07.04.2012

ARCHÄOLOGIEGottes vergessene Kinder

Das antike Volk der Juden hatte religiöse Konkurrenz. Ausgräber sind nahe Jerusalem auf einen zweiten riesigen Jahwe-Tempel gestoßen - eine Sensation. Die Erben der ersten Priester leben noch heute am Fuß der Ruinen.
Gewandet in einen grauen Mantel, sitzt Aaron Ben Ab-Hisda Ben Jakob, 85, im Dämmerlicht seines Hauses. Er stimmt einen kehligen Singsang an, eine althebräische Litanei. Er trägt Vollbart und auf dem Kopf ein rotes Käppi.
Der Mann ist Hohepriester. Sein Stammbaum reicht 132 Generationen zurück. Er sagt: "Ich bin ein Urenkel von Aaron, dem Bruder des Propheten Mose." Der lebte vielleicht vor über 3000 Jahren.
Die Sekte der Samaritaner, die Aaron Ben Ab-Hisda anführt, ist so strenggläubig, dass ihre Mitglieder am Sabbat nicht einmal die Heizung anschalten. Sie essen nie Krabben und heiraten nur untereinander. Ihre Frauen gelten während der Menstruation als so unrein, dass sie sieben Tage in speziellen Räumen abgeschirmt werden.
Draußen, in den Straßen von Kirjat Luza (bei Nablus), fegt ein kalter Sturm. Das Dorf liegt knapp unter dem Gipfel des Garizim. Es gibt eine Schule, zwei Läden, einen Opferplatz. 367 Samaritaner leben dort. Es ist eine kleine Gemeinde.
Der Besuch der Synagoge am Samstag ist hier Zwang. "Jeder Junge muss genau am achten Tag beschnitten werden", erklärt der Hohepriester. Nicht vorher, nicht nachher.
Besonders wichtig: Die Sekte glaubt nur an das schriftliche Vermächtnis von Mose, die fünf Bücher des Pentateuch (Hebräisch: Tora). Alle anderen Schriften der Bibel lehnen sie ab.
Historisch gesehen gehören Samaritaner und Juden einem Volk an. Das Alte Testament berichtet, dass zehn der zwölf Stämme in der Region Samarien den Staat Israel gründeten - um 926 vor Christus. Die beiden anderen Clans lebten weiter südlich im bergigen Juda, mit der Hauptstadt Jerusalem (siehe Karte).
Die Samaritaner waren also einst in der Mehrheit. In der Antike gab es 300 000 von ihnen, vielleicht sogar über eine Million. Doch ihr härtestes Gesetz hätte fast ihren Untergang bedeutet. Es lautet: "Niemand von euch darf außerhalb des Gelobten Landes siedeln."
Ergebnis: Während die Juden vor der Drangsal fremder Herrscher in alle Welt flohen, verharrten ihre Verwandten vor Ort und litten unter byzantinischen Tyrannen oder grausamen Sultanen. Am Ende des Ersten Weltkriegs gab es noch 146 von ihnen.
"Heute geht es uns besser", sagt der Greis Aaron Ben Ab-Hisda und schaut munter aus dem Fenster. Inzwischen gehören, zusammen mit einer weiteren Gruppe in Holon bei Tel Aviv, wieder 751 Personen zur Gemeinde.
Die Zunahme erfolgte allerdings nur, weil man frevelte und das Verbot der Mischehe aufhob. Im Jahr 2004 wurden fünf heiratswillige Jüdinnen aus der Ukraine und eine aus Sibirien in die Gemeinde aufgenommen.
Dennoch: Wegen der Inzucht gibt es vermehrt Erbschäden. Fachblätter haben Studien über die vergessenen Kinder Gottes vorgelegt. Sie leiden gehäuft an einer Muskelschwäche und dem Usher-Syndrom ("Taubblindheit").
Ihr Kult aber ist vital. Zum Pessachfest versammeln sich alle. Die Männer tragen dann weiße Gewänder und begehen ein großes Tieropfer.
Auf Kommando schneidet ein Priester rund 50 Lämmern die Kehle durch. In Strömen fließt das Blut über eine Steinrinne in ein Loch, wo es mitsamt dem Gedärm verbrannt wird. Das Fleisch, in einem großen Erdofen gegart, muss noch in der Nacht gegessen werden. Sonst wird es unkoscher.
Woher aber kommen diese archaischen Menschen?
Diese Frage interessiert immer mehr Religionswissenschaftler. Neue Erkenntnisse belegen, dass die Samaritaner ein düsteres Schicksal erlitten. Einst waren sie die Wächter der Bundeslade und die Gralshüter der mosaischen Tradition. Doch dann wurden sie Opfer einer Rufmordkampagne.
Stefan Schorch steht mit windzerzaustem Haar vor der Synagoge in Kirjat Luza. Der Alttestamentler von der Universität Halle-Wittenberg kommt oft hierher, meist mit dem Tonband. Er arbeitet wie ein Ethnologe, der ein abgelegenes Naturvolk untersucht.
Vor allem sucht Schorch nach heiligen Büchern.
Es ist halb acht Uhr morgens. Ein Priester schließt das kleine Gebetshaus auf und verschwindet in einer Nische, die mit einem roten Teppich verhängt ist. Dahinter steht ein Panzerschrank, gefüllt mit alten Folianten des Pentateuch. "Unglaublich", sagt der Forscher und blättert in einem von ihnen, "ein vollständig erhaltenes Exemplar aus dem 14. Jahrhundert." Er fotografiert jede Seite der Schwarte. Dann wird sie wieder weggeschlossen.
Fast jede reiche Familie besaß einst solch eine kostbare Handschrift. Einige davon gelangten nach Europa. Der Professor aus der Lutherstadt studiert diese Texte. Er prüft jede Zeile, jeden Wortlaut. Und er vergleicht die samaritanische Tora mit der jüdischen Version.
"Eigentlich gibt es nur eine wesentliche Abweichung" erklärt er. Bei den Juden gilt Jerusalem als zentraler Kultort, bei den Samaritanern ist es der Berg Garizim.
Nur: Welche Tora ist das Original? Die bisherige Lehrmeinung geht so: Im vierten vorchristlichen Jahrhundert spalteten sich die Samaritaner als radikale Sekte ab. In der Bibel treten sie als Eigenbrötler und Götzendiener auf, sie sind böse. Der "barmherzige Samariter" (Lukas Kapitel 10, Vers 25-37) verhält sich eher untypisch.
Der Historiker Flavius Josephus, selbst jüdischen Glaubens, erwähnt, dass die Abtrünnigen um 330 vor Christus eher stümperhaft und "in aller Eile" ein Heiligtum errichtet hätten, um den Tempel von Jerusalem nachzuahmen.
Doch nun zeigt sich, dass die Bibel nur ein Zerrbild liefert. Papyrusrollen aus Qumran am Toten Meer, aber auch ein jüngst auf dem Antikenmarkt aufgetauchtes Fragment der Bibel zwängen zu einer "völligen Neubewertung", sagt Schorch.
Den spannendsten Hinweis darauf, wie die Geschichte wirklich ablief, hat jetzt Jizchak Magen geliefert. Seit 25 Jahren gräbt der Archäologe abgeschirmt hinter Sicherheitszäunen auf der Kuppe des windumtosten Garizim.
Seine Befunde, erst zum Teil veröffentlicht, kommen einer Sensation gleich: Auf dem Berg stand bereits vor 2500 Jahren ein gewaltiges, hell schimmerndes Heiligtum, umschlossen von einer 96 mal 98 Meter großen Einfriedung. Die Mauer hatte sechskammrige Tore mit riesigen Holztüren.
Der Tempel von Jerusalem war zu jener Zeit allenfalls ein simpler Kubus.
400 000 Knochenreste von Opfertieren hat Magen entdeckt. Inschriften weisen die Stätte als "Haus des Herrn" aus. Auf einem Silberring prangt das Tetragramm JHWH. Es steht für "Jahwe".
All das bedeutet: Nur 50 Kilometer von Jerusalem entfernt stand ein gigantisches Gegenheiligtum.
Was für eine Entdeckung. Unter den Israeliten brodelte ein Glaubenskrieg, die Nation war gespalten. Die Juden hatten mächtige Vettern, mit denen sie einen Zwist ums Kultmonopol ausfochten. Es ging um die Frage: Welchem Ort gebührt die Ehre, Heimstatt und Brandopferplatz des Allmächtigen zu sein?
Noch haben die Forscher längst nicht alle Details dieses Konflikts erfasst. Sicher ist nur, dass man ihn mit Härte austrug. Es wurde geeifert, verleumdet, gemordet - und am Ende sogar die heilige Schrift verändert.
Anfangs, so viel ist klar, waren die Samaritaner in der stärkeren Position. Denn verglichen mit Jerusalem hatte der Garizim die deutlich älteren Rechte: In der großen Erzählung von der Geschichte des Auserwählten Volkes nimmt der Berg eine Schlüsselstellung ein.
Bereits der Stammvater Abraham (der angeblich um 1500 vor Christus als Wanderhirte durch den Orient zieht) macht an der Stätte halt, weil ihm Gott in einer herrlichen Vision erscheint.
Später kommt auch der Patriarch Jakob vorbei, um dort ein Urheiligtum zu errichten.
Im 5. Buch Mose tritt der Gipfel endgültig in den Brennpunkt: Nach der Flucht aus Ägypten sind die Israeliten 40 Jahre lang durch die Wüste Sinai geirrt. Endlich erreichen sie von Osten aus den Jordan. Ihr sterbensmüder Anführer blickt über den Fluss hinweg ins Land der Verheißung, wo "Milch und Honig fließen".
Kurz vor seinem Tod erteilt Mose einen wichtigen Befehl: Das Volk müsse zuerst zum Garizim ziehen. Sechs Stämme sollen ihn erklimmen und Segenssprüche rufen. Den anderen sechs Clans obliegt es, vom benachbarten Zwillingsberg Ebal aus zu fluchen.
Es ist eine Art rituelle Inbesitznahme des Gelobten Landes.
Schließlich fordert der Prophet, dass die Israeliten auf dem Garizim ein Heiligtum "aus Steinen" errichten, getüncht mit "Kalk". Denn dies sei "der Ort, den der Herr erwählt hat".
So jedenfalls steht es in den ältesten Bibelschriften. Es sind brüchige Papyrusrollen, die vor über 2000 Jahren in Qumran entstanden und erst kürzlich zur Auswertung kamen.
In der hebräischen Bibel (an der Jerusalems Priesterschaft womöglich noch sehr lange herumschrieb) hört sich das Ganze plötzlich anders an. Von einem "erwählten Ort" ist nicht mehr die Rede.
Auch das Wort "Garizim" ist an der entscheidenden Stelle gestrichen. Stattdessen wird der Jahwe-Altar hier auf dem "Ebal" errichtet. "Durch die Nennung des Fluchbergs", sagt Schorch, "wollte man die ganze Erzählung in ein negatives Licht rücken und dem Garizim seine biblische Legitimation entziehen."
Schorch datiert den Eingriff auf die Zeit um 150 vor Christus. Von Betrug mag der Forscher nicht sprechen, lieber von einer "Anpassung der Bibel an die eigene religiöse Sicht".
Nur, wieso setzte sich die Mogelei am Ende durch? Warum triumphierte die Minderheit? Besaßen die Gegner nicht das volkreichere Land? In ihrer Hauptstadt Samaria stand bereits um 1000 vor Christus ein Palast. Man fand dort Elfenbein. Jerusalem war da noch ein Nest mit kaum 1500 Einwohnern.
Die Forschung kann dieses Rätsel erklären, die Antwort besitzt sogar ein Gesicht: Es trägt einen gekräuselten Kinnbart und einen Bronzehelm. Es waren die Assyrer, die ab 732 vor Christus mit Kampfwagen bis zum Mittelmeer vorrückten und den Staat Israel unterjochten. Bewohner wurden gepfählt und verschleppt.
Das schwächte das Land. Gewalttäter waren ins Hauptland des Herrn eingebrochen. Viele flohen deshalb zu den Vettern in Juda. Jerusalems Einwohnerzahl stieg auf 15 000.
Gestärkt durch diese Völkerflut, beanspruchten die Priester dort nun selbst die Führung in sakralen Dingen. Schon wenige Jahre nach dem Überfall lotste König Hiskija alle Israeliten - Juden wie Samaritaner - zur Wallfahrt nach Jerusalem. Nur hier seien die Freiheit und die Reinheit gewahrt, um dem Allmächtigen zu huldigen. Das Nachbarland war ja von saufenden und hurenden Heiden besetzt.
Um ihren Anspruch zu unterstreichen, ersannen die Leute aus dem kleinen Südreich eine Heilsgeschichte. Demnach regierte bereits um 1000 vor Christus der Ur-König David von Jerusalem aus ein glänzendes Großreich. Sein Nachfolger Salomo schuf in der Stadt angeblich einen Tempel aus Zedernholz, "vollständig mit Gold überzogen". Über 180 000 Arbeiter hätten sich geplagt, so die Bibel.
Alles Unsinn: Vom Sakrosanktum des Salomo wurde bis heute nicht ein Stein gefunden.
Das Ziel der Trickserei aber ist klar: Judas Priester wollten den Ruhm der eigenen Metropole mehren. Und sie ließen keine Gelegenheit aus, ihre Gegner mit Schimpf zu belegen: In der Bibel werden die Samaritaner fast durchweg als üble Leute dargestellt. Auch gelten sie als ethnisch unrein, weil sie ihr Blut mit dem fremder Kolonisten vermischt hätten.
Das Buch Esra erzählt gar, dass diese "Feinde" den Wiederaufbau des zerstörten Jerusalemer Tempels hintertreiben wollten - und zwar aus Neid, weil sie keinen eigenen besessen hätten.
In Wahrheit stand damals auf dem Garizim längst eine leuchtende Götterfestung. Der Archäologe Magen entdeckte Schmuck, Silber, ein edles Kosmetikset, auch ein goldenes Glöckchen vom Prachtgewand eines Hohepriesters.
Um 180 vor Christus wuchs der Zeremonialbau sogar noch auf eine Größe von etwa 200 mal 200 Metern. Er erhielt eine monumentale Treppe sowie Magazine für "Tausende Pilger". Es gab offenbar Wallfahrten mit Massenandrang. Die Bibel übergeht all das mit Schweigen.
Schließlich eskalierte der Zwist. Im Jahr 128 vor Christus erklomm der jüdische Fürst Johannes Hyrkanos mit einer Armee den Garizim und äscherte das stolze Heiligtum ein. Die Ausgräber fanden eine "Feuersbrunstschicht", dazu Pfeilspitzen, Schwerter, Dolche und Wurfbleie.
Die Samaritaner bauten ihren Tempel nie wieder auf. Fortan schrieben die Sieger (biblische) Geschichte und drängten ihre Gegner weiter ins Abseits.
Und doch existieren die "Bewahrer des Gesetzes", wie sie sich selbst nennen, bis in die Gegenwart fort. Als Mark Twain 1867 die Gegend bereiste, traf er auf den "traurigen, stolzen Überrest einer einst mächtigen Gemeinschaft", die er anstarrte, als wären es "lebende Mastodonten".
Heute geht es den erstaunlichen Frömmlern wieder besser. Sie haben einen Sitz im palästinensischen Parlament und halten Kontakte zur Uno. "Wir wollen mit allen in Frieden leben", meint der Hohepriester Aaron Ben Ab-Hisda.
Auch seinen Humor hat der Oberhirte nicht verloren. Auf die Frage, wie denn das samaritanische Paradies aussehe, stockt der Alte kurz. Dann sagt er verschmitzt: "Es muss ein wunderbarer Ort sein. Noch keiner ist zurückgekehrt, um sich zu beschweren."
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 15/2012
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