18.01.1999

KIRCHEUnser Clinton

Der Fall eines angeblich ehebrecherischen Geistlichen spaltet die Pastorenschaft: Die Kirchenführung hatte die Affäre publik gemacht.
Sex außerhalb des Ehebettes hält der Pastor für eine Erfindung des Teufels. Die Zweisamkeit ohne Trauschein hat der Kirchenmann aus Henstedt-Ulzburg bei Hamburg stets leidenschaftlich bekämpft. Liebe zwischen Männern ist für ihn ein Grund für ewige Verdammnis, und aus Protest gegen männlichen Triebabbau in einem benachbarten Bordell ist Hochwürden gar auf die Straße gegangen.
Standfest verkündete Andreas Rüß, 55, sein Credo im Fernsehen: "Wer sündige Gedanken hat, wenn er gebunden ist, begeht Ehebruch."
Nun soll der sittenstrenge Geistliche selbst gefehlt haben - ausgerechnet in der Friedhofskapelle, heißt es, habe er sich einer Frau aus dem Kirchenvorstand hingegeben.
Noch fehlen Belege. Doch die Informationen eines Gemeindemitarbeiters reichte der Kirchenführung, gegen Rüß disziplinarrechtliche Ermittlungen einzuleiten. Sie stellte den Pastor damit gleichzeitig an den Pranger - und sorgte so für handfesten Ärger mit den eigenen Angestellten. Der Klerus der Nordelbischen Kirche hat sich heillos zerstritten über der Frage, wie offen sich der Arbeitgeber Kirche über das Intimleben seiner Mitarbeiter verbreiten darf.
Der Evangelische Pressedienst (epd) hatte am 5. Januar mit einer Meldung über den Vorwurf "außerehelicher Kontakte" von Rüß ein monatelanges Getuschel beendet. Seit Wochen kannten die Zeitungen in und um Hamburg die Gerüchte, Berichte waren bereits geschrieben. Doch die Redaktionen zögerten mit der Veröffentlichung, bis epd den ersten Stein warf - mit Rückendeckung der zuständigen Kirchenleitung in Kiel, der ein einmaliger Presseknall lieber war als wochenlange Spekulationen über das Sexleben des Seelsorgers.
"O Gott, Herr Pfarrer", schlagzeilte "Bild" in Riesenlettern. An den Stammtischen der 24 000-Einwohner-Gemeinde nannte man Rüß fortan "unseren Clinton".
Einige Geistliche machten umgehend die Pressearbeit der Oberhirten verantwortlich für den Klatsch. Christian Rüß, ein Bruder des vermeintlichen Sünders und selbst Pfarrer am Hamburger Michel, beschuldigte die Kirchenjournalisten: Ausgerechnet "unser Pressedienst" habe einen "Vernichtungsfeldzug" losgetreten, um seinen Bruder "gnadenlos zu zerstören".
Die Creme der hanseatischen Protestanten-Geistlichkeit, die Pastoren der fünf Hamburger Hauptkirchen, klagten in einer gemeinsamen Stellungnahme: "Es ist für uns offensichtlich, daß hier lediglich Kirchenpolitik betrieben wurde, dies mit zweifelhaften, unsauberen Mitteln."
Die Erklärung der Pfarrer nährte den Verdacht, die Enthüllungen über Rüß seien eine gezielte Indiskretion, um den Gottesmann loszuwerden, dessen bigottes Saubermanngehabe vielen Kirchenleuten seit langem auf die Nerven geht - was die Leitung der Nordelbischen Kirche, zu der die Sprengel Hamburg, Schleswig und Holstein-Lübeck gehören, natürlich vehement bestreitet.
Seit Jahren zieht sich ein Graben durch die Nordelbische Kirche. An der Spitze des für Rüß zuständigen Sprengels Holstein-Lübeck (rund eine Million Gläubige) steht Karl Ludwig Kohlwage, 65, ein politisch engagierter Bischof, der etwa die Anschaffung des "Eurofighters" kritisierte, weil er Milliarden für ein Kampfflugzeug angesichts von "Millionen Menschen in Not und Elend" für nicht gerechtfertigt hält.
Auf der anderen Seite verharrt die "Kirchliche Sammlung um Bibel und Bekenntnis" - glaubenskonservative Christen, die sich von der linken Kirchenführung "ausgegrenzt, extremisiert und teilweise verunglimpft" fühlen, wie der Vorsitzende der pietistischen Vereinigung, Rüß' Zwillingsbruder Ulrich, sagt.
Die Kirche in Henstedt-Ulzburg gilt als eine Art Zentrum der Bibelfesten. Wenn Kollegen in den Nachbargemeinden Sonntag morgens vor ein paar Handvoll Rentnerinnen und Konfirmanden predigten, hatte Andreas Rüß volles Haus. Der Hardliner zog Publikum aus dem weiten Umland an.
Die Gruppe von Rüß, sagt ein Hamburger Pastor, hatte "etwas Sektiererisches", auch die vermeintliche Gespielin zähle zu den Jüngern des strengen Geistlichen. Die Lehrerin saß im Kirchenvorstand und sang mit Rüß im Gemeindechor. Gemeinsam protestierte man auf der Synode der Nordelbischen Kirche, als dort 1997 die Segnung von Homosexuellen beschlossen wurde.
Bei soviel Gemeinsamkeiten "ist es doch kein Wunder", so ein Pfarrer der Nordelbischen Kirchenführung, "wenn die sich ganzheitlich näherkommen."
Ähnlich locker sieht es auch mancher Christ aus der Rüß-Gemeinde. In einem Leserbrief an die "Norderstedter Zeitung" reimte einer ebenso holprig wie schadenfroh: "Bekämpft man vehement 'nen Puff, kriegt man nicht selten selbst den Knuff!" UDO LUDWIG
Von Udo Ludwig

DER SPIEGEL 3/1999
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