11.06.2012

THEATERDer Fluglotse geht von Bord

Matthias Lilienthal hat als Chef des Berliner HAU neun Jahre lang eine Bühnenparty aus Performance und Pop, Tanz und Polit-Show gefeiert - und damit die Theaterwelt gründlich verändert.
Das Finanzamt Berlin-Reinickendorf ist ein majestätisches BetonRaumschiff, auf dessen Flachdach ein schneidend kalter Wind weht an diesem Sonntagmorgen. Es ist Viertel vor sechs, als 150 Theaterzuschauer hoch oben über der menschenleeren Vorstadt in Geiselhaft genommen werden von einem vermummten Spaßrevolutionär.
"Fuck the system!", schreit der Kerl, der ein gelbes Tuch mit Smiley-Grinsen und Augenlöchern vor dem Gesicht trägt. Er befiehlt den Zuschauern, ebensolche Tücher anzulegen, und er bugsiert sie in Rollstühle, die auf dem Flachdach des Finanzamts bereitstehen. Die "Armee der Rollstuhlattentäter" trete hier an, brüllt der Revolutionär. Dutzende von Smiley-Fressen in Rollstühlen auf einem Betondach, das ist in der 20. Stunde eines Rund-um-die-Uhr-Theaters ein verwegener Anblick. Dann krächzt eine Lautsprecherstimme: "Die Busse warten vor dem Haus. Bitte seien Sie vorsichtig, wenn Sie die Treppe hinuntersteigen."
"Unendlicher Spaß" heißt der legendäre Riesenroman des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace, der hier in einer Endlos-Performance für 150 Busreisende als Schnitzeljagd durch Berlin dramatisiert wird. Zwölf Regisseurinnen und Regisseure zeigen an neun halbwegs verrückten Spielorten, was ihnen zu dem Buch einfällt - und die Zuschauer düsen mit. Man sieht auf diesem Trip eine Handvoll Junkie-Darsteller in einer Neuköllner Krankenhaushalle herumwüten wie in der Irrenstation in "Einer flog über das Kuckucksnest". Man betrachtet junge Tennisspielerinnen im Grunewalder Nobelclub "Rot-Weiß" bei einem Pantomime-Match ohne Schläger und Ball. Und man klettert auf dem 115 Meter hohen Teufelsberg herum, wo man einen prima Panoramablick über Berlin hat und wo die Trümmer einer US-Radarstation verrotten.
Die Show, inszeniert von Regisseuren unter anderem aus New York, Buenos Aires, Warschau und Köln, ist einerseits schierer Quatsch und andererseits ein hochintelligentes Vergnügen. Das macht "Unendlicher Spaß" zu einem sehr typischen Produkt des Berliner HAU. Und zu einer idealen Abschiedsvorstellung seines Chefs Matthias Lilienthal. Der nämlich hat am Anfang der 23-Stunden-Tour gesagt: "Stellt euch das Chaotischste vor, das ihr euch vorstellen könnt. Es wird ganz sicher noch schlimmer kommen."
Das Kürzel HAU steht für "Hebbel am Ufer" und ein Kombinat aus drei Bühnen: das Hebbel-Theater (HAU 1), das Theater am Halleschen Ufer, in dem einst Peter Stein mit der Schaubühne zu Hause war (HAU 2), und das Theater am Ufer (HAU 3). 2003 wurden die Häuser zum HAU vereint, seither ist Lilienthal dessen Chef.
Lilienthal, 52, ein kugeliger Mann mit wuscheligem Haarkranz ums kahle Haupt, ist zwar nur Herr über ein kleines Großstadttheater, das 24 feste Mitarbeiter hat und einen Grundetat von knapp fünf Millionen Euro im Jahr. Trotzdem hat sein Haus die deutschsprachige Theaterwelt in den vergangenen neun Jahren mehr verändert als jede Großbühne.
Lilienthal hat das Tor zur Welt aufgestoßen für viele deutsche Stadttheater - indem er ihnen vorgeführt hat, wie man die Arbeit freier Gruppen in einem etablierten Theatersystem nutzen kann; wie man türkisch- oder arabischstämmige Zuschauer aus der großstädtischen Nachbarschaft in ein öffentlich gefördertes Tanz- und Theaterhaus lockt, indem man sich mit ihrem Alltag beschäftigt; und wie man reisende Künstler aus aller Welt für Gastauftritte und Einzelprojekte gewinnt, die nicht bloß nett und unverbindlich sind, sondern sich einfügen in ein gesellschaftskritisches Konzept.
Rund tausend Produktionen hat das HAU in den vergangenen neun Jahren gezeigt, ungefähr 120 pro Spielzeit. Viele Gastspiele waren darunter, die gleichfalls in Brüssel, Wien und Zürich zu sehen waren, auch Eigenproduktionen entstanden fast immer in Kooperation mit diversen anderen Häusern. Den Regisseur Neco Çelik ließ Lilienthal das Stück "Schwarze Jungfrauen" inszenieren, in dem junge islamische Frauen, die in Deutschland leben, erzählen, was in ihren Köpfen vorgeht. Die Dokumentartheaterleute von Rimini Protokoll inszenierten hier indische Callcenter-Mitarbeiter und arabische Muezzins als Theaterhelden. Die Aktionskünstlerinnen der Gruppe She She Pop holten ihre Väter auf die Bühne, um mit ihnen über das Erben, senile Luxusansprüche und die Überalterung der Gesellschaft zu streiten.
Er habe "keine Lust auf Kunstkacke" und eine "hysterische Sehnsucht nach Realität", das war Lilienthals Programm, als er 2003 antrat, und das ist es bis heute.
Es gab viel Begeisterung für das Dauerfestival, das Lilienthal da inszenierte. Gleich 2004 wählten Kritiker es zum "Theater des Jahres", immer wieder wurden Produktionen zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ab und zu gab es Widerspruch: Es sei kein Theater, sondern ein Institut für "Inkompetenzbewirtschaftung", das Lilienthal da betreibe, erregte sich ein Kritiker der "Frankfurter Allgemeinen" einmal, lauter Idioten spielten sich hier als große Durchblicker auf.
Tatsächlich verstand Lilienthal sein Haus als großen Marktplatz. Moderne Stadtgesellschaften seien fragmentiert, sagt er, "ich habe versucht, viele Ghettos aus dieser Stadt hier zusammenzubringen". Sein größtes Glück sei gewesen, dass Berlin für junge Menschen in den letzten Jahren als tollster Platz der Welt gegolten habe, sagt Lilienthal, "ich bin ein Profiteur von Ryanair". Als wäre er der Fluglotse, der die Kultur-Verkehrsströme steuerte.
Mindestens zwei Tage die Woche, also hundertmal im Jahr, ist Lilienthal unterwegs in anderen Städten, irgendwo in der Welt. Als manischer Reisender war Lilienthal schon berüchtigt, als er in den neunziger Jahren Chefdramaturg an Frank Castorfs Berliner Volksbühne wurde. 1998 ging er. Er hatte Johann Kresnik, Christoph Marthaler und den Theater-Anfänger Christoph Schlingensief ans Haus geholt, er hatte als einziger Westler im Leitungsteam die Volksbühne zum Widerstandsnest ostdeutscher Identität stilisiert, so lange, bis sich die "Kunstkacke" auch in der Volksbühne breitgemacht hatte.
Von da an setzte Lilienthal hemmungslos auf Globalisierung. Die wenigsten der Leute, die im HAU zusammenfanden, stammen aus Berlin, Englisch ist hier als Bühnensprache so geläufig wie Deutsch. Die Aufführungen heißen jetzt "theatrale Installation" oder "Lecture performance", "Reenactment" oder "Untersuchung". Der Chef spricht von der "performativen Auflösung von Form und Inhalt".
Erstaunlicherweise ist Lilienthal aber auch eine sehr berlinerische Existenz. Er ist in Neukölln aufgewachsen, hat in Berlin studiert und nur kurz in Wien und in Basel gearbeitet. Er kleidet sich bis heute in einem Schlabberlook, der im eingesperrten West-Berlin der achtziger Jahre schon nicht mehr hip war, und nennt sich einen "Edelpenner". Er duzt praktisch alle Menschen, wie man es nur in Berlin tut, und so duzt er eben auch Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit.
Lilienthals größtes Kunststück hat viel mit seiner sozialen Kompetenz zu tun: die Geldbeschaffung. Anders als fast alle Theater in Deutschland hangelte sich das HAU immer von Projekt zu Projekt. Neben dem Senat waren die wichtigsten Förderer des Hauses die Bundeskulturstiftung und der Hauptstadtkulturfonds. Lilienthal hat deren Fördersystem perfekt ausgereizt.
Seine Nachfolgerin in Berlin wird die Belgierin Annemie Vanackere. Er selbst will für zehn Monate nach Beirut ziehen und an der dortigen Kunsthochschule eine Graduiertenklasse unterrichten. Lilienthal sagt von sich, er sei außerhalb von Berlin "schwer vermittelbar". In Hamburg und Stuttgart hat er Intendantenposten knapp verpasst, in Mannheim immerhin haben sie ihn zum Leiter des Festivals Theater der Welt bestimmt, das 2014 stattfindet.
Am Sonntagmorgen um halb neun ist die HAU-Abschiedsshow, die noch bis Ende Juni wiederholt wird, beim Finale im HAU 1 angelangt. Die Vorstellung ist jetzt 22 Stunden und 45 Minuten alt, als Lilienthal schnaufend auf die Bühne klettert. Er trägt ein knallgelbes T-Shirt und sieht erschöpft aus, glücklich und ein bisschen ratlos. Dass er weg aus Berlin müsse, das wisse er sicher, sagt er. Dann lächelt er. "Willst du gelten, mach dir selten."
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 24/2012
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