11.06.2012

UNTERHALTUNGIm Troststadl

Sie wird immer wieder totgesagt, doch Volksmusik lebt von der Treue ihrer Verehrer. Die Fans schweben in einer Parallelwelt jenseits der schlechten Nachrichten und verehren Stars, die so sind wie sie selbst.
Marilena Kirchner sitzt im Shopping-Center Nord der Stadt Graz und malt Herzchen auf das "i" in ihrem Namen. Die Leute gehen vorbei, sie kennen sie nicht. Ihre Autogrammkarten sind rosa. Sie hat Marzipanschweinchen als Fan-Geschenke mitgebracht. Sie sitzt zwischen einer Eisdiele und dem Saturn-Elektromarkt.
Es waren anstrengende Monate für die 14-Jährige, sie ist durch Bierzelte gezogen und hat immer wieder ihr Lied gesungen: "A Lausbua muass er sei", sie hat das rosa Dirndl getragen und fortwährend gelächelt.
Sie wäre gern ein Star. Volksmusik oder doch lieber Schlager? "Das weiß ich noch nicht so genau." Sie hat Preise gewonnen und getanzt, mal inmitten von Watteschnee und Glitzerflocken, mal neben gigantischen Obstkörben im Blumenmeer. Man hat ihr Schokolade zugesteckt und auf den Hintern ge guckt.
Marilena hört nicht Lady Gaga oder Tokio Hotel. Ihre Vorbilder sind Helene Fischer, Schlagerprinzessin, Deutschlands erfolgreichste Sängerin, und Andreas Gabalier, der Rebell der Branche.
Der 27-Jährige rockt, das schwarze Haar zur Tolle aufgetürmt, die Konzerthallen von Hamburg bis Linz, tobt in knappen, speckigen Lederhosen über die Bühnen, dazu trägt er gestrickte Wadenschützer und Jackett. Er röhrt mit tiefer Kratzstimme: "I sing a Liad fia di, und da frogst du mi, mogst mit mia taunzn gehn, i glaub i steh auf di, i hob mi vaknoit in di ...". Er lässt den Hintern kreisen, das Becken stoßen, greift sich an den Latz.
Im Publikum drängen sich die jungen Frauen, die knappen Dirndl haben sie sich extra fürs Gabalier-Konzert gekauft, dazu Haarreifen mit blinkenden Hasenohren. Sie kreischen und werfen Spitzenunterwäsche zu ihm hinauf.
"Dös eskaliert eigentlich immer", sagt Gabalier und grinst. Anfangs hätten die Leute von der Plattenfirma noch versucht, ihm den "Oarschwackler" abzugewöhnen. "Mi verbiagt koana."
Gabalier ist der Elvis der Volksmusik, in Österreich längst Superstar, er habe "alle Verkaufsrekorde gebrochen, die es je gab", in Deutschland steht sein Album "Herzwerk" kurz vor Platin. Der Steirer glaubt, ein neues Genre geschaffen zu haben, den "Volks-Rock'n'Roll". Mit seiner Mischung aus Heimatliebe und Größenwahn gelingt ihm, was alle Plattenfirmen wollen: junge Fans binden.
So ist Gabalier ein Beispiel dafür, wie es das Genre schafft, die Sehnsucht nach Liebe, Frieden und Heimat immer wieder neu zu befriedigen. Zwar leidet die Volksmusik wie die gesamte Musikbranche unter Umsatzrückgang, immer wieder aber treiben einzelne Künstler mit gutverkauften Alben die Zahlen nach oben. 2012 dürfte das Gabalier sein, der neue Hoffnungsträger.
Die Lieder mit den immer gleichen Worten, die zuckrigen Melodien, die alpinen Accessoires sind nicht totzukriegen durch sinkende TV-Quoten oder illegale Downloads. Die tröstliche Welt der Volksmusik bietet eine Parallelwelt jenseits der schlechten Nachrichten.
Der Massen-Eskapismus, zelebriert in den Fernsehshows von Carmen Nebel, Florian Silbereisen oder in Andy Borgs "Musikantenstadl", lockt Sendung für Sendung Millionen Zuschauer vor die heimischen Bildschirme. Da wird gekocht und Fallschirm gesprungen, da lässt sich Borg in eine überdimensionierte Fake-Eistruhe sperren, um den Rekord im Kühlschrank-Sitzen zu brechen, und Silbereisen läuft über glühende Kohlen. Da hüpfen Ballerinen vom Fernsehballett durch die Reihen und präsentieren durchtrainierte Hinterteile. Da gibt es Schlagermedleys und Blaskapellen. Da gibt es die immer gleichen alten Stars, die unsterblich scheinen. Und da gibt es neue Hoffnungen wie Gabalier und Marilena.
Bevor die Volksmusik das Volk zum Schunkeln brachte, wollte es sich dem Fernweh hingeben. Im deutschen Schlager der fünfziger und sechziger Jahre, in den Hits von Caterina Valente und René Carol, ging es darum, sich rauszuträumen aus dem grauen Wirtschaftswunderland. Schöne südländische Sänger sangen Sehnsuchtslieder. Liebeslieder.
Doch die heile Welt wurde Anfang der achtziger Jahre davongespült von der Neuen Deutschen Welle. Die Texte waren oft auch sozialkritisch, ungemütlich. Der Soundtrack zum hedonistischen Leben wurde düsterer. Englischsprachige Musik dominierte schließlich den Markt.
Das große Revival kommt erst zehn Jahre später. In einer Zeit der Unsicherheit, nach dem Ende des Ost-West-Konflikts, funktionieren die alten Schlagerhits wieder. Zum Partymachen, Mitsingen und Ablenken. Und eine neue Volksmusik etabliert sich in Konzertsälen, in Radiosendern und im Fernsehen: Ausgerechnet mit Volksmusik wurde der Mitteldeutsche Rundfunk zum damals erfolgreichsten dritten Programm. Der volkstümliche Schlager, verkürzt als Volksmusik bezeichnet, verbindet traditionelle Instrumente und folkloristische Melodik mit einfachen Texten, die das Bedürfnis nach Geborgenheit bedienen. Die Globalisierung fördert die Sehnsucht nach Heimat: Man darf ein bisschen stolz sein auf dieses Deutschland mit den alpinen Bergketten, den sauberen Seen und hübschen Madeln.
"Ich bin da so reingerutscht", sagt Andreas Gabalier. Er sitzt im Foyer der Stadthalle Chemnitz, draußen kalter Regen und der bronzene Kopf von Marx, drinnen eine azurblaue Polstergarnitur. Die Generalprobe zur "Krone der Volksmusik" läuft. Auch Gabalier verdient, trotz guter Verkaufszahlen, sein Geld hauptsächlich mit Live-Auftritten. Im vergangenen Jahr sei er 66 000 Kilometer mit dem Auto gefahren, habe 200 Konzerte gegeben und fast nur in Hotels geschlafen.
Vor drei Jahren war Gabalier noch ein Jurastudent aus Graz, der nebenbei ein bisschen Musik am Computer machte, sich selbst das Spiel auf der Steirischen Harmonika beibrachte und irgendwann eine Aufnahme an ORF Radio Steiermark schickte. Jetzt gilt er als Pin-up-Boy und Retter der Volksmusik, weil er das Gegenteil verkörpert von Florian Silbereisen und Co., die sich die jovialen Gesten und Altherrenwitze noch bei ihren Vorgängern abgeguckt haben.
Gabalier verfasst seine Lieder selbst. Er summt und spricht sie unterwegs in sein iPhone. Sie handeln vom Bergsteigen oder von Phantasie-Sex mit Stewardessen. Trotzdem hat er etwas, das man Tiefe nennen könnte, etwas Existentielles, das manchmal durchschimmert, in Blicken und im Klang.
Mit Anfang zwanzig verlor er erst seinen Vater und dann seine kleine Schwester, beide begingen Selbstmord. Seine Familiengeschichte ging durch sämtliche österreichischen Medien. Sie ist, wenn auch ungewollt, Teil der Marke Gabalier. Hinter dem "Steirerbuam" steht eine höchst professionelle PR-Maschine. Sie verkaufen ihn, erfunden haben sie ihn nicht.
Der Mensch, der Volksmusik hört, ist meist ein treuer Fan. Er kauft noch CDs und Schlüsselanhänger. Er sucht die Sicherheit der immer gleichen Harmonien. Er reist in Bussen an, wenn in Stadthallen und Kongresszentren der "Stadlstern" glüht.
Auf einer dieser Veranstaltungen steht der Moderator Andy Borg zwischen weißen Lilien und begrüßt die Gäste. Klatschen, Stampfen und Jubeln. Die Halle vibriert.
Immer wieder dabei: Jürgen Drews, er stürmt die Bühne in Rüschenhemd und Piratenmantel, die gebräunte Brust freigelegt. Er singt brüllend: "Ich bin der König von Mallorca!" Er springt auf einen Biertisch in der ersten Reihe, zerrt ein kleines Mädchen vor die Kamera, singt ein paar Zeilen, Wange an Wange, und zieht weiter. Stadl, das ist Schwerstarbeit.
Scheinwerfer auf Marilena Kirchner, rosa Dirndl, Enkelkind-Charme. Sie sieht ein wenig verloren aus. Sie wippt ein bisschen mit den Hüften, lächelt und singt: "Ist er reich, tät des net schaden, ist er arm, is nix dabei. I hab koane bsondern Wünsche, nur - a Lausbua muass er sei."
Im Backstage-Bereich ist die Luft dick vom Zigarettenrauch. Es gibt Schweinsbraten, Bockwurst und Bier. Jürgen Drews hat sich einen Bio-Trinkjoghurt organisiert. Drews ist 67. Er nimmt mit, was noch geht. Er macht seit Jahrzehnten seine eigene Musik fürs Volk, ohne Lederhosen und Alpenglühen - mit "Bett im Kornfeld".
Die Abende münden meist in einer unendlichen Polonaise der Schlagerhits von "Ein bisschen Spaß muss sein" über "Anita" bis hin zu "Wahnsinn. Warum schickst du mich in die Hölle?". Tanzende Omis, Kinder in Tracht, alle fassen sich an den Schultern, irrlichtern durch die Halle und werden beschossen, aus Konfettikanonen. Man muss nicht schön sein, nicht reich oder erfolgreich, um dazuzugehören. Volksmusik ist da für all jene, die sich in der Oper nicht wohl fühlen.
Irgendwann ist es vorbei, die Gäste taumeln ins Freie, sie sehen aus wie nach einem fünfstündigen Schaumbad, zufrieden, aber auch ein wenig verschrumpelt.
Marilena Kirchner hat an einem dieser Abende den "Stadlstern" gewonnen, einen begehrten Nachwuchspreis. 42 Prozent der Zuschauer stimmten für sie ab. Auch sie gehört jetzt zu den Hoffnungen der deutschen Volksmusik. Ihr Texter Peter Wessely sagt: "Der Welpenschutz ist jetzt vorbei." Und meint: "Bald wird es sich lohnen." Die Volksmusikmaschine hat ein neues Rädchen.
Ein paar Wochen später bekommt Marilena ihr erstes Angebot für eine Doku-Soap, die auf Vox laufen soll.
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 24/2012
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UNTERHALTUNG:
Im Troststadl

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