04.01.1999

THEATERHöllengelächter

Der Bühnen-Exzentriker Andrej Woron inszeniert in Berlin Gogols Roman „Tote Seelen“ als abgründige Groteske.
Eine muntere Kreditgaunerei, Komödienstoff: Der mißratene Tschitschikow macht Geld mit Kartei-Leichen. Für ein paar Kopeken kauft er Gutsbesitzern die verstorbenen Leibeigenen ab und pumpt sich, mit diesen Listen "toter Seelen", Riesensummen zusammen.
Als allerdings Nikolai Gogol seinem Freund Alexander Puschkin die ersten Kapitel seines Poems "Tote Seelen" vorlas, wurde jener, der sonst gern lachte, "immer trübsinniger und war schließlich ganz verdüstert". Schließlich seufzte er: "Mein Gott, wie traurig ist doch unser Rußland." "Seitdem", notierte Gogol 1843, "denke ich nur mehr daran, wie dieser niederschmetternde Eindruck gemildert werden könnte." Es gelang ihm nicht. Seine Figuren sperrten sich gegen kosmetische Aufhellungen. Kurz vor seinem Tode verbrannte Gogol alle weiterführenden Fassungen.
Jetzt erfährt Gauner Tschitschikow doch noch eine Art Ehrenrettung: In der Berliner Volksbühne hat der polnische Theater-Metaphysiker Andrej Woron den Roman aufbereitet, und siehe: Die Groteske ist rotztraurig und brechend komisch zugleich, und am Ende haben wir nicht nur Mitleid mit Tschitschikow, sondern mit all den anderen traurigen Seelen dieses Irrsinnsspiels, den Lebenden und den Toten. Bei Woron ist Tschitschikow (Peter René Lüdicke) zunächst ein munterer Turbokapitalist mit rotem Anzug und Vertreterköfferchen. Ihm zur Seite der Teufel Selifan (Janusz Cichocki), der ihn mit dem Motorrad auf diabolische Einkaufstour über die Dörfer fährt.
Wie stets hat Woron Bühne und Kostüme, Figuren und Masken selber angefertigt. Woron, halb Russe, halb Pole, begann als Maler, Bildhauer, Kulissenbildner. In einem Kreuzberger Fabrikraum hatte er Anfang der neunziger Jahre Furore gemacht. Seither ist er berühmt für Bilderzauber - es gibt wohl keinen zweiten, der die untergegangenen russisch-orthodoxen Dorfwelten so zum Leuchten bringen kann.
Seine Bühne ist ein Elendsstall aus Brettern, Ikonen und Kreuzen. Unten die ärmliche Hüttenzeile der Muschiks, darüber die Balustrade der Beamten und oben der goldene Schwanen-Thron des Gouverneurs. Die Lehnspyramide als Polit-Altarbild - über allem schwebt als heiliger Geist der leuchtendrote Stern der Sowjets.
Gogol hat in seinen "Toten Seelen" die zaristische Gesellschaft beschrieben, und Woron verlängert die Perspektive über Revolution und Bürgerkrieg hinaus, zitiert stalinistische Tribunale und Durchhalteappelle ans Volk. Die Haltungen ähneln sich ohnehin: Die oben herrschen grausam, die unten leiden dumpf und applaudieren ihren Peinigern - so ist der Mensch.
Doch schon Gogol hatte mehr im Sinn als naturalistische Gesellschaftskritik, und auch Woron erschöpft sich längst nicht darin, einen historisch erledigten Kadaver - die Sowjetunion - zu treten. Hier geht es um Himmel und Hölle, um Erlösung und Schuld - in den Gutsbesitzern begegnen wir Allegorien der Todsünden: Freßsucht, Habgier, Wollust, Neid.
Es ist, als fänden sich Gogols gestochene Porträts in Worons Maskentheater erlöst. Sie sind komisch. Grauenvoll komisch und von böser, überschießender Poesie - der erste große naturalistische Roman Rußlands wird zurückverwandelt in einen surrealistischen Traum, und Woron findet Bilder dafür. Der Dorftrottel, der zu Beginn aus einem Verschlag kriecht und seinem Napf entgegengrunzt, ist ein heiliger Idiot, dem ein zweites Gesicht auf die Wange modelliert wurde. Dem Matrosen spült das Haar als riesige Bugwelle aufs Käppi zurück, und Miluschkin steht es als erstarrte Stichflamme lodernd auf dem Kopf.
Fratzen sind sie alle, grotesk vergrößert: der habgierige Pluschkin sitzt erfroren in schimmelnder Palastgruft vor einem Projektor, der Stummfilm-Pornos an die Wand wirft. Nosdrew, der Herrenreiter mit der roten Fratze, prügelt seiner Schindmähre das Fleisch von den Knochen, so daß es in Fetzen herabhängt. Er liebt die Jagd. Hier wird sie in einer Kirmesbude ausgerichtet. Die Knechte halten Hasen in die Höhe. Manchmal verrutscht dem Herrn ein Schuß nach unten, und er muß lachen, wenn wieder ein Knecht fällt.
Und wenn dem völlenden Sobakewitsch, dem prächtigen Ulrich Voß, in der Feilscherei über die toten Seelen das Blut sinkt, rollen Sanitäter auf die Bühne mit Schläuchen und Kanülen und pumpen ihn wieder auf - mit dem Blute seines Knechts, der als schlappe Hülle zurückbleibt.
Drastisches Theater, zu dem Komponist Janusz Stoklosa einen wunderbaren Kino-Soundtrack mit Balalaika-Fetzen, Hymnen und nervenzerrenden elektronischen Klangkulissen geschaffen hat. Alles mündet in ein geisterhaftes Schlußtableau, in ein Hochzeitsbankett mit lebensgroßen Puppen - all den toten Seelen. Tschitschikow übrigens bleibt am Ende bei seinen Dörflern. Sein erschwindelter Reichtum ist ihm nichts wert - so mitfühlend war Gogols Gauner nie. Selifan, der Teufel, spuckt ihm daraufhin auch angewidert ins Gesicht.
Worons Theater ist ein komplizierter Mummenschanz aus drehenden Bühnen und Dampfschwaden auf Stichwort, aus Musikeinsätzen und jähen Lichtwechseln. Dazu zwei Ensembles, das internationale Worons und das der Volksbühne, bunt zusammengewürfelt. Auf der Hauptprobe, einen Tag vor der Premiere, klappte noch längst nicht alles. Weshalb Woron im wesentlichen immer nur eines in den dunklen Zuschauersaal brüllte: "Kurwa". Das ist nicht Gogol, sondern eine derbe Bezeichnung für eine Prostituierte.
Aber schließlich: Wer viel riskiert, hat manchmal glänzend Glück, und manchmal muß er eben "Kurwa" brüllen. Und nur das ist lohnendes Theater. MATTHIAS MATUSSEK
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 1/1999
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