11.06.2012

Verrockte Welt

GLOBAL VILLAGE: In einer Musikschule in Mitrovica sollen die Serben und Albaner des Kosovo lernen, den Hass zu überwinden.
Er wäre gern ein Rockstar, doch dass seine Band berühmt wird, will er nicht. Denn wenn er auf der Bühne steht, die Riffs seiner E-Gitarre in den Ohren dröhnen, die verschwitzten Haare im Nacken kleben, die Mädchen im Publikum kreischen, dann empfinden seine Landsleute das als Verrat. "Sie würden mich nicht umbringen", sagt der junge Mann, der Alexander Marić genannt werden will, "aber ich müsste die Stadt verlassen."
Es ist keine gewöhnliche Band, in der Marić, 20, spielt, und kein gewöhnlicher Ort, an dem er lebt. Es ist Mitrovica im Kosovo, eine Stadt mit etwa 70 000 Einwohnern, die nach dem Ende des Kriegs 1999 geteilt wurde: in einen albanischen Süden und einen serbischen Norden. Entstanden sind zwei Welten mit unterschiedlichen Sprachen, Religionen und Währungen, getrennt durch den Fluss Ibar, verbunden über drei Brücken. "Ich war noch nie auf der anderen Seite", sagt Marić, ein Serbe.
Das Kosovo ist ein kleines Land, nur halb so groß wie Hessen, aber der Konflikt, der hier schwelt, strahlt aus bis in die Mitte Europas.
Die ehemalige serbische Provinz wird zu gut 90 Prozent von muslimischen Albanern bewohnt. 2008 erklärte sie ihre Unabhängigkeit. Doch die rund 120 000 christlich-orthodoxen Serben im Nordkosovo akzeptieren das nicht. Damit sind sie für Serbien das größte Hindernis auf dem Weg in die Europäische Union - das Land kann nur Mitglied werden, wenn es die Regierung des Kosovo anerkennt.
In Mitrovica versucht eine Schule, mit Rockmusik gegen den Hass zu kämpfen. "Eigentlich sollte es nur ein einziges Schulgebäude geben", sagt Wendy Hassler-Forest von der Organisation Musicians without Borders. Weil das zu gefährlich war, steht jetzt auf jeder Seite der Ibar-Brücke eine eigene "Mitrovica Rock School", etwa einen Kilometer Luftlinie sind die beiden Gebäude voneinander entfernt.
Die Schüler beider Seiten treffen sich nur einmal im Jahr, in einem Sommercamp in Mazedonien, auf neutralem Boden. Auch die fünf Mitglieder der Artchitects lernten sich dort kennen. In dieser Band spielt Marić gemeinsam mit zwei Serben und zwei Albanern. "Zusammen können wir nur im Ausland auftreten", sagt Lenart Gara, 19, Gitarrist von der albanischen Seite. Ihre Songs müssen die Musiker per Skype oder Facebook schreiben. "Alex schickt mir seine Ideen; ich entwickle sie weiter. Ich verstehe seine Musik."
Der Albaner Gara kann in seiner Heimat offen zu den Artchitects stehen, Marić kann das nicht. Der nationalistische Druck unter den Serben in Kosovo ist hoch. Sie fühlen sich von den Politikern und der europafreundlichen Elite in Belgrad im Stich gelassen. Im Norden des Kosovo verlangen sie einander absolute Treue ab.
Marić achtet darauf, dass niemand im serbischen Teil von Mitrovica Werbung für die Artchitects macht, dass keine Fotos auftauchen, keine Namen. Nur wenigen hat er von der Band erzählt. "Dieses Projekt darf es nicht geben", sagen selbst die, die ihm am nächsten stehen. Wer sich mit Albanern einlässt, wird selbst zum Feind der Serben.
Die Gitarristen sind noch immer Opfer eines Kriegs, der ausbrach, als sie Kinder waren. Marićs Familie ging nach Belgrad und erlebte, wie die Nato die Stadt bombardierte; Gara floh mit seinen Eltern zu Fuß nach Priština. "Wir sind keine politische Band", sagt er. "Wir sind eine Band, die existiert, weil Politik uns ankotzt."
Im vergangenen Herbst haben Serben die Hauptbrücke durch einen Wall aus Erde und Steinen blockiert. Am Fuß der Brücke steht jetzt ein Zelt, ein Trupp der serbischen Bürgerwehr hält dort Wache. "Sie beobachten jeden, der auf die andere Seite geht", sagt Marić.
"Früher habe ich mich manchmal rübergeschlichen", sagt der Albaner Gara. Er lief durch die Straßen und vermied es, jemanden anzusprechen, es war eine Mischung aus Nervenkitzel und stummem Protest.
So etwas käme ihm heute nicht mehr in den Sinn. Als vor drei Wochen der Nationalist Tomislav Nikolić die serbische Präsidentenwahl gewann, hörte Gara, wie sie auf der Nordseite feierten. "Sie schossen mit scharfer Munition in die Luft." Der neue Präsident hat bereits verkündet, dass er die Unabhängigkeit des Kosovo nicht anerkennen werde, auch wenn das Serbien den EU-Beitritt koste.
"Eine Lösung hat auch Nikolić nicht", so Marić. Er studiert Informatik, glaubt aber nicht, dass er nach seinem Abschluss einen Job finden wird. Die Jungen im Kosovo gehören zu den größten Verlierern des Konflikts. "Die meisten meiner Freunde sind arbeitslos oder haben Jobs in einer Bar", sagt Marić. Er hat dunkle Augenringe und ist bleich wie ein Vampir. Sein Leben hat er in die Nacht verlegt. Ein wenig hat er auch vor den Verhältnissen kapituliert. Er will sich jetzt wieder mehr um die Heavy-Metal-Band kümmern, in der nur Serben spielen. Jedes Konzert beginnt er mit einem langen, lauten Schrei.
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 24/2012
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