07.05.2012

FUSSBALLDie Botschaft der Wade

Hohe Arbeitslosigkeit, leere Kassen - die Stadt Dortmund hat den Strukturwandel noch nicht geschafft. Die Menschen halten sich an ihrem Fußballclub Borussia fest, der gezeigt hat, dass Erneuerung möglich ist.
Jens-Daniel Herzog steht nach dem Ende der Vorstellung in seinem Opernhaus und sucht den Dortmunder Oberbürgermeister. Herzog ist seit September Intendant der Dortmunder Oper, und Oberbürgermeister Ullrich Sierau war noch nie in einer seiner Premieren.
Jetzt kommt der OB aus dem Opernsaal. Er trägt einen BVB-Fanschal. Neben ihm strömen die Menschen durch die Tür, viele tragen ein Fußballtrikot. Vor ein paar Sekunden grölten sie im Saal: "Und schon wieder Deutscher Meister, BVB!" Einige schwenkten Fahnen.
Das Stück heißt "Fangesänge - Fußball-Hymne in zwei Halbzeiten". Es geht um Gewalt, um Kommerz, um das Glück, für den Ballspielverein Borussia zu sein und nicht für Schalke. Der Chor sang: "Ihr seid Schalker, asoziale Schalker, ihr schlaft unter Brücken oder in der Bahnhofsmission, ihr seid ein großer Haufen Scheiße." Es ist der Tag, nachdem Borussia Dortmund zum zweiten Mal in Folge Deutscher Meister geworden ist.
Herzog ist einer der gefragten Opernregisseure Deutschlands, im Juli wird seine "Zauberflöte" die Salzburger Festspiele eröffnen. Herzog wusste, dass er Sierau mit Fußball kriegt. Der BVB geht immer in Dortmund. Sein Opernhaus hat einen lächerlich niedrigen Etat. Es wäre nicht schlecht für Herzog, jetzt mit dem mächtigsten Politiker der Stadt über Kultur zu sprechen. Dortmund ist eine Stadt, in der eine Opernkarte im Schnitt billiger ist als eine Fußballkarte.
"War ja nicht so voll", sagt Sierau, der nicht vorhat, über Kultur zu reden. Er schwärmt von Trainer Jürgen Klopp, der jungen Mannschaft, der Euphorie in der Stadt. Das Gespräch dauert vier Minuten, dann muss Sierau weg. Herzog bleibt etwas verloren zurück.
Da ist es wieder. Die erste Lektion für Zugezogene. Dortmund, das ist nicht die Oper, die Uni, die Wirtschaft. Dortmund, das ist der BVB.
"Es zieht sich durch alle Schichten - es hat etwas Irrationales, etwas Religiöses", sagt Herzog später über die Fußballbegeisterung in der Stadt. Kaum ein Verein in Europa hat mehr Zuschauer als die Borussia. Die Technische Universität lädt ihre 6000 Erstsemester zur offiziellen Begrüßung ins Stadion ein.
Als Dortmund voriges Jahr die Meisterschaft feierte, wurde die B 1 gesperrt, 400 000 Menschen tanzten auf der Straße. Die katholische Gemeinde organisierte einen "Meisterschaftsgottesdienst", der Pfarrer sprach von einem "Steilpass in den Himmel". Und weil damals Verteidiger Neven Subotić spontan aus einem Auto stieg, um in der Innenstadt mit Fans zu feiern, gibt es jetzt, mitten auf einer Linksabbiegerspur in Dortmund, einen reservierten Subotić-Parkplatz.
Man kann mit Dutzenden Dortmundern sprechen und wird immer wieder hören, dass der BVB das Wichtigste in ihrem Leben sei, aber kaum einer kann sagen, warum. Außer, dass es bei "Vatter und Großvatter" auch schon so gewesen sei.
Dortmund stand mal für Kohle, Stahl und Bier. Es war einer der größten Brauereistandorte der Welt. Die Stadt war nicht schön, weil 98 Prozent des Zentrums im Krieg zerstört worden waren, aber es gab genug zu tun.
Irgendwann lohnte sich Bergbau in Deutschland nicht mehr, Stahlwerke wurden hier abmontiert und in China aufgebaut, 1987 schloss die letzte Zeche. Das Ganze nannte sich Strukturwandel, vernichtete fast 80 000 Arbeitsplätze in der Zeit von 1970 bis 2000 und hat Spuren hinterlassen. Kohle, Stahl und Bier schwanden. Es blieb nur der BVB.
Dortmund sucht sich heute selbst. Es gibt ein paar Wirtschaftsansiedlungen in Zukunftsbranchen, trotzdem liegt die Arbeitslosenquote bei 13,4 Prozent. Die Stadt ist voll von Leuten, die immer hart gearbeitet haben und denen irgendwann jemand sagte, dass man sie nicht mehr braucht.
Friedrich Küppersbusch, Fernsehproduzent, Dortmunder und BVB-Fan, sagt, dass "Trotz" ein wichtiges Wort in Dortmund sei. Eine bockige Haltung, in die sich Stolz mischt. Ein "Wir brauchen euren Scheiß-Kohlepfennig nicht". Küppersbusch liebt, wie die meisten, die hier zu Hause sind, diese Stadt, aber er glaubt, dass viele Dortmunder heute noch denken: "An meinem Geburtstag regnet's immer." Manchmal aber, alle zehn Jahre, sagt Küppersbusch, "regnet's nicht, da wird der BVB Meister".
Jens-Daniel Herzog, der Opernintendant, hat viel über die Rolle des Vereins in der Stadt und über das Dortmunder Fußballgefühl nachgedacht. Er formuliert einen überraschenden Satz: "Es gibt hier die Wade von Kevin Großkreutz."
Großkreutz ist derzeit der beliebteste BVB-Spieler. Er ist in Dortmund geboren und stand als Kind auf der Südtribüne des Westfalenstadions. Journalisten streiten, ob er mehr Profi ist oder mehr Ultra. Einen zweiten Spieler in der Bundesliga, der sich so radikal mit seinem Club identifiziert, wird man nicht finden. Er hat kürzlich verlangt, ab und an bengalische Feuer in Stadien zu erlauben.
Großkreutz gibt zurzeit keine Interviews. Nach dem DFB-Pokal-Halbfinale gegen Fürth ging er auf Gerald Asamoah los. Asamoah hat mal für Schalke gespielt. Als Großkreutz noch Interviews gab, hat ihm der Verein häufig einen Kollegen zur Seite gestellt, einen eloquenten, besonnenen wie Mats Hummels, den Verteidiger, oder Roman Weidenfeller, den Torwart. Großkreutz ist ein Profi, der wie ein Fan denkt. Die Südtribüne vergöttert ihn. Weil er zu Dortmund steht, weil er Schalke "die Pest" nennt - und wegen der Wade.
Nach der letzten Meisterschaft hat sich Kevin Großkreutz die Skyline von Dortmund auf die rechte Wade tätowieren lassen. Die Reinoldi-Kirche, die Zeche Germania, den Florianturm, das BVB-Stadion und die Silhouette von Herzogs Oper. Das ultimative Bekenntnis zur Stadt.
"Ich wünsche mir die Offenheit, die Urbanität von Großkreutz' Wade für die Stadt", sagt Herzog, "ich möchte, dass sich die Politik zum BVB bekennt, aber auch zur Kultur und zu all den anderen Dingen in dieser Stadt."
Ein Opernintendant, der die Bedeutung seines Hauses aus der tätowierten Wade eines Fußballers ableitet. Was sagt das über eine Stadt?
Sebastian Kehl spielt seit fast zehn Jahren für den BVB, er ist der Kapitän der Mannschaft. "Vor ein paar Jahren, als es dem Verein schlechtging, stand mal ein Briefträger vor der Tür und weinte", erzählt Kehl. In solchen Momenten verstehe man, wie wichtig den Menschen der Club sei.
"Es stimmt schon, dass der BVB für Dortmund eine große Bedeutung hat, mehr vielleicht als die Bayern für München oder der HSV für Hamburg." Michael Zorc, der Sportdirektor des BVB, sitzt in seinem Büro in der vierten Etage der BVB-Geschäftsstelle. Seit 34 Jahren ist er im Verein. Zorc ist im Norden Dortmunds aufgewachsen, hat 463 Bundesligaspiele gemacht, alle für den BVB. "Die Jungs spielen Vollgas-Fußball", sagt Zorc, "das merken die Fans." Er glaubt, dass sich die Fans derzeit besonders mit der Mannschaft identifizieren. Hungrige, junge Leute, manche, wie Mario Götze, aus der eigenen Jugend.
Trainer Jürgen Klopp lässt modernen Fußball spielen. Der basiert auf Ballbesitz, auf Pressing und Gegenpressing, auf Verteidigern wie Mats Hummels, die beidfüßig die Spieleröffnung ermöglichen, auf Spielern wie Shinji Kagawa und Götze, die technisch perfekt sind.
Klopp hat mit dem Verein bereits den Strukturwandel geschafft, in dem die Stadt noch steckt. Das war nicht zu erwarten. 2002, dank einer suizidalen Transferpolitik und dem Geld aus dem Börsengang, wurde der BVB Meister. Der Club hatte Stars gekauft wie Rosický, Koller und Amoroso, große Spieler, für großes Geld. Drei Jahre später war man praktisch pleite. Zorc denkt oft an diese Zeit. Sie war lehrreich, sagt er. Demut sei in der Geschäftsstelle nach wie vor ein dominantes Gefühl. Die Borussia sei noch lange nicht Bayern München.
Aber das Schöne an der jungen Mannschaft von Jürgen Klopp ist, dass sie die Leinwand für Träume ist. Mut, Eleganz, Kampf und Glück - das alles bringt sie auf den Platz. Fußballfans in ganz Deutschland bewundern heute den BVB, sie sehen in dem Team eine Art charmantes Bayern München, eine Übermannschaft, die man gernhaben kann, die einen Zeitenwechsel für ganz Deutschland einleiten wird. Jogo bonito aus dem Pott, der auf andere Vereine abstrahlen wird. Dortmund als Blick in die Zukunft.
Und für viele Dortmunder steht die Mannschaft als Symbol dafür, dass Erneuerung möglich ist, dass man es mit Einsatz und Fleiß nach oben schaffen kann. Der Verein ist weiter als die Stadt, er hat den Sprung in die Moderne geschafft. Und obwohl vermutlich die meisten BVB-Fans wissen, dass Fußball berechenbarer ist als das Leben, gibt das Hoffnung. Wer sich anstrengt und die richtigen Entscheidungen trifft, der könnte irgendwann die Bayern ablösen. Warum soll das nur im Fußball so sein?
Der BVB hat seine Anhänger oft enttäuscht, aber am Ende doch immer geliefert. Am kommenden Samstag spielt er wieder gegen die Bayern, im DFB-Pokalfinale in Berlin. Vielleicht die nächste Jubelfeier.
Sportdirektor Zorc steht in der Geschäftsstelle und überlegt, was das Besondere an diesem Verein ist. Dann fällt ihm der Mannschaftsbus ein. Den ziert ein großes BVB-Logo, und gleich daneben steht: "Echte Liebe". In jeder anderen Stadt wäre der Spruch ironisch gemeint, sagt Zorc. Nicht aber in Dortmund.
Von Rafael Buschmann und Juan Moreno

DER SPIEGEL 19/2012
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