30.04.2012

NORDRHEIN-WESTFALENBei Muttern

Dank Hannelore Kraft geht die SPD als Favoritin in die Landtagswahl. Die Minister präsidentin gilt als guter Mensch von Düsseldorf. Damit der schöne Eindruck nicht gestört wird, macht sie eine Politik, die keinem weh tut - auf Kosten der Landeskasse.
Im Februar, als noch keiner von Neuwahlen redete und Hannelore Kraft noch eine Frau mit einem freien Samstagnachmittag war, setzte sie sich mal vor die Kiste und guckte eine Fernsehserie. Über ihr Leben.
Besser gesagt über das Leben einer Frau, die Hannelore Kraft sehr ähnlich war. Auf Arte lief "Gefährliche Seilschaften", die Hauptdarstellerin spielte eine Politikerin, etwa ihr Alter, die überraschend Regierungschefin wird, in Dänemark, nicht in Nordrhein-Westfalen. Am Anfang mühte sich die Serienfigur damit ab, eine Koalition hinzubekommen. Hinterher lauerte beim Regieren ständig die große Krise.
Das muss Hannelore Kraft ziemlich bekannt vorgekommen sein.
Vor allem aber ging es in der Serie darum, wie das Amt den Menschen verändert. Wie eine Frau darum kämpft, normal zu bleiben. Wie sie sich verliert, ihr altes Leben, ihr ganzes Wesen. "Politik ist ein Knochenjob", sagt Kraft dazu, und auf ihrer Website steht ein Satz, der sich deshalb wie eine Beschwörung liest: "Ich bin die geblieben, die ich immer war." Eine ganz normale Frau eben.
Ob das stimmt - oder die Wähler das wenigstens glauben -, darauf wird es am 13. Mai ankommen: 21 Monate lang hat Kraft für die SPD als Ministerpräsidentin in NRW durchgehalten; das war mehr, als man ihrer Minderheitsregierung mit den Grünen anfangs zugetraut hatte. Aber am Haushalt ist sie dann doch gescheitert.
Deshalb ist es jetzt vorbei mit freien Samstagnachmittagen. Kraft steht im Wahlkampf, steht in Fußgängerzonen und in Stadthallen. Und so wie ihr vor zwei Jahren die Überraschung glückte, weil sie wärmer wirkte als der Amtsinhaber Jürgen Rüttgers, näher dran an den Menschen und ihren Sorgen, so soll sie auch diesmal gewinnen. So schön natürlich, so schön authentisch. Als die Hannelore aus dem Revier, geboren und geblieben in Mülheim. Mit einer Art, Kummerblick und Kodderschnauze, mit der sich Menschen an Rhein und Ruhr wohl fühlen. Und mit einer Wohlfühl-Politik, die 21 Monate lang so perfekt dazu passte: einer, die keinem weh tat.
Das Rezept scheint aufzugehen. Die nette Frau Kraft ist die Favoritin auf den Sieg, mit welcher Koalition auch immer.
Begegnung mit Hannelore Kraft. Journalisten, die Kraft als Menschen verstehen wollen, um sich ein Urteil über Kraft als Politikerin erlauben zu können, stellen die üblichen Fragen: Wo sie groß geworden ist? In Mülheim-Dümpten. Wo genau bitte, die Adresse? Hannelore Kraft guckt, zuckt, zögert, nein, will sie nicht sagen. Und ob es da noch Wegbegleiter gibt von früher, Schulfreunde zum Beispiel? Nein, keine Chance, "das ist meine Vergangenheit", darüber stehe doch auch schon so viel auf ihrer Website. Stimmt. Sogar Kinderfotos hat sie im Wahlkampf ins Netz gestellt. "Ich will eben nicht, dass noch mehr aus meiner Vergangenheit bekannt wird." Ende der Durchsage.
Dann vielleicht ein Arbeitskollege, der von früher erzählen kann, bei der Mülheimer Zenit GmbH, wo ihre Aufgabe die Mittelstandsförderung war? Nein, und sie könne sich auch nicht vorstellen, dass einer von denen etwas sagen würde, die bekämen immer noch Aufträge vom Land. Wie bitte?
Und übrigens: Dort, wo sie als Kind gewohnt habe, sei sowieso das meiste abgerissen worden. Die Recherche sollte man sich besser sparen, heißt das wohl.
Hannelore Kraft kann also auch anders als lieb und nett. Kühl, kalkulierend, kurz angebunden. Erst als der SPIEGEL in Dümpten recherchiert, meldet sie sich wieder; es gebe da doch einen Freund, der wisse das eine oder andere.
Kraft ist bekannt dafür, dass sie gern alles unter Kontrolle hat, und was wäre Wahlkampf sonst als ein Kampf um Kontrolle? Es geht um die passenden Sätze, Bilder, Eindrücke, es geht darum, dem Wähler neben Flugblättern und Kugelschreibern ein gutes Gefühl für den Spitzenkandidaten mitzugeben. Und das beste Gefühl, das eine Politikerin den Menschen in Nordrhein-Westfalen geben kann, ist das Gefühl, dass da eine aus kleinen Verhältnissen kommt und weiß, wie mühsam es zugehen kann auf der Kriechspur des Lebens.
Im Wahlkampf gehört dazu die Inszenierung: Vor zwei Jahren zog sich Kraft, die diplomierte Wirtschaftswissenschaftlerin, in Kamp-Lintfort einen schwarzen Bergmannskittel an, für die Kumpel der Zeche West. Sie konnte auch immer schon herrlich mit den Leuten an den Wahlständen, mit "dat" und "wat" und "kannse ma" und "hasse ma". "In Koalitionsrunden", sagt einer, der die ganze Zeit dabei war, "spricht sie nie so."
Doch glaubwürdig wie bei Kraft gelingen solche Inszenierungen nur, wenn sich der Kandidat dafür nicht stark verbiegen muss. Kraft inszeniert, was sie ist; das erklärt, warum ihre Art bei den Menschen in NRW so gut ankommt. Nur nicht, warum sie trotzdem so große Angst hat, die Kontrolle über ihr Bild zu verlieren.
Das Mietshaus in Dümpten, in dem Kraft groß geworden ist, steht immer noch an der Gathestraße. Ist also doch nicht abgerissen worden. Im Stadtarchiv haben sie auch noch Fotos, die zeigen, wie es in den siebziger Jahren aussah: ein Standardbau der Wohnungsgenossenschaft, zweieinhalb Stockwerke, der Putz grau gestrichen, eine praktische Farbe damals im Ruhrgebiet, wo auf Dauer sowieso jede Fassade grau wurde. Familie Külzhammer, Vater Manfred, Mutter Anni, die Kinder Angelika und Hannelore, wohnte auf drei Zimmern in der ersten Etage. Die Großmutter unterm Dach. Die Tante gegenüber. Mutter, Vater, Tante, alle beschäftigt bei der Stadtbahn. Alles nah, alles eng, alles klein. Besser kann ein Lebenslauf gar nicht beginnen, der für die SPD ins Amt der Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen führt.
Und heute? Lebt Hannelore Kraft, geborene Külzhammer, immer noch in Dümpten. In einer Doppelhaushälfte, wie sie in ihrer Straße noch 23-mal steht. Mit nur drei Metern Vorgarten zum Bürgersteig. Mit Hochhäusern ganz in der Nähe und einer vierspurigen Einfallstraße, über die sich der Berufsverkehr wälzt. In der anderen Haushälfte wohnt ihre Mutter, so wie es damals schon bei ihren Eltern mit der Großmutter war.
Es hat sich also für Kraft in 50 Jahren nicht so viel verändert. Zu Hause ist bei ihr noch immer alles nah und eng und klein, sie lebt mit Familie, Mann und Sohn und Hund; ihr Luxus ist ein Flipperautomat, der im Partykeller steht. Und wenn sie draußen im Land mit Arbeitslosen spricht, dann kennt sie das von ihrem Mann, der mal die Kündigung kurz vor Weihnachten bekam. Und wenn sie bei der Trauerfeier für die Opfer der Love Parade eine Rede hält, dann könnte sie von ihrem Sohn erzählen, der selbst in Duisburg war und den sie auf seinem Handy nicht mehr erreichen konnte. Und wenn sie mit den Hinterbliebenen telefoniert, dann weiß sie, wie das ist, wenn der Tod zu früh kommt. Sie selbst hat ihren 50. Geburtstag nicht gefeiert, weil ihr Vater nicht nur mit 50 Jahren starb, sondern genau an seinem 50. Geburtstag.
Und deshalb muss sich Kraft im Wahlkampf zwar immer noch ständig inszenieren, als Landesmutti, zu der man gern mal zum Quatschen auf eine Tasse Kaffee rüberkommen könnte. Aber verstellen muss sie sich dafür nicht.
Genauso wenig, um als Kind aus dem Schoß der SPD anerkannt zu sein, obwohl sie erst mit 33 eingetreten ist. Denn Kraft war schon eine Erfolgsgeschichte der SPD, bevor sie in der SPD war - dass sie das jetzt ständig herauskehrt, macht die Geschichte nicht schlechter.
Ihre prägenden Jahre lagen in der Zeit der sozial-liberalen Koalition, der großen Ära der SPD. Krafts Geschichte ist die einer Emanzipation, wie sie für begabte Kinder aus der unteren Mittelschicht damals typisch war. Dieses stetige Pendeln zwischen "Ich will" und "Ich trau mich nicht". Einerseits die Chance aufzusteigen, Karriere zu machen, andererseits die Angst, zu viel zu wollen, zu scheitern, zu fallen. Die Kontrolle über alles zu verlieren. Aber da war ja die SPD, die diese Angst linderte, mit dem Bafög.
Hannelore Kraft wollte unbedingt aufs Gymnasium, sie war die Erste aus der Familie, die Abitur machte. Chance. Aber hinterher traute sie sich nicht, Jura zu studieren, weil bei Jura so viele abbrachen. Angst. Also lieber etwas Sicheres, eine Banklehre. Bis sie merkte, dass sie damit nicht weit kommt. Also jetzt doch studieren, Wirtschaft. Angst und Chance.
Aber wenn studieren, dann bitte in der Nähe, mit Familienanschluss, in Duisburg. Aber besser auch mit einem Auslandsjahr, in London. Aber am Ende dann doch wieder eine Stelle zu Hause bei der Zenit, jener Wirtschaftsförderungsfirma, die zu einem Drittel dem Land gehört.
Chance und Angst: Kraft war seit je die Frau, die sich ein Stück vortraut, aber ständig in Sorge, zu weit zu gehen, einen Fehler zu machen. Vielleicht erklärt das auch ihr Misstrauen, ihre Kontrollsucht, selbst wenn sie nichts zu befürchten hat.
Auch in der Politik traute sie sich nur manchmal aus eigenem Antrieb nach vorn: "Ich glaube, ich bin gut genug, um mich durchzusetzen, ich glaube an Kompetenz", sagte sie selbstbewusst, als sie im Jahr 2000 in den Landtag einzog. Da war sie vorher einfach angetreten, als krasse Außenseiterin beim Mülheimer Nominierungsparteitag; ihr Gegner von der IG Metall hatte die übliche "Ich weiß, wie's geht"-Rede in den Saal gedröhnt, Kraft dagegen war klug genug zu wissen, dass es bei den Mülheimer Genossen auf diese Art nicht mehr ging. Meist aber ergaben sich die Dinge von allein, liefen auf sie zu, und man ahnte die Unsicherheit: "Ich bin eher vorsichtig und jemand, der erst mal in Ruhe guckt", so beschrieb sie sich 2001, nachdem der damalige Ministerpräsident Wolfgang Clement sie nach nur zehn Monaten im Landtag zur Ministerin befördert hatte.
Sie kokettiert heute damit, dass sie ihren Aufstieg nicht geplant habe. "Dass ich Politik zu meinem Beruf mache, war nicht beabsichtigt." Vermutlich trifft es aber ihr Mülheimer SPD-Geschäftsführer Arno Klare am besten: "Hannelore Kraft führt die Situation nicht herbei, doch dann verhält sie sich richtig."
Für ihr größtes Wagnis gilt das sicherlich: dass sie Ministerpräsidentin wurde. Was konnte Kraft dafür, dass die SPD 2005 krachend die Wahl verlor und außer ihr kaum noch einer da war, der zum Konkursverwalter der Partei getaugt hätte? Nichts. Oder dass der neue Landeschef Jochen Dieckmann nach eineinhalb Jahren die Lust verlor? Nichts. Schließlich: Dass CDU-Ministerpräsident Rüttgers, der vor der Wahl 2010 wie der sichere Sieger erschien, sich die "Rent a Rüttgers"-Affäre leistete, bei der es so aussah, als könnte man Termine bei ihm kaufen? Nichts.
Aber Kraft verhielt sich dann eben richtig. Machte Wahlkampf als Frau aus dem Volk, Frau für das Volk, trug ihr Lächeln durchs ganze Land. Das Lächeln mit den herabgezogenen Mundwinkeln, das immer zu sagen scheint: "Leute, ich weiß, ihr habt's nicht leicht, ich kenn das doch selbst. Aber wenn wir zusammenhalten, schaffen wir das." Am Ende lag sie fast gleichauf mit Rüttgers.
Kraft hat jetzt 21 Monate lang regiert, 21 mehr, als sie geplant hatte, denn wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es Rot-Grün nie gegeben. Der Koalition fehlte im Landtag eine Stimme. Sie brauchte für jedes Gesetz die Opposition, die Linke, die FDP oder die CDU. Es war eine Wackel-Koalition, sie stand immer 60 Tage vor Neuwahlen, es war genau das, was Kraft so hasst: kaum kontrollierbar. Klare, der Mülheimer SPD-Mann, erinnert sich an ihren Satz "Boah, das kann doch gar nicht funktionieren".
Kraft wünschte sich stattdessen eine Ampel- oder Große Koalition, irgendetwas Sicheres. Als daraus nichts wurde, wollte sie lieber Rüttgers im Amt lassen, sich in der Opposition verschanzen und den Regierungschef mit Gesetzesentwürfen piesacken. Da hätte sie nichts riskiert.
Aber dann motzten die Grünen immer lauter, ihre Spitzenfrau Sylvia Löhrmann warf der SPD ein "Förderprogramm für Politikverdrossenheit" vor. Plötzlich sah es so aus, als wäre Kraft nicht vorsichtig, sondern feige, ein Hasenherz im der SPD. Und da musste Kraft wollen, mit den Grünen. Wieder wurde sie in eine Situation getrieben, aber als es so weit war, machte sie das Beste daraus. Angst und Chance, und am Ende gewinnt Kraft, ihr altes Muster.
Wie Kraft daraus für sich und die SPD einen Erfolg gemacht hat, ließ sich seitdem in Düsseldorf beobachten, oder, in einer Kurzfassung, in Sundern im Sauerland, in der Willy-Weyer-Sportschule, wo sie mit ihrer Familie jeden Sommer Urlaub macht. Eine Gruppenreise, organisiert vom Mülheimer Sportbund, 100 Teilnehmer, 598 Euro Vollpension pro Kopf und die Zimmer so karg möbliert, dass einem nach dem Aufstehen nicht viel anderes übrig bleibt, als rauszugehen und das Deutsche Sportabzeichen zu machen.
Im vergangenen Sommer setzte sich Kraft abends zu ein paar Jiu-Jitsu-Kämpfern, die nichts mit ihrer Gruppe zu tun hatten, sie fing einfach an zu plaudern, und hinterher fragte einer der Kampfsportler bei den Mülheimern nach, wer denn diese nette Frau gewesen sei.
So wie in Sundern redete sie auch in Düsseldorf alle warm: die Grünen, die sich von der SPD so schlecht behandelt fühlten, dass sie 2010 eigentlich lieber mit der CDU koaliert hätten. Und sogar die FDP, obwohl Fraktionschef Gerhard Papke als rechter Hardliner galt - Kraft und Papke schätzen sich trotzdem. Mit der FDP brachte sie das Förderprogramm für die Kommunen über 350 Millionen Euro durch den Landtag. Ohne Krafts Kumpel-Charme wäre die Regierung wohl schon viel früher am Ende gewesen.
Aber Kraft zeigt in Sundern noch ein anderes Gesicht: Ein Freund der Familie sagt, dass sie immer gewinnen will, nur schlecht verlieren kann. Beim Doppelkopf raunzt sie dann angeblich ihren Mann Udo an, der wie üblich an allem schuld sein soll. Auch bei ihrem Lieblingsspiel Activity, bei dem Teams Begriffe raten müssen, hört für Kraft der Spaß auf, wenn die anderen nicht richtig mitmachen, ins Klönen kommen, nicht aufpassen. Dann wird sie selbst im Urlaub "imperativ", sagt der Freund.
So kennen sie das auch in Düsseldorf. Kraft kann richtig losbollern, egal ob gegen Mitarbeiter oder Minister. Sie ist dann zehn Minuten lang nicht mehr die nette Frau Kraft, denn das ist sie nur, wenn nach den Regeln gespielt wird. Ihren Regeln. Und gut verlieren kann sie in der Politik schon gar nicht. Kraft tut alles für den Sieg; deshalb wird auch mal gemogelt, damit aus einer Niederlage ein Sieg wird. Da hilft ihr ein Pragmatismus, der notfalls bis zur Selbstverleugnung reicht.
Für die wichtigste Reform etwa, den Schulkompromiss, brauchte sie die CDU. Die glaubte zwar selbst nicht mehr an ihr Dogma, die Dreifaltigkeit von Gymnasium, Realschule, Hauptschule. Am Ende lag das Ergebnis trotzdem viel näher an der CDU-Linie als an der von Kraft, die ursprünglich alle weiterführenden Schulen in Gemeinschaftsschulen hatte ummodeln wollen. "Da haben wir uns eigentlich durchgesetzt", sagt CDU-Generalsekretär Oliver Wittke, und der grüne Fraktionschef Reiner Priggen sieht das im Grunde genauso, nur dass es "unsere grüne Schulministerin Löhrmann war, die überhaupt eine Einigung herbeigeführt hat". Trotzdem hatte Kraft keine Hemmung, das als ihren Erfolg zu verkaufen.
So setzte die Minderheitsregierung zwar mit wechselnden Partnern fast alle Vorhaben durch, im ersten Jahr 16-mal mit den Linken, 14-mal mit der FDP, 11-mal mit der CDU. Aber manche dieser Siege waren Scheinsiege, andere gekauft. Siege, die für NRW richtig teuer wurden.
Kraft hat 21 Monate lang Pop-Politik gemacht, auf der Grenze zwischen populär und populistisch. Man könnte das damit entschuldigen, dass sie für unpopuläre Schritte, harte Einschnitte, keine Mehrheit bekommen hätte. Aber sie hat es nicht mal richtig versucht. Sie hat Sparziele der Vorgängerregierung gekippt, etwa beim Personaletat. Unter Rüttgers waren 2400 Stellen netto weggefallen, und es sollten noch Tausende mehr werden. Wäre es nach Krafts Haushaltsplan für 2012 gegangen, hätte sie unterm Strich noch ganze 32 Stellen eingespart - bei insgesamt 286 893 Landesbediensteten.
Kraft hat mehr Lehrer, mehr Polizisten eingestellt und die Studiengebühren abgeschafft. 2011 hat sie 3 Milliarden Euro neue Schulden gemacht, wollte jetzt noch 3,6 Milliarden draufsatteln. Und das trotz Steuereinnahmen, so hoch wie nie.
In Krafts Politikentwurf machte Geben immer seliger als Nehmen. Weil sie etwa Angst hatte, sich mit einer Lobby anzulegen und bei plötzlichen Neuwahlen abgestraft zu werden? Oder liegt es nur daran, dass sie es nicht anders gelernt hat?
Anfrage bei der Zenit GmbH: Ob man erfahren darf, was genau Kraft dort eigentlich gemacht hat. Knappe Antwort: "Ausgeschlossen." Wie vermutet. Kraft erzählt gern, dass sie als Unternehmensberaterin gelernt hat, erst kühl zu analysieren, dann den Weg zum Ziel zu gehen. Unternehmensberatung - das klingt nach Geschäftsmodell-Analyse, Kostenkontrolle, nach McKinsey. Tatsächlich hat sie Firmen vor allem erklärt, wie sie sich Geld aus öffentlichen Töpfen fischen können, etwa Forschungsmittel der EU. Einer, der damals im Eigentümerkreis der Zenit saß, sagt: "Da wurde vorneweg viel in Hoffnungen investiert, die sich hinterher oft nicht erfüllt haben."
Das könnte nun auch als Überschrift über Krafts Regierungspolitik stehen, nur dass noch nicht feststeht, welche Hoffnungen sich erfüllen werden, welche nicht. Kraft hat, als wäre sie noch bei der Zenit, den Begriff der "vorsorgenden Finanzpolitik" erfunden. Sie hat damit die "Verschuldensorgie zur Staatsphilosophie veredelt", wie FDP-Mann Papke lästert.
Kraft förderte, förderte, förderte. Da gibt es nun ein Programm für Schulabgänger, damit sie eine Stelle finden. Für Jugendliche, die knapp davor sind, im Gefängnis zu landen. Für Schwangere aus schwierigen Verhältnissen. Krafts Argument: Das kostet jetzt zwar erst mal Geld, wird aber später umso mehr sparen. Weil das Scheitern dieser Landeskinder für den Staat noch viel teurer würde.
Hört sich vernünftig an, erklärt aber nicht, warum sie auch noch das dritte Kindergartenjahr kostenlos machte. "Das bringt erst in Jahrzehnten eine Rendite, wenn überhaupt. Dass wir da zustimmen mussten, war unsere größte Niederlage", sagt in Düsseldorf ein Grüner mit Blick auf die Kosten. Nur das Schlimmste habe man noch gerade so verhindert: Familienministerin Ute Schäfer hatte schon eine Pressekonferenz angesetzt, um zu verkünden, dass sogar alle drei Jahre im Kindergarten gratis sein sollten. "Die Pressekonferenz haben wir gerade noch zurückgeholt", heißt es bei den Grünen, und: "Wir hätten viel öfter dagegenhalten müssen mit der Frage: Können wir uns das eigentlich noch leisten?"
Für Kraft ist die Antwort klar: Ja, aber. Dann nämlich, wenn mehr Geld vom Bund kommt. Höherer Spitzensteuersatz, höhere Erbschaftsteuer, die klassische Staatspolitik nach Art der Sozialdemokratie: Die Reichen geben mehr, der Staat nimmt und verteilt. Selbst die Null-Verschuldung 2020, die im Grundgesetz steht, ist nicht gesetzt: "Wir wollen sie einhalten", sagt Kraft im Wahlkampf in Mülheim; wollen, nicht müssen. Hängt davon ab, wie viel Geld vom Bund kommt.
Kraft wollte jetzt keine Neuwahlen. Ganz sicher nicht. Sagt Papke, der FDP-Mann, und der muss es wissen. Er hatte Gespräche mit der SPD, Vier-Augen-Gespräche mit Kraft. Die FDP sollte dem Haushalt zustimmen, die Regierung retten. Aber am Ende verließ sich die SPD zu sehr darauf, dass die FDP auf jeden Fall mitmachen werde, so schlecht, wie die in Umfragen dastand. Und die Grünen hatten im März noch gute Werte, drängten auf Neuwahlen.
Kraft zögerte, wie sie in ihrem Leben schon so oft gezögert hatte. Sie hatte wieder Dümpten im Nacken, Angst und Chance, "Ich will" und "Ich trau mich nicht". Am Ende kündigte sie Neuwahlen an, nur damit es vor ihr kein anderer tun konnte. Sie war tatsächlich "die geblieben, die ich immer war". Die Frau, die mehr nach vorn gestoßen wurde als vorangehen wollte. Und dann ging.
In die nächsten fünf Amtsjahre? Die müssen allerdings Konsolidierungsjahre werden. Dann wird sich herausstellen, ob Kraft, wenn es so weit ist, wirklich immer das Beste aus allem machen kann.
Von Jürgen Dahlkamp und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 18/2012
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