23.04.2012

HOCKEY„Brot von zu Hause“

Frauen-Bundestrainer Michael Behrmann, 45, soll bei Olympia Medaillenträume von Funktionären erfüllen. Dabei sieht er seine Sportart von Wirtschaft und Bildungspolitik im Stich gelassen.
SPIEGEL: Drei Monate vor den Olympischen Spielen in London haben sich erst zwei deutsche Nationalteams qualifizieren können: die Hockey-Herren und Ihre Hockey-Damen. Lasten nun alle Medaillenhoffnungen der Mannschaftssportarten auf Ihnen?
Behrmann: Wir wären froh gewesen, wenn ein paar andere Teams dazugekommen wären, leider können es nur noch die Volleyballer schaffen. Die Idee bei Olympia ist ja, dass Deutschland eine Mannschaft aus 400 Sportlern entsendet. Team-Spirit entsteht am ehesten, wenn viele Mannschaftssportler dabei sind - Einzelsportler tun sich mit dem Kollektivgedanken naturgemäß schwerer.
SPIEGEL: 2004 in Athen haben die deutschen Hockey-Frauen Gold gewonnen, in der sogenannten Zielvereinbarung zwischen dem Deutschen Olympischen Sportbund, dem DOSB, und dem Hockey-Bund sind für London zwei Medaillen eingeplant. Woher kommt diese Zuversicht der Funktionäre?
Behrmann: Setzt man sich hohe, aber auch realistische Ziele, ist die finanzielle Unterstützung durch den DOSB größer. Und wenn wir unser Maximum abrufen und die Gegnerinnen erwischen vielleicht keinen so guten Tag, dann ist auch alles möglich - so wie 2004. Aber was die Strukturen und Voraussetzungen angeht, sind mindestens drei Nationen besser.
SPIEGEL: Welche?
Behrmann: England, Argentinien und die Niederlande.
SPIEGEL: Was machen denn diese Länder besser?
Behrmann: Engländer und Argentinier ziehen ihre Nationalspielerinnen auf Monate in Trainingslagern zusammen. In England wurden alle nach London geholt und dort auf verschiedene Clubs aufgeteilt. In Argentinien trainieren die Mädels von Montag bis Freitag zentral und fahren nur am Wochenende nach Hause, um für ihren Heimatclub zu spielen. Und die Holländerinnen sind im Frauenhockey das, was die Spanier derzeit im Fußball sind. Deren Topclub HC 's-Hertogenbosch hat zwölfmal in Folge das europäische Club-Championat gewonnen.
SPIEGEL: Vom Niveau dort profitieren auch Sie: Immerhin spielen zwei deutsche Nationalspielerinnen in der niederländischen Liga.
Behrmann: Die bekommen dort eine Wohnung, ein Auto und auch noch ganz gutes Geld - in deutschen Clubs undenkbar. Aber sogar die USA bringen ihre Spielerinnen für 26 Wochen im Jahr in San Diego zusammen.
SPIEGEL: Fußball-Bundestrainer Joachim Löw hat von Februar bis Mai seine Profis keinen einzigen Tag beim Training. Warum ist das im Hockey so bedeutend?
Behrmann: Löws Spieler müssen in der Bundesliga jedes Wochenende Höchstleistung bringen, viele von denen spielen zusätzlich Champions League. Wenn Real Madrid auf den FC Bayern trifft, ist das Niveau mindestens so hoch, wie wenn Spanien gegen Deutschland spielt. Im Hockey beträgt das Gefälle zwischen Nationalteam und Bundesliga zwei Klassen. Das kann man nur durch ganz viel gemeinsames Training kompensieren.
SPIEGEL: Auf wie viele Trainingstage werden Sie bis London kommen?
Behrmann: Etwa 85. Aber nur, wenn wir jede Gelegenheit nutzen. In der Bundesliga spielen drei Hamburger Clubs, und wenn der Spielplan mehr als die Hälfte der Nationalspielerinnen am Wochenende in Hamburg beschäftigt, setze ich dort von Montag bis Mittwoch einen Lehrgang an. Das spart auch Fahrtkosten.
SPIEGEL: Ist das Ihr Ernst?
Behrmann: Es geht immer um die Kosten. Wenn wir in Hamburg trainieren, ist jede aus der Stadt stammende Spielerin verpflichtet, eine Kollegin bei sich zu Hause aufzunehmen. Und wenn jemand keine Couch in seiner WG hat, dann stellen Eltern oder Bekannte ein Zimmer zur Verfügung.
SPIEGEL: Der Hockey-Bund hat kein Geld für Hotelzimmer?
Behrmann: Der Hockey-Bund unterstützt mit all seinen Möglichkeiten. Aber wenn wir auf die Zahl an gemeinsamen Trainingstagen kommen wollen, geht das nicht anders. Und dann ist, statt Essen im Restaurant, auch mal Selbstverpflegung angesagt, dann bringen sich die Mädels selbstgeschmierte Brote von zu Hause mit. Aber so was fördert auch den Team-Zusammenhalt enorm.
SPIEGEL: Gehören Sie zu den letzten Amateuren bei Olympia?
Behrmann: Natürlich unterstützt uns die Sporthilfe. Die Spielerinnen erhalten eine Grundförderung und aufgrund des zweiten Platzes bei der EM 2011 ein Jahr lang eine monatliche Prämie. Sie kommen auf 600 bis 800 Euro im Monat. Einige haben noch einen Ausrüstervertrag, so dass sie davon die Grundbedürfnisse des täglichen Lebens abdecken können.
SPIEGEL: Jeder halbwegs bekannte Fußballprofi kassiert für eine Autogrammstunde in einem Kaufhaus etwa 10 000 Euro.
Behrmann: Das ist eine andere Galaxie. Hockey ist ein Studentensport, oft sind die Eltern die größten Sponsoren. So ist das bei uns nun mal. Unsere Torfrau Kristina Reynolds ist ein gutes Beispiel …
SPIEGEL: … eine Medizinstudentin …
Behrmann: … ja, und im Februar, bei der Champions Trophy in Argentinien, saß sie jeden Morgen vor dem Frühstück schon im Foyer mit furchterregend dicken Büchern. Sie lernte für ihr Examen. Da dachte ich auch: Herrje, wäre schön, wenn sie mal abschalten könnte.
SPIEGEL: Die Universität kommt ihr nicht entgegen?
Behrmann: Ich habe für Kristina neulich mal wieder einen Brief schreiben müssen, in dem ich bestätige, wann wir unsere Lehrgangstermine haben. Aber auf solche Briefe hat nicht jeder Professor Lust, da heißt es auch schon mal: "Jetzt kommt die schon wieder!"
SPIEGEL: Welche Rolle spielen Verkürzung und Verschulung der Studiengänge?
Behrmann: Zu meiner Zeit war es relativ egal, ob man fünf oder sechs Jahre studiert hat. Fehlzeiten sind heute viel problematischer, und seit dem Bachelor ist es auch heikel geworden, ein Urlaubssemester zu nehmen. In einem Olympiajahr ist das aber fast unabdingbar. Hinzu kommt: Ein Einzelsportler kann seinen Trainingsplan nach den Uni-Zeiten ausrichten. Aber bei einer Mannschaft werden die Termine vorgegeben, da kann man nicht auf jede Einzelne Rücksicht nehmen.
SPIEGEL: Das deutsche Bildungssystem ist für Sportler leistungsfeindlich?
Behrmann: Wenn wir in Deutschland weiter Interesse haben am Leistungssport und wenn wir den fünften Rang in der Medaillenwertung halten wollen, müssen wir den jungen Leuten in den nichtprofessionellen Sportarten auch mal entgegenkommen. Wenn wir das duale System von Ausbildung und Sport nicht verbessern, dann überleben diese Sportarten nicht.
SPIEGEL: Dass Hockey in Deutschland so gut funktioniert, eben weil es ein Akademikersport ist - diese Annahme ist falsch?
Behrmann: Ich habe bei den Damen noch eine gute Mischung aus Jung und Alt. Ich habe noch die 32-Jährigen, die Ruhe und Erfahrung in ein Spiel bringen. Bei der Herren-Nationalmannschaft gibt es die Älteren kaum noch, weil sie längst mit dem Leistungssport aufgehört haben. Wenn heute jemand mit 21 den Bachelor und mit 23 den Master macht, dann ist er danach auf dem Weg in den Beruf. Den kann ich nicht zehn Jahre lang mit Europa- oder Weltmeisterschaften locken, nicht mal mit Olympischen Spielen. Für Mannschaftssportarten ist das sehr kritisch. Da liegt das beste Alter zwischen 25 und 30 Jahren.
SPIEGEL: Wie müsste der deutsche Sport reagieren?
Behrmann: Die Gesellschaft müsste reagieren. Wir schaffen es viel zu selten, unseren Spitzenspielern einen Halbtagsjob zu besorgen, der es ihnen ermöglicht, bis zu den nächsten Sommerspielen noch vier Jahre auf höchstem Niveau zu trainieren. Wir müssen den potentiellen Arbeitgebern klarmachen, was für Juwelen sie bekommen könnten. Leistungssportler aus Mannschaften sind später nämlich Top-Mitarbeiter: extrem teamfähig, leistungsbewusst - und die meisten haben tolle charakterliche Eigenschaften.
(*) Lydia Haase und Fanny Rinne beim Spiel gegen England am 21. August 2011 in Mönchengladbach.
Von Alfred Weinzierl

DER SPIEGEL 17/2012
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