04.01.1999

SEXUALITÄTNiemals müde

Der Vibrator, heute belächelter Sexartikel, galt um die Jahrhundertwende als seriöses medizinisches Therapiegerät - zur Behandlung der verbreiteten „Hysterie“.
Wenn Rachel Maines Vorträge hält, teilt sich ihr Publikum in zwei Fraktionen: Die eine lacht nervös, die andere starrt betont ausdruckslos in die Ferne. Die Historikerin kann die Reaktion inzwischen routiniert voraussagen. Die Damen neigen zur Heiterkeit, die Herren zucken gequält zusammen.
"Wenn das stimmt, was Sie sagen", empörte sich einer ihrer Zuhörer, "dann brauchen Frauen ja gar keine Männer." Wer diese Schlußfolgerung zieht, meint Maines, mag im speziellen Fall recht haben, denn für seinen Beitrag zum Zusammenleben der Geschlechter kennt die Wissenschaftlerin einen seit über hundert Jahren erprobten Ersatz: den Vibrator.
Seit mehr als 20 Jahren beschäftigt sich Maines mit dem obskuren Elektroartikel, der in der Geschichtsschreibung des technischen Fortschritts bisher schamhaft verschwiegen wurde. Kein Wunder, meint die Wissenschaftlerin, daß ihre Erkenntnisse das Publikum überraschen: Bis zu Beginn dieses Jahrhunderts war die elektromechanische Erregungshilfe kein Lust-, sondern ein anerkanntes medizinisches Therapiegerät.
Ursprünglich hatte es sich Maines zur Aufgabe gemacht, die bis dahin wenig be-
* Aus dem Antique Vibrator Museum in San Francisco.
** Rachel Maines: "The Technology of Orgasm". Johns Hopkins University Press, Baltimore; 184 Seiten; 22 Dollar.
achtete Welt des häuslichen Nähens und Stickens wissenschaftlich zu durchleuchten. Aus ihrer Feder stammt die richtungweisende Abhandlung "Amerikanische Hausarbeit im Umbruch, 1880 bis 1930"; ihre Dissertation schrieb sie über die Geschichte der Textilverarbeitung.
Doch bei ihren Forschungen war sie immer häufiger in historischen Frauenzeitschriften auf Anzeigen gestoßen, die mit Schlagzeilen wie "Vibration ist Leben" seltsam geformte Geräte zur Förderung von "Lebenskraft und Schönheit" anpriesen. Auch in der Sammlung eines Museums stieß sie auf "Skelettmuskulatur-Entspannungsapparate", die erstaunliche Ähnlichkeit mit modernen Freudenspendern aufwiesen. Maines fand heraus, daß die Geräte einer langen Tradition heute verpönter Massagetechnik entstammen.
Ihr gerade erschienenes Buch "The Technology of Orgasm" geht zurück bis zu Hippokrates und Platon, in deren Werken die Genitalmassage bereits als probates Mittel bei der Behandlung von "Hysterikerinnen" gepriesen wird**.
Hysterie heißt im griechischen Wortstamm nichts anderes als "vom Uterus ausgehend", und so galten die typischen hysterischen Beschwerden, wie allgemeine Unleidlichkeit, Schlafstörung und Ohnmachtsanfälle, als Folge eines Staus von Körpersäften im weiblichen Geschlechtstrakt.
Der Heilkundige Arnaldus von Villanova etwa beschrieb im 13. Jahrhundert die günstige Wirkung innerer Massage bei "Witwen und Nonnen". Der damals berühmte Chirurg Ambroise Paré empfahl im 16. Jahrhundert den Einsatz des "Fingers einer Hebamme". Abraham Zacuto legte im 17. Jahrhundert "gottesfürchtigen Ärzten" die delikate Handarbeit nahe, wenn von der Hysterie befallenen Frauen ob ihrer Krankheit der Tod drohe.
Im ausgehenden 19. Jahrhundert, so notierte ein zeitgenössischer Arzt, hatte jeder Heilkundige unter seinen weiblichen Kunden "ewige Patienten", die er über Jahre hinweg, üblicherweise wöchentlich, zur manuellen Linderung hysterischer Beschwerden aufsuchte.
Erstaunlicherweise schien die medizinisch indizierte Fummelei keineswegs Argwohn oder Eifersucht der Ehegatten hervorzurufen; deren Logik zufolge war zentrales Ziel des Geschlechtsaktes der männliche Orgasmus. Was Frauen unter ärztlicher Zuwendung erlebten, galt folglich nicht als sexueller Lustgewinn, sondern als "hysterischer Paroxysmus", eine "Krise", wie sie auch bei fiebrigen Erkrankungen der Genesung vorausgeht.
Gelehrte der renommierten Pariser Klinik Salpêtrière protokollierten in einem dreibändigen Werk detailliert Muskelspasmen und unartikulierte Schreie ("Oue!, Oue!") von Patientinnen unter der Behandlung.
Darauf, daß auch den Medizinern die Unterleibsmassage heimliches Vergnügen bereitet hätte, gebe es keinen Hinweis, schreibt Historikerin Maines. Ganz im Gegenteil, schon im 17. Jahrhundert machten Heilkundige ihre Abneigung gegen die diffizile, langwierige und für sie anstrengende Therapie aktenkundig.
Freudig begrüßte die medizinische Zunft mechanische Hilfen. 1869 ließ sich der amerikanische Arzt George Taylor den dampfbetriebenen "Manipulator" patentieren, dessen vibrierender Kopf in der Mitte einer Massageliege installiert war - ein Gerät, das wegen seiner Größe und der nötigen Infrastruktur allerdings nur für Kliniken geeignet war.
In vielen Kurbädern wurden Gerätschaften zur Anwendung der "aufsteigenden Dusche" installiert, die stimulierende Wasserstrahlen durch die zentrale Öffnung in einer Art Stuhl applizierten. Ganz ähnlich hielt der zum Hydrotherapeuten berufene Pfarrer Sebastian Kneipp den auf die Hüftgegend gezielten kräftigen Wasserschwall bei der Behandlung weiblicher Unpäßlichkeit für angezeigt.
Auch mit druckluftbetriebenen Rüttlern experimentierten findige Medizinpioniere. Den ersten elektrisch motorisierten Vibrator konstruierte Joseph Mortimer Granville um 1880. Trotz der schweren Batterie galt das Gerät als transportabel. Mißlich nur, daß seine Energiereserven oft im entscheidenden Moment der Behandlung zur Neige gingen.
Einen wahren Boom erlebte die Vibrationstherapie, als wenig später Geräte auf den Markt kamen, die mit normalem Haushaltsstrom gespeist werden konnten. Beeindruckende verchromte Apparate mit wuchtigen Holzgriffen hielten Einzug in die Arztpraxen. Deckenmontierte Geräte mit flexiblen Wellen gemahnten an Kraftschrauber, wie sie heute in Autowerkstätten im Einsatz sind.
Dank solcher Hilfsmittel konnten Ärzte die hysterische Krise statt in stundenlanger Handarbeit in nur zehn Minuten hervorrufen und den Umsatz ihrer Praxen beträchtlich steigern.
Mit Argwohn betrachteten sie den weiteren technischen Fortschritt, der immer kleinere Apparate hervorbrachte, bis sie Anfang dieses Jahrhunderts sogar zur häuslichen Selbsttherapie geeignet waren.
In kaum verschlüsselten Anzeigen warben Hersteller um Kundinnen. Die American Vibrator Company etwa pries ein Gerät an, das "niemals müde wird". Die Firma Star empfahl "entzückende Begleiter", die mit ihrem etwa zwei Meter langen Kabel "ideal für Wochenendreisen" seien.
Die medizinische Fachliteratur der Jahrhundertwende warnte vor der "Vulgarisierung" der Technologie. Durch die Investition in Qualitätsgeräte wie das 200 Dollar teure Modell "Chattanooga", das nur an Ärzte verkauft wurde, so riet ein Kollege, könne man Seriosität demonstrieren.
Für nur fünf Dollar, kaum teurer als eine medizinische Therapiesitzung, war dagegen der "Bebout"-Vibrator zu haben, den - wie es in einer Anzeige aus dem Jahr 1908 heißt - eine Frau erfunden habe, die "die Bedürfnisse einer Frau" gut kenne. Das Versandhaus Sears, Roebuck & Company pries noch 1918 unter der Rubrik "Hilfen, die jede Frau zu schätzen weiß" den "Haushaltsmotor" als eine Art Universalbeglücker an: Durch entsprechende Adapter konnte er sowohl als Vibrator wie auch als Antriebsaggregat für Mixer und Nähmaschine dienen.
Um 1920 verschwanden solche Anzeigen plötzlich aus den seriöseren Publikationen und die therapeutischen Hilfsmittel aus den Arztpraxen. Warum, darüber kann auch Maines nur spekulieren.
Zum einen, so meint die Forscherin, habe sich dank Sigmund Freud die Meinung verbreitet, daß hysterische Erkrankungen eher durch analytische Gespräche als durch Handanlegen zu heilen seien. Zum anderen sei die "soziale Tarnung" des Vibrators aufgeflogen, als die Geräte erstmals in Pornofilmen auftauchten.
Nun konnte niemand mehr vorgeben, die Elektrostimulatoren hätten nichts mit Sex zu tun. Und welcher Ehemann wollte schon auf dem heimischen Nachttisch jenes Objekt entdecken, das er zuvor im Schmuddelkino bestaunt hatte?
JÜRGEN SCRIBA
* Aus dem Antique Vibrator Museum in San Francisco. ** Rachel Maines: "The Technology of Orgasm". Johns Hopkins University Press, Baltimore; 184 Seiten; 22 Dollar.
Von Jürgen Scriba

DER SPIEGEL 1/1999
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