11.06.2012

MANAGER„Offenkundige Geldnot“

Der ehemalige Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zahlt nicht mehr die Charter für seine Luxusyacht im Mittelmeer - und streitet sich nun mit den Eigentümern des Schiffs vor Gericht.
Pleasure Yacht. Ob der Gutachter einen Moment gezuckt hat, bevor er das Wort hinschrieb? Aber vielleicht ist das an der Côte d'Azur ja auch nur der gängige Begriff für eine Yacht wie die "Medici", 5550 PS und so gierig nach Sprit, dass die Zwölfzylinder-Turbos 1000 Euro in der Stunde fressen.
Eine Yacht zum Vergnügen - so steht es im Wertgutachten, das die Eigentümer vor einem Jahr über das Boot vom Typ "Mangusta 108" anfertigen ließen. Doch für den ehemaligen Arcandor-Chef Thomas Middelhoff trifft das längst nicht mehr zu. Vor gut fünf Jahren hatte er den weißen 33-Meter-Keil gechartert. 72 392 Euro zahlte er dafür, jeden Monat, nur um das Boot zu besitzen. Dazu dann noch die Liegegebühren, das Geld für Minimum drei Mann Besatzung, Diesel, Steuern. Manchmal will man damit ja sogar fahren.
Heute dagegen will sich Middelhoff das alles nicht mehr leisten; er hat die Zahlungen für die "Medici" gestoppt. Und von den Eigentümern, die ihn dafür verklagt haben, muss er sich vorhalten lassen, dass er es sich auch nicht mehr leisten kann. "Offenkundige Geldnot" sagen sie ihm nach. Der "Wegfall seiner früheren Einkünfte" rechtfertige noch lange keinen Ausstieg aus den Vereinbarungen.
Der Streit um das Luxusspielzeug im Hafen von Vallauris-Golfe-Juan wirft ein Licht auf den Absturz des früheren Superstars unter den deutschen Vorstandschefs - und auf seine angeblichen Managementqualitäten. Noch immer lässt sich Middelhoff von teuren Anwälten den Ruf polieren: "Das Ehepaar Middelhoff nagt nicht am Hungertuch", wiegelt einer von ihnen ab, der Stuttgarter Winfried Holtermüller. Die Middelhoffs könnten auch langjährige Prozesse "finanziell locker durchstehen". Doch in den Schriftsätzen, mit denen "Big T", wie er früher mal genannt wurde, auf die Klage antworten lässt, klingt das längst anders. Nach ziemlich pleite.
Da steht nämlich, dass heute Middelhoffs "Verschuldungsfähigkeit weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus überspannt" sei. Nicht wegen der Yacht, sondern vor allem wegen ihrer Miteigentümer. Dazu gehören der Immobilienentwickler Josef Esch und Matthias Graf von Krockow, früher Gesellschafter der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim.
Die beiden, so beklagen sich Middelhoffs Juristen, hätten den Manager und seine Frau dazu verführt, in Immobilienfonds einzusteigen, "die zwingend den finanziellen Ruin des Beklagten und seiner Ehefrau zur Folge haben mussten". Und das alles will Middelhoff erst erkannt haben, als es zu spät war. In "blindem Vertrauen" sei er in die Dinge hineingerannt, behauptet er. Ausgerechnet er, der doch als Manager angeblich den Durchblick hatte wie kaum ein anderer. Das ist sicher ein Problem an seiner Argumentation. Auch bei der "Medici".
Middelhoff behauptet, Krockow und Esch hätten ihm das Boot aufgedrängt. Er erzählt dazu die Geschichte vom erfolgreichen Manager, "14 Arbeitsstunden täglich", "Terminkalender stets bis zum Überborden belastet", "eine Vielzahl internationaler Verpflichtungen", daher leider ohne Zeit, um sich um die 22 Millionen Euro zu kümmern, die er nach seinen Jahren an der Spitze des Bertelsmann-Konzerns auf der hohen Kante hatte.
Darum habe er sein Vermögen Esch anvertraut, mit dem Auftrag, "ihm künftig ein sorgenfreies Leben mit allen Annehmlichkeiten in vollkommener finanzieller Sicherheit zu ermöglichen", wie Middelhoffs Anwälte schreiben. Immerhin geben sie zu, dass ihr Mandant schon 2002 Sehnsucht nach einer Freizeityacht hatte. Aber die "Mangusta"-Yacht gekauft hätten Esch, Krockow und der Dritte im Bunde, der damalige Oppenheim-Aufsichtsratschef Georg Baron von Ullmann, ohne Middelhoff zu fragen - für 7,3 Millionen Euro. Dann hätten sie ihm angeboten, das Boot zu nutzen, für sich allein.
Was Middelhoff, der doch angeblich nie Zeit hatte, geschweige denn Freizeit, mit einer Yacht in Südfrankreich anfangen sollte, lassen seine Anwälte zwar offen. Dafür aber liefern sie ein Motiv, warum Esch ihrem Klienten das Boot angedient haben soll: um ihn "bei Laune" zu halten, vermutet Middelhoff. Und dann offenbar einfacher ausnehmen zu können.
Bei Esch und Konsorten klingt die Geschichte naturgemäß etwas anders, nämlich so: Middelhoff sieht demnach die "Medici", eine Yacht, die dem Medienunternehmer Karlheinz Kögel gehört, und setzt sich in den Kopf, dass er sie haben muss, unbedingt. Er sagt Kögel, dass er ihm das Boot abkauft. Nur hatte Middelhoff offenbar gar kein Geld dafür, zumindest nicht flüssig. Zwar hat er damals gut 20 Millionen Euro bei der Oppenheim-Bank angelegt, aber als Festgeld, an das er so schnell nicht mehr herankommt. Die Bank wollte ihm offenbar auch keinen Kredit mehr geben. Sie hatte ihm schon weit mehr als 100 Millionen Euro geliehen, damit er und seine Frau sich in die Oppenheim-Esch-Fonds einkaufen konnten.
Darum, so schreibt die Esch-Seite genüsslich, "wandte sich der Beklagte hilfesuchend an Josef Esch, wobei seine Triebfeder ebenso sehr der Wunsch war, das Schiff zu bekommen, wie die Sorge, sich durch eine Absage des Kaufs beim früheren Eigentümer zu blamieren". So weit die Version Esch.
Alles Quatsch, behaupten dagegen die Middelhoff-Anwälte. Middelhoff zu klamm, um sich die "Mangusta" zu leisten? Wäre das so gewesen, hätte er doch von der "Anschaffung sofort Abstand genommen", beteuern sie. Esch habe ihn im "Glauben gelassen, dass die Unkosten des Schiffes keine Belastung für den Beklagten darstellten". Dafür muss man bei rund 100 000 Euro im Monat allerdings schon sehr leichtgläubig sein.
Nach einem Jahr, so Middelhoffs Anwälte, sei auch ihm aber aufgefallen, dass so ein Schiff teuer ist. Doch Esch habe ihm vorgerechnet, er habe Geld genug dafür. Und das habe Middelhoff "natürlich" geglaubt. Natürlich.
Schließlich dachte Middelhoff damals in ganz anderen Dimensionen: Wie aus dem Schriftsatz seiner Anwälte hervorgeht, zahlte das Ehepaar bis Ende 2011 schier unglaubliche 76,5 Millionen Euro für die Finanzierung der Oppenheim-Esch-Immobilienfonds - weil sie ihre Einlagen auf Pump finanziert hatten. Mit "über 200 Millionen Euro" beziffern die Anwälte heute den Schuldenstand aus diesen Geschäften, ihre Mandanten seien "schwer in Mitleidenschaft gezogen" worden.
Verglichen damit sind die Kosten der "Medici" zwar Kleingeld, aber auch das muss einer erst mal übrig haben. Und in diesem Fall schmerzt die Ausgabe besonders: Middelhoff findet es unzumutbar, den Leuten, die seine "persönliche Katastrophe" verursacht haben sollen, auch noch Geld für die Yacht zu zahlen. Die aber interessiert inzwischen nicht mehr, was Middelhoff noch für zumutbar hält. Esch, Krockow und Ullmann verlangen mehr als 2,5 Millionen Euro, die Middelhoff seit 2009 schuldig blieb - plus Zinsen.
Middelhoff behauptet dagegen, das mit dem Vertrag sei ganz anders gemeint gewesen. Es habe sich nicht um einen Chatervertrag, sondern um einen Mietkauf gehandelt. Mit jeder Rate habe er ein Stück vom Boot gekauft, nach zehn Jahren hätte es ihm ganz gehören sollen. Deshalb fordert er sogar das Geld zurück, das er bisher für das Schiff gezahlt hat: 2,3 Millionen. Weil Esch, Krockow und Ullmann den Vertrag gekündigt hätten und das Schiff verkaufen wollten, könne er die Yacht nicht mehr übernehmen, sei seine Anzahlung verloren.
Von Mietkauf steht in dem Vertrag allerdings kein Wort. Was Middelhoff beim Unterschreiben wohl nur nicht aufgefallen war.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 24/2012
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