04.06.2012

DEBATTEDer neue Mensch

Über die alberne Hoffnung auf eine Jugendrevolte im Netz Von Matthias Matussek
Was an der Beschäftigung mit den Piraten wohl am meisten verstört, ist die Bereitschaft vieler Meinungsmacher zur Regression. Was müssen wir mit unserem Latein am Ende sein, wenn wir die Zukunft in die Hände dieser mal ratlosen, mal zynischen Rasselbande legen wollen. Wir scheinen auf eine neue Jugendrevolte zu hoffen - wer kann schon den Kapitalismus leiden in diesen Tagen! Aber was für ein Trugschluss, sie unter den Piraten zu suchen. Der neue Mensch, der sich da so auffällig in Szene setzt, ist erst mal nur ein junger Mensch, der anders spricht und anders konsumiert.
Eine ganze Gesellschaft lächelt nachsichtig über den Netzrevolutionär, um nicht als dumm oder gestrig oder dummgestrig zu gelten. Der Streit ums Urheberrecht hat das einmal mehr vorgeführt. Stets geht es um diesen imaginären 17-Jährigen (oder noch Jüngeren), der mal einen Song "aus dem Netz" heruntergeladen hat und nun vor maßlosen Verfolgungen durch bösartige Inkassounternehmen geschützt werden soll. Ja, ein ganzer rechtlicher Rahmen soll korrumpiert werden, um diesen Wohlstandsteenager zu schützen, der den neuesten Lady-Gaga-Song kostenfrei haben will.
Meistens stellt man ihn sich als umweltbewegten idealistischen Nerd ohne Taschengeld vor. Wieso eigentlich? Könnte er nicht auch ein aufgepumpter Bully sein, der anderen Kindern das Handy wegnimmt?
Doch die Bullerbü-Version eines geistesgeschichtlichen Epochenwandels hält sich hartnäckig. Vielleicht weil auch die neuen, jungen Netzmenschen ihren Jargon der Eigentlichkeit haben. Es ist nicht das ontologische Murmeln Heideggers, sondern das genauso erratische Mechaniker-Gequatsche von Programmierern. Er, der Netzaktivist, liest das amerikanische "Wired"-Magazin, schwärmt von 3-D-Druckern, die Geschirr ausspucken und anderes Zeug, hat immer das "nächste große Ding" im Visier und sowieso das Gefühl, die anderen, die Unwissenden, meilenweit abzuhängen.
Und plötzlich schweben Erfindungen wie "Liquid Democracy" über uns wie bunte Luftballons über einem ewigen Kindergeburtstag und sollen die Welt retten.
Sie geben sich kapitalismuskritisch, aber ihre Vorstöße zum Urheberrecht sind nichts anderes als Aufstände aus der Welt der Wohlstandsverwahrlosten, die alles umsonst haben wollen und ergo diejenigen, die ihnen das verweigern, als "humorlos" beschimpfen. Die Autoren und Künstler, die sich mit ihrem Aufruf gegen die Ideologie des Massenklaus zur Wehr setzten, seien, so heißt es, aufgeblasen und machten Angst. Auf ihrem Weg in eine grandiose Zukunft haben die Kids zwar noch keine Antworten, aber sie fühlen sich den "professionellen Antworthabern" moralisch um Meilen voraus.
Wie vor knapp einem halben Jahrhundert scheint der Jugendkult der wirksamste Schutz für jede Sauerei zu sein. In einer 101 Punkte umfassenden Liste zu einem neuen Urheberrecht meldeten sich 101 Piraten mit ihren Eingaben. Schon der zweite Eintrag spricht mahnend davon, dass derzeit "Kids kriminalisiert werden, die nichts anderes tun als wir damals, wenn wir Kassetten auf dem Schulhof getauscht und kopiert haben". Es sind doch Kinder, herrgottnochmal!
Die Piraten formulieren ihre Bürgerverachtung mit der gleichen Überheblichkeit wie die 68er. Der Unterschied: Damals wurde gelesen, gelesen, gelesen. Ein Emblem der 68er war der Büchertisch vor der Uni-Mensa mit, jawohl, den Raubdrucken von Benjamin, Trotzki, Bakunin, Adorno, Reich. Doch dieser revolutionäre Bildungshunger etablierte tatsächlich einen Kanon unterdrückter Literatur. In der Copy-and-Paste-Kultur des Netzes von heute dagegen wird nicht mehr gelesen, sondern gescannt. Von Büchern bleiben Slogans und Klappentexte, und schon das ist eine Entwertung der Autoren.
Möglicherweise verdankt sich die dröhnende politische Leere aller Piraten-Verlautbarungen dieser feuilletonistischen Jagd nach dem neuesten Reiz. Dem nächsten Ding. Übrig bleibt das tautologische "Dada" der Netzavantgarde, die in erster Linie auf - das Netz verweist. Sie macht ihre Methode zum Inhalt, und diese Mechanik greift über auf andere Protestmilieus. In der New Yorker Occupy-Zeltstadt, dem Happening für Kapitalismuskritiker, war es die Methode des "menschlichen Megafons", die gefeiert wurde, und nichts als das. Einer spricht vor, 5 sprechen nach, dann 50, dann 500. Dass auf diese Weise nicht mehr transportiert werden kann als die verkürzte Losung, macht nichts. Auf solchem Entdeckerniveau wird an der neuen Welt gebastelt. Es ist das Theorieniveau des "Yps"-Magazins, das uns erklärte, wie man mit einer Scherbe und einer Paketschnur Feuer macht.
In den albernen Trivialmythen der neuen Netznomaden fließen unübersehbare Elemente der Science-Fiction-Literatur und der Comics zusammen. Die Kolumne des sicherlich amüsantesten Netzkolumnisten, des Irokesen Sascha Lobo, heißt: "Die Mensch-Maschine". Darin steckt der Cybernautentraum von Erlösung und ewigem Leben im Netz, natürlich eine kindische theologische Travestie, die aber unendlich viele Phantasien befeuert. Der neue, der erlöste, der gerechtfertigte Mensch ist der verkabelte - erste Exemplare lassen sich auf den Parteitagen der Piraten hinter dem Kabelsalat ihrer Rechner besichtigen. Die reale Welt, das ist der Grundverdacht vieler Piraten-Aktivisten, verdankt ihre Probleme Programmierfehlern, die zu beheben wären.
Diese Maschinenmenschen rufen zwar ständig den Tod des Autors aus, aber das tun sie dann doch mit der allergrößten Autoren-Angeberei. Alles, so die Behauptung, sei ein großer Textfluss, der über die Bildschirme ströme, der von Tausenden Autoren stamme und sich nur zufällig verdichte im Einzelnen. Da ist der Gedanke an eine völkische Textgemeinschaft nicht weit. Interessanterweise wurde der Urhebergedanke auch während der Nazi-Zeit stark abgewertet - da galt der Autor dann lediglich als "Treuhänder des Werkes" für die Volksgemeinschaft.
Ihr Protest, so die Piraten, richte sich gegen die Verwerter, ein Begriff, der eine grauenhafte Konnotation enthält, nämlich die einer selbst nicht kreativen Zwischenschicht, die sich vampiristisch auf der einen Seite am Talent und auf der anderen Seite am (Netz-)Volk gütlich tut. In den Karikaturen der dreißiger Jahre kam sie als Parasitenbande von jüdischen Krämern, Händlern und Finanzbossen vor.
Wird der Netzrevolutionär die Welt retten? Quatsch! Er kopiert lediglich überholte Protestformen. Sibylle Lewitscharoff, Autorin des wunderbaren Romans "Blumenberg", erkannte jüngst in der Anmaßung der Piraten Ideologeme der eigenen Kulturkampfzeit wieder. Sie erinnerte sich - in der "Frankfurter Allgemeinen" - an Tage, als der Diebstahl von Büchern als revolutionäre Tat galt. Es waren die Tage der "Klau mich"-Bewegung. Doch dann, mit 17, sei ihr klar geworden, wie kurzgeschlossen dieses Indianerspiel war.
Für sie stand tatsächlich Kultur auf dem Spiel, und dazu gehörte durchaus die Tatsache, dass man warten musste, bis man sich leisten konnte, das betreffende Buch - bei ihr war es eines über Kathedralen - besitzerstolz nach Hause zu tragen. Auch dieser kultivierte Triebaufschub erhöhte ihr den Wert des Buchs. Mit der Subito-Befriedigung durch einen Buchklau im Netz dagegen wird das Werk entwertet und der Autor. Uns kommt etwas abhanden: die Achtung vor geistiger Leistung. Und die vorm Mitmenschen. Das Unrechtsbewusstsein schwindet, es sei denn, es handelt sich um Politiker, die man nicht mag - dann bilden die Plagiatsfahnder die allergehässigsten Jagdgemeinschaften.
Die französischen Revolutionäre hatten im Urheberrecht noch das Naturrecht und ergo: ein Menschenrecht erkannt. Schon immer haben sich Autoren gegen das Pirateriewesen zur Wehr gesetzt. Charles Dickens zum Beispiel, der unermüdliche Agitator gegen die Elendsverhältnisse des Frühkapitalismus, verwandelte seine erste Amerika-Reise in eine Kampagne gegen amerikanische Raubkopisten und machte sich die Nation zum Feind.
Dickens genoss seinen Ruhm - und kämpfte um Honorare. Aber da wären ihm die Leviten gelesen worden von Pavel Mayer, einem Cheftheoretiker der Piraten: "Materielle Unzufriedenheit bei den Wohlhabenderen ist primär ein Problem fehlgeleiteter Willensbildung." Womit wir dann Bullerbü verlassen und uns direkt ins Reich der Umerziehungslager begeben.
Mayer ist nicht irgendeiner. Er rühmt sich als Verfasser der Abhandlung "Braucht die Welt die Piratenpartei oder die Ankunft der zweiten postmateriellen Internationale". Es geht darin - wie im ehrwürdigen "Kommunistischen Manifest" - um nichts Geringeres als den Epochenwandel und den neuen Menschen. Mayer ist ein erster Bewohner der postmaterialistischen Welt. Er muss zwar weiterhin im Supermarkt einkaufen und bezahlen (warum eigentlich?) und wahrscheinlich auch aufs Klo und ganz gewöhnliche Grippen durchstehen, aber ansonsten ist er - frei! O-Ton Mayer: "Die Piraten sind sogar derart postmaterialistisch, dass man wohl treffender den Begriff 'Immaterialisten' für die Piratenpartei nehmen sollte." Klingt das nicht doch stark nach einem dieser kontaktgestörten Spinner aus der US-Soap "The Big-Bang-Theory"?
Piraten leben von einer höchst zwielichtigen Selbstlegitimation als Kulturrevolutionäre, sind aber ohne jeden moralischen Kompass unterwegs. Was auffällt, ist, so die "FAZ", eine "leichtentzündliche Wut", mit der sie alle überziehen, die weniger ergriffen sind vom Internet als sie selber. Sie sind: dagegen. Sie sind: die Reaktion auf Originale. Sie reagieren "auf offizielles Zeug", sagt Marina Weisband, und die ist noch eine der Sympathischen.
Sie wollen die totale Transparenz, sie wollen ohne Hierarchien arbeiten. Das ist die nicht gerade neue Utopie, die sie in unser System tragen wollen. Im New Yorker Zuccotti-Park wurde sie von den Occupy-Aktivisten schon einmal versucht. Sie scheiterten bereits an den Trommlern, die sich auf der Südseite des Parks breitgemacht hatten und alle anderen terrorisierten - mit ihrem Trommeln, auf dem sie als ihrer Form der Kommunikation bestanden. Außerdem gelang es nicht, der Übergriffe auf Frauen oder der Drogendealer Herr zu werden, geschweige denn, den Kapitalismus zu überwinden.
Das Vertrackte am Traum totaler Herrschaftsfreiheit ist ja, dass er in der Praxis Repressionsapparate und Terror geradezu gebiert. Müssen wir das immer neu lernen? Die naive Spaßguerilla der Kommune 1 hat durchaus mitgearbeitet am Terror der RAF, weil sie den Systemsturz zu Pop machte. Gleichzeitig haben die Aktionen der amerikanischen SDS (Students for a Democratic Society) und der radikalen Yippies letztlich erst zum Wahlsieg Nixons geführt.
Die Verletzungsbereitschaft und die Geistfeindlichkeit mancher Netzpropagandisten und Kolumnisten sprechen jenseits aller Inhalte eine eigene Sprache. Es ist das rote Glühen einer neuen Religiosität, einer Selbstgerechtigkeit, die mit Zauderern nicht viel Federlesens machen wird. Auch das Begeisterungsfeuer von Halbwüchsigen kann, wie wir von den totalitären Jugendkohorten des vergangenen Jahrhunderts wissen, zu Verheerungen führen. ◆
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 23/2012
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