07.04.2012

Auf Jesus' Pfaden

GLOBAL VILLAGE: Ein niederländischer Diplomat hat den ersten Wanderführer für das Westjordanland geschrieben.
Stefan Szepesi steht auf einer Wiese, überall Klatschmohn, wilde Orchideen, er atmet tief ein. Vor ihm liegt das Wadi Maghrour, ein Tal mit Olivenbaum-Terrassen, manche der Bäume sind mehr als hundert Jahre alt. Ein Pfad schlängelt sich durch das Tal, rot-weiß markiert, elf Kilometer lang, Höhenunterschied: 400 Meter, Schwierigkeitsgrad: mittel.
Szepesi hat diesen Weg entdeckt und beschrieben: den Wanderweg 23, vom Dorf Batir bis nach Beit Jala bei Betlehem. Im Westen und im Norden die Grüne Linie, die Grenze zu Israel, im Osten der Checkpoint, im Süden israelische Siedlungen. Und mittendrin diese Insel der Ruhe, vermessen und von der Unesco für gut befunden, eines Tages Weltnaturerbe zu werden. Wenn nicht Israel hier eine Mauer baut, so wie es geplant ist.
Doch um Politik geht es nicht. Es geht um das Wandern, in der Hand hält Szepesi ein Buch, es trägt den unwahrscheinlichen Titel "Walking Palestine". 25 Tageswanderungen für Palästina mit Routenbeschreibungen, Empfehlungen für Restaurants und Unterkünfte. Die Fotos zeigen: Blumen, Vögel, Schmetterlinge, außerdem Klöster, Schafhirten, Menschen auf Eseln. Es ist ein anderes Palästina als das in den Abendnachrichten, aber sehr ähnlich dem Palästina, durch das Jesus wanderte.
Szepesi weiß, dass Palästina andere Probleme hat als Wanderwege. Er kennt diese Probleme besser als die meisten. Der Niederländer, 32 Jahre alt, lebte bis vor kurzem in Ostjerusalem. Er arbeitete als Berater zuerst für die EU, dann für das Nahostquartett, das Frieden zwischen Israel und Palästina stiften soll. Damit war Szepesi einer dieser vielen Diplomaten, die Palästina vor allem aus einem Geländewagen mit CD-Kennzeichen wahrnehmen und am Wochenende entweder nach Tel Aviv oder ans Tote Meer fliehen.
Er aber setzte sich in sein Auto und fuhr ins Westjordanland. Er stieg aus, wo es ihm gefiel, und wanderte durch die Gegend. Irgendwann professionalisierte er seine Ausflüge. Er besorgte sich Karten und stellte fest, dass es nur zwei Arten gibt: die Karten des israelischen Naturschutzverbands, auf Hebräisch, und die der Uno, in denen die Kontrollpunkte verzeichnet sind. Beide hatten wenig mit der Realität zu tun, die er auf seinen Ausflügen entdeckte: gastfreundliche Menschen, ursprüngliche Dörfer, römische Ruinen, fast unangetastet.
Man könne im Westjordanland hervorragend wandern, sagt Szepesi. Es gibt die Wüste, es gibt Berge, schroffe Täler. Eine arabische Toskana, zumindest wenn man auf einige Grundregeln achtet: auf einen sicheren Parkplatz fürs Auto und etwas Entfernung zu palästinensischen Städten, israelischen Siedlungen und Militäranlagen.
Während Szepesi weiterläuft, vorbei an Bauern, die gerade ihre Terrasse neu zementieren, erzählt er, dass er Wandern immer langweilig fand. Er fuhr lieber Mountainbike, lief Marathon; aber hier begann er, das Wandern zu lieben. Nach einem Jahr dachte er sich, es wäre schön, diese Freude zu teilen.
Bisher fahren die meisten Touristen nur nach Betlehem. Palästina hat zwar viel zu bieten, aber keiner traut sich her. Das liegt auch daran, dass es so zersplittert ist, in Militärgebiete, Siedlungen und Sperranlagen, in Zonen A, B und C. Palästina, das ist ein Land, zusammengehalten von nicht viel mehr als einer Idee. Welcher Tourist sollte durch diesen Irrsinn navigieren?
Deshalb begann Szepesi, einen Wanderführer zu schreiben. Drei Jahre lang hat er daran gearbeitet, die letzten zwei Jahre in Teilzeit: zwei Tage Nahostquartett, drei Tage Wandern. Als er anfing zu schreiben, gab es noch Hoffnung auf Frieden. Doch seit fast zwei Jahren steckt alles fest. Und der Diplomat fragte sich: "Was zum Teufel mache ich hier eigentlich? Ich schreibe ein Buch über Wandern in Palästina?"
Doch das Projekt wuchs. Er warb palästinensische Guides an, rekonstruierte Namen von Orten, er überredete Gemeinden, die Wege zu markieren. Es war nicht immer einfach. Die Palästinenser verstanden oft nicht, was dieser merkwürdige Niederländer wollte. Wenn er nach dem Weg fragte, sagten sie: "Immer der Straße nach, am besten nimmst du ein Taxi." Er musste erklären, dass er den schönsten Weg suchte, nicht den schnellsten. Palästinenser wandern kaum. Er hat in seinem Buch für sie kurze Routen erstellt. Ein, zwei Stunden: Schnupperwandern in der Heimat. Kilometer 4,9: Restaurant Maghrour. Szepesi hat darauf geachtet, dass möglichst oft ein Restaurant an der Strecke liegt. Der Besitzer tischt warmes Fladenbrot auf, Salate, gegrilltes Fleisch. Der Niederländer isst hastig, er hat einen Termin bei der palästinensischen Tourismusministerin, die Exemplare bei ihm bestellen will. Es könnte bald sehr viel mehr Wanderer in Palästina geben.
Stefan Szepesi hat inzwischen beim Nahostquartett gekündigt, er ist seit kurzem Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative Abrahamsweg. Die will einen Wanderpfad für Touristen entwickeln, entlang der biblischen Route Abrahams von der Türkei über Syrien und Palästina bis nach Israel, 1200 Kilometer. Szepesi wandert jetzt nur noch, Vollzeit.
Von Juliane von Mittelstaedt

DER SPIEGEL 15/2012
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