21.05.2012

CHINALicht für die Welt

Ohne rechtsstaatliche Verfahren lassen Chinas Machthaber politisch Missliebige in Arbeitslagern verschwinden. Ein Freigelassener hat nun von seinem Leidensweg berichtet.
Es war gerade Frühling, als Fang Hong in das "Umerziehungslager durch Arbeit und Drogenentzug" eingeliefert wurde. Fang war kein Junkie, sondern ein Blogger, einer, der aufmüpfig war und Parteigrößen kritisierte. Zuerst hatte ihn die Behörde für öffentliche Sicherheit in der südwestchinesischen Stadt Chongqing nur vorgeladen und verwarnt, doch Tage später verschwand der 45-jährige Dissident ohne Gerichtsverfahren im Lager.
Das war im April 2011. Während draußen die Bäume kaum grünten, sprachen die Aufpasser bereits aufgeregt vom nächsten Weihnachten. Sie mussten strenge Lieferfristen einhalten, und mit gnadenloser Härte trieben sie die Lagerinsassen an, Lichterketten zu fertigen - für den Export nach Deutschland.
Der rigide Alltag in dem mehrstöckigen Haftkomplex im Chongqinger Stadtbezirk Fuling begann mit dem Aufwecken morgens um sechs. Eine Stunde später mussten Fang und seine Mitgefangenen mit der Produktion des Christbaumschmucks beginnen, er selbst lötete bunte Leuchtdioden auf Drähte.
Es war ein harter Job, als Monatslohn bekamen die Zwangsarbeiter acht Yuan (etwa einen Euro). Ihre Produktionsvorgaben lagen noch einmal um die Hälfte höher als die von Arbeitern in normalen chinesischen Fabriken, sagt Fang.
Ein real existierender Kapitalismus beherrschte den Alltag in der sozialistischen Umerziehungsanstalt: Ihre Uniformen mussten die Gefangenen vom eigenen Geld kaufen. Und wer darüber hinaus noch etwas übrig hatte, durfte sich damit die Essensrationen ein wenig aufbessern.
Arbeitspflicht galt für alle, politische Häftlinge wie für Drogenabhängige. Fang berichtet: "Wer nicht schnell genug malochte und die Quoten nicht einhielt, dem spritzten die Wärter eiskaltes Wasser in die Augen oder schlugen mit Knüppeln auf ihn ein."
Es gab Häftlinge, die über die tägliche Quälerei offenbar den Verstand verloren. Einer von ihnen, sagt Fang, habe sich vor Verzweiflung die Augen ausgekratzt.
Bis zur Mittagspause durften die Häftlinge nur ein einziges Mal zur Toilette, nachmittags zweimal. Normalerweise dauerte die Arbeitsschicht bis 18 Uhr. Doch für die Weihnachtsproduktion mussten sie häufig Überstunden leisten - oft bis kurz vor Mitternacht.
Fang gießt sich eine Tasse rotbraunen Tee ein und blickt aus dem Fenster seiner Wohnung. Ende April, nach einem Jahr, wurde er aus der Gefangenschaft entlassen, doch die Torturen haben ihn gezeichnet.
Dass er jetzt überhaupt unbehelligt über seine Leiden sprechen kann, verdankt Fang der jüngsten Krise in der Staatsführung. Im März verlor Bo Xilai, der ehrgeizige Parteichef von Chongqing, seinen Posten, bald darauf enthoben ihn seine Rivalen in Peking auch seiner übrigen Ämter in der Kommunistischen Partei. Dem Ex-Spitzenkader aus der Provinz wurden "Verstöße gegen die Disziplin" vorgeworfen.
Seither berät die Führung in Peking offenbar noch, wie und mit welcher Begründung sie Bo endgültig kaltstellen könnte. Zum Kampf um die Macht in Peking gehört auch, dass Bos Gegner über westliche Medien und ausländische Websites immer neue Enthüllungen über den Gestürzten streuen, um ihn als geldgierigen Lokaltyrannen zu diskreditieren.
Und dabei kommt auch der Ex-Häftling Fang ins Spiel. Für das Regime in Peking ist er derzeit ein willkommener Zeuge: Fang, ein Beamter bei der örtlichen Forstbehörde, verschwand im Arbeitslager, weil er Bo und dessen Ex-Polizeichef Wang Lijun im Internet kritisiert hatte.
Doch der Belastungszeuge gegen den gestürzten Parteiführer berichtet eben auch über die Willkür der Herrschenden, unter denen das ganze Land leidet. Als Fang wegen seines Internetblogs von den Behörden einbestellt wurde, war er auf alles gefasst. Seine Eltern waren schon während der Kulturrevolution in Ungnade gefallen; er wusste, wie erbarmungslos die Partei nach wie vor Aufmüpfige bestraft.
Als politischer Häftling wurde er strenger behandelt als die elf Mitinsassen seiner Zelle: Er durfte kein Fleisch essen, nicht rauchen und sich praktisch kaum ausruhen.
Wenn seine Mitgefangenen abends ab halb zehn einschliefen, musste Fang eine Stunde länger wach bleiben. Erwischten ihn die Wächter dabei, wie er einnickte, rissen sie ihm die Wolldecke weg oder schütteten Wasser auf sein Bett.
Wenn die Häftlinge Lichterketten fertigten, hätten Fachleute der Exportfirma Shenzhen Kingland Lighting (Werbeslogan: "Lasst die ganze Welt aufleuchten") ständig die Qualität kontrolliert, berichtet Fang. Ein Mitarbeiter der Firma bestätigt auf SPIEGEL-Anfrage, dass man in dem Arbeitslager produzieren lasse. Indes wollte niemand Auskunft geben, ob das Unternehmen die Lichterketten auch nach Deutschland liefere.
Doch da ist sich Fang ganz sicher. Am meisten hätten sie sich davor gefürchtet, "dass die Lichterketten giftige Materialien enthalten". Die Aufseher hätten die Zwangsarbeiter aber beruhigen können. "Sie sagten uns: ,Die Weihnachtslichter sind für Deutschland, und keine Nation achtet so streng auf Umweltschutz wie die Deutschen.'"
Später spulte Fang dann Kupferdrähte für Laptop-Festplatten auf, der Auftraggeber war eine Elektronikfirma in Chongqing. Danach fertigte er Trinkhalme für einen Arzneimittelhersteller der Stadt. Viele der Häftlinge hätten unter ansteckenden Krankheiten gelitten, berichtet Fang. Er bezweifelt, dass die Produkte des Lagers wirklich hygienisch einwandfrei waren.
Nun, nach der Haftentlassung, macht sich Fang vor allem Sorgen um seinen erwachsenen Sohn. Zusammen mit seiner Freundin wurde der im Sommer 2011 zunächst in einer Freizeitanlage festgehalten. Seit Oktober befindet er sich in Haft. Er hatte versucht, seinen Vater mit Hilfe von Anwälten und ausländischen Medien freizubekommen.
Auch die Geschichte, die Fang jetzt über seinen Sohn erzählt, könnte überall in China spielen. Sie handelt davon, wie die Sicherheitsbehörden Angehörige von politischen Abweichlern in Sippenhaft nehmen - ähnlich wie es derzeit auch der Familie des blinden Dissidenten Chen Guangcheng in Ostchina widerfährt.
Im Fall von Fang drohten die Sicherheitsbehörden, der Sohn könne durch einen Autounfall umkommen oder im Fluss ertrinken, falls der inhaftierte Vater ihn nicht von dessen Kampagne abbringe.
Fang lenkte ein. Er unterschrieb eine Erklärung, wonach er und sein Sohn keine Anwälte oder Journalisten kontaktieren würden. Auch im Internet werde er sich nicht äußern. Damit erkaufte sich Fang zugleich eine kurzfristige Freilassung aus dem Lager.
Doch kaum war der Dissident wieder in Freiheit, chattete er wie gewohnt im Internet und versuchte überdies, die deutsche Botschaft in Peking zu kontaktieren. Damit lieferte er den Behörden den Anlass, ihn sofort wieder ins Arbeitslager zu stecken. Dass er trotz anhaltender Unbotmäßigkeit doch wieder freikam, verdankte er letztlich dem politischen Umsturz in Chongqing.
Für das erlittene Unrecht im Arbeitslager will Fang jetzt Entschädigung fordern, ein Gericht in Chongqing hat seine Klage bereits angenommen.
Angesichts des dramatischen Kurswechsels in seiner Heimatstadt stehen die Chancen des Bo-Kritikers nicht einmal schlecht. Doch richtig sicher fühlt sich Fang noch immer nicht: "In China gibt es keine Rechtsstaatlichkeit", sagt er, "heute trifft es mich, morgen kann es dich treffen."
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 21/2012
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