16.04.2012

USADie seltsamen Heiligen

Ihr Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney ist Mormone, schon deshalb tun sich die frommen Republikaner mit ihm schwer. Was macht den Kern seines Glaubens aus? Von Gerhard Spörl
Siebzehn Jahre lang war Sal Velluto der brave Sohn katholischer Eltern. Er rauchte nicht, er trank kaum. Sonntags ging er zur Messe und gehörte auch einer katholischen Jugendgruppe an: ein Teenager, wie sie ihn sich dort unten in der süditalienischen Hafenstadt Tarent nur wünschen können. Plötzlich aber wurde aus dem Musterknaben ein Rebell.
Nein, er trat nicht in die Kommunistische Partei ein oder schloss sich einer Straßengang an. Aber er setzte sich ab von Elternhaus und katholischer Kirche, indem er es einem Freund nachmachte, der den Glauben gewechselt hatte: Er wurde zum Mormonen.
Seit 1984 lebt Velluto dort, wo die Mormonen ihr Jerusalem gebaut haben, die Welthauptstadt dieser merkwürdigen Religion im Westen der USA, in Salt Lake City. Mittlerweile ist er 56 Jahre alt und mit einer Mormonin verheiratet. Das Paar hat vier Kinder und führt ein glückliches Leben, und das, sagt er, habe natürlich auch mit seiner Religion zu tun: "Sie rückt mein Leben in die richtige Perspektive. Ich stehe wie auf einer Anhöhe und kann das Getümmel unter mir in aller Ruhe ordnen."
Aus Sicht der Mormonen ist der Italiener Sal Velluto ein Glücksfall, ein Beweis dafür, dass sogar im säkularen Europa noch neue Seelen zu holen sind, nicht nur in Afrika oder Lateinamerika. In den USA ist diese Religion mit sechs Millionen Gläubigen ohnehin eine Macht - eine stille Macht, denn die Mormonen machen in der Öffentlichkeit möglichst wenig Aufhebens um ihren Glauben.
Eher zufällig stellte sich heraus, dass der Schauspieler Ryan Gosling ("Ides of March") in einer Mormonen-Familie aufwuchs, dass die Schriftstellerin Stephenie Meyer ("Twilight"-Saga) Mormonin ist, genauso wie die Sängerin Gladys Knight. Auch die Hotelfamilie Marriott, der Gründer von JetBlue Airways und General Brent Scowcroft, Nationaler Sicherheitsberater im Weißen Haus unter George H. W. Bush, sind Mormonen. Und natürlich der republikanische Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney, der Barack Obama aus dem Weißen Haus vertreiben möchte.
Auch Romney geht mit seinem Glauben diskret um. Dabei könnte er viel erzählen über Mormonismus als Glaube und Lebensform. Wie es seine Kirche verlangt, ging er zweieinhalb Jahre auf Mission, nach Bordeaux und Paris; seither spricht er ziemlich gut Französisch.
Die Familie Romney ist der Kirche seit Generationen verbunden. Mitts Urgroßvater lebte in Mexiko, im Städtchen Galeana, und hatte fünf Frauen - Polygamie gehörte damals zu den mormonischen Bräuchen. Auch sein Vater wurde dort geboren und kam erst mit fünf Jahren in die USA; in Mexiko hat Mitt Romney heute noch etliche Cousins und Cousinen.
Er und seine Frau Ann haben fünf Söhne, die auch mit Mormonen-Traditionen groß wurden. Dazu gehören Familienabende mit Lesungen aus dem "Buch Mormon", der Bibel der Mormonen. Eine typische Mormonen-Familie: bibelfest, kinderreich, familienzentriert. Überdies diente Romney seiner Kirche auch als Laienbischof. Es spricht viel dafür, dass sein Glaube ihm einiges bedeutet.
Solche Details lassen sich in den Biografien über den Kandidaten nachlesen. Romney selbst meidet es, über die Familiengeschichte und seinen polygamen Ahnen zu sprechen. Erst nach langem Zögern gab er wenigstens so viel preis, dass er in den vergangenen beiden Jahren seiner Kirche insgesamt 4,1 Millionen Dollar gespendet habe.
Sal Velluto ist ein glühender Anhänger Romneys. Er hat seinen Laptop mitgebracht und führt darauf eine Auswahl seiner Werke vor - Comics, in denen es von kraftvollen Figuren nur so wimmelt, allesamt Abwandlungen von Superman oder Batman, von Spiderman und Thor. Velluto ist ein gutbeschäftigter Zeichner, er illustriert Bücher und arbeitet für Zeitschriften. Und er macht Wahlkampf für Romney. Auch ihn zeichnet er als Superman, an dem die Beschuldigungen wie Geschosse abprallen. Seine Zeichnungen kann man gegen eine Wahlkampfspende im Internet bestellen. Stolze 560 000 Dollar haben Velluto und seine Freunde schon zusammengebracht.
Wie Velluto halten Oligarchen und Geldgeber der Republikanischen Partei Mitt Romney für ihren besten Kandidaten. Romney sieht kantig aus, er war ein erfolgreicher Geschäftsmann, und die Olympischen Winterspiele 2002 in Salt Lake City hat er damals vor korrupten Funktionären gerettet. Dann wählte ihn ausgerechnet der liberale Bundesstaat Massachusetts zum Gouverneur. Reich, fromm, flexibel: Wer kann ernsthaft etwas gegen so einen Kandidaten haben?
Das können Baptisten und Evangelikale, die in den Südstaaten eine Bastion bilden, und dazu die Tea Party, die feste Burg des allerschlichtesten Konservatismus in den USA. Gemeinsam bilden sie eine Mehrheit innerhalb der Republikanischen Partei, und alle sind sie voller Misstrauen gegen Romney, weil er Mormone ist. Mormonen wie er sind keine Christen, sagen die Traditionalisten, weil Mormonen behaupten, dass Gott Mensch war und Menschen Götter werden können. Mormonen können deshalb nicht das ewige Leben finden, sagen sie, sondern sind zum ewigen Tod verdammt.
Das ist Theologie und hat eigentlich mit Politik wenig zu tun. Dabei gab es schon einmal einen republikanischen Präsidenten, der sich mit etlichen Mormonen umgab: Ronald Reagan, die Ikone des konservativen Amerika. Unter seinen Ministern, Botschaftern und Ratgebern gab es viele Gläubige aus der "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage", wie die Mormonen in voller Schönheit heißen. Sie waren überall, und niemand störte sich ernsthaft daran.
Für den souveränen Umgang mit seinem Glauben ist Romney zu vorsichtig. Allerdings reden ihm seine Freunde nun zu, er solle damit anfangen, über seinen Glauben zu reden, über die mexikanische Geschichte seiner Familie, über die Polygamie, die damals üblich war, über seine Religion und das Verhältnis der Mormonen zu Amerika, damit die frommen Republikaner Frieden mit ihm machen.
Wäre Romney Mitglied einer protestantischen Mainstream-Kirche, dann wären die Vorwahlen schon entschieden. So aber ziehen sie sich dahin, auch wenn Rick Santorum, der einzige ernsthafte Gegenspieler, vorige Woche aufgab. Die verbliebenen Rivalen, die Ultrakonservativen Newt Gingrich und Ron Paul, haben nicht den Hauch einer Chance, aber sie machen weiter. Und die Frommen in der Partei werden vermutlich bis zur letzten Sekunde darauf hoffen, dass Sarah Palin, die Jeanne d'Arc des weißen, konservativen Amerika, auf ihr Pferd steigt und den Mormonen besiegt.
John F. Kennedy war der erste katholische Präsident. Barack Obama ist der erste schwarze Präsident. Und der Mormone Romney schafft es kaum, Kandidat der Republikaner zu werden?
"Wir kennen die Vorurteile über uns", sagt Richard Hinckley, "aber wir schlagen nicht zurück." Er sitzt kerzengerade auf dem Sofa in seinem Büro, alterslose 70 Jahre alt. Er spricht Deutsch, denn in jungen Jahren musste er für seine Kirche im Ruhrgebiet missionieren. Vor ihm liegt ein Brief, den ihm 1962 der Oberbürgermeister von Essen schrieb, eine formvollendete
Einladung zu einem kleinen Gespräch im Amtszimmer. Die höflichen Zeilen seien ein Lichtblick gewesen in seinem Dasein als Missionar, "das sonst fast ausschließlich aus Ablehnung, Zurückweisung und Absagen bestand", sagt Hinckley.
Der Mormonismus ist eine junge Religion. Nicht 2000 Jahre Vergangenheit liegen hinter ihr, nicht einmal 200, und an Feindseligkeit ist sie gewöhnt. Die Familie Hinckley gehört zum Uradel dieses Glaubens, der Urgroßvater Hinckley schloss sich 1839 Joseph Smith an, dem Gründer-Propheten der Kirche. Im Städtchen Nauvoo, Bundesstaat Illinois, entstanden die erste große Siedlung und der erste große Tempel der Mormonen, und in dieser Umgebung ereignete sich 1844 auch die große Katastrophe der neuen Religion, als Joseph Smith von einem Mob ermordet wurde, da war er 38 Jahre alt.
Smith war ein armer Landarbeiter, kaum des Lesens und des Schreibens kundig. Er behauptete, ihm seien erst Gott und Christus und später der Engel Moroni erschienen, und sie hätten ihm den Weg zu goldenen Platten gewiesen, auf denen in einer altägyptischen Schrift die neue Religion geschrieben gewesen sei. Er habe sie nach göttlicher Weisung "mit einer Propheten-Brille" übersetzt.
1830 erschien das "Buch Mormon", und der neue Kult fand erstaunlich schnell Anhänger in dieser religiös aufgewühlten Zeit, in der dann auch die Bewegungen der Adventisten, der Zeugen Jehovas und der Pfingstler entstanden. Historiker nennen dieses Phänomen "die zweite große Erweckung Amerikas", die religiöse Revolution 50 Jahre nach der politischen.
Smith hielt Anhänger wie Urgroßvater Hinckley dazu an, ein neues Jerusalem zu bauen, um die Wiederkehr Christi vorzubereiten. Die Mormonen waren fleißige Siedler, sie bildeten eine Arbeits- und Betgemeinschaft, sie halfen einander und fühlten sich als Auserwählte. Mit ihrer seltsamen Religion erregten sie den Zorn und den Neid der Andersgläubigen, der Methodisten, Baptisten oder Presbyterianer. Die rächten sich, brannten Tempel und Häuser nieder, teerten und federten die hochmütigen Mormonen und jagten sie davon, erst aus Missouri und dann aus Illinois.
"Unsere Vorväter hatten keine Reformation im Sinn wie Martin Luther, denn sie hielten alle Kirchen seit Christi Auferstehung für verdorben. Sie wollten das ursprüngliche Christentum wieder aufrichten. Das war ihre Restauration", erzählt Richard Hinckley mit stolzem Gleichmut. Und da es nach dem alten jüdischen Gesetz erlaubt war, gehörte Polygamie zu den Bräuchen der synkretistischen Neureligion. Hinckleys Urgroßvater hatte zwei Frauen, Joseph Smith hatte erheblich mehr, zwischen 33 und 44 Frauen, darüber sind die Quellen uneins.
Am weitesten in der Familie Hinckley brachte es Richards Vater Gordon. Er war Präsident der Mormonen, die Nummer eins, der Papst dieser Kirche, Nachfolger des Propheten Joseph Smith, und auch er verfügte angeblich über besondere Gaben. "Gott kommuniziert nach wie vor mit unseren Propheten", sagt Sohn Richard, "Gott hat das nicht geändert."
Gordon Hinckley war 84 Jahre alt, als er zum Propheten aufstieg. Die Mormonen leisten sich eine Gerontokratie, denn der jeweils Älteste im engsten Zirkel der Nomenklatura, im Rat der "Zwölf Apostel", gelangt seit je auf den Thron. Gordon Hinckley starb mit 97 Jahren. Auf ihn folgte Thomas Monson, der heute 84 Jahre alt ist.
Die Mormonen-Kirche ist demokratisch ausgerichtet, jeder Laie kann jedes Amt übernehmen, es gibt keine Priesterkaste. Richard Hinckley hat es bis zum Bischof gebracht, der für mehrere Gemeinden zuständig ist - und zum Präsidenten eines Pfahls, das ist die nächsthöhere Führungsebene. Damit musste er sich begnügen. Er sagt, das sei so in Ordnung.
Mit seinem Glauben ist Richard Hinckley im Reinen: "Solange die Werte in der Welt dermaßen im Fluss sind, so lange wird meine Kirche wie ein Fels stehen, fest und unbeweglich", sagt er zum Abschied.
Ja, die Kirche sei wirklich fest und unbeweglich, eben ein Monument der Selbstbezogenheit, sagt Will Bagley, ein kleiner Mann mit einem großen Lachen. Er ist Historiker, er hat zwei Dutzend Bücher über die Kolonisierung des Westens Amerikas geschrieben, und in den meisten befasst er sich mit den Legenden der Mormonen.
"Ich bin ein Mormone außer Diensten", sagt Bagley, 62, und lacht aus vollem Hals. Er wuchs auf in einer Mormonen-Familie, in der es eher lässig zuging. "Als ich 14 war, bestach mich meine Mutter mit einer Handvoll Dollar, damit ich im ,Buch Mormon' las. Ich hatte eine Schwäche für griechische Mythologie, aber ich hatte etwas gegen Aberglauben. Dann las ich Mark Twains Bemerkungen über die Mormonen, in denen er sagt, das ,Buch Mormon' sei gedrucktes Chloroform. Ich fand schon damals, dass er recht hat."
Joseph Smith, sagt Bagley, sei ein religiöses Genie gewesen, denn er habe "den Gott der Amerikaner geschaffen", der es den Gläubigen gestatte, selbst zu Göttern zu werden. "Was könnte amerikanischer sein als der Glaube an ewigen Fortschritt?", fragt Bagley.
Mit seinen Büchern hat Bagley Erfolg, weil er die Mormonen entzaubert und ihnen zugleich Anerkennung zollt. Er versteht sie als soziale Utopisten und Revolutionäre, denn Smith und seine Anhänger wollten die Welt verändern, nicht nur interpretieren. "Sie waren hochmütig und selbstgerecht und machten sich verhasst in den Städten, in denen sie sich ansiedelten. Sie erzählten den Einheimischen, sie stammten direkt vom alten Israel ab, und Gott schenke ihnen dieses Land. Das kam nicht gut an. Außerdem waren sie keine Sklavenhalter. Auch das kam nicht überall gut an."
Die Vertreibungen der Mormonen um die Mitte des 19. Jahrhunderts nennt Bagley "den ersten amerikanischen Bürgerkrieg". Sie ließen sich nicht einfach vertreiben, sie schlugen zurück. "Es gab Massaker auf beiden Seiten", sagt Bagley. Und irgendwann begannen die Mormonen damit, Feindseligkeit als Auszeichnung zu verstehen.
Sie zogen so lange nach Westen, bis sie in ein Tal mit einem Salzsee kamen, in den ein Fluss mündete, den sie in Anlehnung an das alte Israel Jordan tauften. Eine Kette aus Bergen umgibt die Stadt, in der sie ihren Tempel und ihre Versammlungshalle errichteten. Das war 1847, es gab Indianer, aber keine anderen Siedler. Aus Salt Lake City, ihrem Zion, ist eine Stadt geworden, die weniger amerikanisch anmutet als andere Großstädte, so sauber und so still, wie sie ist.
Die religiöse Utopie hat sich in eine Institution verwandelt. Aber der Mormonismus hat sich nicht vollends an den Mainstream-Protestantismus angepasst, das verhindert die merkwürdige Theologie. So machen sich die Mormonen nach wie vor verdächtig, vor allem bei der christlichen Konkurrenz, auch wenn sie ebenso konservativ und patriotisch leben wie Evangelikale oder Baptisten. "Die Frage ist nur, wann das fromme Amerika mit den frommen Mormonen seinen Frieden schließt", sagt Will Bagley. ◆
(*) "Was dich nicht umbringt, macht dich stärker" (Illustration: Sal Velluto).
Von Gerhard Spörl

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