08.02.1999

KIRCHENLieber einen Supermarkt

Erst blieben die Gläubigen weg, dann verfielen die leeren Gotteshäuser im Osten Deutschlands. Denkmalschützer wollen den drohenden Abriß der Ruinen verhindern.
In Milow soll der Teufel die Kirche holen. Zumindest eine der beiden. Der kleine brandenburgische Flecken in der Nähe von Rathenow hat in einem Abstand von gerade mal 1000 Metern zwei Gotteshäuser: eine schon zu DDR-Zeiten gepflegte Fachwerkkirche und die ungeliebte Kolonistenkirche am anderen Ende des Ortes. Das sei, sagt Pfarrer Eckhard Barsch, "zuviel für ein 1500-Seelen-Dorf mit 300 Gemeindegliedern, von denen nur etwa 25 die Gottesdienste besuchen".
Deshalb hat der Milower Gemeindekirchenrat nun mit Billigung des Konsistoriums die Kolonistenkirche, die bereits 1955 die Hälfte ihres Turmes eingebüßt hat, verkauft und Antrag auf Abriß gestellt. Auch die Kommune hat dazu ihren Segen gegeben.
"20 Jahre lang war es Thema fast jeder Gemeinderatssitzung. Nun muß ein Schlußstrich gezogen werden", sagt Amtsdirektor Günter Geib, der selbst einst in der Leopoldsburger Kirche konfirmiert wurde. Der Verwaltungschef, der sich zu DDR-Zeiten für den Erhalt beider Kirchen engagierte, gibt heute irdischem Verlangen den Vorrang, "weil sonst der Ort zur Bedeutungslosigkeit verkommt". Die Milower wollen statt der Kirche lieber einen Supermarkt.
Die Frage, wie viele Kirchen der Osten denn braucht, wird nicht nur in Milow mit einem Abrißantrag beantwortet. Obwohl das Land, die Stiftung Denkmalschutz, die Berlin-Brandenburgische Landeskirche und private Förderer von 1993 bis 1996 in rund tausend Fällen über 450 Millionen Mark investierten, gelten von den 1800 Kirchen Brandenburgs noch immer etwa 200 als gefährdet.
Im Konsistorium der Landeskirche wird zur Zeit eine "Leitlinie für die Gebäudebedarfsplanung" erarbeitet - einziges Ziel: konzentriertere Kirchenarbeit in immer weniger Gebäuden. Auf dem Lande versorgt schon heute ein Pfarrer zwischen fünf und neun Gemeinden.
Den Abriß einer Kirche mag sich Oberkirchenrat Jürgen Zwirner zwar erst als letzte Konsequenz vorstellen. Doch könne man nicht davon ausgehen, "daß dies absolut ein Tabu bleibt".
Wo die Kirche schon aufgibt, kämpfen noch die Denkmalschützer, oft in Zusammenarbeit mit dem Förderkreis "Alte Kirchen". Sie tun sich schwer, niederzureißen, was 40 Jahre DDR überstanden hat.
Gemeinsam habe man auch das Gotteshaus von Saaringen gerettet, wo 1997 erstmals in Brandenburg eine Kirchengemeinde einen Abrißantrag gestellt hatte. Auch die Seelower Kirche fand einen Förderer - in ihrem Taufregister steht der Name Werner Otto. Der Gründer des Hamburger Versandhauses unterstützte den Wiederaufbau des Kirchturmes mit 1,3 Millionen Mark. In Müncheberg fanden Kommune und Kirche zusammen und bauten, dem Bug einer Arche gleich, für Bibliothek und Tagungsräume einen vierstöckigen Bootsleib in das ruinöse mittelalterliche Kirchenschiff.
Doch selbst die Pfarrer finden nicht immer, daß die Kirche im Dorf bleiben sollte - sie haben gar nicht mehr genug Gläubige, um die Gotteshäuser füllen zu können. Gehörten 1946 im Osten Deutschlands noch etwa 94 Prozent der Bevölkerung einer christlichen Kirche an, sind es inzwischen nur noch 26 Prozent.
Während die Berlin-Brandenburgische Kirche sich nun zum geordneten Rückzug formiert, gehen die Landeskirchen von Thüringen, Sachsen und Pommern eindeutig in Position: Kein Abriß, kein Verkauf von Kirchen. Mecklenburg und die Kirchenprovinz Sachsen haben sich nach ersten unrühmlichen Entscheidungen inzwischen zu der Aussage durchgerungen, Abrisse "möglichst" zu vermeiden.
Oberkirchenrat Ulrich Böhme von der Evangelisch-Lutherischen Kirche Sachsen nennt dafür vor allem übergeordnete Gründe: Der Verlust von Kirchen würde den alltäglichen Atheismus verstärken, in dem das Christentum auch als Bildungsgut nicht mehr vorkommt.
Auf Initiative der EKD wurde jüngst eine "Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland" gegründet. Mit einem Stiftungskapital von zehn Millionen Mark kann sie jedoch nicht mehr als Mittler zwischen Bedürftigen und potentiellen Geldgebern sein. Angesichts fehlender Gelder werden immer häufiger auch halbherzige Lösungen akzeptiert. Im sachsenanhaltinischen Werderthau wandte sich Pfarrer Christoph Schulz direkt an den Staat mit der Bitte um Teilabriß der ohnehin nicht mehr benötigten barocken Dorfkirche. Dagegen hatten Bürgermeisterin und Vertreter der unteren Denkmalschutzbehörde bis zuletzt für eine Notdachsicherung gekämpft.
Nun werden lediglich der vor kurzem sanierte Turm und die Mauern des Kirchenschiffs stehenbleiben. Im Regierungspräsidium Halle wurden die Abrißgegner mit dem Hinweis auf einen möglichen späteren Wiederaufbau getröstet. Dagegen steht allerdings die Erkenntnis des Vorsitzenden der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, Gottfried Kiesow: "Ruinenpflege ist die teuerste."
Entscheidungen wie die von Werderthau könnten zum Signal für andere Kirchengemeinden im Umgang mit dem steingewordenen Gotteswort werden.
Auch im brandenburgischen Milow kämpft man inzwischen stückweise um die Leopoldsburger Kirche, die 1757 von Prinz Moritz von Anhalt, dem Sohn des "Alten Dessauers", erbaut worden und 1992 unter Denkmalschutz gestellt worden war. Sie hatte schon 1964 ihre letzte Funktion als Möbellager verloren und war Schwamm, Hausbock und Naßfäule überlassen worden.
Selbst wenn nun auf dem geweihten Boden wie von den Dorfbewohnern gewünscht ein Einkaufscenter gebaut wird, soll das seltene Zeugnis der anhaltinischpreußischen Verbandelung - wenn auch in unvollkommener Form - vielleicht einen Platz im Supermarktkonzept finden. Amtsdirektor Geib kann sich nun doch noch ein bißchen Kirche auf den 2000 Quadratmetern Einkaufsgelände vorstellen - vielleicht in Form von Apsis, Gedenktafel und gepflastertem Grundriß des Restes. Allerdings würde dann der Abdruck des Turmes wohl in die Gemüseabteilung ragen.

DER SPIEGEL 6/1999
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