07.05.2012

IDEENGESCHICHTEDie Methode Lukrez

Der Geisteswissenschaftler Stephen Greenblatt hat ein faszinierendes Buch über die Renaissance geschrieben - und über die Wirkungsmacht eines antiken Philosophen, dessen Werk zur Inspiration für Aufklärung und Moderne wurde.
Wann erkennt man sich in einem Buch? Woher weiß man, dass es von der Welt erzählt, aber mich meint? Und muss man wissen, wer das ist: ich - um sich zu erkennen?
Oder andersherum: Wie kann man nach etwas suchen, von dem man gar nicht weiß, dass es existiert? Wie kommt also das Neue in die Welt? Und wie kann man dieses Neue beurteilen?
Doch nicht nur, weil es sich vom Alten unterscheidet? Doch nicht nur, weil so viele dagegen sind?
Der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt, 68, jedenfalls hat ein Buch geschrieben über das Neue. Er erzählt die Geschichte eines Außenseiters, der einst im Zentrum der Macht stand als apostolischer Sekretär, Poggio Bracciolini, der um das Jahr 1417 durch kalte deutsche Klöster streifte, weil er auf der Suche war nach verschollenen Texten der Griechen und Römer - und der Lukrez fand und dessen Riesengedicht "De rerum natura".
Und diese Verse sind ein Schlüssel zum Neuen, immer noch, sie helfen einem, das Neue zu erkennen oder erst einmal neu zu sehen: wie die Welt ist und wie wir uns in der Welt bewegen. Am Ende also auch: wer wir sind.
So wird dieses Buch, "Die Wende. Wie die Renaissance begann" (Siedler Verlag), zur existentiellen Exkursion. Und das liegt an Lukrez.
Wenn man will, kann man Lukrez als Prisma nehmen, um Fragen der Gegenwart zu betrachten: Die Hellheit und die Klarheit der Sprache und des Denkens sind im Grunde schon politische, demokratische Attribute, die sich übersetzen lassen mit dem Wort Transparenz - und schon führt die Lektüre, die im Jahr 55 vor Christus beginnt, in die Jetztzeit, zur Occupy-Bewegung und zu "Liquid Democracy".
Gerade die Naivität, die man etwa der Occupy-Bewegung oft vorwirft, ist etwas, das sich auch in "De rerum natura" finden lässt - und diese Naivität selbst hat etwas Politisches, weil sie grundsätzlich die Frage danach stellt, ob die Dinge so sein müssen, wie sie sind, ob wir die Dinge überhaupt richtig beschreiben. Ob wir die Welt also erst einmal richtig begreifen müssen, bevor wir sie verändern können.
Was natürlich ein linker Gedanke ist. Einerseits. Andererseits fehlt Lukrez jedes Vokabular für Veränderung, er denkt nicht in diesen Kategorien, für ihn ist die Ordnung des Kosmos das Faszinierende, und wenn wir diese Ordnung erkennen, sagt er, dann erkennen wir auch uns.
War Lukrez also ein Hippie? Auch um zu klären, was ein Hippie ist, ist ein kurzer Schlenker in die Antike hilfreich. Denn vor dem Hintergrund der vagabundierenden Spiritualität und Selbstsuche heute, die meistens nur das Selbst mit dem eigenen Kleiderschrank, also mit der Oberfläche verwechselt, ist die Antike von angenehmer Fremdheit: kein Begriff vom Ich, keine Psychologie und schon gar keine Tiefe.
Was Lukrez also vorschlug, war weniger Inhalt und mehr Methode. Gerade das machte ihn so interessant für die frühe Renaissance, für Poggio Bracciolini und andere Zweifler und Skeptiker. Die Spuren, die sein Denken hinterließ, verfolgt Greenblatt am Ende seines Buchs, das im Original den deutlich entschiedeneren Untertitel trägt: "How the World Became Modern".
Und genau das ist auch heute die entscheidende Frage: was uns der Beginn der Moderne im Abendlicht der Moderne zu sagen hat. Greenblatts Antwort lautet: Die Renaissance entwickelte einen Individualismus, der den Menschen nicht mit dem Universum verwechselt. Eine Politik, die sich nicht an Ideologie knüpft. Eine Lebenspraxis, die auf das Glück zielt. Eine Offenheit für das Neue, weil das Neue im kosmischen Kontext weniger Veränderung ist und mehr Offenbarung.
So ist es spannend, wie Greenblatt von der Besessenheit der Bücherjäger wie Poggio Bracciolini erzählt, die nach verlorenen oder von der Kirche verfemten Texten suchten, und wie er nebenbei die These relativiert, dass die Klöster die Orte gewesen seien, an denen das antike Erbe durch das Mittelalter bewahrt wurde: Nur der Zufall, so beschreibt er das, rettete diese Texte vor der Vernichtung.
So ist es unterhaltsam, wie Greenblatt den Alltag der klösterlichen Kopisten schildert, die sich aus Tierhäuten ihr Schreibmaterial schaffen mussten und die manchmal so sauer waren über ihren schönschreiberischen Stumpfsinn, dass sie an den Rand kritzelten: "Das Pergament ist voller Haare" oder "Jetzt habe ich das ganze Stück abgeschrieben, gebt mir, um Christi willen, einen Trunk".
So ist es faszinierend, wie Greenblatt die Machtstrategien des frühen Christentums erklärt, das sich gegen ideologisch gefährliche, individualistische, hedonistische Gedanken durchsetzen musste: und wie sich der Mensch dann vor 600 Jahren von Angst und Aberglaube frei machte, wie er sich selbst fand, wie er sein Ich erfand in der Renaissance.
Aber das wahrhaft Berauschende ist die Begegnung mit Lukrez, diesem gefeierten, geschmähten, vergessenen Dichter, der im Jahr 55 vor Christus gestorben sein soll - er habe Selbstmord begangen, hieß es später, er sei wahnsinnig gewesen und liebeskrank, als er seine Bücher schrieb, hieß es, das war die frühchristliche Polemik gegen einen Denker, der vieles von dem in Frage gestellt hatte, worauf die Kirche ihre Macht baute: dass der Mensch frei sein könnte, frei von Angst und frei von den Göttern.
Ein klarer, frischer, fast frühlingshafter Zug durchweht die Zeilen von Lukrez: Diesem Dichter ging es um alles, aber er behielt sich seine Leichtigkeit, weil er von den Dingen ausging, die ihn umgaben. Keine Metaphysik, kein Geraune, da ist nur der staunende Blick auf die Natur, wie sie uns umgibt - und aus dieser Naturbetrachtung folgt sein Menschenbild.
"Es beginnt", so beschreibt Lukrez selbst sein Vorhaben, "von dem Himmelssystem und dem Wesen der Götter völlig den Schleier zu ziehn und der Welt Elemente zu lehren. Denn aus ihnen erschafft die Natur und ernähret und mehret alles; auf diese zuletzt führt alles sie wieder zurücke, wenn es vergeht."
Aber wie soll man die Worte finden für diese neue, götterlose Welt, für dieses neue, götterlose Leben, für diesen neuen, götterlosen Menschen - denn, schreibt er gleich am Anfang, "unsere Sprache versagt gar oft bei der Neuheit des Inhalts".
Die Natur, das ist seine Antwort, liefert uns Bilder und Begriffe. So beschreibt Lukrez Wind und Wolken, Blitz und Vulkane, Eisen und das Wesen der Planeten, er feiert die Größe und die Wunder der "Mutter Erde" - und endet beim Nichts, bei der Kleinheit und der Vergänglichkeit des Menschen, die uns, und das ist der Clou seines Denkens, frei machen.
"Nichts kann je aus dem Nichts entstehen durch göttliche Schöpfung", schreibt er. "Denn nur darum beherrscht die Furcht die Sterblichen alle, weil sie am Himmel und hier auf Erden gar vieles geschehen sehen, von dem sie den Grund durchaus nicht zu fassen vermögen. Darum schreiben sie solches Geschehen wohl der göttlichen Macht zu."
Wenn wir aber erkennen, dass die Natur vor uns Menschen existierte und nicht für uns. Wenn wir akzeptieren, dass wir fort sind, wenn wir sterben, und nicht im Jenseits. Wenn wir das Wesen und Funktionieren des großen, vielleicht grausamen, vielleicht gütigen Kosmos begreifen: Dann bleibt doch, und da ist Lukrez ganz bei seinem Vorbild Epikur, dass wir hier auf Erden, hier und jetzt, so sehr leben und glücklich sein können, wie es geht.
Greenblatt selbst, so beschreibt er das, war sofort gefangen von dieser Emphase - für zehn Cent kaufte er sich als Student "De rerum natura", weil ihm der Umschlag so gut gefiel: eine surreale Zeichnung von Max Ernst, "unter einer Mondsichel hoch über der Erde waren zwei Beinpaare", so erinnert sich Greenblatt, "mit etwas beschäftigt, das wohl ein himmlischer Beischlaf sein sollte".
Und tatsächlich beschreibt Lukrez nicht nur schön und präzise, wie sich das Meer bewegt, wie der Wind einen Körper hat, wie die Welt sich aus Atomen zusammensetzt - er beschreibt auch anschaulich, offen und stellenweise lustig Liebe, Lust und Sex, er erklärt, wie die sexuelle Energie den Kosmos auflädt und wie sie sich in den Menschen wieder entlädt.
"Kaum nämlich ist die Pforte des Frühlings aufgesprungen und es wirkt, plötzlich befreit, die Brise des Zephyr, da, Göttin, künden die Vögel dich an, ins Herz getroffen von deinen mächtigen Pfeilen. Dann toben das Wild und das Vieh über üppige Weiden, schwimmen durch wilde Ströme: Von deinem Zauber gefangen, begierig folgen sie alle dir, willig, wohin du sie führst. Dann senkst du verführerische Liebe ins Herz aller Kreaturen, die leben in den Meeren und Bergen und fließenden Strömen und in der Vögel belebtem Dickicht, auf grünenden Fluren; den leidenschaftlichen Trieb senkst du in sie, ihre Art zu vermehren."
Das sind Ton und Tempo von Lukrez: Die Mischung aus Verblasenheit, Fremdheit und Vertrautheit treibt die Lektüre heute noch voran. Es ist der Wille, sich mit den alltäglichen Dingen zu beschäftigen wie mit den grundlegenden Bedingungen unseres Lebens, der dem Text eine überraschende Relevanz gibt.
"De rerum natura" ist nicht nur eine "tiefe, therapeutische Meditation über die Todesfurcht", wie Greenblatt schreibt, dessen ganze Kindheit von dieser Angst überwölbt war: Kunst, so Greenblatt, "dringt stets durch bestimmte Risse im Seelenleben eines Menschen in diesen ein". Neben dieser privaten Lesart von Lukrez gibt es noch eine politische, und auch davon erzählt Greenblatt. Es ist die Figur des Bücherjägers Poggio Bracciolini selbst, die die Widersprüche spiegelt, die die Entdeckung der Freiheitsphilosophie von Lukrez brachte: Bracciolinis Neugier führte ihn zu einem Text, der all dem entgegenstand, wofür er als Mann der Kirche arbeitete. Der auch all dem entgegenstand, was er als Bürger von Florenz denken sollte.
Denn die Macht des Fürsten beruht auf dem Pakt mit Gott. Gibt es Gott aber nicht, dann ist auch der Grund für seine Macht verloren. So gesehen schrieb Lukrez ein Traktat für die Demokratie.
Thomas Jefferson sah das wenigstens so, der mindestens fünf Ausgaben von "De rerum natura" besaß: der Vater der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die die sehr lukrezsche Formulierung vom "Streben nach Glück" enthält.
"Ich fühle Körper, die nicht ich selbst bin", schrieb er über sein "Lebenselixier", wie er es nannte, eine private Weltdeutung, die politische Konsequenzen für das Denken hat. "Es muss also andere Existenzen geben. Ich nenne sie Materie. Ich fühle, wie sie den Ort wechseln. Das gibt mir Bewegung. Wo Abwesenheit von Materie ist, nenne ich das Leere oder Nichts oder immateriellen Raum. Auf der Basis von Sinneseindrücken, von Materie und Bewegung können wir den Bau aller Gewissheiten aufrichten, die wir haben können oder benötigen."
Jefferson ging den Schritt von der Erkenntnis zur Ethik, von der privaten Deutung der Welt zur politischen Dimension dieser zutiefst aufklärerischen Idee: Alles, was wir sind und sehen, sind wir durch die Vernunft, durch die Wahrnehmung der Dinge und der Natur.
Das hat weniger mit einem Begriff von Natur zu tun, wie er im Umweltdenken deutlich wird, weil die Natur erst einmal größer und umfassender gesehen wird und nicht als etwas, das vom Menschen geschützt werden kann - und dennoch steckt in dieser fast naiven Art, sich der Welt zu nähern, als sei sie aus Bausteinen, etwas Verlockendes auch für uns heute.
"Also von dem, was man sieht, geht nichts vollständig zugrunde", schreibt Lukrez. "Denn die Natur schafft eins aus dem andern und duldet kein Werden, wenn nicht des einen Geburt mit dem Tode des andern verknüpft wird."
Eine gewisse Demut spricht aus all dem, eine Weltzugewandtheit, ein freundlicher Pragmatismus. Die Dinge sind, wie sie sind, sagt Lukrez, und das ist keine fatalistische Haltung, sondern der Schlüssel, um zu verstehen, wie wir wurden, was wir sind.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 19/2012
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