01.02.1999

ZEITGESCHICHTEDer Schatz am Bosporus

Während des Zweiten Weltkriegs verkaufte die Dresdner Bank Hitlers Raubgold in der Türkei. Eine Studie, vom Bankhaus selbst in Auftrag gegeben, dokumentiert jetzt die Geschäfte des Unternehmens mit den Nazis.
Die drei Kisten mit den Goldmünzen der Dresdner Bank waren in Säcke gehüllt, als sie am 29. Mai 1965 in der Bundesrepublik ankamen. Eine Maschine der Bundeswehr hatte die Fracht auf Bitten des Bankhauses aus Istanbul auf den Militärflughafen Köln-Wahn gebracht. Von dort transportierte ein Kurier das Edelmetall zum Verkauf in die Schweiz.
Fast ein Vierteljahrhundert hatte der Münzschatz am Bosporus festgelegen, ohne daß die Bank an ihn herankonnte. Die Türkei gab das Gold nicht heraus. Die schmutzige Beute stammte aus dem größten Raubzug der Geschichte - der Ausplünderung Europas durch die Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkriegs. Sie hatten in den eroberten und besetzten Gebieten erst die Tresore der Notenbanken leergeräumt und dann das Gold aus dem Privatbesitz jüdischer Familien zusammengerafft.
Das geraubte Gold landete bei der Reichsbank in Berlin, die es gegen Devisen verkaufte. Knapp vier Tonnen davon erwarb die Dresdner Bank, um es in der Türkei abzusetzen, wo die Preise besonders hoch waren. Als Ankara 1944 die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland abbrach, mußte die Dresdner Bank 100 Kilogramm Barrengold aus ihrem eigenen Vermögen und 20 000 unverkaufte Goldmünzen in Istanbul lassen. Erst die deutsche Luftwaffe brachte dem Unternehmen 1965 das Restgold zurück.
Der Handel der Dresdner Bank mit dem gestohlenen Gold war in der Nachkriegszeit ein wohlgehütetes Geheimnis. Noch im Juni 1997 behauptete der damalige Vorstandssprecher der Dresdner Bank, Jürgen Sarrazin, das Geldhaus habe "die Klippen der Zeit" mit "diplomatischem Geschick" umschifft.
Erst als sich abzeichnete, daß Holocaust-Opfer in den USA die Dresdner Bank wegen deren Kollaboration mit den Nationalsozialisten auf Schadensersatz in Milliardenhöhe verklagen würden, trat die Bank die Flucht nach vorn an. Im November 1997 beauftragte sie das Hannah-Arendt-Institut in Dresden damit, die Unternehmensgeschichte aufzuarbeiten. Insgeheim hoffte die Bank, so der Generalbevollmächtigte Manfred Schaudwet, auf diese Weise "geschäftlichen Schaden an der Ostküste der USA abzuwenden".
Seit Freitag vergangener Woche können die Manager der Dresdner Bank diese Hoffnung fahrenlassen. Der Historiker Johannes Bähr hat einen Zwischenbericht vorgelegt*. Er zeigt darin nicht nur, daß die Dresdner Bank in größerem Ausmaß in den Goldhandel verstrickt war als bisher bekannt. Seine Untersuchung belegt auch, wie das Geldhaus nach 1945 ver-
* Johannes Bähr: "Der Goldhandel der Dresdner Bank im Zweiten Weltkrieg". Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig; 234 Seiten; 36 Mark.
suchte, soviel wie möglich vom Raubgold zu retten.
Für die Dresdner Bank kommt die Veröffentlichung ungelegen. Allein drei Sammelklagen mit Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe haben amerikanische Holocaust-Opfer im vergangenen Jahr eingereicht.
Inzwischen hat sich die Bundesregierung des Falls angenommen. Die Dresdner Bank gehört zur Gruppe deutscher Unternehmen, für die Kanzler Gerhard Schröder versucht, die Milliardenklagen von Holocaust-Opfern abzuwenden. In der nächsten Woche fliegt Kanzleramtsminister Bodo Hombach nach Washington. Parallel verhandelt die Bank seit Anfang dieses Jahres mit den Anwälten der Opfer.
Der Bähr-Bericht ist für die Juristen eine große Hilfe, denn er belegt: Die Manager der Dresdner Bank wußten, daß sie mit Raubgold handelten. Aber das hielt sie weder während noch nach dem Krieg davon ab, damit Geschäfte zu machen.
Dabei war die Dresdner Bank am Handel mit dem Raubgold zunächst kaum beteiligt gewesen. Die Reichsbank, die damit Hitlers Drittem Reich den Kauf von Devisen ermöglichen sollte, veräußerte den Großteil des gestohlenen Edelmetalls an die Schweizer Nationalbank. Einen Teil überließ sie gegen harte Währung der Deutschen Bank, die das Gold mit Gewinn in der Türkei abgab. Die Dresdner Konkurrenz ging leer aus. Man sei "nur in geringem Umfange" einbezogen, bedauerte die Devisenabteilung.
Erst 1942 änderte sich dieser Mißstand. Eine Delegation der Reichsbank kam im Sommer nach Istanbul. Die Direktoren der Deutsche-Bank-Filiale schlugen den Reichsbankern eine neue Form des Goldgeschäfts vor - und diesmal durfte die Dresdner mitmachen. Im September stieg ihre Istanbuler Filiale, die Deutsche Orientbank (DOB), ein.
Die DOB kaufte im Auftrag ihrer Kunden für Schweizer Franken Gold von der Reichsbank. Die Reichsbank richtete ein Konto ein, auf dem sie den Gegenwert der Devisen in Gold gutschrieb. Hatte sich genug angesammelt, meldete sich die Dresdner Bank und bat um Aushändigung des Edelmetalls. Dann verkaufte sie das in der Türkei wegen der Inflation begehrte Gold zu hohen Preisen.
Für die Auftraggeber der Dresdner Bank war der Goldhandel ein gutes Geschäft. Die Gewinnspanne, erklärte der ehemalige DOB-Direktor Johannes Posth 1960, habe 30 Prozent betragen. Seine Bank kassierte eine reichliche Provision. Und auch die Reichsbank war zufrieden. "Der deutschen Volkswirtschaft", pries Max Schobert, Leiter der Devisenabteilung der Dresdner, seine Dienste an, "sind Beträge in Devisen zugeflossen, die sich auf viele Millionen Schweizer Franken beziffern."
Die meisten Kunden der DOB in Istanbul waren deutsche Diplomaten und Geheimdienstler. Sie wollten mit dem Goldhandel ihr Gehalt aufbessern. Es "ist bemerkenswert, daß alle Regierungsangestellten der Achsenmächte, Schwedens, der Schweiz in der Türkei über ihre Verhältnisse leben", notierte der amerikanische Geheimdienst im Februar 1944.
Gut fünf Tonnen Barrengold und Goldmünzen erwarb die Dresdner Bank im Zweiten Weltkrieg, knapp vier Tonnen davon waren geraubt - weit mehr als bisher bekannt. Sogenannte Devisenschutzkommandos hatten diese im besetzten Europa beschlagnahmt, zahlreiche Barren stammten aus dem Währungsschatz der belgischen Notenbank.
Mindestens 274 Kilogramm des Goldes, mit dem die Dresdner Bank handelte, kamen aus Konzentrationslagern und Ghettos - Schmuck, goldene Wertsachen und Zahngold, das die SS ihren Opfern vor oder nach der Ermordung im KZ Auschwitz und dem Generalgouvernement Polen abgenommen hatte.
Das Gold wurde nach SS-Hauptsturmführer Bruno Melmer benannt, der für die Buchungen der Wert-Transporte bei der SS verantwortlich war. Die Degussa schmolz das Melmer-Gold in Barren um und lieferte einen Teil davon an die Dresdner Bank.
Für die Bank war der Goldhandel ein ganz normales Geschäft. Nach dem Krieg behauptete Devisenfachmann Schobert, man habe dem Gold nicht ansehen können, "von welchem Land die Reichsbank ihrerseits das Gold erworben hatte". Doch wer mehr als dreieinhalb Tonnen holländische, französische und belgische Goldmünzen bei der Deutschen Reichsbank kaufte, so der Historiker Bähr in seinem Bericht, habe "über die Herkunft des Goldes natürlich Bescheid" gewußt.
Das Melmer-Gold wies keine Kennung auf. Deshalb läßt sich nicht beweisen, daß die Banker wußten, woher das Opfergold stammte. Aber der Mord an den jüdischen Europäern war spätestens seit Mitte 1944 "allen Stellen der Dresdner Bank" bekannt, wie ein Direktor der Bank nach 1945 einräumte. Den möglichen Erwerb von Opfergold, urteilte denn auch Bähr, habe die Dresdner zumindest "in Kauf genommen".
Im August 1944 fand das Geschäft ein jähes Ende. Die Türkei schlug sich auf die Seite der Alliierten und brach die diplomatischen Beziehungen zu Deutschland ab. Der Schaden für die Dresdner Bank hielt sich in Grenzen. Es ergebe sich, notierte Schobert, "die erfreuliche Situation, daß der allergrößte Teil des Goldbestandes nunmehr in Deutschland lagert". In Istanbul blieben 100 Kilogramm Barrengold - es war ein Teil des Gewinns aus dem Raubgoldhandel - und 20 000 unverkaufte Goldmünzen zurück. Die Gesandtschaft der Schweiz, als Vertretung des Dritten Reiches, übernahm dieses Gold.
Nach Kriegsende beschlagnahmten die Alliierten alles Raubgold, dessen sie habhaft werden konnten. Die Sowjets transportierten holländische, belgische und französische Goldmünzen aus den Tresorräumen der Dresdner Bank in der Berliner Behrensstraße ab. Die Amerikaner griffen auf ein Depot in München zu. Die Türkei, die im Februar 1945 Deutschland den Krieg erklärte, übernahm nun die Restbestände der Dresdner Bank von der Schweizer Gesandtschaft in Istanbul.
20 Jahre lang wehrte sich die Dresdner Bank mit allen Tricks gegen den Verlust des Raubgoldes. 1951 etwa schlug Ex-DOB-Direktor Posth vor, das Gold in München einfach dem deutschen Auslandsvermögen in der Türkei zuzuordnen, um es vor dem Zugriff der Amerikaner zu schützen. Posth wandte sich an die türkische Zentralbank, um einen Inkasso-Auftrag zur Verlegung des Münchner Depots in die Türkei zu erteilen. Doch die Türkei lehnte ab, und die Amerikaner übergaben das Gold der Tripartite Gold Commission; sie war für die Entschädigung der von Hitler besetzten Staaten zuständig.
Nur beim Restgold in Istanbul hatten die Banker Erfolg. Denn inzwischen hatte auch die neue Bundesregierung unter Konrad Adenauer ein finanzielles Interesse daran, daß die Bank das Gold aus der Türkei zurückbekam. Bei der Währungsreform 1948 war es nämlich als kriegsbedingter Verlust anerkannt worden. Die Dresdner Bank hatte dafür Ausgleichsforderungen gegen den Bund erhalten. Bekam die Bank das Gold zurück, fielen die Forderungen weg.
Als die Türkei vor dem Bankrott stand und die Bundesrepublik zum wichtigsten Kreditgeber wurde, gab Ankara 1960 schließlich das Gold heraus, verweigerte aber die Ausfuhrgenehmigung. Botschafter Gebhardt von Walther - er war bereits während des Krieges in der Türkei Diplomat gewesen und hatte am Goldhandel der Dresdner Bank mitverdient - schlug der Bank vor, den Verkauf des Barrengoldes an die türkische Zentralbank zu übernehmen. Die 20 000 Goldmünzen ließ er mit dem Kurierdienst des Auswärtigen Amtes ausfliegen, unter Umgehung der türkischen Devisengesetze.
Der Verkauf der Münzen in der Schweiz brachte der Dresdner Bank 640 296,20 Mark ein. Posth bekam für die Rückholaktion eine Sonderprämie. Aufsichtsratsmitglied Hans Rinn erbat sich "von sämtlichen Franzosen je 1 Stück in guter Prägung", für seine Privatsammlung. KLAUS WIEGREFE
* Johannes Bähr: "Der Goldhandel der Dresdner Bank im Zweiten Weltkrieg". Gustav Kiepenheuer Verlag, Leipzig; 234 Seiten; 36 Mark.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 5/1999
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