14.05.2012

AFFÄRENStudenten im Angebot

Christian Wulffs Ex-Sprecher Olaf Glaeseker meldet sich nach Monaten des Schweigens zu Wort - und versucht, die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu entkräften.
Für ein paar Stunden wehte ein Hauch von Hollywood in der niedersächsischen Landeshauptstadt. Faye Dunaway, die große Diva des amerikanischen Kinos, verlieh der Party im Terminal C des Flughafens Hannover-Langenhagen internationales Flair. Mit 15 000 Euro Gage hatte der Event-Macher Manfred Schmidt die Oscar-Preisträgerin über den Atlantik gelockt.
Nord-Süd-Dialog hieß die Sause, bei der sich knapp tausend Gäste aus Niedersachsen und Baden-Württemberg begegneten. Menschen aus Kultur, Politik und Wirtschaft, Prominente wie Klaus Meine, Veronica Ferres und Carsten Maschmeyer. Und als Schirmherr strahlte über allen: Ministerpräsident Christian Wulff (CDU).
Die Airport-Fete vom Dezember 2009 steht im Zentrum der staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen den Veranstalter Schmidt und gegen Wulffs ehemaligen Sprecher Olaf Glaeseker. Schmidt soll mit der Party 300 000 Euro Gewinn erzielt haben - und sein guter Freund und Urlaubspartner Glaeseker soll ihm dabei mit der Kraft seines Amtes geholfen haben. Es geht deshalb um den Verdacht der Bestechung und Bestechlichkeit.
Glaeseker, 51, hatte maßgeblichen Anteil am Aufstieg seines Chefs bis ins Schloss Bellevue. Er war Wulffs Berater, Strippenzieher, Sprachrohr - auch als die Hausfinanzierung des Bundespräsidenten zum Thema der öffentlichen Diskussion wurde. Doch dann kam heraus, dass auch Glaeseker, seinem Chef nicht unähnlich, zuweilen Privates und Dienstliches vermengte; etwa wenn er für Schmidt Sponsoren aufriss und auf Schmidts Kosten die Mittelmeersonne genoss. Der gelernte Journalist hat geschwiegen, seitdem er am 22. Dezember vergangenen Jahres von Wulff entlassen wurde. Er tauchte für Monate in der niedersächsischen Provinz ab. Der Öffentlichkeitsarbeiter entzog sich der Öffentlichkeit.
Vorige Woche jedoch nahm Glaeseker erstmals Stellung. Sein Anwalt Guido Frings schickte ein siebenseitiges Schreiben an die Staatsanwaltschaft Hannover. Der Brief spart einige wichtige Vorwürfe aus, aber er ist womöglich ein erster Schritt auf dem Weg zur Wahrheit. In seiner ersten Einlassung versucht Glaeseker, zwei konkrete Vorgänge auszuräumen, die ihm im Rahmen seiner Mitarbeit am Nord-Süd-Dialog zur Last gelegt werden.
Im ersten Vorgang geht es um 44 Studenten der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), die bei Schmidts Flughafen-Fete im Service eingesetzt wurden. Glaeseker soll um das Personal gebeten haben. Auf den Kosten in Höhe von 5245 Euro sei die Hochschule aber sitzengeblieben.
Glaesekers Version geht anders: MHH-Vizepräsident Andreas Tecklenburg selbst habe sich bereits im September 2009, also drei Monate vor dem Nord-Süd-Dialog, als Sponsor ins Gespräch gebracht. Als Tecklenburg zu einem Treffen der Geldgeber für den 14. Oktober eingeladen wurde, bat der MHH-Chef per E-Mail um Entschuldigung. Er sei mit Freunden zu einem Fußball-Länderspiel verabredet. "Gerne beteilige ich mich aber an der Ideensammlung und habe z. B. vorgeschlagen, dass wir als MHH mit unseren Servicekräften (Medizinstudent(inn)en) helfen." Die E-Mail vom 8. Oktober 2009 liegt der Staatsanwaltschaft vor. Für Glaeseker war klar: Die Hochschule unterstützt den Nord-Süd-Dialog als ein Sponsor, der nicht Geld gibt, sondern Personal stellt. Als Beleg führt der ehemalige Regierungssprecher an, die Studenten hätten doch T-Shirts mit dem MHH-Logo getragen.
Dass die Hochschule die Umstände im Nachhinein anders dargestellt habe, so lässt Glaeseker gegenüber der Staatsanwaltschaft erklären, sei vielleicht einer politischen Drucksituation geschuldet. Die Uni hatte im Januar in einer Presseerklärung mitgeteilt, sie habe bei Schmidt und Glaeseker angefragt, wer denn die Kosten in Höhe von 5245 Euro zuzüglich Organisations- und Bekleidungspauschale sowie Mehrwertsteuer begleichen werde - und eine Abfuhr erhalten.
Eingelassen hat sich der frühere Wulff-Sprecher auch zu dem Vorwurf, seine Ehefrau habe an einem Kochbuch ("Raspers Rezepte - Niedersachsens Küche neu entdeckt") mitgewirkt, das die Landesregierung als Give-away an die Besucher des Nord-Süd-Dialogs verteilt habe. Seine Frau habe das Projekt zwar journalistisch begleitet, aber sie habe es unentgeltlich getan, so betont Glaeseker.
Für ebenso unbedenklich hält der ExSprecher, dass das Landwirtschaftsministerium die Küchenfibel mit 3411 Euro gefördert hatte - obwohl die Regierung doch stets betonte, dass es sich bei der Airport-Party um eine Veranstaltung des Unternehmers Schmidt gehandelt habe.
Bei der Rezeptsammlung von Spitzenkoch Oliver Rasper handelt es sich laut Glaeseker um einen normalen Vorgang mit dem Ziel, für Niedersachsen zu werben. Es sei darum gegangen, die Produkte des Landes aus Flüssen, Seen, Meeren, Wäldern, von Wiesen und Feldern neu zu entdecken. Das Landwirtschaftsministerium sei von dem Projekt so begeistert gewesen, dass es sich um die Umsetzung des Buchprojekts gekümmert und Sponsoren aus der Lebensmittelbranche dafür gesucht habe.
Besonders erbaut werden die Ermittler über Glaesekers erste Info-Tranche nicht sein. Weder hat er einen Satz verloren zu seiner Rolle als Vermittler bei der Akquise von Sponsoren aus der Wirtschaft noch über seine Urlaube in den Schmidt-Residenzen in Südfrankreich und Barcelona. Zu diesen Themen, kündigte Glaeseker in seinem Brief an die Staatsanwaltschaft an, werde er sich später äußern - sobald er volle Akteneinsicht erhalten habe.
Von Michael Fröhlingsdorf und Hubert Gude

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