11.06.2012

SYRIENKreislauf des Zerfalls

Noch kann das Regime fast in jeden Ort vordringen, kontrollieren aber kann es das Land nicht mehr. Denn die Zahl der Überläufer steigt - vor allem seit den jüngsten Massakern.
Es gibt ihn in unterschiedlichen Versionen, aber meistens wird der populärste syrische Witz dieser Tage so erzählt: An einem Checkpoint kontrolliert die Armee einen Überlandbus. Alle zeigen ihre Ausweise, nur auf der letzten Bank fläzt sich ein Mann und macht keine Anstalten, der Aufforderung nachzukommen. Die Uniformierten fragen, zusehends unfreundlicher, bis der Mann sie anschnauzt: "Ich mache euch fertig! Ich bin vom Geheimdienst!" Die Kontrolleure schauen einander an und grinsen. Wer hier wen fertigmache, das habe sich inzwischen umgekehrt: "Wir sind von der Freien Syrischen Armee", der FSA, dem bewaffneten Arm des Aufstands.
Syrer haben grundsätzlich einen Sinn dafür, noch dem Grauen eine Pointe abzugewinnen - selbst in Zeiten, die inzwischen an die blutigsten Tage der Konflikte im benachbarten Libanon und im Irak erinnern: Wohl mehr als 180 Menschen wurden bei Massakern in den vergangenen Tagen regelrecht geschlachtet, viele von ihnen Frauen und Kinder. Der "Bürgerkrieg", der nach den Worten von Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon "unmittelbar bevorsteht", ist längst ausgebrochen.
Und doch beschreibt der zynische Witz eine Realität, die mit jedem Tag näherrückt - und von vielen Syrern begrüßt wird. Dem Regime kommen die Soldaten abhanden: Ein zur FSA übergelaufener Unteroffizier aus der nordwestsyrischen Stadt Idlib, vor Stunden erst geflohen, erzählt atemlos davon, wie er sich abgesetzt hat: "Der Offizier saß da und fuhr mich und einen Kameraden an, als wir mit ihm allein waren: ,Was macht ihr hier noch? Seht zu, dass ihr abhaut!'" Er werde ihnen hinterherschießen lassen, er werde ihre Familien anrufen und sie bedrohen. Aber das sei alles vorgetäuscht. Es sei vorbei, sie sollten verschwinden.
Von 400 ursprünglich in Idlib stationierten Soldaten hielten vorige Woche nur noch ein paar Dutzend die Stellung in ihrem Stützpunkt nahe dem Zentrum der umkämpften Provinzhauptstadt. In der Kleinstadt Maraa bei Aleppo sind binnen einer Woche 15 Überläufer angekommen - so viele wie im ganzen Jahr zuvor.
Im Ort Aasas, wo Assads Truppen noch einen Checkpoint am Stadtrand, ein schwerbefestigtes Quartier im Zentrum und die Minarette der größten Moschee halten, liefen vor Tagen zwei Soldaten im Schutz eines Scheinangriffs über. Sie bekämen seit Wochen kaum noch Nachschub, lebten von vertrocknetem Brot und abgestandenem Wasser. Ein zuvor Geflohener hatte alle Nummern jener aus seiner Einheit mitgenommen, die ein Mobiltelefon besitzen. Anschließend rief die FSA jeden an und bot ihnen Hilfe bei der Flucht. Viele wollten.
Es ist nur ein Ausschnitt von der Lage im Norden. Aber zurückflutende Deserteure, die sich aus anderen Gegenden in ihre Heimatdörfer bei Aleppo durchgeschlagen haben, berichten Ähnliches über die Situation in ihren Einheiten. Und nach Berichten über die Art der Angriffe von Assads Truppen sieht die Situation im Süden, rund um Damaskus, in Deir al-Sor im Osten und in Homs im Westen kaum anders aus: Vielfach rücken die Truppen nicht mehr aus, sondern schießen aus großer Distanz mit Panzern und schwerer Artillerie oder von Hubschraubern aus. Das ist weniger gefährlich.
Ein Überläufer, der aus dem umkämpften Homs gekommen ist, beschreibt einen sich beschleunigenden Kreislauf des Zerfalls: "Wäre ich früher abgehauen, hätte die Staatssicherheit meine Familie verhaftet und mein Haus niedergebrannt. Aber jetzt kommen sie nicht mehr. Jedenfalls nicht wegen mir."
Mit jedem Landstrich, dessen Kontrolle dem Regime entgleitet, sinkt die Furcht der Soldaten. Was wiederum die Zahl der Überläufer steigen lässt, von denen sich mehr und mehr der FSA anschließen. Nach Angaben eines übergelaufenen Offiziers mit Hang zur Präzision habe sie nun etwa 40 000 Bewaffnete in ihren Reihen, wobei der Anteil von Soldaten und Zivilisten je nach Gegend schwanke.
In den vergangenen 15 Monaten hat sich an den Machtverhältnissen in Syrien äußerlich wenig verändert: Der Aufstand hat die Städte erfasst, aber anders als in Libyen gibt es bis heute kein größeres Gebiet, das die Rebellen auch verteidigen könnten. Doch der Schein der Stabilität täuscht. Zwar darf kein Soldat mehr ohne Passierschein im Überlandbus durchs Land fahren, zwar riskieren immer noch viele, die fliehen, von den allgegenwärtigen Aufsehern der Geheimdienste erschossen zu werden. Die allmähliche Erosion der Armee aber kann das Regime nicht mehr aufhalten.
Auch der Eindruck von Macht und Kontrolle aus den Zentren von Damaskus, Aleppo und den anderen Großstädten könnte täuschen. Die westliche Hälfte Syriens ist ein Land der Dörfer und Kleinstädte, die sich in den am dichtesten besiedelten Provinzen dem Aufstand angeschlossen haben: "Rif", das Land rund um Aleppo, Idlib, Homs, Hama und Daraa sind zu einer Zone geworden, in der die Regierungstruppen zwar noch jederzeit und überall eindringen, die sie aber nicht mehr permanent kontrollieren können - und deren Bewohner an vielen Orten die Seiten gewechselt haben. Die Sunniten ohnehin, aber auch die meisten Drusen und Ismailiten. Über kurdischen Dörfern im Nordwesten wie Basuta oder Ain Dara weht seit Wochen die kurdische Flagge, nicht die Revolutionsfahne mit den drei Sternen - aber das Regime verteidigt hier ohnehin keiner mehr.
Auf dem Berg Scheich Barakat nahe dem Simeonskloster, Nordsyriens spätantiker Ruine, sind etwa 50 Soldaten stationiert, die seit zwei Monaten nur noch aus der Luft versorgt werden, weil keine Konvois mehr durch das komplett von der FSA kontrollierte Gebiet kommen.
Dabei ist die FSA ein eigentümliches Gebilde: zusehends schlagkräftig organisiert auf Dorf-Niveau und in Kleinstädten, mit anderen Bezirken und Provinzen lose verbunden, aber ohne Hierarchie und Befehlsstruktur. "Wir haben eine gute Beziehung zum Befehlshaber der FSA im türkischen Exil", sagt es ein Lokalkommandeur, "aber es gibt keine Befehle. Wir sind für uns selbst verantwortlich."
Für koordinierte Angriffe auf die Zentren der Macht ist das zu wenig - aber offensichtlich genug für die Kontrolle des Restes. Was das Regime aufrechterhält, ist sein Monopol an schweren Waffen und der harte Kern von 100 000 bis 200 000 überwiegend alawitischen Offizieren, Geheimpolizisten, Elitesoldaten und Milizionären, die ihrerseits fürchten, dass der Untergang des Regimes auch ihr Ende bedeuten wird. Sie halten außer ihren Rückzugsgebieten in den Ansarija-Bergen im Westen noch Teile der großen Städte, aber nicht mehr die Fläche.
Die Aufständischen, aber auch die Unentschlossenen, die zu Hunderttausenden durchs Land jeweils dorthin fliehen, wo sie sich etwas sicherer fühlen, ja selbst die Unterstützer des Regimes fürchten sich vor dem, was kommt. Die "nächste Stufe", wie es Abu Ali al-Dirri nennt, ein Offizier, der vor sechs Monaten die Seiten wechselte: die Luftwaffe.
Syriens Luftstreitkräfte wurden im vergangenen Jahr massiv aufgerüstet, aber bislang - bis auf die Hubschrauber - kaum eingesetzt. "Doch ehe die Assads untergehen, werden sie das Land bombardieren lassen", vermutet Dirri. Dafür, dass die Luftwaffe, militärische Heimat von Präsident Baschar al-Assads Vater Hafis, loyal bleibe, sei schon seit Jahren gesorgt worden: "Der Anteil alawitischer Offiziersanwärter an der Militärakademie in Aleppo ist stetig erhöht worden, vor allem in der Luftwaffe. Die wussten, dass die Dinge sich irgendwann gegen sie richten würden." Ein Problem für das Regime sei höchstens, dass viele ältere Piloten in den letzten Jahren entlassen wurden und die neuen oft kaum die nötigen Flugstunden absolviert hätten, um einen Kampfjet fliegen zu können. Er selbst habe als Sunnit seit Beginn des Aufstands nicht einmal mehr eine Pistole tragen dürfen.
Jahrelang "hat Russland keine Ersatzteile mehr liefern wollen, weil wir nie zahlten, aber jetzt hilft es massiv, hat sogar Mannschaften geschickt", sagt der Offizier. Mehr als tausend russische Ingenieure seien im Januar im Land gewesen, viele davon offiziell als Landwirtschaftsberater, "aber mit Ackerbau haben die nicht viel zu tun". Aus Iran kämen Waffen und Munition, aber kaum Personal. Hingegen sei eine Gruppe chinesischer Luftwaffenexperten auf den Militärflughäfen von Aleppo stationiert.
Von den insgesamt 360 Kampfjets sei ungefähr die Hälfte einsatzfähig, bei den rund 120 Militärhubschraubern sehe das Verhältnis ähnlich aus. Auf dem besten Stand seien die französischen "Gazelle"-Hubschrauber, die auch über panzerbrechende Waffen verfügten: "Aber von denen hat noch keiner abgehoben, die sind alle auf dem Flughafen des Präsidentenpalasts stationiert."
Solange der Westen alle paar Tage verkünde, dass er auf keinen Fall militärisch einzugreifen gedenke, sagt Oberst Dirri, werde das Regime alles einsetzen, was es habe: "Seine Stärke rührt daher, dass die ganze Welt sagt, wir mischen uns nicht ein. Wenn dieser Rasmussen", er meint den Nato-Generalsekretär, "wenigstens einmal die Klappe halten würde, hätte die Nato Syrien schon einen großen Dienst erwiesen!"
Spätestens seit den Massakern in Hula vor gut zwei Wochen und in Masraat al-Kubair am vorigen Mittwoch findet sich unter den Aufständischen im Norden des Landes keiner mehr, der an einen Erfolg des Uno-Friedensplans glaubt. Ihre einzige Hoffnung ist wenig mehr als ein Gerücht: dass es für die USA, vielleicht sogar für Russland, doch irgendeine rote Linie geben müsse. Vielleicht der Einsatz von Syriens Luftwaffe für Flächenbombardements? Vielleicht die Öffnung des Chemiewaffenarsenals?
Ob mit oder ohne Votum des Uno-Sicherheitsrats: Die Aufständischen wollen die Intervention. ◆

DER SPIEGEL 24/2012
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