23.04.2012

TIERSCHUTZFlugverbot für Primaten

Viele Airlines wollen keine Affen, Hunde und Katzen mehr für wissenschaftliche Experimente transportieren. Aber hilft das den Versuchstieren?
W as die Maschine von Lufthansa Cargo an Bord hatte, war in den Augen der Tierschützer von Peta ein Skandal. 24 Stunden später sah die Lufthansa das auch so.
Auf der Website der Aktivisten waren Fotos von Beagles aufgetaucht, die mit Schlappohren und treuem Blick hinter Gittern in Transportboxen saßen. 50 Tiere sollten nach Schottland geflogen werden, so behauptete Peta, zur Firma Charles River Laboratories, die an ihnen Experimente vornehmen wollte.
Hunderte wütende Protest-Mails gingen binnen kurzer Zeit bei der deutschen Fluglinie ein. Auf Facebook schimpften Besucher, Lufthansa helfe mit, Tiere zu foltern und zu töten. Das Unternehmen gab nach und kündigte an, keine Hunde und Katzen mehr für Versuchszwecke zu transportieren. Im Streit um Tierversuche attackieren Aktivisten das schwächste Glied: den Transport. Viele Airlines nehmen keine Labortiere mehr mit, vor allem Primaten sorgen für Ärger.
British Airways akzeptiert Laboraffen schon seit Jahren nicht mehr als Fracht. In den USA befördert keine große Airline mehr die Tiere, in Europa macht das nur noch Air France als letzte internationale Linie. Auf ihrer Website verteidigt sich die Fluggesellschaft, das Unternehmen sei überzeugt vom Nutzen von Tierversuchen für die biomedizinische Forschung. Doch auch Air France soll im März einen Transport abgesagt haben, der 60 Affen aus Mauritius in die USA bringen sollte.
"Es ist für uns nicht nachvollziehbar, dass einige Fluggesellschaften keine Versuchstiere transportieren wollen, während sie Haustiere, Zootiere, Rennpferde und Tiere für die Landwirtschaft weiterhin befördern", kritisiert Siegfried Throm vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller.
Doch für die Fluggesellschaften ist es aufwendig, Affen zu transportieren: Die Mitarbeiter müssen beim Verladen Schutzanzüge tragen, der Frachtraum muss im Anschluss desinfiziert werden. Vor allem fürchten die Airlines ein schlechtes Image.
"Es ist ein riesiges Problem, wenn eine Minderheit auf undemokratische und intransparente Weise beschließt, was erlaubt sein soll - unabhängig davon, was das Gesetz sagt oder was sich die Bevölkerung wünscht", sagt Stefan Treue, Direktor vom Deutschen Primatenzentrum (DPZ) in Göttingen, über den Einfluss der Tierschützer.
Das DPZ versorgt deutsche Universitäten und Forschungsinstitute mit Affen aus eigener Zucht. 1400 Tiere leben auf der Anlage, jährlich werden 40 bis 80 an wissenschaftliche Institute geliefert. Die akademische Forschung in Deutschland sei damit nahezu unabhängig von Importen, so das DPZ.
An 2789 Primaten wurden im Jahr 2010 in Deutschland Versuche vorgenommen, weniger als in den Vorjahren. Für die meisten Experimente ist die Industrie verantwortlich. Häufig testen Forscher an den Tieren, ob Substanzen giftig sind, bevor diese mit Menschen erprobt werden.
Ein großer Anteil der im Westen eingesetzten Laboraffen stammt aus China, Vietnam oder Mauritius. Der Grund ist ähnlich wie bei der Produktion von Spielzeug oder Kleidung: der Preis. Ein in Deutschland vom DPZ aufgezogener Rhesusaffe kostet mehr als 5000 Euro - subventioniert durch Steuergelder. Die tatsächlichen Kosten sind mindestens doppelt so hoch. Ein Affe aus Asien oder Afrika hingegen kostet - inklusive Transport - zwischen 1000 und 2000 Euro.
Es ist ein lukratives Geschäft, allein in China existieren etwa 40 Zuchtanlagen. Das Land deckt 70 Prozent des Bedarfs an Versuchsprimaten der USA. Die Vereinigten Staaten importierten im vorigen Jahr 18 044 Exemplare.
Derzeit fliegen vor allem chinesische Airlines die Affen nach Amerika. Die Tiere reisen im Frachtraum in Kisten aus Holz. Eine US-Tierschutzorganisation enthüllte die Odyssee von 100 Makaken, die von Indonesien zunächst auf die Philippinen geflogen wurden und von dort nach San Francisco. Schließlich wurden sie auf einen Truck geladen, der die Affen nach Louisiana brachte. 56 Stunden dauerte die Reise.
Doch auch bei kürzeren Flugzeiten und in der Quarantäne leiden die Tiere unter Stress: Während des Transports können sie an Lungenentzündung erkranken, dehydrieren, oder sie zeigen Verhaltensauffälligkeiten; manche werden nach der Landung tot in ihrer Box gefunden.
Pharmafirmen und Universitäten weichen nun häufig auf den Landweg aus, um weiter an Versuchstiere zu gelangen - was noch länger dauert. Führen die Proteste gegen die Fluggesellschaften also sogar zu mehr Strapazen für die Versuchstiere?
"Je schwieriger es für Wissenschaftler wird, an die Tiere zu kommen, desto eher denken sie darüber nach, Alternativmethoden zu verwenden", hofft Irmela Ruhdel vom Deutschen Tierschutzbund.
Aktivisten versuchen mit ihren Protestaktionen zudem, auch andere Transportwege zu versperren - teilweise mit Erfolg: Im Januar gab das letzte Fährunternehmen den Transport von Labormäusen vom europäischen Festland nach Großbritannien auf.
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 17/2012
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