30.04.2012

ISLAMISTENDer Tod fällt vom Himmel

Ein Deutscher kam im März in Pakistan bei einem Drohnenangriff der US-Armee ums Leben. Der Fall wirft erneut die Frage nach der Legitimität des Luftkriegs auf.
Die graublauen Augen sind verheult. Cirsten B. sitzt in ihrer Aachener Vierzimmerwohnung auf der Couch und presst die gefalteten Hände in den Schoß. Sie sucht nach Worten für etwas, für das eine Mutter keine Worte hat, weil es nicht sein darf. Die 54-Jährige, in Thüringen geboren, mit einem Tunesier verheiratet und vor 25 Jahren zum Islam konvertiert, hat zwei Kinder an den Dschihad verloren. Im Herbst 2009 hatten sie sich heimlich davongeschlichen, um in den Heiligen Krieg zu ziehen - zuerst ihr Sohn Samir, einen Monat später ihre Tochter Soumaia.
"Samir werde ich nie wiedersehen", sagt Cirsten B. und blickt hinüber zu einem Computer. Zweieinhalb Jahre lang hielt sie über ihn den brüchigen Kontakt zu ihren Kindern in der pakistanischen Bergregion Waziristan, und auch die Nachricht vom Tod ihres Sohnes erreichte sie via Skype.
Ende März meldete sich Soumaia, 21, nach Monaten der Funkstille. Sie erzählte von der "Amana", einem von Gott anvertrauten Gut, das Allah zurückgenommen habe. "Aber nicht Samir?", fragte die Mutter. "Doch", antwortete Soumaia, "sie waren auf dem Heimweg, als eine US-Drohne ihren Wagen beschoss."
Samir H., 29, befand sich am Morgen des 9. März an Bord eines großen Pick-ups im südlichen Waziristan, als ein ferngesteuerter Flugroboter der US-Armee das Fahrzeug aus mehreren Kilometern Höhe ins Visier nahm. Drei Raketen soll die Drohne abgefeuert haben, mindestens eine traf das Ziel und zerstörte den mit bis zu zwölf angeblichen Taliban und ausländischen Kämpfern besetzten Pick-up.
Dass bei dem Angriff ein Deutscher getötet wurde, verleiht der Aktion diplomatische Brisanz. Denn völkerrechtlich bewegen sich die USA mit ihren Attacken in Waziristan in einer Grauzone. Einerseits verstecken sich in dieser Gegend afghanische Taliban. Andererseits herrscht in Pakistan offiziell Frieden. Darf man dort trotzdem Präventivschläge setzen? Mit den Mitteln des Krieges?
US-Präsident Barack Obama hat die Frage mit einem klaren Ja beantwortet. Das Joint Special Operations Command der amerikanischen Streitkräfte hat die Zahl der unbemannten Luftoperationen im Kampf gegen den Terror in der Vergangenheit massiv erhöht. Etwa 800 Drohnen sind heute am Hindukusch oder in Nordafrika im Einsatz. Allein in Pakistan fiel laut einer US-Studie für etwa 2000 Menschen der Tod vom Himmel.
Der bislang geheim gehaltene Fall des Aacheners Samir H. dürfte die Diskussion über die Legitimität von Amerikas unheimlichem Luftkrieg zumindest in Deutschland erneut befeuern. Denn schon einmal wurde ein Bundesbürger Opfer eines Drohnenangriffs. Im Oktober 2010 kam der 20-jährige Bünyamin E. aus Wuppertal am Stadtrand des wazirischen Ortes Mir Ali ums Leben.
Der Vorgang begründete seinerzeit ernste innenpolitische Debatten, weil das Bundeskriminalamt amerikanische Sicherheitsdienste über die Ausreise und die Handy-Daten von Bünyamin E. informiert hatte. Das Bundesinnenministerium erließ daraufhin restriktive Regeln und wies den Verfassungsschutz an, keine Daten mehr an den Bündnispartner zu übermitteln, die eine Ortung von Bundesbürgern ermöglichen.
Wie es zu dem Angriff auf den Pick-up und damit zu Samir H.s Tod kam, ist derzeit noch unklar. Seine Mutter fordert von der deutschen Regierung, dass der Anschlag in einem Ermittlungsverfahren aufgeklärt wird. "Das war Mord", behauptet sie.
Den deutschen Ermittlungsbehörden galt Samir H. als einer der gefährlichsten Islamisten des Landes. In einem Video der Islamischen Bewegung Usbekistan (IBU) von 2010 präsentierte er sich als "Abu Laith". Der Deutsche berichtete von einem Hinterhalt, in den die Dschihadisten die pakistanische Armee gelockt hätten. 20 Soldaten seien bei der Aktion getötet worden. Abu Laith erklärte, er habe "eine schöne Zeit".
Seit diesem Video quält sich die Mutter mit der Frage, wie es so weit kommen konnte. "Wir praktizieren einen gemäßigten, moderaten Islam", sagt B., die in Jena ein Lehramtsstudium absolvierte. Mit der Geburt des ersten Kindes gab sie ihre beruflichen Ambitionen auf, die Familie zog in ein vierstöckiges Mietshaus am Aachener Stadtrand. Im Wandregal über dem Fernseher steht der Brockhaus, Band 1 bis 24, neben arabischen Schriften und einer Ausgabe des Koran. Die Töchter trugen in der Schule Kopftücher, Sohn Samir Jeans und T-Shirt.
Irgendwann, erinnert sich Cirsten B., habe Samir angefangen, den Islam strenger auszulegen. Er habe sich alle Annehmlichkeiten versagt. "Morgens aß er Datteln, mittags Brot mit Öl, wie der Prophet", berichtet die Mutter. 2004 ging er zu Sprachstudien nach Saudi-Arabien und Ägypten, und als er drei Jahre später wieder in Aachen auftauchte, kleidete er sich in traditionellen Gewändern und trug einen langen Bart. "Wir haben viel mit ihm über diesen Wandel diskutiert", sagt B., aber dass er in die Dschihad-Szene abdriften könnte, das lag außerhalb ihrer Vorstellungskraft.
"Vielleicht hat er die falschen Leute getroffen", mutmaßt die Mutter, vielleicht seien es aber auch die Internetauftritte radikaler Prediger gewesen, die Samir radikalisierten. "Warum werden diese Propagandafilme nicht aus dem Netz entfernt?", fragt B. etwas hilflos, "da docken die jungen Leute doch an."
Als Samir H. 2004 eine in Deutschland geborene Tunesierin heiratete, schien sich das Leben des Sohnes noch in die gewünschte Richtung zu entwickeln. Das Paar bekam zwei Kinder, der Dschihad schien weit weg. In Deutschland wollte Samir H. aber nicht mehr leben. Sohn Hamsa und Tochter Shaima sollten unbedingt in einem muslimischen Land aufwachsen. "Für uns war das kein Problem", seufzt Cirsten B., "er war ja irgendwie auch ein Vorbild."
Besonders fasziniert vom religiösen Elan des großen Bruders war die zweitjüngste Tochter Soumaia. Einen Monat nachdem er im Oktober 2009 mit Frau und Kindern nach Iran flog und von da aus weiter nach Pakistan reiste, setzte sich auch Soumaia aus Aachen ab. Sie war damals 18.
Cirsten B. hebt beide Arme und fixiert einen imaginären Punkt unter der Decke. "Wenn wir gewusst hätten, was sie vorhatten, hätten wir sie doch niemals ziehen lassen." Im November 2010 meldete die Mutter ihre Tochter als vermisst. Noch am selben Tag fand sie einen Abschiedsbrief von Soumaia im Postkasten. "An meine geliebte Familie", schrieb die Tochter, "wenn ihr dieses lest, bin ich, Inschallah, auf einer langen Reise."
Es folgt ein Verweis auf einen IBU-Propagandafilm, in dem ein deutsches Brüderpaar, die Bonner Islamisten Yassin und Mounir Chouka, die "Brüder und Schwestern in Deutschland" dazu auffordern, mit ihren Familien nach Pakistan zu kommen. Das BKA analysierte den Abschiedsbrief und stellte fest, dass Soumaia einzelne Passagen aus dem IBU-Streifen fast wörtlich in ihren handgeschriebenen Text übernommen hatte. Es gebe sogar Apotheken und Schulen in Waziristan, hob sie darin hervor und schwärmte vom herrlichen Leben unter den Mudschahidin.
Inzwischen weiß Cirsten B., dass das Leben ihrer jüngsten Tochter vor allem von Entbehrungen gekennzeichnet ist. Auf die Frage, warum sie sich so selten melde, bekam die Mutter zur Antwort: Ihre Hütte habe keinen Strom, nicht einmal fließendes Wasser.
Seit dem Skype-Anruf von Ende März hat sich Soumaia nicht mehr gemeldet. "Wir machen uns große Sorgen", sagt Cirsten B., "weil wir glauben, dass sie wieder nach Hause möchte und dort nicht wegkann." Ihre Ängste möchte sie mit Eltern teilen, deren Kinder ebenfalls in den Dschihad abgedriftet sind - und eine Selbsthilfegruppe gründen.
Von Hubert Gude

DER SPIEGEL 18/2012
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