18.06.2012

IDOLEDer Lothar ist der Lothar

Seit Jahren läuft Lothar Matthäus dem Ruhm früherer Tage hinterher. Sein Leben wird bestimmt von unglücklichen Trainerjobs und Frauengeschichten. Jetzt lässt er sich für eine „Personality-Doku“ im Fernsehen filmen.
Zwei Menschen in schwarzem Anzug stehen zwischen braunen Flächen von frisch angesätem Rasen, ein Immobilienmakler und seine Assistentin. Ein heller Mercedes rollt heran, heraus steigt eine junge Frau mit schwarzer Lederjacke und blonden Haaren, die aussehen, als wären sie gebügelt. Hinter ihr ein Mann mit einem lilafarbenen T-Shirt. Der Mann ist Lothar Matthäus.
Er greift nach der Hand des Maklers. "Haben Sie eine Business-Karte, damit man weiß, mit wem man es zu tun hat? Das ist schon mal das Erste", sagt Matthäus. Seine Brust füllt sich mit Luft, das lila T-Shirt weitet sich.
Der Makler streckt ihm die Karte entgegen. "Hab selbst noch nie eine Business-Karte gehabt", sagt Matthäus.
Es gibt Menschen, die kennt man nicht. Und es gibt Menschen, die kennt jeder. Menschen wie Lothar Matthäus. Menschen, die keine Visitenkarten brauchen.
Einen Moment lang stehen sie still vor der Wohnanlage Parkside Leopold. Das Werbeplakat verspricht eine ganze Menge, der Makler bemüht die Worte "elegant", "exklusiv" und "Dreifachverglasung". Aber hier, am falschen Ende der Münchner Leopoldstraße, löst sich die Stadt auf - Kentucky Fried Chicken, ein Geschäft für Hundefutter, der Fernfahrer-Strich, die A 9.
Matthäus blinzelt in Richtung des Hundefutterladens, wo ein Fernsehteam steht. Er hat gerade, so wie früher auf dem Platz, den Rangunterschied klargemacht, er hat gezeigt, wer hier der Chef ist. Aber da ist nur das leise Surren der Kamera.
Lothar Matthäus, mittlerweile 51 Jahre alt, hat mal zu den absoluten Spitzenkräften des internationalen Fußballs gezählt. Er war der Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft von 1990, hat mit 150 Einsätzen mehr Spiele für sein Land absolviert als jeder andere, er wurde zweimal zum Weltfußballer des Jahres gewählt, das ist das Niveau von Messi und Maradona.
Und jetzt steht Matthäus am falschen Ende von Schwabing, in einer Neubausiedlung, umringt von Mitarbeitern des RTL-Ablegers Vox, und dreht das, was sie im Billigfernsehen "Personality-Doku" nennen. Das Projekt heißt "Lothar - immer am Ball", es zeigt Matthäus, als "Fußballweltreisenden", so beschreibt er sich selbst. In New York beim Shoppen, in Zermatt beim Skifahren, in Wien beim Opernball, in Paris wieder beim Shoppen, in Budapest, seinem Wohnort, beim Partymachen. Er hatte sogar eine Minirolle bei "Alarm für Cobra 11", einer Action-Serie mit Autobahnpolizisten. Man hat ihn dabei gefilmt, wie er mit einem Sportwagen in einen Transporter gedonnert ist, der mit Eiscreme beladen war.
Heute macht sein Leben in München halt. Der Drehtag trägt den Arbeitstitel: Lothar sucht eine Wohnung für seine Tochter.
Die Tochter heißt Viola, Matthäus hat sie vor 20 Jahren in Kitzbühel zurückgelassen, als er sich von Silvia trennte, seiner Ehefrau Nummer eins. Inzwischen ist Matthäus von Ehepartnerin Nummer vier geschieden. Sie war 23 und damit ein Jahr älter als Viola.
Jetzt ist er in ein Unterwäsche-Model aus Polen verliebt, das heißt Joanna Tuczynska und ist immerhin schon 28 Jahre alt. Vater und Tochter jedenfalls sehen sich jetzt wieder öfter. Viola studiert Marketing in München und möchte später, wie sie sagt, "irgendwas mit Mode machen". Sie trägt Designer-Lederjacke, Schal mit grünen Totenköpfen, Pilotenbrille von Ray Ban, Handtasche von Gucci.
Vater und Tochter stehen in einer Wohnung im vierten Stock. Sie misst 48 Quadratmeter, hat zwei Zimmer und Parkettfußboden. Sie soll 938 Euro im Monat kosten.
48 Quadratmeter sind weit unter dem Standard von Lothar Matthäus. Er verdreht den Hals, blickt hinauf in den Himmel und sagt, dass für ihn bei einer Wohnung vor allem das Gefühl von Weite und Freiheit zähle.
Weite und Freiheit, das hat er immer gesucht, nachdem er mit dem Fußballspielen aufhören musste. Er war Teamchef bei Rapid Wien, Trainer bei Partizan Belgrad, er war Nationalcoach von Ungarn, er arbeitete bei einem brasilianischen Club namens Atlético Paranaense, er war bei Red Bull Salzburg, in Israel bei Maccabi Netanya und zuletzt Nationaltrainer von Bulgarien.
Meistens ging dabei etwas daneben, irgendetwas. Mal wurde ein versprochenes Stadion nicht gebaut, mal ging das Geld aus. Mal setzte man ihm einen alten Herrn wie Giovanni Trapattoni vor die Nase. Erfolg hatte er, bei aller Freiheit und Weite, nicht wirklich, einmal errang er die Meisterschaft von Serbien-Montenegro.
Dabei sagen viele, die sich auskennen, dass Matthäus nach wie vor viel von Fußball verstehe. In Deutschland will ihn niemand. Im Moment reist er bei der Europameisterschaft der deutschen Mannschaft hinterher, er hat einen Job beim ukrainischen Fernsehen angenommen, als Experte für die Elf von Joachim Löw.
Die Schuld an seinen katastrophalen Image-Werten sieht Lothar Matthäus auf der Seite der Medien. Aber er möchte eben auch nicht ganz auf sie verzichten. Wahrscheinlich muss man die Dreharbeiten für Vox als endgültigen Versuch verstehen, den Deutschen zu zeigen, wer Lothar Matthäus wirklich ist, und vor allem: wie er wirklich ist.
Er macht das alles nicht wegen des Geldes. Trotz der vier Scheidungen hat er noch immer genug davon. Matthäus, aus dem fränkischen Herzogenaurach, hat Raumausstatter gelernt, und die Grundsolidität seiner Jugend hat er sich
in finanziellen Dingen immer bewahrt. Was er verdient hat, wurde gut angelegt. Darüber hinaus lässt er sich gern ein-laden.
Matthäus war ein schnörkelloser Fußballspieler. Und auch bei der Verfilmung seines momentanen Lebens sucht er den direkten Weg ins Wohnzimmer der Deutschen. Sechs Folgen, je eine Stunde. "Drehbuch - so was brauch ich nicht", sagt er. "Authentisch, ehrlich, keine Soap, eine Reality."
Es hat immer Profifußballer gegeben, die nach der Karriere ihr Glück beim Boulevard gesucht haben. Manchmal endete es ganz weit unten, zuletzt als der Brasilianer Ailton, ehemaliger Stürmer von Werder Bremen, wegen unbezahlter Rechnungen im Dschungelcamp einzog. Mit "Lothar - immer am Ball" möchte Matthäus nach oben zurück, dahin, wo er vor über 20 Jahren einmal war.
"Ich werde von mir öfter in der dritten Person sprechen", sagt er später in einer Hotelbar.
Die Kellner halten Abstand. Matthäus schiebt das Kinn nach vorn.
Nach all dem, was er für Deutschland geleistet hat, sagt Matthäus, seinen Einsätzen, seiner Opferbereitschaft, seinen Rekorden, müsste es eigentlich längst eine Arena geben, die seinen Namen trägt - das "Lothar-Matthäus-Stadion". In einem anderen Land jedenfalls, sagt er trotzig, wäre das so.
Er weiß ja, wie es in anderen Ländern ist. Am besten kennt er Italien, er hat vier Jahre lang bei Inter Mailand gespielt. "Wenn ich so eine Sendung in Italien machen würde", sagt Matthäus und macht eine kurze dramaturgische Pause, "Höchsteinschaltquote. Und zwar jede Woche. Nicht nur beim ersten oder zweiten Mal. Sondern auf Dauer. Die haben einen ganz anderen Bezug zu ihren Idolen." Das mag sein, und dann bestünde das Problem darin, dass Lothar Matthäus in seinen Gedanken nie aufgehört hat, ein Idol zu sein. Seine Gedanken spielen in einer Zeit, die 20 Jahre her ist. Die Wirklichkeit spielt vor dem Parkside Leopold, und gegenüber dieser Wohnanlage, vor dem Imbiss "Thai-China", steht der Redakteur der Sendung und sagt: "Der Lothar kann schon sehr unterhaltsam sein. Vor allem wenn er Englisch spricht mit seiner Freundin Joanna."
Die Wahrheit ist ja, dass Lothar Matthäus immer Reality war. Ein Leben zwischen Hochzeit und Scheidung, zwischen Brustvergrößerungen und Brustverkleinerungen. Und was man ab kommenden Sonntag im Fernsehen sehen kann, konnte man in den vergangenen zwei Jahrzehnten in der Zeitung lesen.
Matthäus war der erste deutsche Fußballer, der sich vollständig mit dem Boulevard eingelassen hat. Da seine Orientierung ihn schon immer dorthin trieb, wo er die stärkste Macht vermutete, zog es ihn 1992, nach seiner Rückkehr aus Mailand, zur "Bild"-Zeitung.
Wolfgang Ruiner, in der Branche wegen seines Leibesumfangs "Blunzi" genannt, war damals der "Matthäus-Mann" bei "Bild". Heute arbeitet der Österreicher wieder in Wien, bei einer Boulevardzeitung, die heißt wie das Land: "Österreich". Während der Zeit, in der es für Lothar Matthäus nach unten ging, ging es für Wolfgang Ruiner nach oben. Er ist jetzt Sportchef, stellvertretender Chefredakteur und dünner geworden. Außerdem trägt er eine pinkfarbene Brille.
"Der Lothar", sagt Ruiner, "wäre ein guter Boulevardreporter geworden. Der erkennt a gute Gschicht, hat a Gfui dafür. Die andern in der Kabine haben oft nicht überrissen, ob das interessant ist für die Presse - der Lothar schon."
Man habe alles ausgetauscht damals, jeden Tag telefoniert. Und der Lothar habe begriffen, "dass, wenn er mitspielt, alles halb so schlimm ist".
Er habe sich nie versteckt mit seinen neuen Freundinnen, sei überall hingekommen, sogar oft zu Ruiner nach Hause, wo er den Kindern das Fußballspielen beigebracht und sich auch sonst nicht geziert habe. Sogar "die oide Salami" habe er aufgegessen.
Matthäus hatte immer seine Ruhe. Als Mehmet Scholl von seiner Frau verlassen worden war und in einer Disco in Zürs randalierte, stand das groß in der "Bild"-Zeitung. Wer sich ihr entzog, hatte ein ungemütliches Leben, Matthäus' damaliger Rivale Jürgen Klinsmann oder der angestrengte Trainer Otto Rehhagel.
Einmal stellte sich bei einer "Bild"-Redaktionskonferenz die Frage, ob es zeitgemäß sei, wenn ein Mann den Namen seiner Frau annehme. Ruiner rief bei Matthäus an, der damals in zweiter Ehe mit der Schweizer Fernsehmoderatorin Lolita Morena verheiratet war. Seine Antwort hieß: "Warum nicht?" Ruiner hatte eine Schlagzeile und die Bayern-Gegner einen neuen Schmähgesang: "Lothar Mooooorennnnaaaa".
Lolita, erzählt Ruiner, habe die Deutschen nicht gemocht, nur ihn, den Österreicher, habe sie geduldet. Einmal rief sie ihn abends an und fragte, ob er mit ihr ausgehen könne.
"Wo ist Lothar ?", wollte Ruiner wissen. "Bei Hoeneß", war die Antwort, dort gebe es nach der Niederlage einen "Krisengrill".
Ruiner schickte dem Bayern-Manager einen Fotografen an den Gartenzaun. Als ihn Uli Hoeneß am darauffolgenden Tag anblaffte und sagte: "Sie schaden Ihrem Freund, wenn Sie alles, was er Ihnen erzählt, in der Zeitung schreiben", machte das Ruiners Triumph noch größer.
Die Ehe nahm keinen glücklichen Verlauf, Lolita suchte das Weite, Ruiner war mit Trost und Notizblock zur Stelle. "Ich habe sie doch", klagte Matthäus, "mit kostbarem Schmuck verwöhnt, kannte ihre Dessous-Größen und habe ihr einen Ferrari in die Garage gestellt."
Sein Mitteilungsdrang trug Matthäus Mitte der neunziger Jahre die Verbannung aus der Nationalmannschaft ein. Bei Bayern musste er die Kapitänsbinde hergeben, als er seine Sicht der Dinge zusammen mit Ruiner in Buchform veröffentlichte, Titel: "Mein Tagebuch".
Am Handy, im Mannschaftsbus, überall war Matthäus als rasender Rechercheur tätig, einer, der jede Spur strebsam verfolgte: "Ich gehe nach vorn, wo Trapattoni sitzt. Frage ihn auf Italienisch, so dass Uli Hoeneß und Klaus Augenthaler es nicht hören können: ,Trainer, werden Sie jetzt Italiens Nationaltrainer?'"
Ruiner erzählt langsam, scheinbar vorsichtig, aber man hat das Gefühl, dass er jedes Wort genießt. Dank Matthäus hatte er den wichtigsten Fußballclub des Landes jederzeit am Handy. "Die anderen Spieler haben mir dann auch hinter vorgehaltener Hand Gschichten gesteckt", sagt er. "Das war irre einfach, weil alle anderen geglaubt haben, die kommen vom Lothar."
Er sei eben kein Diplomat, der Lothar, sagt Ruiner. "Der Lothar ist der Lothar." Sie haben sich vor fünf Jahren zerstritten, der Lothar und der Blunzi, weil Ruiner in einem Interview sagte, es werde schwer für den Lothar, in die Bundesliga zurückzukehren, wenn er weiter sein Privatleben so öffne. Er sei jetzt ein Trainer, ein Vorbild. Seitdem fehlen Ruiner manchmal die schönen Geschichten und Matthäus fehlt der Rat eines Profis. Wenn man Ruiner fragt, was er von der Idee halte, dass sich Matthäus ausgerechnet über Vox bei den Deutschen rehabilitieren möchte, sagt er: "Also i hätt's auf kan Fall gmocht." Es sei wohl der Versuch, mit Gewalt die Öffentlichkeit in seinem Leben zu halten, nach dem Motto: "Hallo, i bin no do."
Es gibt kaum einen Ort, an dem Lothar Matthäus keine Kamera zulassen würde, und er kommt viel rum. Am Nachmittag des deutschen Pokalfinales ist er im Hotel de Rome in Berlin. Alles ist etwas groß hier, die schwarzen Samtsofas, die Marmorsäulen, das Restaurant, in dem es meistens mehr Kellner als Gäste gibt.
Matthäus trägt einen Dreitagebart. Außerdem hat er das polnische Unterwäsche-Model mitgebracht. Es trägt heute Turnschuhe, ist aber immer noch größer als er.
Joanna bestellt eine Dose Red Bull, weil sie Energie braucht. "Energy", sagt sie. Auf die Frage, wo sie Englisch gelernt habe, schiebt Matthäus das Kinn vor und sagt: "Von mir. I taught her the language."
Bis Ende Juli sei er ausgebucht, sagt Matthäus, immer eingeladen in Hotels wie dem De Rome, Business-Class-Flüge oder Privatjet, Fahrer an den meisten Orten. Morgen gehe es für eine Woche nach Dubai, später nach London zu den Olympischen Spielen, wo der Präsident des Weltjudo-Verbandes, ein guter Freund aus Ungarn, alles bezahle. "Judo ist der drittgrößte Sport weltweit", sagt Matthäus. "Ich mach denen einen Gefallen, und dadurch wird der Judo aufgewertet."
Joanna sticht in ihr Thunfisch-Steak, Matthäus isst ein Meeresfrüchte-Risotto und bestellt danach Spargel mit Erdbeeren. Seine Freundin rundet die Lippen, die wie Schläuche in ihrem Gesicht liegen. "Sweet and Salt", sagt sie. "I don't like." Sie sei ein traditionelles Mädchen.
Sie haben sich über einen Münchner Schönheitschirurgen kennengelernt. Joanna interessierte sich nicht für Fußball, hatte immer weggeschaltet, wenn der Ball im Fernsehen auftauchte. "She was more focused for Leonardo DiCaprio", sagt Matthäus und erklärt dann, dass sich die Gewichte verschoben haben in den letzten Jahren. "Beckham, Ronaldo, Messi, a football player is now bigger than a movie star."
Joanna blickt Matthäus lange an und sagt dann: "He is like hero now."
Beim Wort "hero" durchzuckt es ihn, und Lothar Matthäus braucht nicht lange, um gedanklich wieder in Italien zu sein. Es gibt viele Geschichten aus Italien, die Joanna noch nicht kennt, und Matthäus erzählt sie ihr gern.
Er sei damals mit einem brandneuen Mercedes 500 Cabrio aufs Trainingsgelände von Inter Mailand gefahren. Die Sonne schien, er trug eine Baseballmütze und eine Sonnenbrille, und die Leute hätten applaudiert. Als er nach dem Training wieder fuhr, standen immer noch Leute da und klatschten.
Matthäus fragte: "Warum applaudiert ihr? Wir haben doch gar nicht so gut gespielt am Wochenende."
"Per la macchina - wegen des Autos", antworteten die Leute.
"Ja, seid ihr denn nicht eifersüchtig, weil ich fahr den, und ihr habt den nicht?"
"Nein, wir sind stolz, weil unser Spieler ihn fährt und nicht einer vom AC Mailand."
Matthäus beugt sich nach vorn. Das sei es doch, was in Deutschland falsch laufe und im Süden richtig.
Damals, so erzählt er weiter, gab es bei Inter einen Deutschen, der immer mit einem dunkelblauen VW Käfer zum Training kam und den Porsche hinten in der Garage versteckte. "Klinsmann", sagt Matthäus. "Klinsmann, Jeans, Sneakers, he didn't have some brands." Alter Käfer, keine großen Label-Aufschriften auf der Kleidung. Joanna dreht den Kopf zum Ausgang. Sie möchte jetzt gehen.
Dabei gäbe es noch viel zu erzählen über Klinsmann und die anderen von früher. Gut, Klinsmann hat es zum deutschen Nationaltrainer gebracht. Rudi Völler ist Sportdirektor bei Bayer Leverkusen. Aber die anderen? Wursteln rum. Pierre Littbarski zum Beispiel verdingte sich als Trainer in Schwellenländern des Fußballs wie Iran, Australien, Liechtenstein, bevor er in Wolfsburg unterkam. Jürgen Kohler coachte den Drittligisten VfR Aalen, bis ihn Herzbeschwerden zum Aufhören zwangen.
Und Lothar Matthäus ist auf dem Sprung. Er hat einen Berater engagiert, der auf den Namen Wim Vogel hört. Vogel trägt das Haar lang und hat neben Matthäus noch 40 andere Klienten, auch solche aus der Neunziger-Mannschaft, die es schwer haben. Thomas Häßler etwa, der mal Techniktrainer beim 1. FC Köln war, oder Andreas Brehme, der vor sechs Jahren als Co-Trainer beim VfB Stuttgart entlassen wurde und seitdem meistens Golf spielt.
Wim Vogel sagt, wenn er Matthäus nicht mit Terminen "zuballere", werde der unruhig. Wahrscheinlich ist es besser für Lothar Matthäus, wenn er sich bei der Wohnungssuche für seine Tochter von Vox filmen lässt, als wenn er gar nichts macht.
So steht er in den 48 Quadratmetern im Parkside Leopold, redet von Freiheit und Weite und fragt plötzlich nach einem großen Penthouse. Nicht für seine Tochter, er interessiere sich selbst dafür, sagt er. Er wohne gern in Penthäusern, in Budapest habe er drei Stockwerke und einen Fahrstuhl, in den niemand zusteigen könne, wenn er darin unterwegs sei.
"Gibt es so einen Fahrstuhl auch hier?", fragt Matthäus. Er wolle nichts kaufen, nur mal gucken. Der Makler und seine Assistentin führen ihn hinauf. Vier Zimmer, 3200 Euro, am Horizont sieht man einen Zipfel des Münchner Olympiadaches. Aber Matthäus sieht nur ein Waschbecken im Badezimmer. "Ein Waschbecken", ruft er. "Nur ein Waschbecken. Soll man sich da morgens anstellen wie im Supermarkt?"
"Sie haben vollkommen recht", sagt der Makler. "Wir würden Ihnen natürlich sofort ein zweites Waschbecken einbauen."
Matthäus zieht die Schultern hoch. "Eine Baustelle", sagt er. Lothar Matthäus möchte nicht auf einer Baustelle leben.◆
(*) Am 8. Juli 1990 in Rom mit den Mannschaftskameraden Andreas Brehme und Pierre Littbarski.
Von Thomas Hüetlin

DER SPIEGEL 25/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2012
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

IDOLE:
Der Lothar ist der Lothar

  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Johnson bei Macron: Einfach mal die Füße hochlegen?