21.05.2012

KRANKHEITENInsel der Witwen

In Mittelamerika grassiert ein unheimliches Nierenleiden. 24 000 Menschen starben, die meisten davon Zuckerrohrarbeiter. Pestizide? Hitzestress? Falsche Ernährung? Die Forscher rätseln.
Vor seiner Hütte sitzt Jorge Silva, 33, in einem grünen Plastikstuhl und wartet auf den Tod. Seine Beine haben sich gelblich verfärbt, die Füße sind wund und geschwollen. Manchmal verzerrt Schmerz sein Gesicht, Silva schiebt dann eine Hand unter sein T-Shirt und streicht über seinen Unterleib. "Meine Nieren sind kaputt", sagt er. Seit zwei Monaten kann er nicht mehr aus eigener Kraft aufstehen, und täglich wird es schlimmer.
Retten könnte Silva eine Nierentransplantation, aber dafür hat er kein Geld. Er hat auf den Zuckerrohrfeldern der Fabrik San Antonio in Chichigalpa gearbeitet, einem Städtchen nahe der Pazifikküste Nicaraguas. 50 US-Dollar im Monat bekam er dafür.
Viereinhalb Jahre lang schnitt er Zuckerrohr, dann wurde er krank - zehn Jahre ist das her. Arbeiten kann er seitdem nicht mehr, der Staat zahlt ihm eine bescheidene Rente.
Silva leidet an Chronischem Nierenversagen, auf Spanisch IRC. Er lebt in La Isla, einem Weiler nahe Chichigalpa. Schweine stöbern im Müll, der sich zwischen den Hütten türmt, Kinder spielen in den offenen Abwassergräben, Moskitos tanzen über den Pfützen. Wasser schöpfen die Bewohner aus einem Brunnen; ein Fluss trennt den Ort von den Zuckerrohrfeldern.
Frauen bestimmen das Straßenbild in La Isla. Über offenen Herdfeuern kochen sie Reis und Bohnen. "Insel der Witwen" nennen sie ihr Dorf. "Die meisten Männer sind an IRC gestorben", sagt Silvas Ehefrau Raquel. Auch seinen Vater hat die Seuche dahingerafft, er wurde 55 Jahre alt.
Seit mindestens 20 Jahren geht das unheimliche Leiden jetzt schon um, vor allem in Nicaragua und dem benachbarten El Salvador. Über 24 000 Menschen sind ihm seit dem Jahr 2000 zum Opfer gefallen, die meisten arbeiteten auf Zuckerrohrplantagen an der Pazifikküste. In Nicaragua ist IRC die zweithäufigste Todesursache unter Männern; nur an Herzinfarkt sterben mehr.
Über die Ursachen der Epidemie rätselt die Wissenschaft. Daniel Brooks von der Boston University etwa befasst sich seit Jahren mit dem mysteriösen Phänomen. Doch was er sagt, klingt vage: "Wahrscheinlich lösen bislang unbekannte Faktoren die Krankheit aus." Eher keine Rolle spielten Diabetes, Bluthochdruck und Schwermetalle.
Unter Wissenschaftlern und Ärzten in Mittelamerika regt sich unterdessen der Verdacht, Pestizide und Düngemittel könnten Auslöser der Krankheit sein. Tonnenweise werden sie auf die Felder gestreut und gesprüht. Experte Brooks bezweifelt diese Theorie: "Bislang deuten alle Indizien darauf hin, dass Hitzestress und Wassermangel entscheidender sind als der Einsatz von Agrochemikalien." Er verweist darauf, dass auch einige Minen- und Bauarbeiter unter IRC leiden, selbst aus asiatischen Ländern wurden Fälle gemeldet.
Nirgendwo aber grassiert die Krankheit wie an der Pazifikküste in Nicaragua und El Salvador. Die dortige Gesundheitsministerin hat im vergangenen Jahr die internationale Gemeinschaft um Hilfe im Kampf gegen IRC gebeten, die Gesundheitssysteme der zumeist bettelarmen Kleinstaaten Mittelamerikas sind überfordert.
Vor der Krankenstation von Chichigalpa hofft IRC-Patient Felipe Centena, 54, dass die Ärztin Zeit für ihn findet. Fliegen surren um seine geschwollenen Füße. Eine Krankenschwester verteilt Tabletten gegen Diabetes, Neuankömmlingen drückt sie ein Formular in die Hand. "Ich soll auf Süßes und Salziges verzichten, am besten auch auf Fleisch, Käse und Milch", sagt Centena. "Jetzt lebe ich von Spaghetti." Für eine vitaminreiche Diät, wie die Ärzte sie empfehlen, habe er kein Geld, er müsse sechs Kinder versorgen.
Patienten aller Altersklassen warten auf Behandlung, einige arbeiten erst seit wenigen Monaten auf den Plantagen, andere seit vielen Jahren. "Wir sind der Epidemie nicht gewachsen", bekennt die Ärztin Maria Letícia Velázquez Montes.
Schwerwiegende Fälle verweist sie an das Krankenhaus der Provinzhauptstadt Chinandega. "Dort gibt es Dialysegeräte, aber viele Patienten haben Angst vor der Behandlung." Entgegen ihren Ratschlägen rauchen die Männer weiter, und auch auf den Alkohol wollen sie nicht verzichten. "Wer sich diszipliniert verhält, wird älter", konstatiert Velázquez Montes. "Aber viele schaffen es nicht, ihren Lebenswandel umzustellen."
Auch Epidemiologe Brooks hält es für möglich, dass die Kranken oft selbst zur Verschlimmerung ihres Leidens beitragen. Denn viele betäuben den Schmerz mit Medikamenten wie Ibuprofen, Diclofenac und Aspirin. "Gerade diese Mittel aber zerstören die Nieren erst recht", sagt Brooks. "Die meisten IRC-Kranken leiden unter Dehydration; sie trinken nicht genug. Das macht die Nieren anfällig für Schädigungen durch Schmerzmittel."
Die Wasserversorgung sei vor allem früher ein Problem auf den Feldern gewesen, berichtet Donald Cortéz, 41, der Präsident der Vereinigung der IRC-Kranken von Chichigalpa (Asochivida). "Wir haben zehn oder zwölf Stunden in der prallen Sonne gearbeitet, nur für das Mittagessen durften wir eine halbe Stunde Pause machen", sagt er. "Die Tröge mit dem Trinkwasser heizten sich in der Sonne auf, das Wasser war kaum genießbar."
Córtez schuftete schon im Alter von 14 Jahren auf den Zuckerrohrplantagen der Firma San Antonio. Vor zehn Jahren stellte ein Arzt bei einer Routineuntersuchung dann erhöhte Kreatininwerte in seinem Blut fest: Verdacht auf IRC, Córtez musste aufhören zu arbeiten.
Lange Zeit merkte Cortéz von seiner Krankheit nichts. Neun Jahre vergingen nach der Erstdiagnose, bis er die ersten Symptome spürte: Er musste sich oft übergeben, litt unter Müdigkeit und Muskelschwäche. Erst die Dialyse brachte ihn wieder einigermaßen auf die Beine.
Heute vertritt Cortéz 2228 IRC-Kranke in Chichigalpa, sein Büro hat er in einem offenen Schuppen gleich neben der Einfahrt zur Farm San Antonio eingerichtet. Er kämpft für finanzielle Entschädigung und eine bessere Gesundheitsversorgung: "Wir brauchen endlich eine eigene Dialysestation." Die Regierung in Managua hat zwar ein neues Krankenhaus versprochen, doch über die Finanzierung ist Streit entbrannt.
Von den Eigentümern der Zuckermühle San Antonio ist kaum Hilfe zu erwarten: Die Firma hat einmalig vier Millionen US-Dollar zur Verfügung gestellt, mit dem Geld werden Kleinkredite für arbeitsunfähige Patienten und die Krankenstation finanziert. Zu weiteren Spenden sieht Firmensprecher Ariel Granera keinen Anlass: "Schließlich gibt es bisher keinen wissenschaftlichen Beweis für einen Zusammenhang zwischen den Arbeitsbedingungen und der Krankheit."
Die Betroffenenverbände wollen sich mit dieser Auskunft nicht zufriedengeben und mobilisieren weltweit Verbündete. Die Diskussion um IRC hat inzwischen sogar den Deutschen Bundestag erreicht. Im Januar reichte die Partei Die Linke eine Kleine Anfrage zum Thema ein. Der Grund: Der deutsche Entwicklungsfinanzierer DEG hatte im Jahr 2006 einen Kredit in Höhe von zehn Millionen US-Dollar an Nicaragua Sugar Estates Limited (NSEL) gezahlt, die Mutterfirma der Zuckermühle San Antonio. Das Geld war zur "Steigerung der Hektarerträge" bestimmt.
Die Linken-Politiker argwöhnen, dass der "unsachgemäße Einsatz von Pestiziden" auf den Plantagen der Firma die IRC-Epidemie anfacht. Die Bundesregierung erwiderte, sie halte diesen Verdacht für "entkräftet".
NSEL gehört zur Pellas-Gruppe, dem größten Konzern Nicaraguas. Er produziert unter anderem Zucker für die Herstellung von Ethanol-Treibstoff, auch der bekannte Rum "Flor de Caña" wird in seinen Fabriken destilliert. Die Zentrale sitzt in einem Hochhaus in Managua. "Die Pellas-Familie ist mächtiger als die Regierung", sagt Asochivida-Präsident Cortéz.
Die NSEL-Manager setzen darauf, dass die Epidemie bald von allein abebbt: 50 Prozent der Zuckerrohrernte von San Antonio werden bereits mit Maschinen eingefahren. "Nach und nach werden wir die gesamte Produktion mechanisieren", verkündet Firmensprecher Granera. Alle Arbeiter müssen sich zudem vor ihrer Anstellung einer ärztlichen Untersuchung unterziehen: "Wer unter IRC leidet, bekommt keinen Job."
Für die Kranken von La Isla ist das kein Trost: Bis zu 10 000 Männer arbeiten während der Erntezeit auf den dortigen Plantagen. "Es gibt für uns keine Alternative", klagt der IRC-Kranke Jorge Silva.
Die Stadtväter von Chichigalpa bereiten sich unterdessen auf ihre Weise auf den Fortgang der Seuche vor: Sie haben den Friedhof erweitert.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 21/2012
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