vor 20 oder 30 Jahren hätte ich die Idee einfach an mich herangelassen, hätte mich ganz hingegeben. Jetzt bin ich davor zurückgeschreckt. Nach der letzten erfolgreichen Europawahl in Frankreich merkte ich, dass die Intensität eines Wahlkampfs, die nur mit einer Rocktour zu vergleichen ist, mich langsam überfordert.
SPIEGEL: Wie viele 68er konnten auch Sie wenig mit Religion anfangen. Hat sich das nach Ihrer Krebs-Diagnose geändert?
Cohn-Bendit: Nein. Das Leben hat ein Ende, aber das müssen wir miteinander ausmachen, wir Menschen. Mit den Freunden, der engsten Familie. Wir müssen selbst entscheiden, wie wir unser Leben in den Griff kriegen. Für mich persönlich existiert Gott nicht. Es gibt keinen Gott. Ich brauche ihn nicht.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Cohn-Bendit: Ja. Ich habe Angst vor dem Tod. Aber ich möchte die Zeremonie nach meinem Tod miterleben. Ich möchte das sehen, ich möchte die Reden hören, deshalb werde ich die Reden auch selbst schreiben. Die kann dann jemand vortragen, oder, noch besser: Ich nehme sie auf Video auf, und das wird dann gezeigt. Ich habe sehr verrückte Ideen, ich weiß.
SPIEGEL: Trotzdem werden Sie nicht wirklich dabei sein bei Ihrer Beerdigung.
Cohn-Bendit: Ich weiß. Das ist ein Problem, mit dem ich nicht fertigwerde. Der Tod ist traurig, aber es gibt nur eine Möglichkeit, die Trauer zu überwinden. Man muss die schönen Momente des Lebens wieder aufleben lassen.
SPIEGEL: Haben Sie schon angefangen, Ihre Beerdigungsrede zu schreiben?
Cohn-Bendit: Nein. Ich habe ja noch Zeit.
SPIEGEL: Wenn Sie morgen vom Lkw überfahren werden, liegt keine Rede vor.
Cohn-Bendit: Ich werde aber nicht vom Lkw überfahren. Ich bin mir sicher, dass ich noch 30 Jahre vor mir habe. In dieser Zeit kann sich auch mein Bewusstsein noch verändern, ich kann noch abgeklärter werden. Das käme der Rede zugute.
SPIEGEL: Wenn man wie Sie mit 23 ganz Frankreich zum Generalstreik aufruft, denkt man dann: Ich bin der Größte?
Cohn-Bendit: Als ich 23 war, wurde ich innerhalb von sechs Monaten von einem No-Name, von einem netten Kumpel, den alle mochten, zu einer Ikone. Ich fühlte mich tatsächlich unverwundbar. Es war das Gefühl: Du schreibst gerade Geschichte! Mit 23! Dieses Selbstbewusstsein begleitet mich bis heute. Ich brauchte keinen Doktortitel von der Uni mehr. Ich habe meinen Doktor auf der Straße gemacht. Auf der Straße 68. Und jeder weiß, dass ich nicht abgeschrieben habe.
SPIEGEL: Wie sind Sie mit diesem frühen Ruhm fertiggeworden?
Cohn-Bendit: Am Anfang nicht so gut, jetzt ist es okay. Ich war eigentlich der gleiche junge Mann, der ich vor der Revolution war. Aber plötzlich war ich bekannt, plötzlich haben mich alle anders angeguckt, besonders die Frauen. In der Folge bin ich völlig abgehoben. Zu der Zeit hatte ich auch noch ein Techtelmechtel mit der bekannten französischen Schauspielerin Marie-France Pisier. Ich dachte echt, ich sei der Größte, mir fehlte der Boden unter den Füßen. Deshalb bin ich dem damaligen Innenminister in Frankreich unheimlich dankbar, dass er mich 1968 ausgewiesen hat. Er zwang mich, nach Deutschland zu gehen. Deutschland hat mir gutgetan.
SPIEGEL: Warum?
Cohn-Bendit: Alles war gemütlicher, geselliger, denken Sie nur an das Prinzip Wohngemeinschaft. Ich war plötzlich kein Anführer mehr. Deutschland hat mich gezwungen, mich wieder zu erden. Geholfen hat mir auch, dass ich mich hier in Frankfurt richtig verliebt habe. Vorher war ich emotional viel zu bindungslos unterwegs. Ich war ständig auf der Suche, auch in meinen ganzen Beziehungen. Ich schien damals bindungsunfähig zu sein.
SPIEGEL: Haben es die 68er mit Sex und Drogen wirklich so krachen lassen, wie es immer heißt? Oder haben sie sich nur besonders geschickt vermarktet?
Cohn-Bendit: Das Bild der 68er war eine Projektion der Gesellschaft, die Lust nach einem anderen Leben hatte. Diese Lust wurde auf uns übertragen. Dass etwa die berühmte Kommune 1 mit Uschi Obermaier das Modell für alle anderen WGs war, das war die Lustprojektion von verklemmten "Bild"-Redakteuren. Die Wahrheit ist: Die Mehrheit der 68er war verklemmt.
SPIEGEL: Sie auch?
Cohn-Bendit: Ich war natürlich verklemmt, aber gleichzeitig gehörte ich zur libertären Strömung, die diese Erfahrung, das Wilde, die freie Liebe, bewusst machen wollte. Das war natürlich anstrengend. Immer wenn Sie viel Neues erleben wollen, ist das anstrengend.
SPIEGEL: Welche Drogen nahmen Sie?
Cohn-Bendit: Die meisten von uns haben natürlich Haschisch oder Gras konsumiert. Ich selbst habe aber nie geraucht. Ich habe mir stattdessen Haschkekse gemacht: Sie nehmen einen Keks, machen ihn ein bisschen warm, machen ihn auf, füllen ihn mit angewärmtem Shit und machen ihn wieder zu. Hat Spaß gemacht. Leider haben die meisten 68er mehr Bier gesoffen als Shit geraucht. Die waren viel zu deutsch.
SPIEGEL: Mit wie vielen Frauen waren Sie damals im Bett?
Cohn-Bendit: Die Zahl spielt keine Rolle. Es waren sicherlich mehr, als der normale deutsche Familienvater hatte, und doch waren es viel weniger, als Sie vermuten.
SPIEGEL: Warum drucksen Sie jetzt so herum? Wir dachten: Das Private sei politisch. Das haben wir so von Ihnen gelernt.
Cohn-Bendit: Das Private ist auch politisch. Ich will das nicht leugnen. Ich halte den Wunsch, in einer Wohngemeinschaft zu leben, für politisch. Auch die Frage, wie man eine glückliche Patchwork-Familie hinbekommt, ist politisch. Das finde ich wichtiger als die Anzahl der Frauen, mit denen man zusammen war.
SPIEGEL: Sie sind seit 30 Jahren mit Ihrer Frau zusammen und betonen immer wieder, wie wichtig Bindungen für Sie sind. War es demnach Unfug, was die 68er gefordert haben: das Aufbrechen der Familie als Unterdrückungszusammenhang?
Cohn-Bendit: Mit 23 wollen Sie Dinge aufbrechen. Wenn Sie mit 70 immer noch der gleiche Aufbrecher sind, dann ist das gaga. Das halten Sie doch gar nicht aus.
SPIEGEL: Was faszinierte Sie am Konzept der freien Liebe?
Cohn-Bendit: Konzept ist ein starkes Wort. Natürlich haben wir damals alle in unterschiedlichsten Momenten Beziehungen gehabt, auch sexuelle, die nicht dem Vorbild der traditionellen kleinen Familien entsprachen. Es war auch schön - eine Zeitlang. Wenn man das alles erlebt hat, darüber nachgedacht hat, die Schwierigkeiten erkannt hat, dann kann es passieren, dass man in einer Beziehung landet, die dieses Bedürfnis des Ausbrechens aufhebt. Und dann war es das eben mit der freien Liebe, denn dann ist man in den Brunnen der großen Liebe gefallen.
SPIEGEL: Sagen Ihre Söhne manchmal: Papa, was habt ihr damals für komische Sachen gemacht?
Cohn-Bendit: Ja, wenn wir diskutieren, sagen die: Das verstehen wir nicht. Das wollen die nicht verstehen.
SPIEGEL: Waren die Verlierer der freien Liebe die Frauen?
Cohn-Bendit: Ja und nein. Natürlich gab es ein unfassbares Macho-Gehabe in dieser scheinbar libertären Grundordnung, die zu neuen Formen der Unterdrückung geführt hat. Gleichzeitig haben viele Frauen in dieser Auseinandersetzung auch zu sich selbst gefunden. Die Frauen waren ja auch nicht gerade die Gewinnerinnen der Kleinfamilie der fünfziger Jahre. Und dass eine Revolte über die Stränge schlägt, das ist immer so. Es gibt keine ordentliche, saubere, vernünftige Revolte.
SPIEGEL: Das Sexualverhalten wurde damals durch die Antibabypille verändert. Passiert jetzt, da die 68er Rentner sind, etwas Ähnliches mit Viagra?
Cohn-Bendit: Da sind meine Experimentalgrenzen erreicht. Ich will nicht ausschließen, dass ich das einmal probiere.
SPIEGEL: Ist es schön zu wissen, noch etwas in der Hinterhand zu haben?
Cohn-Bendit: Das beruhigt einen, okay. Den Vergleich mit der Pille finde ich übrigens interessant. Beides ist der Versuch, die objektiven Grenzen der Sexualität zu sprengen. Hier die absolute Lust für eine Frau, die vor Erfindung der Pille von der Angst gedämpft war, schwanger zu werden. Dort nun die Angst der Männer, im Alter nicht mehr zu können. Viagra ist eine Möglichkeit, diese Grenze zu überwinden. Auch das hat, wie die Pille, etwas Befreiendes. Die Frage ist aber, ob Viagra nicht etwas verstärkt, was problematisch ist: die Diktatur des Phallus. Dass Sexualität nur mit einem starken Phallus verbunden wird, finde ich falsch. Es gibt auch andere beglückende Sexualität.
SPIEGEL: Verstehen Sie eigentlich, dass sich viele Männer Ihrer Generation im Alter Frauen suchen, die 30 Jahre jünger sind?
Cohn-Bendit: Nicht wirklich. Ich habe an der Natur, wie sie die Menschen gestaltet hat, nicht viel zu kritisieren, auch nicht dass man älter wird und gebrechlicher. Aber eine Sache finde ich von der Natur völlig bedeppert: Die Frau kann ab einem bestimmten Alter keine Kinder mehr kriegen, ein alter Knacker mit 60 oder 65 aber schon. Das halte ich für ein Problem. Nicht aus moralischen, sondern aus praktischen Gründen. Ein Kind hat ein Anrecht auf einen Vater und nicht sofort auf einen Großvater. Ein älterer Freund mit einem kleinen Sohn musste neulich schlucken, als sein Kind ihm erzählte, wie seine Klassenkameraden über ihn reden: "Mensch, dein Großvater sieht aber jung aus." Ich selbst bin mit 45 Vater geworden - das war die Grenze. Sie müssen ja noch Fußball spielen können.
SPIEGEL: Einer der Gassenhauer der 68er lautete: "Trau keinem über 30." War das, rückblickend, kompletter Blödsinn?
Cohn-Bendit: Natürlich, völliger Quark. Aber Sie müssen das aus der Logik der Revolte sehen, die eine der Jugend war. Wir brauchten damals einfach Sprüche, die uns Selbstbewusstsein gaben.
SPIEGEL: Gab es bei den ach so toleranten 68ern so etwas wie Altersrassismus?
Cohn-Bendit: In den Sprüchen vielleicht, in der Praxis nicht. Schauen Sie sich unsere Helden an, Leute wie Herbert Marcuse oder Jean-Paul Sartre, die waren damals ja schon über 60. Was uns störte, war der Muff, die Enge der Gesellschaft. Wir sagten uns: So wie unsere Eltern wollen wir einfach nicht leben.
SPIEGEL: Was macht der 66-jährige Cohn-Bendit, was der junge Cohn-Bendit spießig gefunden hätte?
Cohn-Bendit: Ich muss gestehen, dass ich im Zug nur noch erste Klasse fahre, weil ich es in der zweiten einfach zu eng finde. Aber ist das spießig? Ich war schon immer der Meinung, dass es allen Leuten gutgehen soll. Es ist keine soziale Errungenschaft, in einem verwanzten Bett zu übernachten. Da gehe ich lieber in ein Luxushotel. Die deutschen 68er waren ja so furchtbar genussfeindlich, das waren Biertrinker und Wurstesser, ich konnte das nie verstehen. Ich habe immer gesagt: Sozialismus, das heißt Austern für alle.
SPIEGEL: Wann war es schwerer, jung zu sein: 1968 oder heute?
Cohn-Bendit: Eindeutig heute. 1968 war die Gesellschaft so verkrustet, dass wir als junge Rebellen den größten Unsinn erzählen konnten. Es gab die Sozialisten, die Anarchisten, die Maoisten, aber auf Inhalte kam es gar nicht an, weil es immer gegen die richtige Sache ging: gegen das Establishment. Damals glaubten wir zu wissen, wie sich die Gesellschaft ändern muss. Wir hatten ein unglaubliches Sendungsbewusstsein.
SPIEGEL: Fehlt Ihnen dieses Sendungsbewusstsein bei der heutigen Jugend?
Cohn-Bendit: Nein, die Dinge sind einfach komplizierter geworden. Heute müssen sich die jungen Leute mit allen möglichen Problemen herumschlagen, die wir gar nicht kannten: Klimawandel, Aids, Arbeitslosigkeit, die Finanzkrise. Klar, es gibt Protestbewegungen wie Occupy, die richtet sich gegen die Macht der Banken. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass Occupy genau weiß, wie sie die Welt will.
SPIEGEL: Ihr Sohn möchte Banker werden. Ist das für den Antikapitalisten Cohn-Bendit die größtmögliche Provokation?
Cohn-Bendit: Mein Sohn definiert sich als Hyperrealo. Er ist sehr engagiert, trainiert eine Jugend-Fußballmannschaft und hat in Paris in einem Jugendhaus mit Einwanderern gearbeitet. Aber der Junge ist gespalten. Er studiert Wirtschaftswissenschaften und sagt: Papa, bis 30 will ich Millionär werden, als Investmentbanker. Dann habe ich genug Geld, um meine Familie zu ernähren und als Sozialarbeiter zu arbeiten. Ich finde das in Ordnung.
SPIEGEL: Früher hätten Sie dazu gesagt: Es gibt kein richtiges Leben im falschen!
Cohn-Bendit: Ach, wieder so ein dummer Spruch von früher. Ich wollte als Jugendlicher mein Leben selbst gestalten, meine Autonomie war mir sehr wichtig. Da kann ich doch meinem Sohn nicht vorschreiben, wie er zu leben hat.
SPIEGEL: Was waren die drei größten Dummheiten Ihres Lebens?
Cohn-Bendit: Es gibt einen unsinnigen Text von mir in dem Buch "Der große Basar" von 1975. Ich schrieb über meine Erfahrung als Erzieher in einem Frankfurter Kinderladen, und das Thema Sexualität der Kinder wollte ich nicht ausklammern.
SPIEGEL: Sie schrieben unter anderem: "Mein ständiger Flirt mit allen Kindern nahm bald erotische Züge an. Ich konnte richtig fühlen, wie die kleinen Mädchen von fünf Jahren schon gelernt hatten, mich anzumachen."
Cohn-Bendit: Es sollte eine Provokation sein, aber heute muss ich sagen: Da hat einfach ein Korrektiv in mir nicht funktioniert. Das würde ich heute nicht wieder tun. Was ich schrieb, war ein großer Fehler. Es tut mir leid.
SPIEGEL: Mit Ihren Jahren als Revolutionär sind Sie im Reinen?
Cohn-Bendit: Es wäre blödsinnig zu behaupten, wir hätten damals alles richtig gemacht. Nur ein Beispiel: 1968 haben wir die Polizei auf den Straßen von Paris mit der SS verglichen, es gipfelte in dem Slogan: CRS gleich SS. Das war natürlich aberwitzig. Vor vier Jahren habe ich den damaligen Pariser Polizeipräfekten Maurice Grimaud getroffen, einen ehemaligen Widerstandskämpfer. Ihm hat der Vergleich mit den Nazis sehr weh getan. So ungerecht darf man nicht sein, sagte er, und er hatte recht. Unser Gespräch hat mich sehr berührt. Da war ein Mann, der sagte, ich konnte euren Protest verstehen, aber unsere Aufgabe war es, die Ordnung aufrechtzuerhalten. Nennen Sie es Altersweisheit oder was auch immer, aber heute würde ich sagen, dass wir 68er oft auch sehr ungerecht waren.
SPIEGEL: Und der dritte große Fehler?
Cohn-Bendit: Meine kindliche Abneigung gegen das Heiraten. Ich lebe jetzt seit 30
Jahren mit meiner Frau zusammen, aber wir feierten erst nach 15 Jahren Hochzeit. Damals war unser Sohn schon sieben.
SPIEGEL: Sie galten immer als einer der intellektuellen Köpfe der 68er Bewegung. Wie konnte es passieren, dass nicht Sie, sondern Ihr Freund Joschka Fischer es bis zum Vizekanzler brachte?
Cohn-Bendit: Joschka und ich haben viele Schritte gemeinsam gemacht. Aber im Gegensatz zu mir ist Joschka ein intuitiver Machtmensch. Er wollte immer mit Haut und Haaren Politiker sein und hat sich der Politik völlig hingegeben.
SPIEGEL: Joschka Fischer geht im Alter einen Weg, den einige 68er gehen: Er macht das große Geld. Finden Sie es unappetitlich, dass Fischer sich heute als Lobbyist für Großkonzerne verdingt?
Cohn-Bendit: Ich finde, er hat nie eine Grenze überschritten, anders als Gerhard Schröder, der sich jetzt von Gazprom bezahlen lässt. Aber warum Joschka Konzerne wie Siemens berät, habe ich nie richtig verstanden. Ich jedenfalls werde meinen Ruhestand anders gestalten.
SPIEGEL: Sind Leute wie Schröder und Fischer nicht ein Problem für die Glaubwürdigkeit der 68er? Erst predigten sie die Weltrevolution, heute lassen sie sich von der Industrie bezahlen?
Cohn-Bendit: Schröder war nie ein 68er, da muss ich vehement widersprechen. Er war damals ein Stamokap-Linker, ein Gegner des sogenannten Staatsmonopolistischen Kapitalismus. Mit den 68ern konnte der nie was anfangen. Ich war 1999 bei der vierten Hochzeit von Joschka eingeladen. Ich saß an einem Tisch mit Schröder und dessen neuer Frau Doris. Plötzlich geht Joschka mit Baby auf dem Arm durch den Saal, und Schröder fragt mich: Wer ist denn das Kind? Ich sage ihm, das sei das Kind von Fischers früherer Frau Claudia. Schröder war völlig perplex, er konnte nicht verstehen, wie man so ein gutes Verhältnis zu den Kindern seiner Ex-Frau haben kann. Und dann erzählte er, dass er seit der Scheidung von seiner dritten Frau Hillu keinen Kontakt mehr mit deren Kindern habe. Ich war fassungslos. Wir 68er sind da einfach nicht so spießig und rigide. Patchwork-Familien sind für uns etwas Normales.
SPIEGEL: Sie leben heute in einer Hausgemeinschaft mit gleichaltrigen Paaren. Hat man in Ihrem Alter nicht langsam genug vom ewigen Kommunenleben?
Cohn-Bendit: Nein. Wir sind alle miteinander befreundet. Wir hoffen, uns gegenseitig helfen zu können, wenn einer wegen Alter oder Krankheit einmal nicht mehr so gut auf den Beinen sein sollte. Trotz mancher Verirrung haben wir 68er unterm Strich ja gute Erfahrungen mit einer kollektiven Lebensform gemacht.
SPIEGEL: Herr Cohn-Bendit, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
(*) Markus Feldenkirchen und René Pfister in Frankfurt am Main.
Von Markus Feldenkirchen und Rene Pfister

DER SPIEGEL 14/2012
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