11.06.2012

CHARAKTEREIch oder Wir?

Ging es um Titel, stand sich die Mannschaft der Niederlande, am Mittwoch Gegner der Deutschen, meist selbst im Weg - es mangelte den Spielern an Gemeinsinn. Neuer dings befeuern Stars wie Robin van Persie den Teamgedanken.
An diesem Nachmittag im Mai in West Bromwich, einem Kaff bei Birmingham, steht Robin van Persie vor der großen Frage der Zivilisation - zumindest aber des niederländischen Fußballs. Es ist die Frage, was wichtiger ist: das eigene Ego oder die Gemeinschaft?
"Robin van Persie, he scores where he wants", singen die Fans des FC Arsenal schon vor Anpfiff des letzten Saisonspiels. In dieser Spielzeit hat van Persie tatsächlich getroffen, wann und wo er wollte, 30 Tore sind es bisher. Sollte er heute wieder treffen, könnte er einen Rekord in der Premier League aufstellen: die meisten Tore in einer Saison. Es winkt nichts weniger als der Eintrag in die ewige Bestenliste, in das Geschichtsbuch des Fußballs.
Für sein Team geht es an diesem Tag ebenfalls um viel, Arsenal braucht einen Sieg, um sich für die Champions League zu qualifizieren. Ob van Persie, 28, davon noch profitieren würde, ist ungewiss. Gut möglich, dass er Arsenal nach der Europameisterschaft verlässt.
In der vierten Spielminute erzielt sein Teamkollege Yossi Benayoun das 1:0, und van Persie sprintet so freudig auf ihn zu, als wäre er gerade Vater geworden. Dann aber gerät Arsenal in Rückstand, und van Persie kämpft. Er, der Starstürmer, hilft bei fast jedem Angriff des Gegners in der Defensive aus. Er bereitet ein Tor vor, gleich mehrmals legt er Mitspielern den Ball auf, obwohl er selbst hätte aufs Tor schießen können.
Am Ende bezwingt Arsenal das Team von West Bromwich Albion mit 3:2 und die Gemeinschaft das Ego. Es ist ein Triumph der Selbstlosigkeit. Das Geschichtsbuch muss vorerst ohne van Persie auskommen, dennoch feiert er nach Spielschluss ausgelassen mit den mitgereisten Fans. Für einen Fußballstar aus Holland ist das durchaus erwähnenswert.
Der niederländische Fußball leidet seit je unter der Divenhaftigkeit seiner Protagonisten. Den Namen nach hätte Holland, am Mittwoch in der ukrainischen Stadt Charkow Gegner der deutschen Nationalmannschaft, schon viele große Turniere gewinnen müssen. Nirgendwo sonst ist das Verhältnis von begnadeten Fußballern zu Einwohnern so gut. Aber dann scheiterten sie immer wieder an ihrem viel zu gewaltigen Ego.
Mal blieben einzelne Stars in letzter Sekunde beleidigt zu Hause, weil ihnen irgendetwas nicht passte. Mal rebellierten die Spieler gegen ihren Trainer, oft stritten sie untereinander. Auch in diesem Jahr gab es pünktlich zur Turniervorbereitung wieder Ärger, weil Schalkes Stürmer Klaas-Jan Huntelaar nicht einsehen möchte, dass van Persie stürmt und er sich vorerst mit der Bank begnügen soll. Das Ich triumphiert in Holland meist über das Wir.
Kaum eine Fußballnation ist mit so viel Genie und Anmut gesegnet, wie es die Niederlande sind. Was bislang fehlte, waren Disziplin und Gemeinsinn. So blieb der Gewinn der Europameisterschaft 1988 in Deutschland der einzige Titel.
In den Katakomben der Münchner Allianz Arena hetzt Arjen Robben über den dunklen Parkplatz wie Dr. Kimble auf der Flucht. Er wird umringt von Sicherheitsmännern, sein Rollkoffer stolpert mehrmals, das Tempo überfordert ihn. Robbens Frau und Freunde warten bei laufendem Motor in der Limousine. Er verschwindet im Wagen und braust in die Nacht. Es wirkt wie nach einem Banküberfall.
Aus den Fenstern des Mannschaftsbusses verfolgen van Persie und der Rest der Nationalmannschaft die Flucht des Kollegen. Eben haben sie gegen den FC Bayern gespielt und erlebt, wie Robben vom Münchner Publikum ausgepfiffen wurde. In Deutschland gilt Robben als Inbegriff des Egoisten. Wann immer sich die Gelegenheit zum eigenen Torerfolg bietet, scheint Robben keine Mitspieler mehr zu kennen. Und wenn er mal auf der Bank sitzen muss, schmollt er wochenlang vor sich hin. So sehen ihn die Deutschen.
Am Tag nach Robbens Flucht steht Hollands Kapitän Mark van Bommel im Juan-Antonio-Samaranch-Stadion von Lausanne und zieht sein Trikot hoch, um sich den Bauch zu streicheln wie ein eitler Pfau, der zeigen will, dass man auch mit 35 Jahren noch über einen Sixpack verfügen kann. Auch die Designer-Unterhose kommt so zur Geltung.
Kann er verstehen, was die Deutschen an Robben stört? "Absolut nicht", sagt van Bommel. "Er hat Bayern 2010 doch höchstpersönlich ins Finale geschossen. Und jetzt war er wieder sehr wichtig. Man muss ihn schätzen, man muss froh sein, dass er bei Bayern spielt. Das ist einer der zehn besten Spieler der Welt."
Auch van Bommel hat lange in München gespielt, auch er ist häufig angeeckt, hat Trainer wie Management kritisiert. Es gebe eben einen kulturellen Unterschied zwischen beiden Ländern, sagt van Bommel. "In Deutschland will man, dass die Spieler gleich sind und dass sie brav sind. Jemand wie Robben aber ist ein Ausnahmespieler. Ein echter Charakter. Da muss man sich drum kümmern."
Van Bommel spricht über Robben, aber er könnte genauso gut über den holländischen Fußball an sich sprechen. Darüber, dass Holländer weder gleich noch brav sein wollen. In seiner Heimat hält Robben jedenfalls niemand für eine Diva. Dafür ist die Konkurrenz zu groß.
Auf dem Trainingsplatz wird nun fünf gegen fünf gespielt. Kaum rollt der Ball, herrscht ein Lärm wie auf dem Fischmarkt. Anweisungen werden gerufen, gebrüllt, es wird geflucht, geschimpft. Es ist um einiges lauter als bei herkömmlichen Fußballmannschaften.
So klingt es, wenn ebenso selbstbewusste wie meinungsstarke Stars auf engstem Raum zusammengepfercht sind: van Persie, der Torschützenkönig in England, Huntelaar, der Torschützenkönig in Deutschland, dazu eigenwillige Köpfe wie van Bommel, Rafael van der Vaart oder Wesley Sneijder, der darauf besteht, immer im schulterfreien Shirt zu trainieren, damit seine Muskelpakete und Oberarm-Tattoos zur Geltung kommen. Robben ist hier tatsächlich nur einer von vielen. Über Lausanne wabert an diesen Tagen eine Wolke aus Testosteron.
Anders als im deutschen Team, wo die Spieler ihrem Coach beinahe hörig zu sein scheinen, erinnert das Trainingslager der Holländer an einen Individualisten-Kongress, bei dem fast jeder Teilnehmer glaubt, den perfekten Fußball nicht nur zu kennen, sondern selbst zu praktizieren.
Es ist diese Mentalität, wegen der die Niederlande über Jahrzehnte nicht nur den spektakulärsten Fußball spielten, sondern auch die spektakulärsten Skandale produzierten - und immer wieder scheiterten. Vor der WM 1990 etwa trafen sich die Spieler in einem Flughafenhotel in Schiphol, um darüber abzustimmen, welcher Trainer sie nach Italien führen sollte. Als der Verband ihrem Wunsch nicht nachkam, boykottierten sie die Arbeit von Leo Beenhakker. 1994 sagte der große Ruud Gullit wenige Tage vor dem Abflug zur WM seine Teilnahme ab, weil ihm der taktische Ansatz des Coaches nicht passte. Das hatten bereits etliche Stars vor ihm getan.
"Welche verdrehte, unbarmherzige, fatale Logik treibt holländische Spieler, Trainer, Verbandsfunktionäre dazu, sich immer wieder in sinnlosen, kleinlichen Fehden über Taktik, Macht und Geld zu verzetteln?", fragt der Autor David Winner in seinem wunderbaren Buch "Oranje brillant. Das neurotische Genie des holländischen Fußballs". Die Holländer, so Winner, scheinen regelrecht allergisch gegen jede Form von Autorität, Führung und kollektiver Disziplin zu sein. "Ihre Mannschaften gebärden sich wie Armeen von Generälen."
Warum das so ist? Für die Antwort muss man wohl hinab in die holländische Geschichte steigen, in das, was man Volksseele nennt - die über Jahrhunderte geformte Mentalität eines Landes.
Demokratie, Individualismus und ein tiefsitzendes Misstrauen gegenüber Autoritäten haben in Holland fest verankerte Wurzeln. Der Historiker Herman Pleij sieht den Ursprung für das selbstbewusste, äußerst diskussionsfreudige Wesen der Holländer in der geografischen Lage ihres Landes begründet. Man habe schon im Mittelalter demokratische Institutionen aufbauen müssen, um das Land vor dem Meer zu schützen und trocken zu halten. Und da man vom Land allein nicht leben konnte, habe man Händler und Kaufmann werden müssen. "Das hat uns sehr unabhängig gemacht", sagt Pleij. "Es bestand nie die Chance, dass hier ein König, die Kirche oder irgendeine hochrangige Person herrschen könnte."
Geschweige denn ein Nationaltrainer.
Der berühmte "Totaalvoetbal", das kreative Spiel, sei tief durchdrungen von demokratischen Impulsen, meint Winner. Man spiele mit einem System, das es jedem Spieler erlaube, "sich auszudrücken und auszuzeichnen". Die Kehrseite dieses Systems habe darin bestanden, "dass die Disziplin und der innere Zusammenhang immer fragil waren". So ist der holländische Fußball mit seiner Offensivkraft bei gleichzeitiger Widerspenstigkeit das Spiegelbild eines ganzen Landes. Bei der EM in Polen und der Ukraine hofft er, endlich sein größtes Problem zu überwinden: die Liebe zur Demokratie.
Bert van Marwijk stapft mit stoischer Ruhe über den Platz, kein Gebrüll, keine hektischen Handbewegungen. Er wirkt konzentriert wie ein Dompteur, der sich keinen falschen Laut, keine falsche Bewegung erlauben darf, die seine Raubtiere stören könnten.
Die Frage ist, ob er sein Team noch einmal so in Schach halten kann wie vor zwei Jahren bei der WM in Südafrika, als Holland ohne größere Skandale erst im Finale knapp den Spaniern unterlag.
Die Vorzeichen sind diesmal schwieriger. Den ersten Eklat gab es bereits, als Stürmer Huntelaar seinen Frust über seine Reservistenrolle öffentlich machte. "Ich bin böse", klagte der Schalker. "Ich hatte das Gefühl, dass alles schon vorher feststand." Anders als viele Niederländer vor ihm, reiste er immerhin nicht ab.
Der Mann, dessen Nähe van Marwijk sucht, mit dem er auch auf dem Trainingsplatz am häufigsten redet, ist Robin van Persie, technisch brillant wie die meisten Holländer, doch obendrein noch effizient, freundlich und diszipliniert, selbstbewusst und trotzdem mannschaftsdienlich.
Dabei war van Persie selbst auf dem besten Wege, ein klassischer Star aus Holland zu werden, eine Diva, ein Querulant. "Seine Einstellung lässt zu wünschen übrig", klagte vor Jahren Nationalcoach Marco van Basten. "Er führt sich auf, weil er mit diesem und jenem nicht einverstanden ist." Es klang wie immer.
2005 musste van Persie sogar für zwei Wochen in Haft, weil ihn ein Model, mit dem er sich in einem Hotel vergnügt hatte, wegen Vergewaltigung angezeigt hatte - ein Vorwurf, von dem er am Ende freigesprochen wurde.
Unter Arsenal-Coach Arsène Wenger aber reifte van Persie mit den Jahren zum Führungsspieler, zum Vorbild. Er wurde disziplinierter, selbstloser, man könnte auch sagen: um einiges deutscher. Im vorigen Jahr stieg er beim FC Arsenal sogar zum Kapitän auf. Stünde seine Entwicklung stellvertretend für die ganze Nationalmannschaft, wäre Holland wohl kaum zu bezwingen. Aber so ist es nicht, so soll es wohl auch nicht sein.
In Lausanne stehen zwei Journalisten vom holländischen Rundfunk am Spielfeldrand, seit Jahren begleiten sie ihre Mannschaft. Aufgeknöpftes Hemd, Sonnenbrille, lässige Jungs, die sich selbst ziemlich klasse finden. "Die ganzen Kapriolen, die verschenkten Titel, das liegt alles am holländischen Charakter", sagt der Fernsehmann. "Wir sind nun mal sehr selbstbewusst, wir stellen alles in Frage, wir sind im Zweifel provokativ." Der Radiomann nickt. Sie beklagen das nicht, es klingt vielmehr, als seien sie recht zufrieden mit diesen Eigenschaften. "Deshalb sind wir auch so interessante Menschen." Sie nicken sich zu und lächeln. "Und deshalb haben wir so interessante Spieler."
Joachim Löws Jungs seien dagegen folgsame Befehlsempfänger, "aber gewiss keine echten Typen, keine echten Charaktere". Was sie sagen, hört sich herablassend an, aber es ist auch geschickt. Es ist der Trick, sich selbst dann noch überlegen fühlen zu können, wenn auch der nächste Pokal an den Niederlanden vorbeiwandert. Dann hätte man zwar wieder irgendein wichtiges Spiel verloren, aber das Wichtigste nicht: die eigene Identität. ◆
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 24/2012
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