25.01.1999

TÜRKEI„Mit Öcalan völlig überfordert“

Mahir Kaynak, 65, war von 1971 bis 1980 einer der Spionagechefs des türkischen Geheimdienstes MIT und zählt heute zu dessen schärfsten Kritikern.
SPIEGEL: Herr Kaynak, am vorvergangenen Wochenende ist PKK-Chef Abdullah Öcalan aus seinem vorübergehenden Exil in Rom verschwunden. Hat der türkische Geheimdienst die Spur des "Staatsfeindes Nummer eins" erneut verloren?
Kaynak: So sieht es aus. Unser Geheimdienst ist Weltspitze, wenn es um die Überwachung der eigenen Bürger geht; mit internationalen Operationen aber, wie sie für Leute vom Kaliber Öcalans nötig wären, ist er völlig überfordert.
SPIEGEL: Als Öcalan noch in Syrien Unterschlupf fand, wußten Ankaras Spione alles über ihn: seine Adresse, seine Telefonnummer, selbst das Autokennzeichen seines roten Mercedes.
Kaynak: Das stimmt. Aber da hatten unsere Agenten auch 14 Jahre Zeit gehabt, Öcalans Lebensgewohnheiten auszuspionieren. Am Ende waren sie tatsächlich in der Lage, sein Telefon anzupeilen und abzuhören, rund um die Uhr.
SPIEGEL: Wäre es dann nicht klüger gewesen, Öcalan in Syrien unter Kontrolle zu halten, statt ihn mit Säbelrasseln aus Damaskus zu vertreiben?
Kaynak: Das war eine Schnapsidee, über deren Konsequenzen vorher keiner nachgedacht hatte, weder die Regierung noch der Generalstab. Und am schlechtesten vorbereitet war der Geheimdienst: Öcalan brauchte nur ein paar Tage sein Telefon auszuschalten - schon hatten unsere Leute seine Ortung verloren.
SPIEGEL: Gab es nie Pläne, Öcalans syrisches Quartier zu stürmen und ihn in die Türkei zu verschleppen?
Kaynak: Diese Überlegungen gab es immer wieder, doch die Armee wollte aus Rücksicht auf Amerikas Friedensbemühungen in Nahost durch so eine Operation keinen Krieg mit Syrien anzetteln.
SPIEGEL: Wird Öcalan jemals in der Türkei vor Gericht stehen?
Kaynak: Ein Schauprozeß würde Öcalan zum Märtyrer machen und die Kurden scharenweise in die Arme der PKK treiben. Auslieferungsforderungen sind nur ein Tribut an die türkisch-nationalistische Wählerschaft.

DER SPIEGEL 4/1999
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